Hochlitten, 2.1.2012

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Chasseral
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Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von Chasseral »

Hochlitten, 2.1.2012

… wir überqueren langsam rutschend die Staatsgrenze. Die Ereignisse bis zu diesem Zeitpunkt finden sich hier im Nachbarforum.


In Österreich war ich in den letzten Jahren nicht allzu oft zum Skifahren. Gerüchte sprechen ja davon, dass es in Österreich skifahrerisch und erschliessungstechnisch hoch herginge. Man erzählt von Märchen wie zig kuppelbaren Sesselbahnen pro Gebiet, vollmodellierten, auf Carving und Beschneiung optimierten künstlichen Pisten im dreistelligen und zusätzlich übertriebenen Kilometerberereich. Weiters von Einkehr-Etablissements, welche die mit modernsten Mitteln des Marketings und größtem Aufwand kreierte authentische alpenländisch-anheimelnde Atmosphäre mit mehr als 100 Dezibel und vielen Promillen in die Köpfe der Gäste infiltrieren. Was ist dran an diesen Geschichten? Vermutlich überhaupt nichts! Eine Horde geltungsbedürftiger Marketing-Jungdynamiker hatte wohl entsprechende Konzepte ausgearbeitet und wollte diese zunächst in Gebieten wie Paznauntal, Ötztal, Zillertal und Arlberg zum Einsatz bringen. Aber die Verantwortlichen haben wohl rechtzeitig erkannt, dass für derartige Konzepte keinerlei Absatzpotenzial in den relevanten Kundensegmenten besteht und haben sie dorthin verfrachtet, wo sie heute noch liegen – in der Schublade.

Doch überzeugen wir uns selbst, wie es um die Skikultur in Österreich bestellt ist! Was liegt hier näher als geeignetes Testobjekt als der Hochlitten?

Schon auf den ersten Blick strahlt dieses Gebiet am westlichen Fluh-Nordhang eine gemütlich-idyllische Atmosphäre aus, insbesondere im direkten Vergleich zu seinem deutschen Nachbarskigebiet direkt östlich davon an der Fluh (Steibis). Die Hänge bestehen aus offenen Wiesenflächen, einzelnen Baumgruppen und kleineren Wäldchen, flankiert vom richtigen Wald an der Fluh auf der linken Seite des Skigebiets. Die Hänge sind naturbelassen, was netten Fahrspass erwarten lässt. Das deutsche Fluh-Pendant Steibis strahlt dagegen mehr Sachlichkeit und Modernität aus. Indizien sind in Steibis strassenähnlichere Pisten mit mehr Leuten drauf, sowie grössere Einkehrstationen mit mehr Menschen und lauterer Musik, und auch Begleiterscheinungen wie ein modernes Zugangssystem. Insofern lässt sind erstmal Schlussfolgern: Skifahren in Österreich bedeutet Beschaulichkeit.

An dieser Stelle ein kleiner Schock: Am längsten Lift (Grenzlift) steht eine ordentliche Schlange – trotz dem bescheidenem Wetter mit mässigem Regen. Da ist es im Nachhinein wohl doch nachteilig, dass die vor etwa 5 Jahren bestellte 4SB vom Spediteur versehentlich am benachbarten Berg abgeladen worden ist, wo man sie kurzerhand aufgestellt hat, bevor der Irrtum bemerkt wird und die Bahn zum Hochlitten zurücktransportiert wird. Ob der Hochhäderich die Bahn noch dringender braucht als der Hochlitten, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall tut die Schlange der gefühlten Beschaulichkeit keinen Abbruch. Diese Liftschlange vermittelt weniger den Eindruck von „gepushter“ Überfüllung als vielmehr das Gefühl der anstehlastigen 70er Jahre.

Thema Zugangssystem: Ja, auch hier die österreichische Beschaulichkeit. Es werden Karten aus dünnem Kartonpapier verkauft, die mit dünnen Kabelbindern am Anorak befestigt werden. Heute, im Regen weichen die Karten durch und fallen, ab; aber das wissen die Liftler und akzeptieren es.

