Quelle: BRNeuschwanstein als Freizeitpark?
Neuschwanstein - der Name hat noch immer Klang: Traumschloss, der Welt entrücktes Paradies, Refugium eines Märchenkönigs. Doch Neuschwanstein ist nicht nur ein Ausflug in die Fantasiewelt Ludwigs, sondern auch in die Abgründe des Massentourismus. Der Wittelsbacher Ausgleichsfonds will nun die Umgebung des Schlosses "niveauvoll" umgestalten - in eine Wittelsbacher-Erlebniswelt.
Neuschwanstein ist längst nicht nur ein Ausflug in die Fantasiewelt Ludwigs, sondern auch in die Abgründe des Massentourismus. Fast zwei Millionen Besucher fallen in dem kleinen schwäbischen Ort Hohenschwangau im Jahr ein. Mit ihnen kommen Abgase, Lärm, Kini-Kitsch wohin man schaut. Beim Wittelsbacher Ausgleichsfonds, dem zwar nicht Neuschwanstein, aber immerhin Ludwigs Kinderstube Schloss Hohenschwangau und fast der ganze Ort gehören, findet man diese Situation unerträglich. Hier muss sich was ändern, findet Peter Scherkamp vom Wittelsbacher Ausgleichsfonds: "Etwas Königliches kann man im Ort schwerlich finden. Und das ist die Erwartung, mit der der Tourist kommt. Und er möchte auch mehr wissen. Der Tourist heute ist nur zum Teil ein Billigtourist. Es kommen Menschen, die wollen über Kultur etwas erfahren. Die wollen geschichtliche Zusammenhänge erkennen. Und dafür gibt es fast keine Angebote bis auf die Führung im Schloss selbst."
Deshalb plant der Wittelsbacher Ausgleichsfonds in Hohenschwangau gleich eine ganze Museumsmeile: Ausstellungen über königliche Dienstboten, königliche Zierpflanzen, königliche Pferde. Ein Museum zur tausendjährigen Geschichte der Wittelsbacher kommt in das denkmalgeschützte Hotel "Alpenrose", das seit Jahren leer steht. Da soll mehr über eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter vermittelt werden, als der immer gleiche Kitsch vom unglücklichen Märchenkönig. Aber die Pläne gehen noch viel weiter: Radikale Verkehrsberuhigung! Autos und Busse werden am Ortsrand in Parkgaragen abgefangen. Und unter einer Kreuzung, wo heute hilflose Touristen auf der Suche nach den Schlössern umherirren, soll ein "Welcome Center" entstehen - nach Vorbild des Louvre - nur etwas bescheidener. Dort gibt's dann unterirdisch Eintrittskarten, Toiletten und Gastronomie. Die Wirte vor Ort sind entsetzt. Sie fürchten, dass dann die Besucher nicht mehr in die zahlreichen Restaurants gehen, die an der Straße hinauf zu den Schlössern liegen.
Aber, wer will schon in einem unterirdischen Restaurant speisen, wenn man an der Oberfläche mit Aussicht auf Schloss Neuschwanstein Brotzeit machen kann? Andere Ängste der Einheimischen sind da eher nachzuvollziehen: Wird der Verkehr aus dem Ort verbannt, wäre der Parkplatz am Alpsee überflüssig. Den möchte der Wittelsbacher Ausgleichsfonds mit einem "Alpseeforum" bebauen: Veranstaltungszentrum plus Freilichtbühne, an die zweitausendfünfhundert Plätze und einer Panorama-Seilbahn, die um die beiden Wittelsbacher-Schlösser herumführt. Jeden Abend soll was los sein im "Alpseeforum". Das wollten andere in dieser Gegend auch schon und gingen mit ihrem Ludwig-Musical gleich mehrmals pleite. Vielleicht sollte man erst mal dieses Problem lösen, bevor man neue Theater für noch mehr Spektakel baut.
Und bei Spiegel Online:
Quelle: Spiegel OnlineDenkmalrat kritisiert "totale Vermarktung" des Schlosses
Eine U-Bahn zwischen den Schlössern, ein "Welcome Center" mit Parkhäusern - die Pläne des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, bayerische Märchenschlösser in Event-Arenen zu verwandeln, stoßen auf herbe Kritik. Die Baupläne könnten auch eine Bewerbung zum Unesco-Welterbe gefährden.[/i]
Füssen - Vom Märchenschloss zum Disneyland: Vor einer "totalen Vermarktung der Kulturlandschaft" um die bayerischen Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau hat der internationale Denkmalrat (ICOMOS) gewarnt. Das Gremium kritisierte heute Pläne des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, die historischen Bauten zu Kulissen einer riesigen Event-Arena zu machen - mit unterirdischer "Schlösser-Shuttle"-Bahn und großem "Welcome Center".
Ein solcher "unerträglicher Eingriff" würde die von einem künftigen Weltkulturerbe geforderte Authentizität und Integrität in Frage stellen, hieß es. ICOMOS-Präsident Michael Petzet sprach in einem Schreiben an den Ausgleichsfonds von einem "Attentat auf den Geist des von König Ludwig II. geschaffenen Kosmos".
Wenn die Pläne des Ausgleichsfonds in die Tat umgesetzt würden, hat Neuschwanstein laut Denkmalrat kaum Chancen, in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen zu werden. Die Kabinenbahn "Schlösser-Shuttle" soll eine stündliche Kapazität von 1500 Personen haben und Neuschwanstein mit Hohenschwangau verbinden und auch am Alpsee entlangführen.
Auch der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser (CSU) kritisierte als oberster Schlossherr in Bayern die Pläne des Wittelsbacher Fonds. Eine Genehmigung für die geplante Bahn zu den Schlössern und andere Erlebnisbauten werde es nicht geben.