mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

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odolmann
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mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von odolmann »

Gersten lief im Mitteldeutschen Rundfunk eine Doku mit dem Titel Schnee von gestern - Hat Wintersport noch eine Zukunft? und Beispielen aus den mitteldeutschen Skidestinationen Oberwiesenthal (Erzgebirge), Steinach (Thüringer Wald) sowie Braunlage und Schierke (Harz). Letztlich wurden alle in diesen Skigebieten geplanten Investitionen für Neubauten oder Erweiterungen hinterfragt, dies auch weil die jeweiligen Gutachten zu Wirtschaftlichkeit und klimatischen Gegebenheiten für Wintersport kritisch anzusehen sind. Ich denke die meisten teilen die Ansicht dass ein langfristiger rentabler Betrieb in den Mittelgebirgen durchaus fraglich ist und deshalb Ganzjahreskonzepte unbedingt notwendig sind. Dennoch frage ich mich ob man allein mit Blick auf die klimatische Entwicklung (weniger Eistage, kürzere Schneifenster etc.) nun gar nicht mehr investieren sollte wie BUND, Grüner Ring etc. fordern. Ich habe auch keine Freude daran wenn ein Berg voll mit Technik gebaut wird um dort Event-Areas zu betreiben, aber Ersatzneubauten oder Erweiterungen sind aus meiner Sicht absolut gerechtfertigt. Nur wo ist die Grenze? Ist eine neue Piste zum erneuerten Lift schon zu viel an Eingriff? Wie viel schützenswerte Natur befindet sich noch rund um bzw. in einem Skigebiet? Welche Aus- und Umbauten werden von der Allgemeinheit als angemessen angesehen? Und fragt auch jemand die Menschen vor Ort die davon leben und damit abhängig sind ob sie neue Anlagen brauchen? Oder gilt für diese Verleiher, Vermieter etc. der Spruch "Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit", also die Notwendigkeit sich anzupassen an neue Geschäftsmodelle?

Da wir auch "Insider" hier im Forum zu den jeweiligen Regionen oder Skigebieten haben hoffe ich ergibt sich ein guter Austausch. Auch die Meinungen sowohl aus touristischer Sicht (Kunde) sowie wirtschaftlicher Art (Betreiber, Bullyfahrer) interessieren mich. Vermutlich kann man aber überhaupt nicht gleichmaßen über alle Mittelgebirge urteilen da auch Standortfaktoren sehr viel beeinflussen, also bspw.
- klimatische Gegebenheiten, also bspw. Nordhang vs. Südhang, östlicher und höher gelegen vs. westlicher und tiefer usw.
- mögliches Einzugsgebiet der Besucher, deren Kaufkraft, jeweilige Neigung zum Wintersport
- vorhandene Infrastruktur als Wintersportort, also von der Straßenanbindung und Parkplatzsituation bis zu Betten und Anzahl der Gastro

Hier noch der Pressetext des MDR zur Sendung:
"Exakt - Die Story" nimmt die aktuelle Klimastudie unter die Lupe und schaut sich an, wie gut Wintersportorte auf die Zukunft vorbereitet sind.
Zwei Drittel der sportlich aktiven Deutschen über 13 Jahre betreiben Wintersport. Also 27,7 Millionen Menschen sind hierzulande mit Ski und Snowboard unterwegs. (Quelle: Studie der Sporthochschule Köln) Jährlich rund 16,4 Milliarden Euro (Quelle: Bundeswirtschaftsministerium) geben sie für den Wintersport aus. Damit ist Skifahren mit Abstand die wirtschaftlich bedeutsamste Sportart in Deutschland. Noch.

Denn schon in den vorangegangenen Wintern konnte in vielen Mittelgebirgs-Regionen aufgrund warmer Temperaturen wenig oder so gut wie kein Wintersport betrieben werden. Dieses Jahr kommt der Wintertourismus in Mitteldeutschland aufgrund der Covid19-Pandemie nun völlig zum Erliegen. Sachsens Skipisten werden keinen einzigen Tag für Touristen öffnen können.

