Anfahrt: Ried (Inntal) - Kaunertaler Gletscher (Ochsenalm) ca. 45 Minuten
Wetter: Schön, im Skigebiet ca. -8°C bis 0°C
Schnee: Im Skigebiet ca. 100-200 cm Pulver- oder Hartschnee
Anlagen geöffnet: alle
Wartezeiten: Keine bis max. 1,5 Minuten
Gefallen: Hochalpine Szenerie, Wetter, Südtirol-Panoramablick aus dem Karlesjoch
Nicht gefallen: Enttäuschend langweiliges Skigebiet, dessen banale Anspruchslosigkeit in großem Widerspruch zur aufwändigen, Naturraum beanspruchenden Anfahrtserschließung steht.
Bewertung:
Website: http://www.kaunertaler-gletscher.at/
Pistenplan © http://www.kaunertaler-gletscher.at:
Mein Familien-Skiurlaub im Tiroler Oberinntal ermöglichte mir den Besuch des Skigebiets Kaunertaler Gletscher, für das allein ich mir wohl nie die Mühe gemacht hätte, die Region anzusteuern. Der Kaunertaler Gletscher wurde als letztes der Tiroler Gletscherskigebiete gegen den Protest der Alpenvereine und Umweltschutzverbände erst im Jahr 1980 erschlossen; danach war Schluss. Mit dem Projekt wurden den Kaunertalern damals goldene Zeiten in Lohn und Brot versprochen. Unsere Vermieterin, die Kaunertaler Verwandtschaft hat, berichtete, dass das so nicht eintrat. Viele Kaunertaler Vermieter beklagen nach ihren Worten Zimmerleerstand, denn länger als ein verlängertes Wochenende mag nur ein Teil der Skigäste im Kaunertal bleiben. Den ursprünglichen Sommerskibetrieb am Kaunertaler Gletscher hat man wegen Gletscherschwunds eingestellt. Es gibt nun Frühjahrsski bis Juni, in guten Jahren auch bis Anfang Juli. Unter der Impression des bereits früher besuchten Pitztaler Gletschers war ich gespannt auf sein Kaunertaler Pendant.
Wie auch das Pitztal ist das Kaunertal ein ausgeprägtes, langes Kerbtal mit bäuerlicher Besiedlung, dessen steile, lawinengefährdete Hänge über den gesamten Talverlauf kaum eine Möglichkeit für die Existenz eines erschlossenen Skigebiets lassen. Ab Ried im Inntal zieht sich die weitgehend tempolimitierte Anfahrt eine gute Dreiviertelstunde bis zum Einstieg ins Gletscher-Skigebiet hin. Einziger erwähnenswerter Ort im Kaunertal ist Feichten mit einigen Hotels. Doch selbst von hier sind es noch mehr als 20 Minuten Anfahrt über 17 km Mautstraße per Pkw oder Bus zum Skigebiet - nicht wirklich attraktiv. Ein gutes Stück oberhalb von Feichten hat man im Jahr 1964 den Gepatsch-Stausee ins bis dahin weitgehend unberührte Kaunertal gebaut. Laut Wikipedia dient der Stausee der Stromerzeugung im Kaunertalkraftwerk in Prutz unten im Inntal. Im Winter ist er allerdings weitgehend abgelassen ... wird dann weniger Strom benötigt und produziert?
Die langsame Fahrt ab Feichten auf der kurvenreichen, schmalen, z.T. reparaturbedürftigen Mautstraße zieht sich weiter am langen Stauseebecken entlang und erreicht endlich den Talschluss. Wer hier am Fernergries bzw. am Gepatschhaus auf rund 2000m Höhe in hochalpiner Kulisse endlich das Skigebiet Kaunertaler Gletscher erwartet, wird eines besseren belehrt. Die serpentinenreiche Straße wurde noch weiter hinauf in ein Seitental gebaut, wo die Zubringer-4KSB Ochsenalm erst auf 2150m Höhe startet. Auch hier ist noch nicht Schluss damit, den Individualverkehr in sensible, hochalpine Bereiche zu schaufeln. Die Mautstraße wurde bis zur Skigebiets-Mittelstation Weißsee auf 2750m Höhe hinauf gebaut. Sie wird selbst im Winter bis hier oben geräumt, und es gibt hier direkt am Gletscher große Parkflächen - für mich eine nicht zeitgemäße Disneyland-Impression.
