Die Voraussetzungen hätten allerdings auch besser nicht sein können. In der Woche vor unserer Anreise hatte es pausenlos geschneit, was wir am Tag unsere Anreise auch zu spüren bekamen, als wir nach ca. 15 Stunden Autofahrt nur mit viel Mühe und unter Einsatz der Muskelkraft aller Beifahrer die Straße zu unsere Unterkunft ohne Scheeketten bewältigen konnten.
Mit Ausnahme unseres ersten Skitags, an welchem wir auf der Grand Motte einen astreinen White-Out erlebten, und ich dabei auch mal für kurze Zeit kopfüber in 1 Meter Neuschnee feststeckte (was in mir ein durchaus unbehagliches, um nicht zu sagen panikartiges Gefühl hervorrief), hat es der Wettergott durchaus gut mit uns gemeint.
Und so durchpflüge ich nun seit Montag unter strahlendem Sonneschein das riesige Areal welches den Namen des wohl berühmtesten französischen Skifahrers trägt. Hauptsächlich bin mit meinen Slalomskiern auf den perfekt preparierten, bzw. gnadenlos verbuckelten Abfahrten innerhalb der Skigebietsgrenzen unterwegs, aber natürlich finde ich mich nach den ergiebigen Neuschneefällen der letzten Woche auch immer wieder abseits der markierten Pisten wieder.
An diesem Donnerstag beschliesse ich nach unserem allmorgendlichen Ausflug nach Tignes und retour, und unserer Mittagspause in unserem Appartment in Val d'Isere, mich am Nachmittag in Richtung Glacier de Pissailas aufzumachen.
Da sich der Rest unserer Gruppe für diesen Sektor des Skigebiets nur wenig begeistern kann, ist schnell klar, dass ich den Nachmittag wohl alleine verbringen werde, was mich aber nicht weiter stört, da ich dadurch auf niemanden Rücksicht nehmen brauche, was Risiko und Schwierigkeitsgrad der Abfahrten angeht.
Gegen 13:45 Uhr mache ich mich also auf Richtung Pissaillas, und gegen 14:45 erreiche ich die Passhöhe des im Winter natürlich gesperrten, und teilweise als Skipiste verwendeten Col d'Iseran.
Blick Richtung Albaron (der "Toblerone"-artige Gipfel in der linken Bildhälfte) und Pointe de Charbonnel (rechts der Bildmitte)
Und das gleiche noch mal mit Schneekanone im Vordergrund.
Blick zum Gletscherskigebiet
Blick weiter östlich Richung Maurienne und Vanoise Massiv mit Grand Casse und Grande Motte
Und dann gibts da noch das hier
Eine Spur an der Flanke der Aiguille Pers entlang, die am Col Pers zu enden scheint.
Neugierig geworden nehme ich die 4KSB Cascades und den SL Montets und stehe wenig später am höchsten Punkt des Pissaillas-Sektors.
Auch von hier hat man einen atemberaubenden Ausblick auf die umliegende Bergwelt
Berg- und Talstation (und einige Stützen) des sich nicht mehr im Betrieb befindlichen SL 3300 stehen noch.
Und als Kontrast die Bergstation und der Ausstiegsbereich des zu dieser Saison komplett erneuerten SL Montets.
Man beachte die Abspannung am Berg.
Die vom Col d'Iseran aus entdeckte Spur führt direkt von der Bergstation des SL Montets die Flanke der Aiguille Pers entlang...
... zum Col Pers, wo eine Absperrung und ein großes Hinweisschild vor der Weiterfahrt warnt.
So, nun stehe ich also hier. Alleine, mitten im hochalpinen Gelände wo ein Hinweisschild nicht unbedingt zum weiterfahren einlädt.
Was soll ich also tun? Ein Blick Richtung gesichertem Skigelände sieht durchaus einladend aus, und ich wäre nicht der erste der diese Richtung einschlagen würde.
Aber wie sieht es eigentlich hinter der Absperrung aus?
Zumindest ansehen will ich es mir einmal und so umfahre ich die Absperrung und stehe kurz danach am Beginn einer offensichtlich viel befahrenen Variantenabfahrt.
Mein Herz schlägt schneller und sofort steht fest, das ich auf keinen Fall mehr umkehren werde, denn die Aussicht verspricht Off-Piste- Vergnüngen vom feinsten, auch wenn die Abfahrt teilweise schon fast pistenähnliche Verhältnisse angenommen zu haben scheint.
