Quelle: SpiegelOnlineNobelsportort in Österreich: Schickeria in Kitz
Sehen und gesehen werden: In Kitzbühel treffen sich Superreiche und Promis aus aller Welt. Die ersten Skiläufer waren die Engländer - zum Erstaunen der Einheimischen. Heute rasen russische Millionäre und junge Skateboarder über die Pisten des Skizirkus.
Kitzbühel - Georg Hechenberger stapft energisch durch den Schnee. "Kitzbühel ist für die Leute vor allem Hahnenkammrennen", brummelt er. "Dann ist hier immer ein Promiauflauf sondergleichen." Prinz Albert wurde hier schon gesehen, Ralf Schumacher, Arnold Schwarzenegger oder Thomas Gottschalk. Das steigert die Bekanntheit des Ortes. Darüber ist der Vorstand der Seilbahn Kitzbühel zwar froh, aber der Ort und seine Umgebung hätten viel mehr zu bieten als das spektakulärste Skirennen der Welt, meint er. Denn Kitzbühel ist schon seit mehr als 100 Jahren ein Winterurlaubsziel. Und die umliegenden Orte haben nachgezogen.
Im 19. Jahrhundert war Kitzbühel Luftkurort und Ziel für Erholungssuchende aus München und Wien, die erste Sommerhäuser bauten. 1875 hielt die Eisenbahn Einzug, kurz darauf wurde eine Moorkuranstalt errichtet. Die ersten Gäste auf Brettern waren wie in anderen Ferienorten der Alpen die Engländer. Damals gab es aber im Ort noch keinen Sinn für Ski-Tourismus. Einheimische lehnten das als Schnapsidee ab. Doch schon kurz darauf verdienten sich erste Kitzbüheler als Skilehrer oder Skiträger ihr Geld.
In Kitzbühel entstand der erste Skizirkus der Welt; eine Runde mit elf Anlaufpunkten. Sie konnte befahren werden, ohne auch nur einmal die Ski abschnallen oder wieder zu Fuß aufsteigen zu müssen. Der Kitzbüheler Maler widmete dem Rundgang ein Gemälde, das bis heute im Hahnenkamm-Museum hoch oben auf dem Berg zu bewundern ist. Die Abfahrten, die Jausenstationen und Hotels wurden damals schon nummeriert eingezeichnet. Heute verfügt alleine das Kitzbüheler Skigebiet über 170 Kilometer Piste, zu denen 54 Seilbahnen und Lifte führen.
Der Skigroßraum Kitzbüheler Alpen hat insgesamt fast 700 Pistenkilometer und 250 Seilbahnen und Lifte, verteilt auf die Regionen Kitzbühel, Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental, Schneewinkel, Alpbachtal und Wildschönau.
Wintersportgebiet für jedermann - vom Anfänger bis zum Experten
Der "Ur-Skiberg" von Kitzbühel aber ist nicht der berühmte Hahnenkamm, sondern das knapp 2000 Meter hohe Kitzbüheler Horn. Auf dessen Hängen finden Fahrer jeden Könnens eine Abfahrt - vom erfahrenen Skiexperten bis hin zum totalen Anfänger. Auf Snowboardfahrer wartet dort eine spektakuläre Halfpipe. Denn Kitzbühel hat die verschiedenen Wintersportarten gebündelt und eigene Gebiete für bestimmte Sportarten ausgewiesen.
Die Bichlalm ist nun ein reines Tourengebiet ohne einen einzigen Lift. Der Steinbergkogel mit seinen schwarzen Abfahrten ist der Berg für anspruchsvolle Skiläufer. Und der Gaisberg wurde zum Sportberg ausgebaut - mit Rennstrecke, Rodelbahn und einer beleuchteten Nachtpiste.
Skigroßraum Kitzbüheler Alpen: Der Zirkus umfasst insgesamt fast 700 Pistenkilometer und 250 Seilbahnen und Lifte, verteilt auf die Regionen Kitzbühel, Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental, Schneewinkel, Alpbachtal und Wildschönau.
Skigroßraum Kitzbüheler Alpen: Der Zirkus umfasst insgesamt fast 700 Pistenkilometer und 250 Seilbahnen und Lifte, verteilt auf die Regionen Kitzbühel, Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental, Schneewinkel, Alpbachtal und Wildschönau.
Auf der Rückseite des Horns liegt St. Johann, das zur "Ferienregion St. Johann in Tirol" mit Oberndorf, Kirchdorf und Erpfendorf gehört und seit 1948 ein Skigebiet ist. Ingo Karl, Vorsitzender des Fachverbandes Seilbahnen in Österreich, träumt von einer Zusammenlegung mit den Kitzbüheler Pisten. Es ist bereits ein neuer Lift auf der Nordseite des Horns geplant, "der würde eine elf Kilometer lange neue Abfahrt nach St. Johann erschließen." Karl guckt betrübt zum Gipfel hoch. "Aber die Beschneiung hat Vorrang."
