Quelle: FAZKlimawandel im Schnee: Oberstdorf - Einkehrschwung mit Emissionshandel
Von Georg Weindl
Man hat es nicht immer leicht als durchschnittlicher und eher der konventionellen Freizeitgestaltung zugeneigter Skiurlauber. Eigentlich will man nur halbwegs elegant die Pisten herunterfahren, kollidiert dabei aber immer wieder mit der Kreativität der Marketingstrategen. Sie treibt oft seltsame Blüten und strapaziert die Nerven der Gäste mit undurchschaubaren Wortergüssen. Selbst im sonst so bodenständigen Allgäu bemüht man sich um anglophile Weltläufigkeit. „Mountains in Motion“ stehen da demnächst auf dem Programm, was sich im Untertitel - „Lasst die Berge wackeln“ - dann als phonstarkes Partyevent entpuppt.
Dass der Schauplatz die „Erdinger Arena“ ist, die mitten in Oberstdorf steht, verwirrt den einfältigen Skiurlauber zusätzlich und hat seinen Grund allein darin, dass eine bekannte Weißbierbrauerei aus dem flachen Land bei München Sponsorgelder locker- gemacht hat. Denn eigentlich handelt es sich bei der „Erdinger Arena“ um die allbekannte Oberstdorfer Sprungschanze. Immerhin gibt es einen Trost: Die wackelnden Berge sind in Oberstdorf die Ausnahme, nicht die Regel, weil der Ort begriffen hat, dass der gedankenlose Spaß in Zeiten des Klimawandels nicht der Weg in die Zukunft sein kann.
Auch die Bergbahnen müssen ihren Beitrag leisten
Oberstdorf ist immer noch Oberstdorf, und die Berge rund um den traditionsreichen Wintersportort heißen nach wie vor Nebelhorn, Fellhorn und Kanzelwand. Seit mehr als hundert Jahren wird hier Ski gefahren, was sogar amtlich verbürgt ist. Denn 1902 bestiegen nach offiziell beglaubigter Darstellung die Gebrüder Heimhuber zusammen mit einem Dr.Madlener und einem Dr.Müller das Nebelhorn mit Skiern, was in Anbetracht der damaligen Ausrüstung und der steilen Gipfelhänge eine imposante Leistung war. Dass man auch in Zukunft rund um Oberstdorf auf bestmögliche Weise dem Skisport nachgehen kann, wünscht sich Augustin Kröll. Er ist Chef der Kleinwalsertaler Bergbahnen und der Fellhornbahn, die einen beträchtlichen Teil des Skiverbunds zwischen Oberstdorf und dem zu Österreich gehörenden Kleinwalsertal ausmachen: ein grenzüberschreitender Skizirkus, der sich selbst als „das Höchste“ lobt und vier Berge mit einundzwanzig Liftanlagen umfasst.
Schneeflöckchen: Mit einer Schneekanone wird das Fellhorn weiß bekleidet Eine kleine Reise: Mit dem Sessellift über das Fellhorn Der etwas andere Wintersport: Oberstdorf ist für das Skispringen bekannt Getummel: Ideale Wintersportbedingungen auf dem Oberstdorfer Fellhorn Oberstdorf: Ein beschauliches Dörfchen im Allgäu
Kröll gehört nicht zu den Menschen, die glauben, allein mit B- und C-Prominenz die Berge wackeln lassen zu müssen. Der gebürtige Salzburger denkt lieber strategisch und vor allem langfristig. Von den Schreckensszenarien vieler Klimaforscher und Umweltschützer, die den niedrig gelegenen bayerischen Skigebiete angesichts der Erderwärmung keine Chance geben, hält er verständlicherweise wenig. Doch dass man nach dem schneearmen Ausnahmewinter der vergangenen Saison allerorten über Beschneiungsanlagen redet und Schneekanonen zusätzlich aufgestellt hat, das ist dem Oberstdorfer Seilbahnmanager nicht genug. Auch die Bergbahnen müssen nach seiner Meinung einen Beitrag für den Umweltschutz leisten und ihren Teil dazu beitragen, dass das Klima nicht völlig außer Kontrolle gerät.