Doch wie geht es weiter? Die Prognose für die nächsten Jahre sieht düster aus. Eine aktuelle Klimastudie des Sächsischen Landesumweltamtes kommt zu dem Ergebnis, dass Skifahren in den kommenden 30 Jahren unterhalb von 800 Metern zur seltenen Ausnahme werden wird. Schon jetzt ist selbst im 1200 Meter hoch gelegenen Oberwiesenthal eine Skisaison ohne Schneekanonen kaum noch denkbar. Seit 1940 sank hier die durchschnittliche Schneehöhe um 20 cm. Noch so einen Winter ohne viel Betrieb kann die Branche jedoch nicht verkraften.

Einerseits fordern also Tourismusexperten, Politikerinnen und Politiker eine verstärkte Hinwendung zu mehr Ganzjahrestourismus. Auf der anderen Seite werden mitteldeutsche Wintersportorte in den kommenden Jahren mit vielen Millionen modernisiert. In Oberwiesenthal plant man zwei neue Liftanlagen für rund 18 Millionen Euro und in Oberhof sollen für die Doppelweltmeisterschaft 2023 im Rodeln und Biathlon rund 75 Millionen Euro in die Wettkampfanlagen investiert werden. Umweltverbände sowie Klimaexperten und -expertinnen sehen darin einen Widerspruch.

"Exakt - Die Story" geht den Fragen nach: Wie hart trifft die Pandemie den Wintersport und hat die Branche hier überhaupt noch eine Zukunft? Wo liegen künftig Potentiale für Wintersportorte und wie gut sind sie auf den Klimawandel vorbereitet?
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Bjoerndetmold
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Re: mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von Bjoerndetmold »

Das Skiliftkarussell Winterberg zeigt vielleicht, dass jedenfalls mittelfristig doch noch ein rentabler Betrieb möglich ist (wobei ich die betriebswirtschaftlichen Zahlen nicht kenne, aber wenn man die Investitionen in den letzten 15 Jahren sieht, und davon ausgeht, dass das keine Verzweiflungstaten sind, dann muss ja wohl mehr als blinde Hoffnung dahinter stehen).

Begünstigende Faktoren, die tw. auch auf den Harz zutreffen, sind IMHO:

- die Alpen oder andere im Vergleich zu den deutschen Mittelgebirgen alpinere Destinationen sind weit weg
- viele Ballungszentren nur bis zu zwei Stunden entfernt
- Nähe zu den Niederlanden, die Holländer sind hart im Nehmen was kein / wenig Schnee angeht
- Schneeentwicklung in den Alpen: Wenn man die Weihnachtssituation insbesondere in Österreich in den letzten Jahren nimmt, dann ging in mehreren Jahren in manchen Gebieten fast nichts. Kein Schneefall und zu warm im Dezember zum Beschneien. Als Familie überlegt man sich viermal, die Preise insbesondere in der Silvesterwoche in Kauf zu nehmen und mit dem Risiko zu buchen, doch nicht skifahren zu können, und bleibt zu Hause. Davon profitieren einerseits die höheren Gebiete in den Alpen, die eine sichere Ostersaison garantieren können, andererseits aber auch ein Gebiet wie Winterberg, das in den letzten Jahren ziemlich verlässlich von Januar bis März ein anständiges Angebot hatte und in zwei oder drei Tagen auf saftigen Wiesen von 0 auf 100 beschneien kann. In Winterberg ist es eigentlich IMMER, auch unter der Woche, ziemlich voll. Und das ist, IMHO, kurioserweise eine direkte Folge der schlechten Schneesituation in den Alpen.
- das alles bei gleichzeitig vergleichsweise exponierter und hoher Lage, so dass relativ (bei Winterberg in Bezug auf andere Gebiete im Sauerland) viele Niederschläge noch als Schnee abgegriffen werden
Wie heißt es schon in Monty Python's "Das Leben des Brian": Gepriesen sind die Skifahrer!

