Bildunterschrift:Im Schatten der Pistenbullys
Millionen Skifahrer vergnügen sich in den Alpen. Was kaum einer von ihnen mitbekommt: Während sie beim Après-Ski sitzen oder schon schlafen, rückt ein Heer von Helfern an, planiert die Pisten, sprengt Lawinen, flickt Fangnetze - manchmal die ganze Nacht.
Rosarot färbt die Sonne am späten Nachmittag den Himmel über dem Ankogel (3252 Meter). Die letzten Skifahrer ziehen ihre Spuren in den Schnee des kleinen Skigebietes bei Mallnitz im Nationalpark Hohe Tauern. Einige machen noch einen Einkehrschwung bei Heidi und Sepp Gferer im "Hochalmblick" und trinken einen Kaffee oder einen "Jagatee" zur Stärkung. Schließlich steht am Ende des Tages noch ein echter "Oberschenkel-Killer" bevor: die sieben Kilometer lange Talabfahrt hinunter in das Bergdörfchen.
Wenn die Touristen ihre Ski im Tal abschnallen und in Gedanken schon bei Hotelbar und Menükarte sind, kommen Thomas Posautz und seine Kollegen erst so richtig auf Touren. Posautz ist Betriebsleiter der Ankogel-Hochgebirgsbahnen in Mallnitz. Für ihn und seine 25 Mitarbeiter gilt die Devise: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel." Manchmal die ganze Nacht hindurch planieren sie Pisten, setzen Hinweisschilder, flicken Fangnetze, positionieren Absperrgitter und sprengen Lawinen aus den Steilwänden der Ankogel-Kette, die der Piste zugewandt sind. Am nächsten Morgen baggert die Gondelbahn wieder Hunderte von Skifahrern auf die frisch präparierten Pisten. "Kaum einer weiß, was in der Nacht alles passiert ist", sagt Posautz.
Doch auch tagsüber wird es dem Pistenteam nicht langweilig. Bei herrlichem Sonnenschein rutscht im Ankogel-Skigebiet ein nasses Schneebrett aus einem Hang. "Ein völllig ungewöhnliches Phänomen für diese Jahreszeit", sagt Posautz. In der Seilbahnstation bricht Betriebsamkeit bei den Männern mit den blauen Skianzügen aus. Sofort lässt der Betriebsleiter die nächstgelegene Piste absperren, obwohl sich der Schnee nur ein paar Zentimeter bewegt hat. Jahrelange Erfahrung und ein Auge, das nur Männer aus den Bergen für die raue Natur haben können, sind jetzt gefragt.
Posautz entschließt sich zur Sprengung. Mit einer kleinen Seilbahn fahren die Arbeiter eine Sprengladung Lawinit zur Abrutschstelle und haken sie dort aus. Der Sprengkörper fällt in den Schnee. "Gleich scheppert's", ruft Herbert Unterweger, der zur Absicherung dabei ist, neugierigen Skifahrern zu. Seine Worte gehen in einem lauten, dumpfen Krachen unter. Die Felswände werfen es als Echo vielfach zurück. Der Schnee aber bleibt träge liegen. Zu stark verfestigt ist die Masse. "Wenn die Sprengladung nichts bewirkt, ist eine Selbstauslösung einer Lawine erst recht ausgeschlossen", folgern die Experten. Der Skibetrieb kann weitergehen, der Problemhang bleibt dennoch keine Sekunde unbeobachtet.
Lawinit ist ein Spezialsprengstoff der eine besonders hohe Druckwelle auslöst. Dadurch soll die Lawine kontrolliert abrutschen, die Schneedecke ihre gefährliche Spannung verlieren. Um die 50 Euro kostet ein Schuss, der entweder aus einer Art Granatwerfer, aus dem Hubschrauber oder - wie am Ankogel - über Sprengseilbahnen auf die gefährdeten Stellen gebracht wird. Das Gesetz schreibt vor, dass jedes Skigebiet einen Fachmann beschäftigen muss, der mit Lawinit fachgerecht umzugehen gelernt hat.
