anlässlich der hier in dem Beitrag "Blick über den Tellerrand" dargelegten Motive habe ich zur letzten Saison meine Skiatlantensammlung "internationalisiert". Dabei habe ich auch die 2013er Ausgabe des führenden englischsprachigen Skiatlasses erworben, Where to Ski and Snowboard von Gill & Watts.
Da es sich um ein - gerade mit Blick auf die deutschsprachigen Atlanten - bemerkenswertes Buch handelt, möchte ich - ziemlich verspätet, die 2014er Ausgabe ist bereits erschienen - das Werk hier vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die 2014er Ausgabe groß abweicht, so dass die meisten Ausführungen ihre Gültigkeit beibehalten werden und die Besprechung der Vorauflage daher durchaus noch Sinn macht.
Das Buch ist für ca. 22 Euro bei verschiedenen deutschen Onlinebuchhändlern erhältlich.
Ausstattung
"Where to Ski and Snowboard" hat knapp 700 Seiten, ist nicht gebunden und entpsricht vom Format her ungefähr A5 (es ist etwas höher). Der Textanteil ist deutlich höher als in den hier üblichen Atlanten.
Inhalt
Das Buch bespricht nach einem einführenden Teil zu verschienenen Themen ("Cutting your costs", "Flying to the snow"m "Drive to the Alps" u.ä.) folgende (abgesehen vom angehängten Kanada und dem Rest alphabetisch sortierte) Länder
10 Seiten Andorra
100 Seiten Österreich
180 Seiten Frankreich
4 Seiten Deutschland
66 Seiten Italien
72 Seiten Schweiz
72 Seiten USA
40 Seiten Kanada
16 Seiten Rest
Damit ist der Schwerpunkt (im Vergleich zu deutschsprachigen Atlanten) deutlich Richtung Frankreich und konkret deutlich in Richtung Retortenstationen, Appartmentresidenzen und flughafennahe Destinationen verschoben.
Gewöhnungsbedürftig ist die Sortierung innerhalb der Länder, die Gebiete sind nicht wie bei uns üblich nach Regionen geordnet, sondern ebenfalls alphabetisch sortiert, und zwar nach Ortsnamen. Dabei werden zusammengehörige Destinationen getrennt und separat besprochen. Das mag bei Lech und St. Anton auch geographisch begründbar sein (immerhin kann man nicht auf Skiern zwischen den Gebieten wechseln und es handelt sich um verschiedene Bundesländer). Dass aber Ellmau und Söll mit 60 Seiten Abstand besprochen werden, scheint mir kaum sinnvoll zu sein. Bei beiden Gebieten ist übrigens ein Pistenplan der Gesamtregion Wilder Kaiser abgedruckt, aber interessanterweise handelt es sich um verschiedene Versionen.
Noch gewöhnungsbedürftiger - aber der Zielgruppe geschuldet - ist die Auswahl der Gebiete, gerade in Österreich und der Schweiz. Während zum Beispiel Alpbach/Wildschönau auf 3 Seiten besprochen wird, werden die Gebiete des Montafons (Silvretta Nova, Hochjoch, Gargellen usw.) oder der Zugspitzarena (Ehrwald, Lermoos usw.) nur im Anhang (s.u.) erwähnt. Das erstaunt gerade beim Montafon, zumal es zwei Besprechungen "Vorarlberg - Bregenzerwald" und "Vorarlberg - Alpenregion Bludenz" gibt.
Der oben erwähnte Anhang ist aber gar nicht so schlecht:
Auf 30 Seiten folgen am Buchende durchaus brauchbare (unbebilderte) Kurzinformationen zu zahlreichen (ca. 1.000) Wintersportplätzen, die im Hauptteil nicht besprochen sind. Zum Beispiel
Da habe ich in meinen ADAC-Skiatlanten in 4seitigen Zugspitzarena-Besprechungen deutlich weniger aussagekräftige Texte gefunden, als in diesem Anhang. Die meisten Texte im Anhang sind allerdings deutlich kürzer.Lermoos
Pleasant little village with 30km of shady intermediate slopes on Grubigstein, and a pass giving access to a variety of other areas in the locality, including the towering (and glacial) Zugspitze, on the border with Germany. The slopes offer splendid views of the mountain. The village is compact, with good famlily-friendly hotels. Fast lifts go from both ends, serving some worthwile descents - including a fine black run and an area of ready-made moguls. The runs below mid-mountain are worthwile blues and reds, with good nursery slopes at village level. Lots of cross country trails along the flat valley.