Ich parke mein Auto also an der "Talstation" Ochsenalm auf 2150m Höhe und fahre mit der 2700m langen 4KSB Ochsenalmbahn hinauf zur Station Weißsee. Angesichts der aufwändigen Anfahrtserschließung ohne Berücksichtigung von Naturschutzprioritäten erwarte ich hier oben nun wenigstens ein hochattraktives Skigebiet, das seines Gleichen sucht. Doch weit gefehlt. Ab der Station Weißsee auf 2750m Höhe erschließen fünf Schlepplifte ein Terrain zwischen flach und ganz flach, für das selbst die Pistenfarbe blau zum Teil noch geschönt ist. Die 8EUB Karlesjoch (Bj. 2008), die den mit 3107m höchsten Punkt des Skigebiets Kaunertaler Gletscher erschließt, besitzt laut Pistenplan als einzige Anlage immerhin eine rote und eine schwarze Abfahrt. Doch selbst diese entpuppen sich beim Fahren als real blau mit ein oder zwei kurzen Steilstücken zum Beschleunigen. Das war's dann auch schon. Der Rest ist Kinderskischulgelände mit ~30 km Anfahrtsweg aus dem Inntal - der vom Skiangebot her mit Abstand unattraktivste der vier erschlossenen Tiroler Gletscher. Für ein derart anspruchsloses, langweiliges Skigebiet hat man also die einzigartige Abgeschiedenheit eines kompletten inneralpinen Gletscher-Hochtals vernichtet. Prost Mahlzeit. Wie das hier im Sommer ist, wenn auch noch nervtötender Motorradlärm durchs Hochtal brüllt, will ich gar nicht erst wissen. Einzige Glanzpunkte meines Skitages bleiben die übergreifende Hochgebirgsimpression und der tolle Blick aus dem Karlesjoch ins Langtauferer Tal und über halb Südtirol bis zur Berninagruppe.
Am Kaunertaler Gletscher ist die zusätzliche Erschließung der 3526m hohen Weißseespitze mit Seilbahnanlagen projektiert. Ich drücke ausnahmsweise die Daumen, dass dieses Projekt nicht durchkommt. Als Alpinskifan bin ich grundsätzlich weder gegen lifttechnische Verbindungs-Erschließungen noch gegen Neuerschließungen, wo diese infrastrukturell Sinn machen und keine besonders sensiblen Bereiche beeinträchtigen. Aber in der Abgeschiedenheit des Kaunertaler Gletschers empfinde ich Neuerschließungen im Stil von 1975 im Jahr 2011 als nicht mehr zeitgemäß.
Fazit:
Auf die Gefahr hin, vom Forum zerrissen zu werden:
Wer im Raum Kaunertal Alpinski fahren möchte, sollte lieber nach Fendels hoch über dem Taleingang fahren. Dort macht Skifahren mehr Spaß. Modernisierungspläne und einen Plan für die Skigebietsausweitung bis nach Vergötschen im Kaunertal gibt es allerdings auch dort.
Fotos:
Staudamm des Gepatschspeichers auf ca. 1900m Höhe. Die Mautstraße führt über die Dammkrone auf die talaufwärts gesehene rechte Seite des Stausees.