Das Skigebiet ist schnell dargestellt: Links am Waldrand verläuft der Grenzlift als längster Lift mit etwa 200 Höhenmetern. Ganz rechts verläuft der Hochlittenlift, ein Kurzbügler, der ein wenig kürzer ist und auch Pisten rechts des Liftes bedient. Dazwischen läuft als Übungslift der Hüttenlift, der nur etwa halb so lang ist wie die äusseren Lifte. Die Pisten sind mit ihrer natürlichen Geländestruktur spassig zu fahren. Sie bieten viele Neigungswechsel und einige Kurven und führen mit den Baumgruppen durch kleinräumig abwechslungsreiche Landschaft. Ausserdem gibt es hier in Relation zu den wenigen (3) Liftanlagen recht viele Pisten – auch hier ein deutlicher Gegensatz zum „Steibis-Bruder“. Bei bescheidenen Grunderwartungen kann man hier für einige Stunden durchaus mit viel Spass Ski fahren. In vielen Belangen bietet dieses Gebiet einen guten und deutlichen Kontrast zum deutschen Nachbarskigebiet.

Leider wird zunächst der Regen stärker, und dann ziehen auch noch die Wolken voll in den Hang herein und rauben uns die Sicht, so dass wir es bei ein paar Lift- und Abfahrten belassen. Ich bin wieder gesäubert und habe einen (tendenziell positiven) Eindruck von diesem Gebiet erhalten, so dass wir wieder zurück zum Wagen fahren. Bei guten Verhältnissen kommt man von Grenzlift durch ein paar Gräben und lichte Waldstellen ohne grosse Schieberei nach Hagspiel. Wir entscheiden uns aufgrund von Wetter/Sicht für die „sicherere“ Variante: Wir erklimmen zu Fuss einen kleinen Hügel links des Liftes und fahren von diesem Zum Bauernhof (An-/Abschnallpunkt auf deutscher Seite) ab.

Fazit: Der Hochlitten ist ein Halbtagsgebiet, das sich an Anfänger, Familien und Skiclubs richtet. Demnach kann er keinen hohen Erwartungen an ein „richtiges“ Skigebiet standhalten. Dafür sind die Abfahrtslängen (bis 1 km), die Höhendifferenzen (bis 200 m) und die Höhenlage (1.000 – 1.200 m) zu gering. Dafür fehlt die großräumige Vielfältigkeit, da sich alles mehr oder weniger an einem Hang abspielt. Besucht man den Hochlitten aber mit dieser Kenntnis und der entsprechend bescheidenen Erwartungshaltung, kann er mit seinen interessant und natürlich trassierten Pisten durchaus punkten. Hier ist in Relation zur Gebietsgrösse ein grosser Fahrspass möglich. Vor allem ist er in vielen Belangen ein starker Kontrast zum anderen Fluh-Skigebiet in Steibis und bietet sich daher als perfekte Ergänzung an. Merkwürdig, dass man diese beiden Fluh-Skigebiete nicht verbunden hat. In eine Richtung ist die Verbindung in unpräpariertem Gelände sogar möglich; in die andere Richtung würde ein kurzer Tellerlift samt anschliessendem Ziehweg ausreichen.
Und selbstverständlich: Der Hochlitten beweist mit seiner Idylle, Ursprünglichkeit und Gemütlichkeit, dass Österreich das Skiland ebendieser Eigenschaften ist. Die Mega-Erschliessungen in Österreich gehören ins Reich der Legenden.

Hier einige Bilder, diese sind wetterbedingt schlecht und rar. Als die dichten Wolken hereingezogen sind, habe ich das Photographieren eingestellt.

Bild
^^ Grenzlift (links) und Hüttenlift (rechts); die Anstehschlange, deren Ende hier sichtbar ist, taugt für gut 10 Minuten Wartezeit.


Bild
^^ Im Grenzlift


Bild
^^ Grenzlift, front de neige und Speicherteich


Bild
^^ Eine der Pisten in der Mitte des Gebiets, unten die Talstation des Hüttenlifts. Nicht alle Pisten hier sind so gerade wie diese.


Bild
^^ Hochlittenlift im oberen Bereich und westliches Ende der front de neige. Man sieht die Baumgruppen, durch die man in vielfältigen Variationen hindurch fahren kann. Auch westlich des Hochlittenlifts finden sich einige Abfahrten.


Bild
^^ Hochlittenlift, ein Kurzbügler mit ungewöhnlicher Stützenform. Das Bild ist unscharf, aber aufgrund des immer stärker werdenden Regens und des aufziehenden Nebels konnte ich keine weiteren und besseren Bilder mehr machen.