...gefolgt von statistischen Angaben
Einzelbesprechungen
Die ausführlichen Einzelbesprechungen sind meist mehrere Seiten lang.
Fast immer ist der Pistenplan abgebildet. Originell ist, dass die Pistenpläne oft um sprechblasenartige Tips oder Anmerkungen ergänzt sind, die auf bestimmte Pisten, Beförderungsanlagen hinweisen, z.B.:
m.E. durchaus zutreffend zu den blauen Pisten nach Lech runterUncomfortably steep slopes immediately above the village
oder
zum Parkplatz des Sessels Perrières in Les Gets.if you're driving park here and take the fast chair into the slopes
Die sonstigen Abbildungen sind (anders als bei ADAC und DSV) deutlich seltener pauschal und übertragbar gehalten ("Skilehrer wedelt durch den Tiefschnee", "Heustadl im Schnee mit blauem Himmel", "Kinder auf einem Förderband"), sondern es handelt sich meist um Ansichten des Ortes und Panoramen des Gebietes. Gefällt mir.
Bei den Texten fällt in scharfem Gegensatz zu den deutschsprachigen Atlanten auf, das deutlich mehr Meinung und insbesondere auch Kritik geboten wird. Der Schreibstil ist humoriger. So wird einem Elternpaar, das im "Skiing with Family"-Teil nach Gebieten mit übertragbaren Skipässen fragt, der Erwerb von Ohropax empfohlen, damit könne man dann auch das Schreien der Kinder bei der Abgabe im Hort ertragen (anschließend werden dann aber noch einige konkrete Tips gegeben). Die Autoren geben konkrete Empfehlen, prangern auch bestimmte Punkte an. Z.B. kritisieren sie, dass eine ausgwiesene "Skiroute" in Österreich von einer planierten und kontrollierten Piste bis zu einer unpräparierten Back-Country-Safari mit Zwischenaufstieg und Schiebestück nahezu alles bedeuten kann. Die Texte sind in meinen Augen ausführlicher als in "unseren" Atlanten. Im ADAC-SkiGuide finden sich ja oft Allgemeinplätze der Art "für Anfänger gut geeignet, aber auch schwierigere Pisten werden geboten". Da werden Gill und Watts doch deutlich ausführlicher und konkreter.
Jeweils ausführlich besprochen (und mit bis zu 5 Sternen benotet) werden die Unterpunkte (am Beispiel Lech)
The Resort
Village Charm ****
Convenience ***
Scenery ***
The Mountains
Extent of the Slopes ****
Fast Lifts ****
Queues ****
Terrain Parks ****
Snow Reliability ****
For Experts ****
For Intermediates ****
For Beginners ****
For Boarders ****
For Cross Country ***
Mountain Restaurants ***
Schools and Gudes ****
For Families *****
Staying there
mit Hotelbesprechungen
Eating out ***
Apres Ski ****
Off the Slopes ***
Linked Resort
Zürs
Irritierend ist, dass das Buch zumindest im Österreich-Teil von offensichtlich bezahlter, nicht offen gekennzeichneter Werbung durchsetzt ist.
So wird mit gelben, auf die österreichischen Besprechungen verteilten Kästen mit den Hinweisen
oderDon't miss the latest in Austria. Check out p168.
oderSki Austria's Big Three. Where? See p168.
Hot news in Austria's hottest resort, p168.
oder
oderPsst! Wanna see Austria's best-kept secret? Check out p168.
jeweils Sölden beworben, wobei die Besprechung dort kritisch-ausgewogen erscheint und mir nicht ganz klar ist, was denn nun da ein Geheimnis oder die tolle Neuigkeit sein soll. Möglicherweise ist von versteckten Zahlungen auch die Auswahl der besprochenen Gebiete und der empfohlenen Hotels betroffen.Where is Austria's Golden Gate? Answer on p168.
Trotzdem meine ich insgesamt, dass es sich um eine ausgesprochen lohnende und interessante Publikation handelt. Nicht nur, weil es interessant ist, wie die Engländer auf so manches Gebiet blicken, sondern auch, weil das Bucg sich wegen der viel konkreteren Hinweise und ausführlichen Texte auch als ergänzenden Skiatlas für den Hausgebrauch eignet. Nur als Skiatlasersatz für den Nord-, Zentral- und Ostalpenraum taugt es gar nicht.
Ich hoffe, die Besprechung war für den ein oder anderen von Interesse.
Gruß
Björn