Quelle: FAZSchweiz: Inder im Dirndl, Chinese mit Alphorn
Von Volker Mehnert
Man kann so wunderbar altmodisch, so ausgesprochen schweizerisch nach Engelberg fahren. Der Zug der Zentralbahn von Luzern herauf muss in der Station Wolffenschiessen schon einmal die Hälfte seiner Waggons abkoppeln, bevor er aus der Ebene des Vierwaldstätter Sees hinauf in die Berge schnauft. In Obermatt wechselt er von der Normalspur auf einen Zahnradbetrieb, und der verbliebene Zug teilt sich noch einmal. Kurz hintereinander schieben zwei Lokomotiven je zwei Waggons das letzte Steilstück nach Engelberg hinauf. Im Abstand von einer Minute rollen sie in den Bahnhof ein, jeder auf seinem eigenen Gleis; so viel Aufwand ist in der Schweiz auch in einer Bergstation möglich.
Tritt man aus dem Bahnhof heraus, steht man unmittelbar vor der Fassade des Hotels Bellevue und seinem prächtigen Jugendstilportal. Auf der linken Seite sieht man den alteingesessenen Schweizer Hof und den Europäischen Hof, ein kolossales Grandhotel der Belle Époque mit pompösen Fensteröffnungen, schmiedeeisernen Balkongittern und verspielten Türmchen und Erkern. Weiter oben am Hang thronen die Hotels Edelweiss und Terrace, ebenfalls Schmuckstücke aus der Frühzeit des Fremdenverkehrs in Engelberg. Sie alle freilich haben ihren alten Glanz ein wenig eingebüßt und verfügen jetzt über nicht mehr als drei Sterne.
Ein famoser Skiberg
Das moderne Engelberg macht sich erst auf den zweiten Blick bemerkbar: ein zersiedelter Ortskern mit schindelverkleideten Bauernhäusern, mal hübsch restauriert, mal vernachlässigt, gegenüber eine graue Betonburg, dazwischen Parkplätze, Garagen, eine Baugrube, kastenförmige Villen und Apartmenthäuser, hier und da auch ein gelungener Versuch mit moderner Baukunst. Aber vorherrschend sind die klassischen Bausünden und belanglosen Fassaden aus vier Jahrzehnten Boom im Wintersport.
Sein Garant ist der Titlis, ein famoser Skiberg. Sein 3238 Meter hoher Gipfel erscheint wie eine Welle kurz vor dem Brechen, der glatte Rücken dick mit Schnee bedeckt, die Vorderseite eine abgebrochene Felswand. Die Pisten beginnen zwar erst etwas tiefer, auf dreitausend Meter Höhe am Nebengipfel Klein Titlis, doch vom ersten Meter an haben sie es in sich. Die Abfahrten hier sind nichts für Anfänger, Sonnenanbeter oder gemütlich dahinrutschende Genussskifahrer, denn es gibt an der schroffen Nordflanke des Berges keine einzige blau markierte Piste. Dafür findet man im oberen Teil eine höllisch steile Gletscherabfahrt zwischen zwei eng zusammenstehenden Felsnasen hindurch, abschüssige Felsrinnen, schmale Passagen und viele risikoreiche Varianten neben den präparierten Pisten. Nur über eine Liftabzweigung am Sockel des Berges erreicht man am Jochstock ein Gelände für weniger Geübte.
Eine Seilbahn mit drehbarer Kabine
Ein Monopol auf den Titlis besitzen die Skifahrer allerdings nicht. Denn schon seit langem ist er einer der schönsten und beliebtesten Aussichtsberge der Alpen. Man schaut von hier aus bis ins Tessin, auf die Viertausender des Wallis, die Bergriesen des Berner Oberlandes und übers Schweizer Mittelland bis hin zum Feldberg im Schwarzwald. Mehr als hundert Gipfel sind bei klarem Wetter zu erkennen, und alles, was in den Schweizer Alpen Rang und Namen hat, gehört dazu. Schon bevor die Mönche der Benediktinerabtei Engelberg den Titlis erstmals bestiegen und lange bevor die Menschen massenhaft auf Berge geklettert sind, hat man ihm ein - wenn auch unverdientes - Etikett verpasst: In der Skihütte Stand hängt eine alte Landkarte aus dem Jahr 1767, die den Titlis als „höchsten Berg im ganzen Schweizerland“ verzeichnet. Das ist er nun wirklich nicht, aber wenn man oben steht, mag es dem einen oder anderen auch heute noch so erscheinen.
Der Ruhm des Titlis hat sich vor allem in Asien verbreitet. Reisegruppen aus allen Ländern Ost- und Südostasiens gehören hier schon lange zur Selbstverständlichkeit. Im Sommer kommen schon mehr als ein Drittel aller Gäste aus Korea, Taiwan, China, Indien, Malaysia und Indonesien. Zu dieser Popularität hat zweifellos auch die Rotair beigetragen, die erste Seilbahn der Welt mit einer runden und innen drehbaren Kabine. Während die Gondel Richtung Bergstation schwebt, dreht sich im Innern eine Plattform einmal um dreihundertsechzig Grad, so dass die Fahrgäste an ihrem Fensterplatz nach und nach einen Rundumblick genießen können.