Bild
^^ Eine der vielen Pisten zwischen Grenzlift und Hochlittenlift.


Das wars!


p.s.: Warum existiert eigentlich kein anderer Bericht über dieses Gebiet im Forum. Herrscht für dieses Gebiet eventuell ein Dokumentationsverbot?
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von molotov »

WE es sich für nen Tag eben nicht lohnt ;-)
Aber schaut genau so aus wie ich es vorgestellt habe. Zusammen mit dem Hochhädrich die Gebiete unseres Skiclubs für den Kinderkurs.
Aber: Merkmale eines Industriegebietes gibt's auch dort: Vollbeschneiung, soweit ich weiß.
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von molotov »

:-D
Bestechende Ehrlichkeit und etwas zum schmunzeln, danke dafür!
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von Fiescher »

Danke für den Bericht, wo die Welt in Österrreich auch noch in Ordnung ist. Zusammen mit dem Hochhäderich ist es sicher ein Gebiet für einen Tag. Ich muss ehrlich zu geben bis jetzt noch nix von dem Gebiet gehört zu haben, auch wenn ich schonmal in Steibis fahren war, aber mit dieser Ecke im Grenzgebiet hab ich mich aber auch noch nie auseinandergesetzt.
Aber es kommt mal auf die Liste drauf... :D
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von vovo »

Hey, das ist ja echt voll urig da hinten! Ich kann mich noch ganz vage erinnern, dass wir da bei einem Schullandheimaufenthalt in Hagspiel im Sommer 1990 vorbeigewandert sind. Übrigens sind wir damals auch in Steibis rumgestiefelt - aber leider wollten die blöden Lehrer nicht mit dem ESL rauf :evil:

Auf jeden Fall fahre ich lieber einen Tag dort den Grenzlift als dieses Massengebiet Steibis - mit Ausnahme der Schindelberger Ecke eben...
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von münchner »

Sieht so ein bisschen aus wie die Stützen am Taubenstein und vom Valeppalpelift (Spitzing), die haben auch so filigrane Rundrohrstützen.
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Chasseral
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von Chasseral »

In frequenzschwachen Zeiten wie dem derzeitigen Jännerloch hat der Hochlitten unter der Woche erst ab 12.30 Uhr Liftbetrieb. Dies unterstreicht die Positionierung als Halbtagesskigebiet.
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von Frankenski »

:wink: oft vorbei gefahren aber nie gehalten. Das die jetzt nee Beschneiung haben hätte ich nicht gedacht
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Chasseral
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von Chasseral »

Frankenski hat geschrieben:Das die jetzt nee Beschneiung haben hätte ich nicht gedacht
Sogar sehr umfangreich! Eventuell sogar Vollbeschneiung, zumindest aber die wichtigsten Pisten - habe nicht so genau drauf geachtet, wo überall Kanonen standen. Anfang Januar war aber eine solide Naturschneedecke; der Maschinenschneeanteil war wohl eher gering, da vorher nur an wenigen Tagen eine Beschneiung möglich war.
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von xcarver »

Wie oft ich dort früher war, beim selbsternannten "König des Kunstschnees"... ;D
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Re: Hochlitten, 2.1.2012

Beitrag von molotov »

Chasseral hat geschrieben:
Frankenski hat geschrieben:Das die jetzt nee Beschneiung haben hätte ich nicht gedacht
Sogar sehr umfangreich! Eventuell sogar Vollbeschneiung, zumindest aber die wichtigsten Pisten - habe nicht so genau drauf geachtet, wo überall Kanonen standen. Anfang Januar war aber eine solide Naturschneedecke; der Maschinenschneeanteil war wohl eher gering, da vorher nur an wenigen Tagen eine Beschneiung möglich war.
Der Kunstschnee um die Weihnachtszeit ist aber auch überlebenswichtig, die Skikurse bringen ordentlich Frequenz und ohne die würde es wohl düster aussehen.
Skilifte-Hochlitte.com hat geschrieben:Unsere Beschneiungsanlage ist inzwischen so optimal ausgebaut, daß wir bei kalten Temperaturen (-4°C) mit dem Skibetrieb innerhalb von 48 Stunden beginnen können.
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