10. Oktober 2007, 20:18 – Von René Lenzin Tages Anzeiger
Bergbahnen suchen Retter im Ausland
Hoher Investitionsbedarf, wenig Schnee, wenig Kunden – vor diesem Problem stehen viele Wintersportorte. Besonders schlecht geht es derzeit den Tessiner Bergbahnen.
Gleich drei Tessiner Bergbahnunternehmen haben in den vergangenen Wochen ihre Bilanzen deponiert: Bosco Gurin, Carì und Campo Blenio. Die Wintersaison 2007/2008 schien in der Südschweiz zu Ende zu sein, noch bevor sie überhaupt angefangen hat.
Doch nun kommt die rettende Hand des Kantons. Die Regierung legt dem Parlament einen dringlichen Überbrückungskredit von 800’000 Franken vor, damit Bosco Gurin und Carì den Winterbetrieb trotzdem aufnehmen können. Wie Campo Blenio hatten die beiden Skiorte einen Aufschub des Konkursverfahrens beantragt, um einen Sanierungsplan vorzulegen.
Die Bahnen sollten also bald wieder bergwärts fahren können. Falls der Schnee kommt. Denn die staatliche Hilfe fliesst nur weiter, wenn die Schneeverhältnisse die Betriebsaufnahme bis Ende Jahr erlauben. Und genau hier liegt ein Hauptproblem der Tessiner Skigebiete. Die milden Winter machen ihnen das Leben äusserst schwer. Campo Blenio hat in der Saison 06/07 über die Hälfte weniger Abos verkauft als im Vorjahr. Das ergab Mindereinnahmen von 225’000 Franken.
Allein nicht überlebensfähig
In Nara ist der Umsatz um 30 Prozent zurückgegangen, schätzt Fabio Grossi, im Skigebiet für Finanzen und Marketing zuständig. Das Defizit dürfte sich auf 50’000 Franken belaufen. Und das bei einem Aktienkapital von 300’000 Franken, welches die 600 Amici del Nara nach dem Konkurs der Anlagen vor drei Jahren zusammengetragen haben. Dank Abschreibern des Kantons und der Standortgemeinde Acquarossa ist die Bergbahn zwar heute schuldenfrei. «Aber allein werden wir nicht überleben können», sagt Grossi. Seit letztem Jahr arbeitet Nara mit Disentis zusammen. Hat es im Süden keinen Schnee, gelten die Skipässe auch auf der andern Seite des Lukmanierpasses. Doch das macht Nara noch nicht attraktivEin kleiner Sawiris für Ernen im Goms
Das Walliser Skigebiet Erner Galen ist gerettet. Der britische Unternehmer Bruno Prior zahlt einen Franken für die maroden Bahnen – und hat grosse Pläne.
Andermatt hat den Ägypter Samih Sawiris, Ernen den Briten Bruno Prior. Sawiris hat im Urserntal Gigantisches vor, Prior im Goms Grosses. Beide wollen verschlafene Alpendörfern touristisch aufwecken setzen. Sawiris mit seinen Milliarden, Prior mit seinen Millionen.
Ihren Anfang nahm die Geschichte im März. Heinz Seiler, Präsident der Sportbahnen Erner Galen, schaltet ein Inserat: «Wir verschenken ein Stück Wallis». Ein ganzes Skigebiet sei zu haben, samt Bahnen, Pistenfahrzeugen, Bergbeiz und Schneekanone. Einzige Bedingung: Der Beschenkte muss die Sportbahn-AG samt ihren 12 Angestellten weiter führen.
Das Echo war riesig; Ernen und sein Geschenk waren nicht nur in der Schweiz ein Thema, ausländische Zeitung berichteten ebenfalls prominent über Seilers Idee – auch die britische «Times».
Und jetzt kommt «Times»-Leser Prior ins Spiel. Wenige Wochen zuvor hatte der Unternehmer einen Teil seiner Firmen verkauft, die er nach Grossvater und Vater Prior in Maidenhead gut vierzig Kilometer westlich von London aufgebaut und vergrössert hatte. Das Geschäft der Priors startete mit einer Kiesgrube, später kamen Steinbrüche, Müllhalden, Kompost- und Biogasanlagen hinzu – Summerleaze, so der Firmenname, entwickelte sich zu einem Lokalimperium in Maidenhead, wo auch Erfolgsautor Nick Hornby herkommt. Die Priors engagieren sich bei den Rotariern, sind Sponsoren des lokalen Rugbyclubs und treiben in der Kleinstadt gleich neben Windsor ein Ortsverschönerungsprojekt voran.
Und seit dem Verkauf von Firmenteilen hat der jüngste Spross der Familie Geld zur Verfügung, das angelegt sein will – «rund 80 Millionen Pfund», wie er im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» sagt, also fast 200 Millionen Franken. Das reicht zwar nicht für ein Megaprojekt im Stil Sawiris, um die Bahnen am Erner Galen in Schuss zu bringen aber locker.
Vorerst bleibt Priors Engagement im Goms bescheiden. Die Sportbahnen hat er für einen Franken bekommen. Zudem finanziert er die kommende Wintersaison im schneeverwöhnten Carver-Geheimtipp zwischen 1200 und 2300 Metern über Meer – macht rund 500’000 Franken. Dann wird richtig Geld fällig: Die Liftanlagen müssen für rund 1,5 Millionen erneuert werden. Diese absehbare, für die Bahngesellschaft aber zu grosse Investition, war der Grund, warum Seiler überhaupt nach Investoren gesucht hatte.
An sich möchte Prior mehr als 2 Millionen Franken in die Hänge vis-à-vis von Fiesch, Eggishorn und Aletschgletscher stecken – vielleicht in einen verlängerten Lift, sicher in ein anständiges Hotel. Doch ob und wie viel, entscheidet er erst nächsten Sommer. Prior: «Wir schauen jetzt, was wir machen könnten und ob wir die Bewilligungen dafür kriegen. Dann sehen wir weiter und stellen uns die Frage: Wird sich das rechnen?»
Wie Sawiris, ist auch Prior nicht in erster Linie ein Liebhaber der Schweizer Berge, sondern Geschäftsmann. Geht seine Rechnung nicht auf, hat der Erner Galen nur eine einzige Saison gewonnen.
Seilschaft mit Fremden
kommentar von Roland Schlumpf, Bern.
Ausländer und «fremde» Inländer investieren in die touristische Infrastruktur in den Alpen – in Andermatt, am Pizol oder jetzt gerade am Erner Galen im Wallis. Es sind wohlhabende Unternehmer, die sich das Risiko leisten können. Sie stecken Geld in Projekte und Anlagen, für die den Einheimischen die Zuversicht oder die finanziellen Mittel fehlen – häufig gar beides. Für solche Bergbahnen gilt das gleiche wie für manche Hotels: Sie haben schon verschiedene Sanierungen hinter sich, ihre Erträge sind keine Garantie zum Überleben.
Dennoch sind die fremden Investoren nicht a priori leichtfertige Geschäftsleute. Sie haben gute Chancen zu schaffen, was Einheimischen nicht gelingt. Gerade weil sie fremd sind. Die Einheimischen haben keine andere Wahl, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen, weil sie wirtschaftliche Perspektiven verkörpern – vielleicht die letzten. Festgefahrene Geleise müssen dabei verlassen, Animositäten und Vorurteile überwunden, Missgunst und Ranküne, wie sie so nur in Bergtälern gedeihen, müssen zurückgestellt werden. Sonst hat der Geldgeber aus der Fremde rasch genug.
genug, um schwarze Zahlen zu schreiben.
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