Ich muss zugeben, dass sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen hielt. Mein Vater hatte mich nämlich zu meinem 40. Geburtstag zu einem kleinen Skiausflug eingeladen. Auf die Auswahl des Zieles hatte ich keinen Einfluss und natürlich wählte er Gastein, wo er selbst seit Jahren regelmäßig hinfährt. Nun, Gastein wäre nicht mein persönlicher Favorit gewesen, aber bei Geschenken darf man schließlich nicht wählerisch sein. Dabei war ich in meiner Kindheit in den 1970er und ganz frühen 1980er Jahren öfters dort und war damals meist begeistert.
Im Vorfeld unseres Ausflugs kramte ich also in alten Erinnerungen. Drei Tage auf Pisten herumzukurven kam auf alle Fälle nicht in Frage. Aber was hat denn Gastein schon für Freerider zu bieten, fragte ich mich skeptisch. O.k., Sportgastein könnte bei entsprechenden Bedingungen ein Höhepunkt sein, aber was ist mit den Tagen auf der Schlossalm und am Stubnerkogel. „Irgendwas findet sich immer“, versuchte mich meine optimistische Seite zu beruhigen.
Bereits die Ankunft am Freitag (14. 12.) brachte den ersten Dämpfer. Kaum Neuschnee unten im Gasteinertal, lediglich 2 cm sorgten für etwas kosmetischen Wintereindruck. Allerdings beruhigte mich der Blick nach oben, denn die Wälder schienen ab ca. 1100-1200m doch mit einem dickeren Winterkleid verziert zu sein.
Am späten Vormittag ging es dann gleich hoch zur Schlossalm. Die Wolken hatten sich mittlerweile mehr und mehr verzogen und etwas Sonne versprach gute Verhältnisse für eine Erkundung der Situation. Tatsächlich ließ der Ersteindruck Hoffnung aufkommen. „Ob vielleicht doch mehr drin ist, als ursprünglich befürchtet.“, dachte ich mir nach den ersten Schwüngen im Pulverschnee, gleich direkt neben den Pisten in der weiten Schneeschüssel der Schlossalm.
Im lichten Wald bei der Sendleitenbahn – Tiefblick ins Gasteinertal
Spätestens nach der ersten Abfahrt über die Traumhänge unterhalb der Hofgasteiner Hütte hatten sich alle meine Befürchtungen verflüchtigt. Begeisterung hatte die Skepsis verdrängt.
Im Südhang unterhalb der Hofgasteiner Hütte
Höhepunkt des Tages war aber die Rückseite der Hohe Scharte. Dort befindet sich eine riesige Schneeschüssel, die gänzlich ohne Hiken direkt von Sessellift-Bergstation erreicht werden kann. Die Piste biegt gnädigerweise gleich oben rechts ab und lässt die schöneren Hänge bei Seite ... Diese Hänge hab ich schon mit 11-12 Jahren sehnsüchtig angestarrt. Nun - fast 30 Jahre später - hatte ich endlich die Gelegenheit ...
Unberührte Schneeschüssel nördlich der Hohen Scharte
Das Gelände hier ist zwar überhaupt nicht spektakulär, ladet aber zum unbeschwerten Cruisen ein und bietet - abseits des Skizirkus - einiges an Winteridylle. Entlang eines Almwegs erreicht man dann wieder bequem die Piste etwas oberalb des Aeroplanstadls.
Querung in der Schneeschüssel
Gegenlicht
Nah- und Fernblicke (Dachstein im Hintergrund)
Blick zurück - von knapp oberhalb der Brandner Hochalm
Winteridyll: Brandner Hochalm
Solche Eindrücke machen mit den Reiz des Variantenfahrens aus
Die Talabfahrt nach Hofgastein über den Aeroplanhang war zwar offiziell gesperrt, stellte sich jedoch am Freitag als besonderes Schmankerl hervor. Der herrliche Aeroplanhang war am rechten Rand als toller Tiefschneehang befahrbar (20 cm Neuschnee auf der alten Pistenunterlage), später ging es dann über die Wiesen des Brandnerbauers zu den letzten Hängen oberhalb der Talstation der Schlossalmbahn. Dieser letzte Hang war dann zugegebenerweise etwas grenzwertig, aber die ca. 2-3 cm Neuschnee zwischen den alten Schneedepots reichten dann doch aus um auf Ski bis runter zur Strasse zu gelangen.