Gäste von St. Johann haben aber auch jetzt schon 58 Kilometer Abfahrten, überwiegend an schneesicheren Nordhängen. Und im Ort lässt es sich gut shoppen. Das Herbergsangebot ist eher gutbürgerlich als luxuriös und in 18 Hütten gibt es Hausmannskost auch zu erschwinglichen Preisen.
Noch beschaulicher geht es im Pillerseetal mit den Orten Fieberbrunn, Hochfilzen, St. Jakob, St. Ulrich und Waidring zu. In den Bergen der Gegend wurde früher Eisen geschürft, das für seine Härte berühmt war. Hierher zieht es vor allem Familien, aber auch die junge Snowboardszene. "Hier wird schon seit über zehn Jahren um den Titel 'Lord of the Boards' gekämpft", sagt Martin Kraus, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Pillerseetal. Fieberbrunn setzt zudem stark auf Freeride-Strecken. Deutschen wird der Skilift von Fieberbrunn bekannt vorkommen: Hier wurde die Bahn, die über das Gelände der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover schwebte, wieder aufgebaut. Im nahegelegenen Skigebiet Steinplatte fährt man auf einem versteinerten Korallenriff. Deswegen soll hier auch ein Trias-Park entstehen, für Fans von versteinerten Muscheln und Schnecken.
Aber nicht alle Winterurlauber in der Region schwingen sich auf die Bretter. Kitzbühel und die Orte der Umgebung bieten daher die ganze Bandbreite der Wintersportarten an - vom Eislaufen oder Eisstockschießen und Rodeln bis zum Schneeschuhwandern. Ein besonders hübscher Ausflug ist der etwa halbstündige Marsch auf dem Winterwanderweg zum neuen Igludorf mit Eishotel in der Streiteckmulde in 1676 Metern Höhe. Dort werden auch zwei junge Rentiere als Schlittentiere abgerichtet. In diesem Winter sollen sie einsatzbereit sein.
Kitzbühel ist kein Retortenort
Der wirkliche Reiz von Kitzbühel sind jedoch die gewachsenen Strukturen. Das Städtchen ist kein Ort aus der Retorte, wie viele andere in den Bergen. Seit sechs Jahren konzentriert sich die Gemeinde darauf, die etwas veraltete Infrastruktur zu modernisieren. Alleine die Bergbahn AG Kitzbühel hat innerhalb von sechs Jahren 75 Millionen Euro im Skigebiet investiert - und es geht weiter. So renoviert das Österreichische Verkehrsbüro gerade mit Millionenaufwand das traditionsreiche Hotel Schloss Lebenberg in Kitzbühel, einen spektakulären Steinbau mit Türmchen.
Kitzbühel ist als Zweitwohnsitzhochburg bekannt. Das Skiparadies lockt Menschen aus aller Welt, aber soll besonders viele Russen anziehen. Aber die Fremdenverkehrsämter verweisen auf Übernachtungszahlen im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Die Geschäftsleute sind aber entzückt. Denn russischen Damen sind dafür bekannt, dass sie haufenweise Designer-Klamotten und Pelze aus den Nobelboutiquen mit nach Hause schleppen.
"Hauptsache, sie geben hier ihr Geld aus", findet auch ein Taxifahrer. Viele Gäste aber sind pikiert, weil Russen nicht gerade dezente Reisende sind. Fazit: Sie sind wirklich da, sie sind wirklich reich, sie feiern wirklich laut - aber die meisten fahren nach dem russischen Neujahrsfest Mitte Januar wieder nach Hause. Und dann sind die Kitzbüheler und ihre Gäste aus rund 60 anderen Nationen wieder unter sich und können die weiße Winterpracht allein genießen.
Schnee ist garantiert
Die ist allerdings oft nicht ganz natürlich. Moderne Beschneiungsanlagen, die inzwischen überall am Berg stehen, helfen mit künstlichem Schnee der Natur nach. "Es ist wirklich schwer zu vermitteln, dass hier genug Schnee zum Skilaufen liegt, wenn nur ein paar Zentimeter fallen." Für Abfahrten über grüne Wiesen reiche eine dünne Schneedecke aus, im Gegensatz zu höher gelegenen Skigebieten mit Abfahrten über Geröllfelder. "Bei uns gibt es schon ausgezeichnete Skibedingungen, wenn es ordentlich Raureif hat."
Sogar kleine Temperaturanstiege könnten in Kitzbühel aufgefangen werden. "Durchschnittlich ein bis zwei Grad wärmer haben wir mit der Beschneiung im Griff", sagt Hechenberger. "Wenn es noch wärmer wird, gibt es weltweit andere Probleme als das, ob man in Kitzbühel noch Ski laufen kann." Die Schneesicherheit sei schon in den Anfängen von Kitzbühel als Wintersportort diskutiert worden. Und dennoch stieg der Ort zu einer der weltweit führenden Skiregionen auf.
Von Hilke Segbers, gms
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