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Harzwinter
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Re: mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von Harzwinter »

Wann sich Investitionen in Mittelgebirgs-Skigebiete nicht mehr lohnen, entscheiden nicht BUND oder NABU, sondern die Investoren. So lange es aus Investorensicht Rendite zu generieren scheint, wird investiert. Entsprechende Investoren sind ja nicht mit dem Klammersack gepudert und wollen ihr Kapital verbrennen, sonst würden sie in Alpinski im Teutoburger Wald investieren. Stellen sich die Investitionen nach ein paar Jahren doch als Fehler heraus, kann der Investor immer noch die Reißleine ziehen, das Skigebiet stilllegen und die Technik abschrauben und verkaufen. Wie in unserem LSAP-Topic dokumentiert ist, erobert sich die Vegetation in max. 10 Jahren Liftschneisen und Pistenflächen zurück, und der Laie sieht nichts mehr von der zurückliegenden kommerziellen Nutzung des Geländes. Dann freuen sich unsere Fundamente-Sucher auf spannende Expeditionen.

Zur Frage "Wie viel schützenswerte Natur befindet sich noch rund um bzw. in einem Skigebiet?": Im deutschen Mittelgebirge typischerweise kaum welche. Hier gilt es zwischen Natur und Lebensraum zu unterscheiden. Natur wäre z.B. standorttypische Vegetation und Nichtvorhandensein von Infrastruktur. Das ist in deutschen Mittelgebirgen kaum noch der Fall. Nach dem WKII wurden die Reste standorttypischer Wälder in den deutschen Mittelgebirgen für Reparationen teils flächendeckend abgeholzt und später mit Borkenkäferfutter - also Fichten - wieder aufgeforstet, und durch unsere Mittelgebirge zieht sich ein Forststraßennetz, das in seiner Dichte z.T. mit Erschließungsmaßnahmen für Neubaugebiete zu konkurrieren vermag. Mit Natur hat das - für mich - nichts zu tun, ein Lebensraum für teils geschützte Tierarten kann es natürlich trotzdem sein. Leider wird der Naturbegriff von den NGOs fortwährend fälschlicherweise für die Ablehnung jeglicher Wintersport-Infrastruktur strapaziert, und keiner merkt's.

Die Zeit für Neuerschließungen ist grundsätzlich vorbei, kann im Einzelfall aber für strukturschwache Gemeinden noch Sinn machen. So kann ich mir eine weitere Alpinski-Neuerschließung z.B. am Feldberg im Schwarzwald trotz guter Voraussetzungen nicht mehr vorstellen. Die Anbindung von Schierke im Harz ans benachbarte Skigebiet Wurmberg würde den tristen Ort dagegen aus meiner Sicht erheblich aufwerten (Projekt wird aktuell nicht mehr verfolgt), und auch eine Anbindung Oberwiesenthals ans unmittelbar benachbarte tschechische Skigebiet Keilberg würde sich wegen der unkomplizierten technischen Realisierbarkeit bevorzugt anbieten. Aber das ist halt persönliche Ansichtssache. Letztlich müssen die Gemeinden selbst überhaupt willens sein, und einen ernstzunehmenden Investor muss es auch erst mal geben. Oft scheitert es in Deutschland an beidem, dann erübrigt sich jede Diskussion.
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Re: mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von intermezzo »

@Harzwinter:

Einmal mehr hervorragende Schreibe von Dir, mit sehr durchdachten Argumenten. Und das meine ich wirklich so, ist also kein devotes Hypen;-) Fazit: sehr lesenswert und aufschlussreich, Deine Ergänzungen. Regen zum Nachdenken an.
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basti.ethal
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Re: mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von basti.ethal »

Für mich ist dieser Beitrag extrem düster gezeichnet. Den gab es im letzten Jahr übrigens schonmal unter selben Namen, nur mit schlechterem Wetter...
Meiner Meinung ist es auch weit herbei gezogen, während der offensichtlich guten Schneelage ständig über die Unmöglichkeit von Wintersport im Mittelgebirge zu philosophieren, nur weil letztes Jahr eben mal eine Katastophe war.
Es wird hier ständig von unzähligen Touristen und deren Notwendigkeit gesprochen. Sicherlich trifft das für die großen Player der Mittelgebirge zu, jedoch gibt es auch noch genug Anlagen, die hauptsächlich von Einheimischen bzw. der Lokalbevölkerung genutzt werden. Also sind solche Investitionen ja nicht nur dafür da, um mit Touristen Profit zu machen.
Vielmehr heben sie auch die Lebensqualität bzw. die Attraktivität von den i.d.R strukturschwachen Gegenden. Sicherlich ist dies nur ein kleiner Baustein von vielen, aber somit ist dies in meinen Augen ein vertretbarer Invest, um einen Beitrag gegen die Entvölkerung der ländlichen Gebiete zu leisten.
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manitou
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Re: mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von manitou »

