Quelle: sueddeutsche.deAnspruchsvolle Bergtour
Das ist doch der Gipfel
Der Großglockner ist ein Vorzeigeberg mit kühner Form, abweisenden Wänden und Eisflanken sowie riesigen Gletschern - ein Traum für Bergsteiger. Wäre da nicht die furchterregende Glocknerscharte.
Von Stefan Herbke
Bergsteiger sind etwas Besonderes, zumindest schätzen sich viele von Ihnen so ein. Doch manchmal ist ihr Verhalten allzu vorhersehbar. Denn wie im Alltag ist der Name und das Image des Produktes (ergo des Berges) vielen wichtiger als der Inhalt.
Und so muss es dann doch wieder ein BMW statt eines Opels sein, eine Hose von Levis statt einer No-Name-Jeans, und bei den Gipfelzielen ein Großglockner statt einer Hohen Dock. Denn abends auf der Hütte, wenn Bergsteiger in den rauchgeschwängerten Hüttenstuben ihre tollkühnen Tourenerlebnisse auspacken, zählen vor allem namhafte Gipfel.
Das Interesse am eleganten Großglockner ist natürlich legitim und leicht nachvollziehbar. Der höchste Gipfel Österreichs, am 28. Juli 1800 erstmals bestiegen, ist ein Vorzeigeberg mit kühner Form, abweisenden Wänden und Eisflanken, riesigen Gletschern, und der furchterregenden Glocknerscharte.
Der schmale und ausgesetzte Übergang vom Klein- zum Großglockner hat schon für viele wackelige Knie gesorgt und liefert genug Stoff für abendliche Hüttengespräche unter Seinesgleichen. Wie auf einem Drahtseil balancieren die Bergsteiger über den schmalen Sims, und nur Mutige riskieren einen Blick in die jähen Abgründe links und rechts davon.
Doch wer auf den Großglockner will, muss hier rüber, und das sind an schönen Tourentagen nicht wenige.
Entsprechend staut es sich an dieser Engstelle: Die einen zögern, die anderen werden ungeduldig und überholen, und vom Gipfel drängen die ersten schon wieder zurück. Die Seile verlaufen kreuz und quer, doch der Seilsalat hat sich noch immer aufgelöst.
Bis zur wunderbar gelegenen Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe, einer Panoramakanzel dicht unter dem Gipfelaufbau, gibt es mehrere abwechslungsreiche Anstiegsmöglichkeiten.
Am kürzesten, aber je nach Zerschrundung des Gletschers auch am gefährlichsten, ist die Route vom Franz-Josefs-Haus über Pasterze und das Hofmannskees. Daher bevorzugen viele lieber den Anstieg von Süden, von Kals, über die Stüdlhütte und das eher harmlose Ködnitzkees.
Oder sie wählen den Weg der Erstersteiger von Heiligenblut durch das Leitertal über die Salmhütte, der längste, aber auch einfachste Zustieg: Bis auf die 3454 Meter hohe Adlersruhe gibt es nur einige Schneefelder zu queren, aber keinen Gletscher.
Der Gipfel ist hier bereits in Reichweite, doch die Schwierigkeiten kommen erst noch. Der steile Firnrücken des Glocknerleitls ist zwar bei griffigem Schnee kein Problem, bei Blankeis dagegen nicht zu unterschätzen: Ein Ausrutscher kann böse Folgen haben.
Kopfzerbrechen bereiten manchen auch die plattigen Felsstufen hinauf zum Kleinglockner, vor allem bei Neuschnee oder Vereisung. Oben, auf dem meist mit einer fotogenen Wechte verzierten Grat des Kleinglockners hat man es fast geschafft, nur das Nadelöhr der Glocknerscharte trennt den Bergsteiger noch vom felsigen Schlussanstieg.
Doch so abschreckend diese Meter auch aussehen, im Detail lösen sich die Schwierigkeiten auf und letztlich stehen dann doch alle oben am Gipfelkreuz. Die Aussicht ist natürlich grenzenlos, doch schade nur, das man das eigentliche Schaustück der Glocknergruppe, den eleganten und kühnen Großglockner, nicht sieht…
Da muss man schon auf einen der zahlreichen Aussichtsgipfel im Umkreis ausweichen. Doch sie haben alle einen"Nachteil": Trotz ihrer Höhe – viele sind immerhin stolze Dreitausender – stehen sie auf der Gipfelwunschliste ganz weit unten, die Namen kennen einfach zu wenig.
Doch wer statt auf den Namen auf den "Inhalt" schaut, wird entzückt sein: Die Berge bieten alle eine phantastische Sicht auf den Großglockner. Und während dort bereits der erste Stau in der Glocknerscharte entsteht, genießt man auf den Nachbargipfeln einsame Bergstunden.
Etwa auf dem Bösen Weibl in der Schobergruppe, einem leichten Wanderdreitausender, von dem man die gesamte Südseite der Glocknergruppe überblicken kann. Oder auf der Hohen Dock. Ein immerhin 3348 Meter hoher Paradeaussichtsgipfel zwischen Großglockner und Wiesbachhorn, der von der Schwarzenberghütte über den teils gesicherten Südostgrat für geübte Geher leicht zu besteigen ist.
Als Lohn wartet ein phantastischer Blick auf die "Schokoladenseite" des Großglockners mit der Pallavicinirinne. Die Sache hat nur einen Haken:
Die Tour auf die Hohe Dock liefert wenig Material für triumphale Anekdoten.
Wissenswertes
Großglockner (3798 m)
Ausgangspunkt: Kals (1325 m)
Stützpunkte: Stüdlhütte (2801 m), 2.30 Std. ab Lucknerhaus (1984 m, Zufahrt von Kals, Maut); Adlersruhe (3454 m)
Zeit: Stüdlhütte – Großglockner 4 Std.
Anforderung: Anspruchsvolle Hochtour (Achtung auf Spalten am Gletscher!), ab der Adlersruhe im Firn bis 35 Grad, am Gipfelaufbau leichte Kletterei (II), ausgesetzt.
Hohe Dock (3348 m)
Ausgangspunkt: Ferleiten (1152 m), Mautstelle an der Nordrampe der Glocknerstraße
Stützpunkt: Schwarzenberghütte (2267 m), 3.30 Std. von Ferleiten
Zeit: Schwarzenberghütte – Hohe Dock 2 Std.
Anforderung: Am Grat leichte Felsstufen (I, teilweise gesichert).
Böses Weibl (3121 m)
Ausgangspunkt: Lucknerhaus (1984 m), Mautstraße von Kals
Zeit: Lucknerhaus – Böses Weibl 4 Std.
Anforderungen: Leichte Bergtour ohne Schwierigkeiten.
Großglockner: Das ist doch der Gipfel
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Großglockner: Das ist doch der Gipfel
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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