Ein Artikel aus der Aachener Zeitung:
Die Ruhe vor dem Sturm: Mürren und das «Inferno»-Rennen
Mürren. Was haben das Schweizer Alpendorf Mürren in der Jungfrauregion und die Isle of Man in der Irischen See gemeinsam? Beides sind Orte vollkommenen Friedens - normalerweise.
Einmal im Jahr aber ist hier wie dort der Teufel los. Dann rücken Horden ehrgeiziger Freizeitsportler an, um in Amateurrennen ihren Mut zu beweisen. Auf der Isle of Man sind es Motorrad-, im Berner Oberland Skifahrer.
Zum Nervenkitzel gehört die Opferstatistik: Während bei der «Tourist Trophy» mit dem Motorrad regelmäßig Starter zu Tode kommen, geht es in Mürren trotz des Namens «Inferno-» oder «Teufels»-Rennen glimpflicher ab.
Dennoch sind Frakturen, Bänderrisse oder ausgekugelte Schultern keine Seltenheit. Von kleineren Zwischenfällen lassen sich die Teilnehmer ohnehin nicht beeindrucken: Das Rennen, in dieser Saison für den 24. Januar 2004 angesetzt, darf auch auf einem Ski beendet werden.
Die Ähnlichkeiten der Veranstaltungen kommen nicht von ungefähr: Auch das «Inferno»-Rennen in Mürren wurde von Engländern ersonnen. Das war 1928, sechs Jahre nachdem an gleicher Stelle ein englischer Hotelierssohn das erste Slalomrennen der alpinen Skigeschichte ausgeflaggt hatte.
Der erste «Inferno»-Sieger brauchte für die zwölf Kilometer lange Strecke deutlich über eine Stunde, den Aufstieg zum Startpunkt in 2970 Metern Höhe nicht mitgerechnet.
Die einzige beteiligte Frau verlor zehn Minuten, weil sie zurückstieg, um einem Havarierten mit Rippenbruch zu helfen.
Heute wird die Abfahrt von den Schnellsten in weniger als zehn Minuten gemeistert. Allerdings hinkt der Vergleich - genauso wie manche Teilnehmer nach der Zieldurchfahrt: Nur selten kann die ganze Strecke vom Schilthorn bis ins Tal bei Lauterbrunnen absolviert werden. Oft ist mangels Schnee schon in Mürren oder etwas tiefer in Winteregg Schluss.
Dennoch ist beständig vom längsten Abfahrtsrennen der Welt die Rede. Es geht über Steil- und Flachstücke, Traversen, Anstiege und Ziehwege, durch scharfe Kurven und enge Rohre.
Die Engländer, die Mürren Mitte des 19. Jahrhunderts für sich entdeckt hatten, sind in der Starterliste inzwischen etwas ins Hintertreffen geraten. Die 1800 Teilnehmer stammen heute zu rund 80 Prozent aus der Schweiz und Deutschland.
Viele hundert Interessenten müssen jedes Jahr abgewiesen werden. Schon jetzt kommen die letzten Starter manchmal erst in der Dämmerung an.
Aus dem Abenteuer für exzentrische Individualisten ist ein professionell organisierter Massenbetrieb geworden. Gestartet wird im Zwölf-Sekunden-Takt, der Sturzhelm ist Pflicht.
Den Aufstieg zum Schilthorn müssen die Teilnehmer auch nicht mehr zu Fuß auf sich nehmen. Seit 1967 führt eine Seilbahn dorthin. Sie wird nicht nur von Abfahrern genutzt.
Schließlich lockt hier in schwindelerregender Höhe ein anderes Wahrzeichen, das Mürren in aller Welt bekannt gemacht hat: Im Piz-Gloria-Drehrestaurant wurde kurz nach dem Bau der Seilbahn der James-Bond-Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» gedreht.
Das Restaurant dreht sich innerhalb einer Stunde um 360 Grad und gewährt eine einmalige Sicht auf die alpine Bergwelt. An guten Tagen sind 200 Gipfel und 40 Gletscher zu erkennen.
Im Anschluss lassen sich die Eindrücke bei einem Martini in der «James-Bond-Bar» verarbeiten - natürlich geschüttelt, nicht gerührt.
Für ein spektakuläres Panorama muss man sich aber nicht unbedingt in höchste Höhen begeben. Auch Mürren selbst hat Logenplätze en masse zu bieten.