Die Berichterstattung ist insgesamt recht negativ gepolt und die Wintersportgegner haben mal wieder gute Lobbyarbeit geleistet. Allerdings kann man nicht leugnen, dass die Bedingungen in den vergangenen Jahren einfach schlechter geworden sind, auch wenn in diesem Jahr unabhängig von Corona mal wieder ein guter Schneewinter war.

Was ich von dem Gejammer der WSB halten soll weiss ich nicht so recht. OK - Corona ist heftig aber Fakt ist auch, dass die viele Möglichkeiten der Umsatzsteigerungen im Sommer wie Winter liegen lassen. Flutlicht würde mit geringen finanziellem Aufwand mehr Umsatz generieren - und im Sommer könnte man mit Nutzung der 4SB und einem weiteren SL in der oberen Sektion der WSB viel mehr Bikes transportieren und den Bike-Park beleben. Routen sind ja mehr als genug da. Die Kapazitätsschwche WSB schafft nicht einmal im Sommer den Andrang von Fußgängern und Bikern. An vielen Wochenenden warten die Bikes so lange, dass die nach Hahnenklee oder ins Sauerland abwandern.
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Re: mdr DOKU "Schnee von gestern" - Hat der Wintersport in Erzgebirge, Thüringer Wald und Harz noch eine Zukunft?

Beitrag von Latesn »

Ich fand den Bericht recht interessant auch wenn ich in einigen Punkten nicht übereinstimme. Dennoch möchte ich gerne Stellung zum Thema an sich nehmen bzw. eher als ein Fazit Kriterien zur Bewertung derartiger Investitionen festlegen ohne einzelne direkt zu bewerten. Man verzeihe mir die sehr ausführliche Stellungnahme aber ich finde das Thema hochspannend und überlege das Thema in Zukunft ausführlicher im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit zu behandeln, nachdem ich ein ähnliches Thema nicht Skigebiete betreffend bereits derart behandelt habe (also quasi auch noch eine zusätzliche endlich ausgearbeitete Gedächtnisstütze für mich für die Zukunft), möchte evtl. auch mit dem MDR darüber in Korrespondenz treten und bin auch wenn nicht in den Mittelgebirgen doch direkt mit dem Thema befasst.

Zum Bericht selbst möchte ich garnicht zu viel sagen - Es gibt Dinge die gut recherchiert sind, es gibt Dinge die mir etwas aufstoßen weil sie negativ sind, es gibt Dinge da stimme ich zu. Alles was sich auf die derzeitige Ausnahmesituation bezieht möchte ich ohnehin herauslassen soweit es geht.

a) Bewertung von Vorhaben:

Grundlegend gibt es meiner Meinung nach 3-4 wichtige Punkte die bei einer Investition zu bedenken sind - diese sollten den meisten hier ohnehin bekannt sein, dennoch will ich vor einem Fazit diese nochmals kurz erklären.

1) Kurz bis mittelfristige Rentabilität:
Dies ist die erste Frage die sich ein Betreiber stellen wird. Kann ein Projekt in einem Zeitraum der villeicht 10-20 Jahre betragen mag die getätigten Investitionen amortisieren (im Falle eines Betriebs durch Zuschüsse und / oder Betrieb durch z.B. Gemeinde, Land etc.) bzw. die gewünschte Rendite erbringen? Dies wird durch mannigfaltige Faktoren beeinflusst, von denen die wichtigsten sicherlich die erwartete Anzahl an zahlenden Gästen und die erwartete Anzahl an Betriebstagen. Diese werden durch Gutachten berechnet und eine Kosten-Nutzen Rechnung aufgestellt.