Das klimaneutrale Skifahren
Aus diesem Grund hat man sich im Allgäuer Skizirkus für diese Saison das klimaneutrale Skifahren ausgedacht: Jeder Skifahrer und Snowboarder kann anhand eines Faltblattes die während seines Urlaubs anfallenden, klimawirksamen Emissionen ermitteln. Auf dem Blatt findet er die durch An- und Abreise sowie durch den Skibetrieb entstehenden Kohlendioxidwerte und den entsprechenden Geldbetrag, den man als Umweltobolus spenden kann. Dafür wurden an den Liftkassen und in den Gastronomiebetrieben auf den Pisten spezielle Boxen aufgestellt. Das, was sich dort im Laufe der Saison ansammelt, kommt direkt der Naturschutzstiftung Allgäuer Hochalpen zugute.
Ein kleines Rechenbeispiel: Wer mit einem Mittelklassewagen aus Ulm anreist, also 250 Kilometer fährt, verursacht 0,059 Tonnen Kohlendioxidemissionen, das macht einen Ausgleichsbetrag von 4,25 Euro - eine verträgliche Summe, zumal in diesem Winter die unlängst beschlossene Mehrwertsteuerreduzierung für Seilbahnen und Lifte für eine Senkung der Fahrpreise gesorgt hat. An Fellhorn, Kanzelwand und Nebelhorn sind die Liftkarten jetzt um bis zu ein Fünftel billiger.
Mitfahrzentrale gegen hohe Emissionswerte
Noch besser ist es natürlich, wenn hohe Emissionswerte durch den Transport ins Skigebiet gar nicht erst anfallen. Deswegen gibt es in Oberstdorf seit Mitte Dezember eine Mitfahrzentrale für Skiurlauber. Auf der Internetseite www.das-hoechste.de sind die aktuellen Mitfahrangebote aufgelistet, derzeit kaum mehr als ein, zwei Dutzend, an Spitzentagen bis zu sechzig. Sie beschränken sich zum größeren Teil auf den süddeutschen Raum, was der Gästestruktur der Allgäuer Skigebiete entspricht. Ob die Resonanz auf die Mitfahrgelegenheiten gut oder schlecht ist, bleibt eine Sache der individuellen Bewertung. Unbestritten allerdings ist, dass Mitfahrzentralen in Verbindung mit Wintersport noch nie große Verkaufsschlager gewesen sind, denn Skifahrer und Snowboarder gelten als eher komfortorientiert und weniger umweltbewusst als Sommergäste.
Frühere Versuche, mit umweltbewussten Transportangeboten zu glänzen, sind in Oberstdorf nicht geglückt. So offerierte man vor zwölf Jahren Zugticket, Skipass und Leihausrüstung im Paket. Die Nachfrage war eher dürftig, das Angebot musste eingestellt werden. Doch zwischenzeitlich hat sich viel getan. Die Menschen sind stärker sensibilisiert für die Gefahren des Klimawandels, und die Angebote der Skiverleiher sind attraktiver als früher. Das Bahnfahren erscheint dank der Staus auf den Autobahnen und Zugangsstraßen während der Hochsaison gleichfalls als vernünftige Option, wenn nicht gerade der Clinch zwischen Lokführern und Deutscher Bahn für signifikante Fahrplanveränderungen sorgt.
Zeitaufwand für Komplettbeschneiung drastisch reduziert
Darauf hat man als Seilbahnchef keinen Einfluss, auf anderes aber schon. So versucht Augustin Kröll, bei den Modernisierungen der Anlagen immer ökologisch zu denken und zu handeln. Der frühe Wintereinbruch in dieser Saison und die solide Schneelage mögen zwar die Umweltdiskussion momentan etwas in den Hintergrund gedrängt haben. Doch für Kröll steht außer Frage, dass das Thema Ökologie für sein Unternehmen weiterhin eine zentrale Rolle spielen wird - wie beim Bau der vor einem Jahr eröffneten Fellhornbahn II. Durch eine spezielle Technik mit Stahlbetonpfählen wurden umfangreiche Baggerarbeiten und große Erdbewegungen vermieden. Während sonst Hubschrauber zum Einsatz kommen, hat man am Fellhorn mit besonderen Geländefahrzeugen gearbeitet. Betroffene Flächen wurden rekultiviert und neu bepflanzt.