Direkt gegenüber erstreckt sich das wohl berühmteste Triumvirat der Alpen: links der männlich-markante Eiger, rechts die fleischlich-formlose Jungfrau, in der Mitte - als Aufpasser - der wie mit einer Kutte bekappte Mönch.
Jede Tageszeit lässt das Massiv in einer anderen Schattierung erscheinen - Sattsehen ausgeschlossen.
Die Naturbeobachtung wird nicht von Motorlärm gestört. Wie das gegenüberliegende Schwesterdorf Wengen ist Mürren autofrei.
Schon die Anreise versetzt Urlauber in eine andere Zeit: Man erreicht das in 1650 Metern Höhe gelegene Dorf klassischerweise über eine alte Zahnradbahn ab Lauterbrunnen.
Sie überwindet während ihrer langsamen Fahrt 700 Höhenmeter und versetzt Insassen in banges Staunen, zu welchen technischen Leistungen Schweizer Ingenieurskunst im 19. Jahrhundert fähig war.
Mürren zählt nur etwa 460 Einwohner. Sie geraten in der Hochsaison in die Minderheit, wenn sich in 11 Hotels und 200 Ferienwohnungen bis zu 2000 Gäste einquartieren.
Doch von Wildwuchs oder Trubel kann hier keine Rede sein. Viele Hotels hätten schon die Teilnehmer des ersten «Inferno»-Rennens buchen können, etwa das «Regina» von 1911 oder das «Anfi Palace» von 1927. Dieses Grand Hotel im konservativen Heimatstil prägt noch heute das Ortsbild Mürrens.
Der Sohn des «Palace»-Besitzers, Arnold Lunn, war es auch, der 1924 den «Kandahar Ski Club» gründete und einige Jahre darauf das «Inferno» ins Leben rief.
Von Abfahrtsrennen hielt man damals in der Gegend nicht viel. Skifahren galt als Hobby für jene, die angeblich zu feige zum Skispringen und zu schwach zum Langlaufen waren. Das «Inferno»-Rennen dürfte damit gründlich aufgeräumt haben.
Informationen: Mürren Tourismus, CH-3825 Mürren (Tel.: von Deutschland: 0041/33/856 86 86, Fax: 0041/33/856 86 96, Internet: http://www.muerren.ch).
Von Tobias Wiethoff (22.10.2003 | 11:17 Uhr)
Die Ruhe vor dem Sturm: Mürren und das «Inferno»-Rennen
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Michael Meier
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(ironie an)
^^ Naja, woher soll man das in Aachen auch wissen
- in Zeiten der Rezession ist es halt einfach nicht drin, wenn man einen Artikel schreibt, extra dort hin zu fahren und zu recherchieren. Und dann auch noch in die teure Schweiz, das geht nun wirklich nicht!
(ironie aus)
^^ Naja, woher soll man das in Aachen auch wissen
(ironie aus)
"Seilbahnen sind komplexe technische Systeme. Sie sind Werke innovativen vielschichtigen Schaffens und bilden ein spannungsvolles Zusammenspiel technischer und wirtschaftlicher, politischer, sozio-kultureller und landschaftlicher Faktoren." (Schweizerisches Bundesamt für Kultur)
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Apropos teure Schweiz:k2k hat geschrieben:(ironie an)
^^ Naja, woher soll man das in Aachen auch wissen- in Zeiten der Rezession ist es halt einfach nicht drin, wenn man einen Artikel schreibt, extra dort hin zu fahren und zu recherchieren. Und dann auch noch in die teure Schweiz, das geht nun wirklich nicht!
(ironie aus)
in den von Deutschland her wohl eher "vernachlässigten" welschen Gebieten
gibt es erstaunliche Angebote.
Heute gesehen:
Arolla (www.arolla.com) - Gebiet geht bis auf fast 3000m, "offiziell" 47km Pisten:
Preis fuer eine Tageskarte letzten Winter: Erwachsene CHF 29 (ca. EUR 19). Und
vom 6. Jan bis 8. Feb (Nebensaison): CHF 15 (ca. EUR 9.50). Wenn das für diesen
Winter noch gilt, muss ich da mal hin
Das sollte doch konkurrenzfähig sein, oder?
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Michael Meier
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Vom Preis her schon nur wer tut sich über 2km Lange Poma Schlepper an?? Von denen stehen in Arolla 6 Stück und sonst nix. Das einzige Skigebiet in der Schweiz bei dem wohl alles stimmt ist Obersaxen. www.obersaxen.ch