2) Ökologie:
Inwiefern ist das Projekt ökologisch tragbar? Welche Flächen sind betroffen? Wie wird der potentiell angerichtete ökologische Schaden kompensiert? Welche positiven oder negativen Nebeneffekte die nicht direkt vor Ort messbar sind hat das Projekt auf die Ökologie?

3) Gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung:
Abgesehen von der Rentabilität des Liftbaus an sich steht auch im Raum inwiefern das Projekt den Standort selbst touristisch beeinflusst. Ist eine zusätzliche Wertschöpfung zu erwarten (auch über Gemeindegrenzen hinweg)? Gibt es Verlagerungseffekte innerhalb oder außerhalb der betroffenen Gemeinde? Kann das Projekt evtl. sogar negative Nebeneffekte auf die touristische Gesamtentwicklung haben? Wie wird die einheimische Bevölkerung das Projekt aufnehmen und bringt es ihr einen Gesamtnutzen? - Zu beachten ist hierbei wie im vorigen Satz schon angedeutet, dass der Gesamtnutzen nicht nur die von außen eingetragenen Effekte beinhaltet sondern auch jene die sich im direkten Umkreis ergeben z.B. Hinführung der Jugend zum Sport, Zusätzliche Wertschöpfung durch die einheimische Bevölkerung

4) Langfristige Entwicklung:
Ein sehr schwieriges Thema, welches meiner Meinung nach leider oftmals außer Acht gelassen wird gerade in Verbindung mit 1). Inwiefern ist das Projekt nötig oder behindert eine längerfristige Entwicklung - Beeinflusst eine Durchführung oder ein Scheitern des Projektes auf lange Sicht die Erfolgschancen des Skigebietes oder der Gesamtentwicklung des Ökologischen Lebensraumes, ja villeicht sogar der ganzen Region?

b) Arten von Vorhaben

Bei der Frage welche der o.g. Kriterien anzuwenden und wie diese zu gewichten sind stellt sich auch die Frage um was für eine Art von Projekt es sich handelt. Diese Unterteilung dient dazu in Verbindung mit oben genannten Kriterien einen objektiven Katalog zur Bewertung einzelner Projekte vorzulegen.

1) Kleiner Ersatz / Kleinräumige Korrekturen:
Ich war hier erst versucht das Wort notwendig zu verwenden dieses ist allerdings zu wertend. Es handelt sich hierbei m.E. um Maßnahmen wie z.B. den Ersatz eines Schleppliftes durch eine ähnlich Kapazitätsstarke dem Wesen nach verwandte Anlage wie eine Doppelsesselbahn die aufgrund von Schwierigkeiten im Betriebsablauf, aus Komfortgründen oder schlicht und einfach durch Ablauf der technischen Lebensdauer der bisherigen Anlage nötig werden. Ebenso zählen hierzu Geländekorrekturen in einem kaum merklichen Ausmaß wie z.B. die Entschärfung einer gefährlichen Kuppe (sowenig ich das als guter Skifahrer mögen mag) oder geringfügige Verbreiterungen von Pisten um z.B. eine bessere Ausnutzung einzelner Schneeerzeuger zu erreichen

2) Großer Ersatz / Großräumige Korrekturen:
Dies wäre beispielsweise der Austausch einer bestehenden Anlage ohne technische Not um Kapazitäten deutlich zu erhöhen oder Ströme im Skigebiet deutlich zu lenken. Genauso ist hier die komplette Remodellierung und Verbreiterung bestehender Pistenabschnitte oder deren Ausstattung mit einer Vollbeschneiung gemeint. Zudem würde ich hier auch die Schaffung neuer Pistenabschnitte oder die Ersetzung mehrerer Anlagen durch eine Anlage auf verschwenkter Trasse innerhalb des bereits bestehenden Skiraumes sehen, insofern diese nicht die Charakteristik von Punkt 3) erfüllen.