All das nimmt der Wintergast im Falle der ersehnten geschlossenen Schneedecke nicht wahr. Vermutlich interessieren sich die meisten auch nicht dafür. Wichtiger ist den Skifahrern wohl die neue Beschneiungsanlage, die vom nächsten Winter an am Fellhorn und an der Kanzelwand zum Einsatz kommt und mit der man dann den Zeitaufwand für die Komplettbeschneiung von 250 auf 60 Stunden reduzieren wird - den Launen der Natur mag man sich auch in Oberstdorf trotz aller ökologischen Feinfühligkeit nicht aussetzen. Immerhin hat man genau untersuchen lassen, wie sich der Kunstschnee auf das Verhalten der Wildtiere auswirkt, und dann möglichst verträgliche Lösungen gesucht.
Mit dem Schlepplift von Deutschland nach Österreich
Fellhorn und Kanzelwand, die per Lift miteinander verbunden sind und sich auf deutsches wie auf österreichisches Gebiet verteilen, sind das größte Skigebiet in der Region. Die gutmütigen Pisten und adretten Gastronomiebetriebe sprechen eher den Durchschnittsfahrer ohne brennenden sportlichen Ehrgeiz an. Die Tatsache, dass die Grenze quer durch das Skigebiet verläuft, hat auch delikate Aspekte. Nicht nur, weil hier ein Schlepplift in Deutschland startet und in Österreich endet und sich deshalb TÜV-Organisationen aus beiden Ländern angeblich streng gegenseitig kontrollieren.
Hier waren in den vergangenen Jahren auch gerne Skifahrer mit speziellem Gepäck unterwegs, die ihr Schwarzgeld diskret und ohne die Gefahr, auf der Straße von der Obrigkeit erkannt zu werden, in Richtung Kleinwalsertal transportieren wollten. Damals war das österreichische Bankgeheimnis noch eine Attraktion für deutsche Anleger und die Raiffeisen-Filiale in Riezlern eine der größten Banken Österreichs. Dank EU-Harmonisierung sind diese Reize deutlich schwächer geworden, und das Phänomen der kapitalstarken Skitouristen existiert kaum noch.
Gipfelzählen auf dem Nebelhorn
Von solchen Nebenwirkungen unbelastet ist das benachbarte und rein deutsche Nebelhorn, das sich dank der anspruchsvollen Abfahrten und der überdurchschnittlich guten Schneelage als erste Adresse für Tiefschneefans und Pistencracks etabliert hat. Imposant ist der Blick vom 2224 Meter hohen Gipfel des Nebelhorns, von dem aus man nach offiziellen Angaben bei guter Sicht vierhundert andere Gipfel sieht, was aber wohl die wenigsten nachprüfen. Auf das kantige Nebelhorn zieht es auch viele Winterwanderer, die an der Bergstation der Seilbahn auf dem 1927 Meter hohen Höfatsblick zwei Rundwege mit vielen Aussichtspunkten zur Wahl haben. Es ist die klassische Klientel ökologisch sensibilisierter Winterurlauber, deren Sympathien Augustin Kröll und sein Unternehmen gewinnen wollen.
Das Nebelhorn ist mit seiner alten Seilbahn und den etwas nostalgisch wirkenden Stationsgebäuden ein anachronistischer Skiberg, was auch seinen Charme hat, wenn man die ausgesprochen gemütliche, die Geduld auf harte Proben stellende Bergfahrt nicht als störend empfindet. Immerhin soll es demnächst auch hier Beschneiungsanlagen geben, obwohl das Nebelhorn bislang als schneereicher Gipfel immer gut über die Runden gekommen ist. Und dann ist da noch die alte Nebelhorn-Seilbahn, die in naher Zukunft ersetzt werden soll, wofür schon die Genehmigungsverfahren laufen. Man wird sich im Oberallgäu also auch künftig als ökologisch bewusster Bauherr beweisen können.
Mit Entspannungsmusik auf den „Berg der Sinne“
Unten im Tal bemüht man sich gleichfalls um einen möglichst schonenden Umgang mit der Umwelt. Bertram Pobatschnig, der neue Tourismuschef von Oberstdorf, unterstützt das Engagement der Bergbahnen grundsätzlich und bemüht sich seinerseits, das Energiesiegel „Umweltmeister“ zu erhalten. Derzeit laufen die Vorbereitungen, um die geforderten Umweltnormen zu erfüllen; geplant ist zum Beispiel, den Autoverkehr so weit wie möglich aus dem Ortszentrum zu verbannen und die Besucher zur Anreise mit der Bahn zu animieren. Da kommt es sehr gelegen, dass der Oberstdorfer Bahnhof 2006 vom Fahrgastverband Pro Bahn zum besten Kleinstadtbahnhof Deutschlands gewählt wurde.
