Kaum zu glauben: Heuer gab es tatsächlich ein kleines "Jubiläum": Zum zehnten Mal bin ich jetzt schon mit der Alpinschule Oberstdorf in den Bergen unterwegs. Dementsprechend vielseitig sind auch die Erlebnisse, die sich im Lauf der Jahre angesammelt haben - vom "Klassiker" E5 über verschiedene andere Über- und Durchquerungen, von Traumwetter über Gewitter bis Dauerregen... Eines bleibt dabei immer gleich: Jede Tour war auf ihre Weise schön - und die Vorfreude auf die nächste Tour beginnt eigentlich immer schon beim letzten Abstieg.
In diesem Jahr standen die Vorzeichen etwas anders als üblich: Aufgrund der Silberhochzeit (jaja, man wird älter...) haben wir unsere Hochzeitsreise nach Irland wiederholt und daher war der übliche "Bergtermin" Ende Juli blockiert. Auch das Urlaubsbudget wurde dadurch deutlich geschmälert, so dass schon frühzeitig die Entscheidung auf eine etwas kleinere Bergtour fiel. Die "Steinbocktour" sollte es werden: Vom Fellhorn über den Fiderepass und den Krumbacher Höhenweg, weiter zur Rappenseehütte und dann über den Heilbronner Weg, einen der schönsten und bekanntesten Höhenwege der Alpen. Also sozusagen einmal im Halbkreis auf dem Allgäuer Hauptkamm südlich um Oberstdorf herum. Diese Tour habe ich zuletzt vor ca. 35 Jahren schon einmal gemacht (damals aber mit Mindelheimer Klettersteig). Ein Teil der "üblichen" Mitwanderer der letzten Jahre war gerne mit von der Partie, und mit ein paar weiteren Freunden wurde unsere Gruppe dann auf Normalgröße aufgefüllt, so dass wir wieder viel Spaß miteinander hatten - sowohl am Berg als natürlich auch auf den Hütten. Für Michael, unseren Wanderführer der letzten Jahre, passte der verschobene Termin leider nicht, dafür hat uns die Alpinschule mit unserem Bergführer Tashi aber einen würdigen "Ersatz" zur Verfügung gestellt, der uns souverän, sicher und kameradschaftlich von Hütte zu Hütte geleitet hat.
Ein paar Kurzinfos vorab: Nachdem es uns letztes Jahr auf dem Meraner Höhenweg wettermäßig ganz schön gebeutelt hat, gab es diesmal eitel Sonnenschein. Kurz vor unserer Tour waren einige Unwetter im Allgäu unterwegs, aber beim Tourstart zogen nur noch ein paar letzte Wolken durch und dann schien durchgehend die Sonne bei angenehmen Wandertemperaturen. Die namensgebenden Steinböcke sahen wir an jedem Tag der Tour - mal aus der Ferne, mal ganz nah. Und natürlich auch die sonstigen Alpenbewohner wie Murmeltiere, Gämsen und Greifvögel. Landschaftlich ist das Allgäu ebenfalls toll - die grünen Grasberge und im Gegensatz dazu die hellen Felsklötze aus Hauptdolomit sorgen für kontrastreiche An- und Aussichten. Und das Panorama von den Gipfeln des Hauptkammes ist gewaltig, so störte es auch nicht, dass wir uns in den Tagen eigentlich "nur" in einem räumlich relativ kleinen Gebiet bewegten.
Tag 1: Sonntag, 21.08.2022
Wir starten kurz vor Mittag in Oberstdorf, es geht mit dem Bus zur Talstation der Fellhornbahn. Der erste Blick nach oben... endlich wieder in den Bergen
Nach einem geselligen Hüttenabend auf der Fiderepasshütte steht heute die Etappe auf dem Krumbacher Höhenweg zur Mindelheimer Hütte an. Vor über 35 Jahren war ich zuletzt hier, damals ging es aber nicht "unten rum", sondern auf dem Mindelheimer Klettersteig über die Schafalpenköpfe. Aber wir sind ja diesmal auf Wandertour.