Sieben bis acht Millionen Deutsche fahren nach Angaben des Deutschen Skiverbandes regelmäßig Ski oder Snowboard, die meisten davon verbringen ihren Winterurlaub in Österreich. Damit die Touristen gute Bedingungen vorfinden, sind jeden Tag Tausende Helfer in den Skigebieten im Einsatz. Herbert Unterweger ist einer von ihnen.
"Ich bin immer der Letzte auf der Piste", sagt der 57-Jährige. Tagsüber hat er schon eine Engländerin versorgt, die am Übungslift gestürzt war und sich den Arm verletzt hatte. Danach war der Pistenretter im Einsatz, als sich ein junger Snowboarder aus Deutschland den Fuß angebrochen hatte. "Wir haben ihn in die Seilbahn gebracht und ins Tal befördert", beschreibt er den Einsatz. Wenn sich der Skitag dem Ende neigt, fährt UNterweger mit der letzten Gondel jeden Tag noch einmal hinauf auf die Bergstation, auf 2630 Meter Höhe. Die Skier schnallt er erst an, wenn der letzte Tourist schon losgelaufen ist. "Alles raus?", fragt Unterweger im Restaurant noch einmal nach.
Dann geht es los, rasant den Hang hinab. Mit geschultem Auge mustert Unterweger gemeinsam mit seinem Kollegen Alexander Striednig während der Fahrt den Pistenrand, schaut nach Verletzten, Liegengebliebenen, aber auch nach umgefallenen Schildern oder undichten Stellen in den Fangnetzen. "Wenn wir durch sind, schaut keiner mehr nach Skifahrern", sagt Unterweger.
Wenn auch der Pistendienst im Tal angekommen ist, schlägt die Stunde von Klaus Lang (27). Während sich die Touristen im "Hochalmblick" fröhlich zuprosten, lässt der Bauernsohn schon mal seinen Pistenbully der Marke "Leitwolf" warmlaufen. 35 Pistenkilometer liegen vor ihm und seinen beiden Fahrerkollegen, wenn er um 16 Uhr den Dienst antritt. Das launische Wetter im Hochgebirge mit Windspitzen von über 120 Kilometern pro Stunde und Temperaturen bis unter minus 30 Grad bestimmen die Arbeitszeiten des Trios. "An einem schönen Tag können wir um Mitternacht fertig sein", sagt Lang. Kommt aber Neuschnee und wird der Pulverschnee vom Wind verblasen, wird der Pistendienst zur Schwerstarbeit. "Dann sind wir froh, wenn wir alles geschafft haben, wenn die Seilbahn öffnet", sagt Klaus Lang. Seit drei Jahren fährt er eine der drei Pistenraupen am Ankogel. Sechs Tage Arbeit, drei Tage frei - so geht der Rhythmus Tausender Bullyfahrer im Winter.
Den Gashebel in der Linken und einen Joystick für Schneeschild und Fräse in der Rechten, zieht KLaus Lang Abend für Abend seine Bahnen mit dem 430 PS starken und zehn Tonnen schweren Ungetüm. Wie mit einem Rasenmäher setzt er Spur an Spur, macht aus buckeligen und welligen Hängen glatte, problemlos befahrbare Carving-Pisten.
Wenn Klaus Lang seine letzten Runden dreht, künden rosa Wolkenschleier schon wieder vom nahen Sonnenaufgang. Bald werden die Skifahrer kommen, bald werden sie ihre Kurven auf Langs Tagwerk zeichnen - während seine Raupe schon wieder in der Garage steht und der Fahrer im Bett auf der Mittelstation liegt. Einen Dank für seinen harten Job erhalten Lang und seine Kollegen praktisch nie. Die Arbeit ist halt am besten gemacht, wenn sie gar nicht auffällt.
Im österreichischen Sölden spielen die Pistenbullys demnächst sogar die Hauptrolle in einer monumentalen Inszenierung: Am 11. April wird auf dem Rettenbachgletscher das Stück "Hannibal" aufgeführt. Mit Hilfe von Lichtinstallationen werden die Bullys zu Elefanten.
Auf Wunsch kann ich die Fotos des Artikels abfotografieren und reinstellen. Sind Bullys und Skifahrer drauf zu sehen, sogar in Farbe. Sagt Bescheid, dann mach ich's gerne.