Zu Beginn wartet ein durchaus steiler, aber nicht unüberwindbarer Buckelhang darauf bezwungen zu werden.
Die Einfahrt in den Starthang gestaltet sich als etwas unangenehm, da der Wind am Col Pers während der Schneefälle der letzten Woche sein Unwesen getrieben hat, und somit einig Steine zum Vorschein kommen.
Nach den ersten Höhenmetern ist die Schneeauflage aber wieder komfortabel, und so arbeite ich mich den ersten Hang hinab, durch sanfte, und durch die Nachmittagssonee etwas aufgefirnte Buckel, bis meine Oberschenkel nach einer Pause verlangen.
Ein Blick zurück zaubert mir ein leichtes Grinsen aufs Gesicht.
Und ein Blick nach vorne setzt Glückshormone frei
Nun gilt es erstmal Schwung zu holen um ein kleines Flachstück zu überwinden was aber bei den Verhältnissen mit meinen kurzen und schmalen Slalomski trotz der pistenähnlichen Zustände gar nicht so einfach ist. Immer wieder breche ich im Flachstück mit meinen Latten durch den zu dünnen und instabilen Harschdeckel der sich durch den Sonnenschein der letzten Woche gebildet hat.
Nach dem Flachstück Blicke ich nochmal zurück und bemerke eine weitere mögliche Variante.
Um eventuell noch unverspurtes Gelände vorzufinden und dem "Massenfreeridetourismus" (was für eine Wort) zu entfliehen, könnten man nach dem ersten Steilstück an der dem Skigebiet abgewandten Seite der Aiguille Pers weiter taleinwärts queren.
Auf das Flachstück folgt wieder ein toll zu fahrender, mäßig geneigter Hang.
Bevor es wieder etwas steiler wird halte ich an und genieße die Abgeschiedenheit dieses Ortes.
Kein Lift oder sonstige Infrastruktur stört hier das Lanschaftsbild.
Das zu befahrende Areal ist riesig. Und trotz der, für eine nicht im Pistenplan eingezeichneten Abfahrt offensichtlich hohen Frequentierung, treffe ich bis zur Rückkehr ins Pistengebiet gerade mal auf ungefähr ein Dutzend Leute.
Es folgt der wohl interessantest Teil der Abfahrt. Das Gelände ist nun durchsetzt von kleineren Rinnen die zum größten Teil befahren werden können.
Kurz darauf folgt die letzte Steilstufe bevor der erste Teil der Abfahrt in einem Hochtal endet.
Von hier aus hat man einen tollen Blick auf das Quellgebiet der Isere mit seinem Gletscher.
Und fast gegenüber liegt das Refuge du Prariond welches allerdings im Winter geschlossen ist.
Es folgt der Teil der Strecke, welcher der Abfahrt ihren Namen gibt.
Im Bobbahnstil geht es durch die Gorges de Malpasset.
Ein kurzer Blick zurück...
... und weiter gehts.
Großteils fährt man direkt auf der zugefrorenen und schneebedeckten Quelle der Isere, deren plätschern im Untergrund auch deutlich zu hören ist.
Mittlerweile wird auch der Blick ins "normale" Skigebiet des Espace Killy wieder frei.
Am Ausgang der Schlucht kommt auch die Isere wieder zum Vorschein
Einem letzten Blick zurück in die Bobahn folgt das letzte Flachstück, bis man schließlich an der (von Val d'Isere aus gesehen) ersten Kehre des Col d'Iseran wieder auf gesichertes Pistengebiet stößt.
Von hier aus sind dann noch ca. 500 Meter schieben auf der leicht abschüssigen Passstraße angesagt bis ich die Pendelbahn von Le Fornet erreiche.
An der Pendelbahn überlege ich ob ich die Tour gleich noch einmal wagen soll, entschließe mich aber aufgrund der schon fortgeschrittenen Stunde dagegen und mache mich auf den Rückweg Richtung Unterkunft.
Erst später am Abend lese ich dann im Tourismus-Magazin von Val d'Isere das diese Tour quasi den Variantenklassiker von Val d'Isere darstellt, wodurch mir so einiges klar wurde.
Fazit: Schöne, ohne Aufstieg erreichbare und dadurch viel befahrene klassische Route im hochalpinen Gelände mit einigen Höhepunkten. Nicht allzu schwer und dadurch auch für den durchschnittlichen Skifahrer machbar. Sollte bei einem Urlaub im Espace Killy nicht fehlen. Allerdings dürfte die Bobbahn durch die Gorges nach Neuschneefällen durchaus lawinengefährdet sein.