Letzter Hang der Talabfahrt
Am Samstag (15. 12. 2007) stand dann Sportgastein auf dem Programm, wovon es hier in dem Forum einen eigenen Bericht gibt (Klick).
Unser erstes Ziel am Sonntag war der Stubnerkogel, neben dem Graukogel der Hausberg von Bad Gastein.
Stubnerkogel …
… und Graukogel
Der Stubnerkogel ist einer der ganz großen Traditionsskiberge Österreichs. Seine ebenmäßige Form ermöglicht zahlreiche lohnende Abfahrten in beinahe alle Himmelsrichtungen. Über das Skizentrum Angertal erreicht man auch von Hofgastein (Schlossalm) bequem diesen Badgasteiner Paradeberg.
Stützenkombination an der Bergstation der Angertalbahn – Blick ins Gasteinertal
An der Westseite des Stubnerkogels befindet sich die Schneeschüssel der Jungeralm, die von einer 4KSB bedient wird.
Jungeralmbahn
Auch der Stubnerkogel bietet etliche Freeride-Möglichkeiten. Ich nutzte die bequemste, nämlich die Nordwestrinne, die knapp neben dem Bergrestaurant – begrenzt von den Jungermäuer und den Gipfelfelsen in Richtung Jungeralm runter zieht. Der Einstieg geht gleich direkt von einem Skiweg los. Heute – 3 Tage nach den Neuschneefällen – war der schmale obere Bereich zwar schon leicht verspurt und man musste doch sehr auf den Untergrund Obacht geben – lohnend war es aber allemal.
Stubnerkogel – Einstieg Nordwestrinne
Stubnerkogel – Nordwestrinne von unten und im Zoom
Nach einigen Fahrten am Stubnerkogel ging es wieder zurück zur Schlossalm. Die Pisten hier sind fast durchwegs anfängertauglich und in der Hochsaison meist relativ voll. Jetzt Mitte Dezember hielt sich der Andrang aber selbst am Wochenende in Grenzen.
Blick auf die Käferstall – landschaftlich schöne Abfahrt im Schlossalmgebiet
Ich hätte nicht gedacht, dass drei Tage nicht ausreichen würden, um alle Punkte meiner alten Liste abhaken zu können. Aber der Mauskarkopf ist mir wieder entgangen. Dieser Berg wird mit einem steilen100 Hm-Hike von der Hohen-Scharte-Bergstation erreicht und bietet (neben der Ostflanke) folgende lohnende Sache auf der Südseite:
Mauskarkopf Süd
Die Talabfahrt über Aeroplan war ein abschließender Höhepunkt. Offiziell noch immer gesperrt bot sie eine mittlerweile annähernd perfekt hergerichtete Piste. Intensive Beschneiung bei Tag und Nacht hat nun auch am untersten Hang für eine dicke Schneegrundlage gesorgt. Sehr schön an dieser Talabfahrt (für mich eine der schönsten in Österreich) sind die vielfältigen Eindrücke einer intensiv genutzten bäuerlichen Kulturlandschaft vor dem Hintergrund des beinah städtisch anmutenden Bad Hofgastein.
Talabfahrt Aeroplan
Blick zurück zum Aeroplanstadl
Schlossalmbahn nahe des Brandnerbauern
Fazit
Bei Gastein mögen viele Freerider die Nase rümpfen. Tatsächlich bieten alle Teilskigebiete des Tales vielfältige Möglichkeiten. Und ein weiterer Vorteil liegt darin, dass hier der Andrang durchwegs ein geringerer ist als in den bekannten Hot Spots, die ja von mal zu mal stressiger werden. Ein Kuraufenthalt in Gastein lohnt sich also auch für Powder-Junkies allemal.