Gepatschspeicher, im Winter zu zwei Dritteln abgelassen. Die schmale Mautstraße (Tempo 30) zieht sich am rechten Ufer entlang und folgt den Seitental-Einschnitten. Die Straße am linken Ufer war bei meinem Besuch gesperrt und zugeschneit. Hinten rechts die Weißseespitze, unter der sich ein Teil des Gletscherskigebiets befindet.
Talschluss des Kaunertals: Fernergrieß auf ca. 1950m Höhe nach ca. 15 Minuten Mautstraße. Nein, hier ist das Skigebiet Kaunertaler Gletscher noch nicht. Außerhalb des Bildausschnitts führt die Mautstraße weiter ins Seitental nach rechts oben. Keine Ahnung, warum man das Seitental 1980 per Straße statt per Seilbahn erschlossen hat.
Mautstraße auf 2100m. Hinten erkennt man bereits die 4KSB Ochsenalm.
Talstation 4KSB Ochsenalm, 2150m. Sehr, sehr hoch gelegen für die Tal(!)station eines Skigebiets.
Mittelstation 4KSB Ochsenalm. Der Fahrgast steigt nicht aus, sondern lässt den Sessel durch die Station fahren. Insgesamt ist die 4KSB über beide Sektionen 2700m lang.
Station Weißsee. Parkplätze im hochalpinen Gelände auf 2750m, ohne dass es sich um eine Passtraße handelt. So etwas will ich hier oben nicht sehen.
SCHL Nörderjoch 1. Klassische DM-Gitterportalstützen, viel zu leichte Schusspiste.
SCHL Nörderjoch 1 mit Weißseespitze, die leider viel von ihrer früheren Gletscherpracht eingebüßt hat.
SCHL Nörderjoch 2. Noch eine arg leichte Piste, diesmal allerdings direkt unter einem Gletscherabbruch. Oberhalb gab es mal den SCHL Nörderjoch 3, der um 1999 nach nur 2 Jahren Existenz wegen unerwartet starker Gletscherbewegung demontiert werden musste.
DoppelSCHL Weißseeferner, 2000m lang und im unteren Teil flach wie das Nordpolareis. Oben leichte, unten viel zu leichte Schusspiste. Daher unlohnend.
DM-Gitterportalstützenwald des Doppelschlepplifts Weißseeferner. Der Steilhang hinten ist der einzige Lichtblick beim ansonsten extrem flachen Trassenverlauf.
Trasse DoppelSCHL Weißseeferner.
SCHL Falgin, eine Wopfner-Anlage. 545m Langeweile - was für ein sinnloser Hang. Da sind sogar Skihänge im Harz interessanter.
8EUB Karlesjoch (Leitner) von 2008. Ersetzte eine Sesselbahn und einen Schlepplift.
8EUB Karlesjoch. Die präparierte Spur unter der Seilbahntrasse soll eine schwarze Piste sein. Der reine Anblick genügt, um das zu widerlegen. Die Piste ist eher blau mit einem Beschleunigungs-Zwischen-Steilhang.
Trasse 8EUB Karlesjoch mit Gabelung schwarze/rote Piste (beide sind real blau).
Großartiger Blick aus dem Karlesjoch ins Südtiroler Langtauferer Tal und weit über die Ostalpen.
Zoom Berninagruppe.
Zoom Skigebiet Maseben in Melag im Langtauferer Tal. Eine DSB, ein Schlepplift.
Noch ein Zoom aus dem Karlesjoch: Das weiße Dreick unterhalb der Bildmitte ist ein Stück Reschensee. Knapp rechts oberhalb der Bildmitte am flachen Hang das Reschener Skigebiet Schöneben. Am Bildrand links müssten die Anlagen des Skigebiets Haideralm von St. Valentin sichtbar sein, ich erkenne dort aber nichts.
Oberer Teil der Talabfahrt Ochsenalm. Die Talabfahrt ist nicht viel interessanter als das Gletscherskigebiet - einfach zu flach und zu glattgebügelt. Vermittelt wenig Fahrspaß.