Friedlich, aber lebensmüde
Die Asiaten, früher fast ausschließlich Sommergäste, kommen jetzt auch immer häufiger während der Wintermonate. Dann mischen sie sich in den Gondeln mit den Skifahrern, und die so verschieden motivierten Winterurlauber bestaunen sich gegenseitig. Die Skifahrer schmunzeln über die manchmal recht leicht bekleideten Inderinnen oder Malaiinnen, und diese wiederum haben noch nie einen Skifahrer in natura gesehen. Die mit schweren Stiefeln, Helmen, Brettern und Stöcken ausgerüsteten Sportler müssen ihnen beim allgemeinen Ansturm auf die Gondel vorkommen wie waffenbewehrte Eidgenossen, die sich dann anschließend friedlich, aber lebensmüde die rutschigen Hänge hinabstürzen.
Auf der Gipfelstation sucht dann jeder seinen eigenen Weg: Die Skifahrer streben zur Gletscherpiste, und die Asiaten verschwinden in der Gletschergrotte oder toben sich bei einer Schneeballschlacht aus. Auch beim Essen geht man sich aus dem Weg, denn neben dem üblichen Bergrestaurant gibt es im Oberstock noch ein Lokal, das ausschließlich asiatische Küche anbietet, zubereitet von asiatischen Köchen und serviert von asiatischen Kellnerinnen. Höchst beliebt ist ein Fotostudio, das eine große Auswahl alpiner Kostümierungen bereithält. So können sich der Taiwaner mit Lederhose, die Inderin im Dirndl und die indonesische Familie mit Alphorn vor der Bergkulisse fotografieren lassen.
Ein verwegener Plan
Das Geschäft mit den asiatischen Touristen ließe sich im großen Stil weiter ausbauen. Doch Engelberg hat für den Winter zunächst andere Pläne. Man möchte mit seinem Skigebiet nicht mehr allein bleiben, sondern mit fünf oder sechs neuen Seilbahnen eine Liftbrücke über die Berge schlagen: bis hin zu den Pisten der benachbarten Skigebiete von Melchsee-Frutt und Meiringen-Hasliberg. Insgesamt zweihundertzehn Kilometer Pistenlänge sind geplant, und damit würde man zu den ganz Großen in den Alpen gehören - eine mächtige Skischaukel unmittelbar vor den Toren der Städte Zürich und Bern. Das erscheint als kühnes Projekt in einer Zeit, da Bergbahnkonzessionen in der Schweiz nur noch restriktiv vergeben werden.
Die Idee ist nicht neu. Schon vor dem Ersten Weltkrieg gab es ein Projekt für eine Bergbahn auf dieser Strecke. Es war bereits genehmigt, als der Krieg ausbrach und die Pläne für fast ein Jahrhundert in den Schubladen verschwanden. Die Möglichkeit einer Vereinigung hat man zwar auch zwischendurch immer wieder erörtert, doch erst jetzt sieht man konkrete Gründe für einen Zusammenschluss. Aus Engelberger Sicht fehlt es dem Titlis-Areal an Südhängen und an weniger steilen Pisten für das breite Publikum. Das Gelände dafür ist jenseits des Jochpasses vorhanden, aber eben nicht erschlossen. Die Junior-Partner des Projekts in Meiringen haben zwar ausreichend Südhänge, aber das gesamte Skigebiet erscheint ihnen zu klein für ein langfristiges Überleben.
Der Widerstand formiert sich
Bei Kritikern von außerhalb taucht die Frage auf, ob man ein solches Mammut-skigebiet wirklich braucht. Bergbahnbesitzer und Tourismusmanager aus Engelberg und Meiringen sind davon überzeugt. Der heutige Skifahrer, so argumentieren sie, verlange und nutze tatsächlich die Liftschaukeln, weil die hervorragende Präparierung der Pisten und das ständig verbesserte Skimaterial auch dem mittelmäßigen Fahrer das Abfahren längerer Strecken ermöglichten.
Das Vorhaben hat freilich viele Tücken. Zunächst einmal sind drei Kantone betroffen, die ihr jeweiliges Einverständnis geben müssen - in der Schweiz eine große Herausforderung. Außerdem könnte die Lücke zwischen Titlis und Meiringen nur geschlossen werden unter Einbeziehung des kleinen und relativ rückständigen Skigebiets von Melchsee-Frutt. Viele Einheimische dort jedoch sind zufrieden mit ihrem begrenzten Besucheraufkommen, denn die meisten sind in der Landwirtschaft beschäftigt oder pendeln zur Arbeit nach Luzern. Der größte und wichtigste Einwand kommt von verschiedenen Umweltschutzverbänden, die von der Erschließung einer bisher unberührten Geländekammer für den Skisport wenig halten. „Der Widerstand hat sich formiert“, sagt Albert Wyler, Geschäftsführer der Titlis-Bahn, und er hofft, dass es kein fundamentaler Einspruch sein wird, sondern der Versuch, bei dem Vorhaben ökologische Gesichtspunkte noch stärker als bisher zu berücksichtigen.
