Ganz ähnlich, aber anders
Gletscherskigebiete setzen wie die niedriger gelegenen Wettbewerber auf Komfort, Technik und Kooperationen
Zu einem Projekt oder einem Unternehmen gibt es auch immer einen Kopf, und deshalb ist es gut, dass der Gletscherwilli mitgekommen ist. Er verkörpert das Tiroler Gletscherskigeschäft ungefähr so wie Josef Ackermann das deutsche Bankenwesen oder Franz Beckenbauer den deutschen Fußball. Und auch wenn ihn seine Visitenkarte als Prokurist der Pitztaler Gletscherbahnen mit den Zuständigkeitsbereichen Marketing, Medien und Verkauf ausweist, so ist er doch viel mehr: Er ist das Gesicht zum Skigebiet am Pitztaler Gletscher.
Seit der Inbetriebnahme des Skigebiets 1983 hat er das zwischen 1600 und 3440 Meter liegende Areal mitgeprägt und umgeformt, sein Haar hat in diesen Jahren die Farbe des Gletschers angenommen, und der aus Norddeutschland stammende Schlaks den Spitznamen Gletscherwilli. Dass er nun statt die Pisten zu befahren im Bergrestaurant ein Cigarillo nach dem anderen raucht, während draußen ein heftiger Schneesturm tobt, passt ihm gar nicht ins Konzept. Nicht nur, weil das Tief die Skifahrer fernhält und somit ein sonst höchst profitables Wochenende aus der Jahresbilanz weht, sondern zudem halb Österreich mitten im November mit Schnee versorgt. Natürlich gönne Krüger jedem Konkurrenten einen frühen Saisonstart, aber „im November sind wir normal Alleinanbieter. So steigt nun die Zahl der Mitbewerber.” Schließlich funktioniert ein Gletscherskigebiet wie das Pitztaler nach den gleichen Marktgesetzen wie die tiefer gelegenen Konkurrenten – und funktioniert zum Teil doch ganz anders.
Die höchste Nachfrage herrscht üblicherweise, wenn andere Regionen in der Novembertristesse versinken oder ihre Wintersaison gerade beenden. Da per Gesetz keine neuen Gletscherskigebiete mehr ausgewiesen werden, ist dies in vielen Jahren ein Alleinstellungsmerkmal, doch das hat seinen Preis. Als zuletzt 17,5 Millionen Euro in zwei neue Bahnen investiert wurden, waren wegen der exponierten Lage davon allein 1,5 Millionen für die 4500 Hubschraubertransporte der 3900 Tonnen Material notwendig. Auch schmilzt der Vorteil durch die stetig steigenden Temperaturen im Wortsinne so stark dahin wie noch nie, weshalb das Eis in den Sommermonaten inzwischen als kostbarstes Gut behandelt wird. Seit 2004 schützt ein gewaltiger Vliesmantel den Pitztaler Gletscher auf einer sechs Hektar großen Fläche. Laut Krüger erhalte man damit bis zu zwei Meter gegenüber nicht abgedeckten Flächen.
Erschwerend kommt hinzu, dass Gletscher keine starre Masse sind, sondern ständiger Bewegung unterworfen. Die Pfeiler von Sesselbahnen und Gondelbahnen müssen in den raren Felseninseln verankert werden. Ein Pfeiler der neuen Mittelbergbahn ragt als turmhoher Zeuge des Fortschritts 60 Meter in die Höhe. Nur die Stützen der eher unbequemen, aber hier noch häufigen Schlepplifte können im wandernden Untergrund angebracht werden. Dabei kommt den Betreibern entgegen, dass sich die Fließgeschwindigkeit des Eises seit den 1980ern auf heute sechs Meter pro Jahr halbiert habe. „Früher mussten wir die im Eis angebrachten Stützpfeiler der Schlepplifte zwei bis drei Mal pro Jahr verpflanzen, heute kommen wir mit einem Mal aus”, stellt Krüger fest.