3) Neuerschließung / Erweiterung ohne Verbindungscharakter:
An sich selbsterklärend - Es werden neue Pistenflächen oder Anlagen außerhalb des bestehenden Skiraumes geschaffen. Hier zählen allerdings auch Neuerschließungen im bestehenden Skiraum hinzu die eine gravierende Änderung des Landschaftsbildes nach sich ziehen oder den Charakter des Skigebietes beträchtlich verändern bzw. diesen in einem sehr erheblichen Maße erweitern (ab ca. 10-20%).

4) Neuerschließung / Erweiterung mit Verbindungscharakter:
Erfüllt die Punkte unter 3) und zusätzlich werden dabei 2 Skigebiete miteinander verbunden, wobei dies eine potentiell erhebliche Vergrößerung des Angebotes mit sich bringt (Die Verbindung eines Gebietes mit 20km mit einem Einzellift fällt nicht hierunter)

5) Auflassung zum Zwecke der Punkte 2)-4):
Dies betrifft das Thema nur indirekt soll aber insofern nicht außer acht gelassen werden, als es durchaus eine Option sein kann gerade im ökologischen Sinne weniger attraktive Teile eines Skigebietes aufzulassen um eine Möglichkeit zu bieten eines der Projekte nach 2)-4) zu realisieren.

Nun also zum eigentlichen Thema:

Grundlegend würde ich Vorhaben nach 1) nahezu jederzeit als positiv bewerten. Diese sind meist nötig um die Infrastruktur vor Ort aufrecht zu erhalten also um eine auch langfristige Entwicklung des Ortes positiv zu beeinflussen. Dazu gibt es kaum ökologisch negative Auswirkungen gerade in einer ohnehin bereits als Kulturlandschaft zu bezeichnenden Natur wie sie im Mittelgebirge oftmals vorherrschen dürfte. Diese Vorhaben werden die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung in vielen Fällen nur insofern beeinflussen, dass eine geringe Verlagerung vor Ort stattfindet, allerdings kaum zusätzliche Wertschöpfung generiert wird. Bei den geringen Investitionssummen steht hier aber auch im Vordergrund einerseits eine kurz - mittelfristige Rentabilität, sowie andererseits die langfristige Rentabilität um zukünftige Generationen an den Sport heranzuführen oder aber den betreffenden Ort langfristig als Tourismusort zu erhalten bzw. diesem eine Perspektive zu bieten um einen Umstieg auf anderes zu erlauben.

Vorhaben nach 2) sind schon komplizierter zu beurteilen. Oftmals zielen solche Vorhaben erst einmal auf kurzfristige Rentabilität ab, welche aber wie durchaus richtig in dem Bericht des MDR erwähnt wird in manchen Fällen aufgrund von Gutachten errechnet wird welche, unter falschen oder zumindest sehr optimistischen Annahmen getroffen werden. Natürlich werden diese Gutachten gerne im Sinne der Betreiber erstellt, um evtl. Folgeaufträge zu generieren bzw. diesen nicht zu enttäuschen. Andererseits werden diese Gutachten dann wieder durch Naturschutzverbände torpediert. Hier besteht leider von Betreiberseite auch oft das Problem, dass diese Projekte ohne eine entsprechende Kommunikation gerade den entgegenstehenden Parteien gegenüber präsentiert werden. Eine gangbare Lösung des ganzen was die ökologische Seite betrifft, wäre ein frühzeitiger Kontakt zur ökologischen Seite um eine dogmatische Abwehrhaltung zu vermeiden. Dies würde auch ein gemeinsames Gutachten ermöglichen, welches beiden Seiten die Vor- und Nachteile und einen Konsens aufzeigen kann. (z.B. in Verbindung mit Auflassung nach 5) oder anderen Maßnahmen)
Die langfristige Rentabilität ist hier stärker zu beachten als bei 1) da ein solcher Ausbau oftmals von einer externen Förderung oder Kreditvergabe abhängen wird. Gerade im Fall einer Förderung steht also zu bedenken, dass eine Fehlinvestition evtl. nicht nur das Gebiet an sich betrifft sondern auch die fördernde Instanz, welche dringend benötigte Gelder andererseits besser benötigen könnte (hier fand ich das Beispiel mit der Mensa im Beitrag durchaus stichhaltig, wenn man dies auf lange Sicht sieht). Der gesamtwirtschaftliche Nutzen ist ebenfalls eine interessante Sache - Eine derart große Investition hat ein Ausmaß das die Entwicklung einer Region insofern beeinflussen kann, als dass diese die Entwicklung einer Region stark beeinflussen kann. Einerseits ist es möglich hier eventuell verlorengegangenes Potential zu relukrieren und andererseits eine Verlagerung der Gästeströme zu erreichen, um ein strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze zu schaffen und Wertschöpfung zu verlagern.