Ohne Skifahrer kein Überleben
Ein Umweltverträglichkeitsbericht für das zukünftige „Schneeparadies Hasliberg-Titlis“ ist allerdings schon erarbeitet, und so fühlt man sich zwischen Meiringen und Engelberg stark genug, im Laufe dieses Jahres das Konzessionsgesuch für die ersten beiden Bahnen einzureichen. Es geht, so sieht man es hier, um das langfristige touristische Überleben von zwei ansonsten bedeutungslosen Gebirgstälern. Wer in Zukunft in den Alpen nicht als mittleres Skigebiet auf den Freizeitbedarf der lokalen Bevölkerung zurückfallen, sondern im globalen Wettbewerb um den internationalen Touristen mithalten wolle, müsse sich der Konkurrenz mit anspruchsvollen und rentablen Konzepten stellen.
„Wir haben hier nur den Tourismus“, sagt Otto Anderegg von den Bergbahnen Hasliberg-Meiringen, „ohne die Skifahrer könnten wir nicht überleben.“ Aber genau das wollen sie, und zwar hier in ihren Alpendörfern. Und deshalb sehen sie es nicht gern, wenn sich die Leute aus den Städten, ob Behörden oder Umweltverbände, in ihre Angelegenheiten einmischen. „Wir reden ja auch nicht mit beim Stadion- oder Hochhausbau in Zürich“ ist ein Argument, das nicht nur Otto Anderegg vorbringt.
Hoffnung auf den asiatischen Besucherstrom
Von den Finanzen wird zwischen Engelberg und Meiringen am wenigsten gesprochen, weil die Titlis-Bahn durch den erfolgreichen Ganzjahresbetrieb zu den rentabelsten Bahnen der Schweiz gehört und deshalb den größten Teil der Investitionen tragen könnte. In Meiringen-Hasliberg hat man in den vergangenen zehn Jahren großzügig, aber offenbar solide investiert und sieht sich für einen Ausbau des Skigebiets ebenfalls finanziell gerüstet. So erhofft man sich langfristig einen wechselseitig nutzbringenden Ski- und Tourismusverbund: Oberhalb und jenseits von Hasliberg verfügt man über die Südhänge, von denen Engelberg träumt.
Und in Meiringen träumt man nicht nur davon, das südliche Eingangstor einer bedeutenden Skischaukel zu werden, sondern man hofft außerdem, durch den Zusammenschluss ein wenig vom asiatischen Besucherstrom abzubekommen. Einen spektakulären Aussichtsturm für das von Indern und Chinesen bevorzugte Bergerlebnis hat man schon errichtet: den „Alpentower“ auf der Spitze des Planplatten. Von der rundum verglasten Bar auf 2250 Meter Höhe schaut man nicht nur hinüber zum Partnerberg Titlis, sondern hat unter sich die spiegelnde Oberfläche des Brienzer Sees und dahinter die vergletscherten Bergriesen des Berner Oberlands im Blick - ein Panorama, das auch die weiteste Anreise lohnt.
Text: F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite R5
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, F.A.Z., picture-alliance/ dpa
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Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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Liebe FAZ, von der zb (Zentralbahn), welche unter anderem die Linie nach Engelberg betreibt, scheint ihr keine Ahnung zu haben.
Der restliche Artikel ist hingegen sauber und gut recherchiert. Einzig die Bezeichnung rückständig für das Skigebiet Melchsee-Frutt halte ich für nicht gerechtfertigt.
Die Bahn wird seit der Eröffnung elektrisch betrieben. Dampfloks fuhren dort nur während des Baus!bevor er aus der Ebene des Vierwaldstätter Sees hinauf in die Berge schnauft.
In Obermatt beginnt in der Tat die Zahnstangenrampe, aber deswegen wechselt der Zug nicht die Spurweite, sondern bleibt schmalspurig.in Obermatt wechselt er von der Normalspur auf einen Zahnradbetrieb
Die Züge werden von Triebwagen geführt, nicht von Lokomotiven. Früher war es aber so. Da fuhren auf der Talstrecke Adhäsionstriebwagen welche von Zahnradloks über die Steilstrecke befördert wurden. Die heute eingesetzten Triebwagen verfügen über Adhäsions- und Zahnradantrieb, sodass der Schiebedienst nicht mehr benötigt wird.Kurz hintereinander schieben zwei Lokomotiven je zwei Waggons das letzte Steilstück nach Engelberg hinauf.
Der restliche Artikel ist hingegen sauber und gut recherchiert. Einzig die Bezeichnung rückständig für das Skigebiet Melchsee-Frutt halte ich für nicht gerechtfertigt.
Probably waking up