Den Autoverkehr versucht man nicht nur im Ort, sondern auch im Tal einigermaßen in Schach zu halten. Zwischen den verschiedenen Talstationen auf der deutschen und der österreichischen Seite verkehren Busse bis Brand im hintersten Kleinwalsertal im Viertelstundentakt. Zusätzlich ist in Oberstdorf ein Skibus unterwegs. Das ist so nützlich wie angenehm, denn vor allem bei Neuschnee ist das Fahren auf der steil ansteigenden Straße ins Kleinwalsertal nicht unbedingt ein Vergnügen. Denn allein mit Liften sind die Pisten am Walmendingerhorn, das als ausschließlich Kleinwalsertaler Teil zum Liftverbund gehört, kaum erreichbar. Dafür hat man das Horn zum „Berg der Sinne“ erklärt und bietet den Besuchern neben einem Panoramalift auch Audiosysteme mit Entspannungsmusik und Episoden aus der Geschichte der Walser.
Ein Refugium für Einheimische
Die anspruchsvolle Luggi-Leitner-Piste, benannt nach dem in den sechziger Jahren erfolgreichen Skirennläufer aus dem Kleinwalsertal, und die Varianten auf der Oberen Lüchlealpe sind ein Refugium für die Einheimischen. Sie fühlen sich dort wohl, wo nicht jeder Flachländer seine Stemmbögen zu setzen wagt. Das gilt auch für das Nebelhorn mit seinen steilen Gipfelhängen und Tiefschneevarianten. Spätestens bei der Bergfahrt erkennt der auswärtige Gast, dass hier der Oberallgäuer gerne unterwegs und gerne unter sich ist.
Während die Gondel in eher gemächlichem Tempo vorbei an der „Erdinger Arena“ bergwärts schwebt, stehen an der Glasscheibe zwei reifere Herren, deren Dialekt sie unschwer als Allgäuer ausweist. „Da brauchst schon Geduld aufs Nebelhorn, vor allem wennst grad von der neuen Fellhornbahn kommst“, raunzt der eine. „Ist auch wieder gut“, entgegnet der andere gelassen, „sonst kommen nur zu viel Leute.“
Informationen: Tourismus Oberstdorf, Prinzregenten-Platz 1, 87561 Oberstdorf, Telefon: 08322/ 7000, E-Mail: info@oberstdorf.de, Internet: www.oberstdorf.de; Bergbahnen Kleinwalsertal/Oberstdorf im Internet: www.das-hoechste.de.
Text: F.A.Z., 10.01.2008, Nr. 8 / Seite R1
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, dpa, F.A.Z.
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Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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Das klingt ja ganz gut.neue Beschneiungsanlage, die vom nächsten Winter an am Fellhorn und an der Kanzelwand zum Einsatz kommt und mit der man dann den Zeitaufwand für die Komplettbeschneiung von 250 auf 60 Stunden reduzieren wird
Besonders aktuell sind die Informationen ja nichtDie Tatsache, dass die Grenze quer durch das Skigebiet verläuft, hat auch delikate Aspekte. Nicht nur, weil hier ein Schlepplift in Deutschland startet und in Österreich endet und sich deshalb TÜV-Organisationen aus beiden Ländern angeblich streng gegenseitig kontrollieren.
Die Bierenwanglifte, auf die der Autor sich wohl bezieht wurden immerhin schon 2001 ersetzt und der neue Vierersessel befindet sich komplett auf deutschem Boden, ebenso wie der Fellhornlift als einzig verbliebener Schlepplift in Grenznähe.
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Das ist wie beim Ablaß in der KircheEin kleines Rechenbeispiel: Wer mit einem Mittelklassewagen aus Ulm anreist, also 250 Kilometer fährt, verursacht 0,059 Tonnen Kohlendioxidemissionen, das macht einen Ausgleichsbetrag von 4,25 Euro - eine verträgliche Summe
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Wege entstehen, indem man sie geht.
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