Vorhaben nach 3) Hier sehe ich das geringste Potential - Reine Neuerschließungen mögen im kurz- mittelfristigen Bereich oftmals eine Erhöhung der Rentabilität bewirken, allerdings sind diese im Vergleich zu 2) ebenso oft mit deutlich größeren Eingriffen in die Ökologie verbunden. Gerade dieses ökologische Problem wird in der derzeitigen Lage was die politische Stimmung und auch die allgemeine Einstellung der Bevökerung zum Skisport betrifft oftmals die möglichen Vorteile einer solchen Neuerschließung verhindern. Hier muss man allerdings dennoch unter der Prämisse, dass vor einigen Jahren noch nahezu jegliche Neuerschließung relativ problemlos möglich war differenzieren, um eine wenigstens langfristige Rentabilität und damit doch eine positive Gesamtbewertung des Projektes zu ermöglichen: Ergibt sich durch die geänderten Rahmenbedingungen im Skisport (anderes Publikum mit anderen Ansprüchen, Schneesicherheit die einst nicht nötig war, Überlastung der bestehenden Flächen ohne Alternative) eine solche Bedingung, dass eine Erweiterung auch unter ökologischen Gesichtspunkten begründbar ist? Anderenfalls wird diese Erweiterung in den meisten Fällen trotz eventuell begründbarer Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung negativ zu beurteilen sein

Wiederum anders sieht es bei Vorhaben nach 4) aus. Hier spielt im ersten Moment eine kurz- mittelfristige Rentabilität oftmals kaum eine entscheidende Rolle anderenfalls ist das Projekt ohnehin zum Scheitern verurteilt. Die Abwägung hat hier in einer Gegenüberstellung von Ökologie und Langfristigem Nutzen / Gesamtwirtschaftlichem Nutzen zu bestehen. Verbindungsprojekte beanspruchen ihrer Natur nach meist größere Flächen, eine Ausnahme mögen hier nicht zu behandelnde Verbindungen über wenige Meter bilden. Gleichzeitig bieten diese Projekte oftmals große Chancen auch weiträumig neue Gästeschichten anzuziehen oder sogar zu generieren. Auch hier sollte eine bessere Zusammenarbeit und Kommunikation stattfinden, dies würde es ermöglichen so etwas auch einfacher durchzusetzen gerade auch bei Widerständen der Umweltverbände. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen kann hier besonders groß sein, da auch über Gemeindegrenzen hinweg ein Paket geschnürt wird, welches die Schlagkräftigkeit einer Region auch auf lange Sicht verbessert. Daher müssten gerade hier etwaige Gutachten auch anders ausgerichtet sein als bei "kleineren" Projekten und eben diese Punkte deutlicher herausstellen um der Politik eine Perspektive zu bieten so etwas zu fördern und unterstützen.

Zuletzt zu 5) Etwas was m.E. viel zu wenig beachtet wird wo ich aber in den Mittelgebirgen auch zu wenig bewandert bin - Kann gerade auf Neuerschließungen auch in Betracht gezogen werden ohnehin unrentable Gebietsteile aufzulassen? Es gibt oftmals Bereiche, welche wenig frequentiert werden oder durch andere Projekte adäquat ja sogar besser ersetzt werden könnten, deren Auflassung im Rahmen der Gegebenheiten (Kulturlandschaft) durchaus einen Anreiz bieten können Gegner dazu zu bewegen ihre Blockadehaltung aufzugeben.

Soviel einmal dazu - Ich würde mich sehr freuen, wenn ich ein Feedback zu den Punkten erhalten würde um mein derzeitiges Fazit zu erweitern und verschiedene Seiten besser beleuchten zu können.
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