Skitourismus am Arlberg: Aufstieg in der Hocke

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snowflat
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Skitourismus am Arlberg: Aufstieg in der Hocke

Beitrag von snowflat »

Skitourismus am Arlberg: Aufstieg in der Hocke

Schneepflugfahren und die verschiedenen Schritte des Bergaufgehens: Vor hundert Jahren begründete der junge Hannes Schneider die "Skihochschule der Welt" und damit den Skitourismus am Arlberg.

Von Klaus von Seckendorff

Es war ihm nicht schnell genug gegangen im Winter 1903, obwohl er gerade sein erstes Skirennen gewonnen hatte. Erst 13 Jahre alt war Hannes Schneider damals, ein selbstbewusster Draufgänger, für den schon als Jugendlicher feststand: "Ich werde Geschwindigkeit ins Skifahren bringen. Die Geschwindigkeit ist der Reiz an der Sache, nicht das Herumfahren."

Selbst das "Herumfahren" hatte wenige Jahre zuvor als Mutprobe für Spinner gegolten am Arlberg, wo das Brettlrutschen als "Narrenholzgleiten" verspottet wurde. Noch 1897 erregte der Pfarrer von Lech gewaltiges Aufsehen mit "Skiern", wie sie auch Hannes Schneider bis ins Jahr vor seinem ersten Rennen verwenden sollte: vom Tischler geschnitzte Ungetüme, schwer zu steuern, kaum zu bremsen. Doch Hannes war mit seinem Talent frühzeitig aufgefallen. Erste ordentliche Ski mit "Mehrrohrbindung" verdankte er einem Herren vom Alpenvereins-Vorstand, einschlägige Lektionen dem Arlberg-Erkunder Viktor Sohm, der durch Erstbesteigungen zu Pionierruhm gelangt war und seinen Schützling nach Zürs zu einem Skikurs mitnahm. Dort wurde Konkurrierendes gelehrt: Parallelschwungansätze (Christiania) und "Tief das Knie, hoch die Ferse" (Telemark).

Ohne Rücksicht auf blaue Flecken
Dass Schneider beim Fahren tief in die Hocke ging, um an Tempo zu gewinnen, wurde anfangs noch als "Klostil" verhöhnt. Aber die Vertreter der reinen Telemark-Lehre taten sich schwer im hochalpinen Gelände, und der Erfolg gab dem ohne Rücksicht auf blaue Flecken nach einem Fahrstil für steile Hänge Suchenden recht. Der gute Ruf des Teenagers aus dem Arlbergdorf Stuben führte dazu, dass man ihn im Sommer 1907 als Skilehrer in die Schweiz locken wollte.

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Wintersport an der Ostküste der USA vom Privileg einiger Collegeabsolventen zum Massenvergnügen. Zahlreiche Wintersportorte entstanden, unter anderen auch Lake Placid im Bundesstaat New York. Werbung, damals meist in Plakatform, wurde immer wichtiger.

Statt ins ferne Montreux zog Schneider auf die andere Seite des Berges nach St.Anton. Dort hatte der Hotelier Carl Schuler einen touristischen Trend vorausgeahnt. Er bezahlte den Hannes dafür, dass er mit Gästen seiner "Post", darunter nicht wenige "Flachländer", auf die Piste ging. Der Skitourismus am Arlberg begann folglich vor hundert Jahren damit, dass ein schneidiger Einheimischer hilflosen Anfängern zeigte, wie man eine Kurve fährt.

Abwendung vom Telemark-Stil
Die fehlende Didaktik entwickelte Hannes Schneider, als er im Mai 1914 an die Kriegsfront nach Südtirol gerufen wurde. Als Instruktionsunteroffizier "hatte ich Gelegenheit, das ganze Unterrichtswesen und den Aufbau von Skikursen gründlich zu studieren und kennenzulernen, vor allem dadurch, dass ich hier beim Militär befehlen konnte", hat sich Schneider später an die Zeit des harten Drillens erinnert. "So habe ich in der ersten Skikurswoche nichts anderes üben lassen als: Abfahren, Schneepflugfahren, Stemmfahren und die verschiedenen Schritte des Bergaufgehens."