Da sich der Tourismus allerdings noch stärker als anderswo aufs Skifahren konzentriert, wird trotz des bevorzugten Standorts mit dem gleichen, schablonenartig angewandten Maßnahmenkatalog wie in vielen niedriger gelegenen Skigebiete reagiert.
Maßnahme 1: Investition in einen so genannten „Komfortsprung” (Krüger), der sich wie vierlorts im Ersetzen veralterer Liftanlagen äußert. Den Pitztalern war das im vergangenen Jahr die bereits erwähnten 17,5 Millionen Euro wert.
Maßnahme 2: Schneesicherheit durch Technik. Um vor allem in der profitablen Vor- und Nachsaison den Betrieb zu sichern, soll von Herbst 2008 an die Produktion von Schnee auch bei Plusgraden auf fast 3000 Metern möglich sein. Der dafür zu installierende Schneeerzeuger basiert auf einer Technologie, die auch zur Kühlung von Goldminen in Südafrika und in Meerwasserentsalzungsanlagen verwendet wird und verbrauche etwa die Energie eines Einfamilienhauses, so Krüger. Allerdings ist der Transport des Schnees zu den Pisten nicht eingerechnet. Das benachbarte Sölden installierte erst im Sommer 16 neue Schneekanonen auf dem Gletscher.
Maßnahme 3: Erweiterung der Angebotspalette. Funpark und Halfpipe sind längst etabliert, für Ende November ist eine neue Höhenloipe geplant. In 2900 Metern Höhe ist die Kapelle des weißen Lichts als Andachtsort wie Attraktion errichtet worden. „Wir hoffen, dass dieser Ort auch für extravagante Hochzeiten genutzt wird”, sagt Krüger. Bei der Wahl der Mittel scheinen die Veratnwortlichen nicht sonderlich zimperlich zu sein. Im vergangenen Jahr berichtete der Deutsche Alpenverein jedenfalls von illegalen Bautätigkeiten am Pitztaler Gletscher, um eine als Sicherheitsweg getarnte Talabfahrt zu errichten.
Maßnahme 4: Kooperationen mit anderen Partnern. Seit dieser Saison bieten die fünf Tiroler Gletscher einen neuen Skipass namens „White 5” an, der zehn Tage lang das Befahren aller fünf Gletscher berechtigt. Revolutionär ist die Idee nicht. Die fünf Skigebiete Brauneck, Wallberg, Spitzingsee, Sudelfeld und Zahmer Kaiser paktieren beispielsweise seit dem vergangenen Jahr als Skipassverbund „Alpenplus”.
Maßnahme 5 ist derzeit noch in der Planung und betrifft die tatsächliche Fusion mit einem anderen Skigebiet. Geplant ist ein Zusammenschluss des Pitzaler mit dem benachbarten Söldener Gletscherskigebiet, was allerdings auf Gegenwehr bei Umweltschützern stößt. Schließlich würde durch den Übergang ein völlig neues Gebiet erschlossen. „Die haben ihren Spezialfokus schon auf die Gletscher gelegt”, sagt Krüger über die Widerständler. Es klingt abschätzig.
Die meisten Ziele habe man am Pitztaler Gletscher ohnehin realisiert, wenn auch oftmals mit Verzögerung. Von seinem Posten will der Gletscherwilli erst zurücktreten, wenn die Verbindung nach Sölden steht, was einige als Versprechen, andere als Drohung auffassen dürften. Das Novemberwetter werden aber wohl auch seine Nachfolger nicht in den Griff bekommen. DOMINIK PRANTL
Schnee bei Plusgraden - mit einer Technik, die auch Afrikas Goldminen kühlt
Informationen
Skipassverbund: Der Skipass White 5 für 290 Euro berechtigt 10 Tag lang das Befahren aller fünf Tiroler Gletscher und ist an allen fünf Tiroler Gletscherbahnen erhältlich, www.gletscher.tirol.at
Die einfach zu installierenden Schlepplifte prägen noch immer das Bild der meisten Gletscherskigebiete. Foto: Engelhardt/dpa
Gletscherskigebiete setzen auf Komfort, Technik, Kooperation
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Emilius3557
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