Das Kreuz mit den Buckeln

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Das Kreuz mit den Buckeln

Beitrag von snowflat »

Das Kreuz mit den Buckeln

Die einfache Buckelpiste, einst elementarer Bestandteil der Skigebiete, wird heute meistens plattgemacht. Dabei helfen sie gegen Ski-Rowdys.

Von Martina Guttenberger

Jürg Biner muss sich gefühlt haben wie ein Umweltschützer beim Anblick der Regenwaldrodung, an jenem Tag Anfang der 1980er Jahre. In seinem Heimatskigebiet Zermatt steuerte eine Pistenraupe zielstrebig eine bis dato kaum präparierte Abfahrt an und verwandelte die körnigen Haufen, Wellen und Buckel in eine gepflegte Fläche gleichmäßiger Rillen. Statt einer kurzweiligen Herausforderung blieb nur eine glatte, plane Piste - und dem ehemaligen Weltklasse-Freestyle-Fahrer die Empörung. Der heute 43-Jährige sorgte sich um den Fortbestand seiner geliebten Hindernisse indes so sehr, dass er seitdem für deren Erhaltung eintritt.

Es mag vielleicht eigenartig klingen, aber letztlich plädieren Biner und dessen Mitstreiter Walter Olbert, ein Arzt aus dem Allgäu, bei Verbänden und Seilbahnbetreibern dafür, Pisten weniger sorgfältig zu präparieren oder zumindest Bereiche auszusparen, um das Wachstum von Buckeln zu ermöglichen. Buckel zählen nach einer gewissen Zeit nämlich zum typischen Erscheinungsbild einer Skipiste.

Vernachlässigt eine Liftgesellschaft die regelmäßige Pflege ihrer Pisten, indem sie beispielsweise keine Pistenraupen mehr einsetzt, wachsen auf diesen Strecken innerhalb weniger Tage durch das Kurvenfahren der Pistenbenutzer kleine runde Schneehügel.

Auch wenn es laut Stefan Wirbser, stellvertretender Vorsitzender des Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte (VDS), keine exakten Zahlen gebe, führt er den Rückgang von Buckelpisten im Wesentlichen auf den seit Ende der 1980er Jahre stark zunehmenden Einsatz von Beschneiungsanlagen zurück: "Eine beschneite Piste kann ich nicht unberührt lassen."

Frisch erzeugter Schnee müsse notwendigerweise auch durch Pistenraupen verteilt werden. Zur immer intensiveren Pflege der Pisten trage auch die Erfolgsgeschichte des Carvingskis seit gut zehn Jahren bei. Auf planen Pisten carvt es sich nun mal besser als von Buckel zu Buckel.

Nicht die meterhohen, tückischen und von den meisten Skifahrern ohnehin kaum fahrbaren Riesenbuckel wollen die beiden häufiger sehen, sondern "die moderaten", wie Biner das nennt. Jene Buckel in flachem oder leicht geneigtem Gelände also, zwischen denen sich auch weniger Fortgeschrittene wohlfühlen.

Die Vorzüge sind für die Skifahrer nach Ansicht von Olbert offensichtlich: Sie fordern sie technisch mehr als das eher gleichförmige Carven, schulen Koordination, Bewegungsvielfalt und Wahrnehmung. Zudem blieben in welligeren Abschnitten, obwohl schwieriger zu fahren, viele "Angsterlebnisse" erspart, da sie von Kamikaze-Fahrern erfahrungsgemäß eher gemieden werden.

Auch löse das Buckelpistenfahren ein Gefühl von Zufriedenheit und Freude aus, "weil es immer wieder kleine Herausforderungen gibt", wie Biner findet.

Trotz all ihrer Argumente erinnert der Einsatz der beiden mitunter an den Windmühlenkampf von Don Quijote und dessen Knappen Sancho Pansa. Denn viele Wintersportgebiete reagieren überrascht bis skeptisch auf die Forderung nach buckligerem Terrain. Gut präparierte Pisten gelten schließlich als Aushängeschild und wirkungsvolles Lockmittel für Ski- und Snowboardfahrer.

"Befragungen haben eindeutig ergeben, dass sich unsere Gäste das so wünschen", sagt beispielsweise Maria Hofer von der Marketingabteilung der Gletscherbahnen Kaprun. Auch in Sölden und in Saalbach-Hinterglemm teilt man diese Ansicht - zumal alle drei Skigebiete auf die durchaus vorhandenen und auch extra ausgewiesenen Buckelpistenareale verweisen. Diese sind jedoch oftmals Könnern vorbehalten.

Einige Professoren der TU München fanden den Ansatz des eifrigen Duos jedoch interessant. Im Winter 2005/06 führten Diplomanden daher eine Studie zum Thema Buckelpisten durch, bei der 900Skifahrer befragt wurden. Viele Probanden habe allein das Wort Buckelpiste abgeschreckt, doch sei die Resonanz nach einer Probefahrt durch mittelschweres, welligeres Gelände insgesamt eher positiv gewesen, so ein Ergebnis der Untersuchung. Eine Folgestudie ist für den nächsten Winter in Aussicht gestellt.

Biner und Olbert buckeln bis dahin weiter: Auch Überzeugungsarbeit läuft schließlich nur selten glatt ab.

(SZ vom 24.01.2008 / kaeb)
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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