Letztere haben wegen der Skilifte stark an Bedeutung verloren, straffe Unterrichtspläne für nach Können eingeteilte Gruppen aber sollten noch Jahrzehnte lang charakteristisch sein fürs Programm der ersten Skischule am Arlberg, die Hannes Schneider 1921 gründete. Dass es festgelegte Richtlinien gab für eigens ausgebildete Skilehrer war ebenso revolutionär wie Schneiders Abwendung vom aus Norwegen importierten Telemark-Stil. Der strenge Schulleiter, bei dem oft drei Viertel der Kursteilnehmer die Abschlussprüfung nicht bestanden, verordnete stattdessen den "Stemmchristiania" als Basis für seine "Arlbergtechnik". Sie sollte schon bald weltweit führend werden.

Schneider, der Star
St.Anton stieg zum Wintersport von internationalem Ruf auf. Skifahrer von Tokio bis zu den Rocky Mountains orientierten sich am 1926 erschienenen Lehrbuch "Wunder des Schneeschuhs. Ein System des richtigen Skilaufens". All dies war nicht zuletzt das Verdienst von Schneiders Co-Autor Arnold Fanck. Der Freiburger Bergfilmpionier machte Hannes Schneider zum Hauptdarsteller legendärer Skifilme wie "Der weiße Rausch", der im Winter 1930/31 in St.Anton gedreht wurde. "Die dünne Handlung ist nur Aufhänger für die Darstellung des Skisportes mit den besten Skiläufern der damaligen Zeit", rügt das "Lexikon des internationalen Films". Leni Riefenstahl spielte im ersten vertonten Opus der Skifilmhistorie eine freche Berliner Göre, die vor allem wegen ihres Skilehrers Hannes bei Verfolgungsjagden eine gute Figur macht. Schneider, als Schauspieler eher hölzern agierend, wurde zum nicht nur in Österreich bewunderten Star und stand als Sammelbildmotiv hoch im Kurs: Manchen war Schneider so viel wert wie Garbo und Dietrich zusammen.

Der Arlberg galt als "Skihochschule der Welt", "Wunder des Schneeschuhs" als wichtigstes, in zahlreiche Sprachen übersetztes Lehrbuch: Mitte der 1930erJahre hatte Schneider den Gipfel seines Ruhms erreicht. Die Reichen und Prominenten kamen, um sich die Technik des weltweit berühmtesten Skifahrers anzueignen.

Politisch jedoch geriet Hannes Schneider in Schwierigkeiten, als er 1938 nach dem Anschluss Österreichs keine Nazipropaganda an seiner Skischule dulden wollte. In den frühen Morgenstunden des 13.März wurde er verhaftet und in die Festung Landeck verschleppt. Der Begründer der Skilehrerausbildung in Österreich musste sein eigenes Skilehrerzeugnis und die Leitung seiner Schule an den neuen NS-Bürgermeister Karl Moser abgeben. Dass man ihn am 6.April aus der Haft entließ, verdankt Schneider unter anderen Fürsprechern einem amerikanischen Bankier, der über deutsche Kredite in den Staaten zu entscheiden hatte. Diese zu stunden versprach er Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht - wenn Hannes Schneider dafür frei käme.

"Der größte Sohn des Arlbergs"

So landete der "Skimeister" 1939 im Geburtsort des Bankers: in Conway/New Hampshire am Fuß des Mount Cranmore. "Es ist nicht St.Anton", soll Schneider zu seinem Sohn Herbert gesagt haben, "aber wir werden es lieben". Während daheim die Nazis ihre bedrohliche Parole "auch Skier sind Waffen" in die Tat umsetzten und Toni Seelos die Parallelschwungtechnik etablierte, übernahm Hannes Schneider die Skischule einer eher schneearmen Region und sorgte für deren Aufstieg zum bei den Rockefellers und Rothschilds beliebten Skigebiet. In den letzten 17 Lebensjahren bis zu seinem Tod durch Herzinfarkt am 26.April 1955 blieb Schneider seiner neuen Heimat treu.

In der alten, wo Tochter Hertha das väterliche Erbe fortführte, wird der "größte Sohn des Arlbergs", (Schneider-Biograph Hans Thöni) bis heute geehrt, sei es im "Ski- und Heimatmuseum" oder beim mittwochs im WM-Stadion stattfindenden "Schneetreiben": 150 Mitwirkende, hauptsächlich Skilehrer, demonstrieren die Entwicklung des Skilaufs, den Schneider einst als "einfachste Sache der Welt" bezeichnet hat.

(SZ vom 27.12.2007/sma)
Quelle: Süddeutsche
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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