Morgenstimmung vor der Hütte. Ohne Worte...
Heute steht der Übergang zur Rappenseehütte an. Morgens herrscht an der Hütte eine wunderbare Stimmung. Es geht zunächst einige hundert Höhenmeter bergab. Hinten sieht man bereits die schattige Wand, durch die wir nachher wieder hoch müssen. Blick zurück - von da oben kommen wir. Über ein paar Stege geht es durch die Wand nach oben. Stellenweise seilversichert, aber der Aufstieg ist kein Problem. Wir gewinnen wieder an Höhe und blicken am Schrofenpass zurück nach gestern: Links das Kemptner Köpfle, rechts daneben die 3 Schafalpenköpfe, unter denen wir gestern durchgewandert sind. Auf dem schönen Höhenweg lassen sich dann auch wieder die Lechtaler blicken: Karhorn (links) und Widderstein (rechts). Dann geht es wieder ein Stück hinab in den spektakulären Mutzentobel. Auf den Bildern kommt das leider nicht so richtig rüber... ist landschaftlich wirklich toll! Nach den vorangegangenen Unwettern war der Weg teilweise etwas beschädigt, aber mit etwas Aufmerksamkeit problemlos begehbar. Nach der Durchquerung des Tobels gibt es dann auch wieder einen Blick Richtung Oberstdorf. Nach knapp 6 Stunden erreichen wir schließlich unser Tagesziel... ... die Rappenseehütte. Was soll ich sagen? Die Rappenseehütte ist mit über 300 Schlafplätzen eine der größten Hütten der Alpen und die größte des DAV. Und trotzdem habe ich mich selten auf einer Hütte so wohl und willkommen gefühlt. Der sehr sympathische Hüttenwirt und sein gesamtes Team versprühen eine unglaublich positive Stimmung und gute Laune. Das Essen ist super lecker und die Getränkepreise sind die günstigsten der Tour. Es ist auch die einzige Hütte, auf der wir in den Genuss einer Dusche kommen, wofür wir natürlich gerne den entsprechenden Obolus entrichten. Eine tolle Abendstimmung können wir auch wieder genießen. Hinten sehen wir schon, wo es morgen hingeht - durch die große und kleine Steinscharte zur Königsetappe auf den Heilbronner Weg. Tag 4: Mittwoch, 24.08.22022
Die Wetteraussichten sind weiterhin stabil, so dass wir, wie in Tagen zuvor auch, keinen zeitlichen Druck haben. Wir starten um 07.30 Uhr an der Rappenseehütte und blicken nochmals zurück auf die vergangenen Tage. Vor uns sehen wir schon das "V" in den Felsen: Die kleine Steinscharte. Rechts darüber das Hohe Licht, das wir heute besteigen wollen. Nach eineinhalb Stunden mehr oder weniger steilem Aufstieg erreichen wir den Einstieg zu einem der schönsten und berühmtesten Höhenwege der Alpen. Vor 36 Jahren war ich zum letzten Mal hier - ich freue mich riesig auf die nächsten Stunden... Ab hier wird der Weg dann auch etwas anspruchsvoller und ist teilweise seilversichert. Wieder mal ein Blick zurück - unten die große Steinscharte, durch die wir gekommen sind, und hinten die Nagelfluhkette. Bevor wir uns auf den Höhenweg begeben, wollen wir noch das Hohe Licht besteigen. Hierfür ist mit Auf- und Abstieg etwa eine Stunde zusätzlich einzuplanen. Nachdem mein Knie bisher super durchgehalten hat, lasse ich diesmal den Gipfel natürlich nicht aus... Der Anstieg mit stellenweiser leichter Felskraxelei ist nicht allzu schwierig, erfordert aber Aufmerksamkeit. Das letzte Stück des Gipfelanstieges verläuft über die Schulter des Berges - einen genauen Weg gibt es teilweise nicht, der findet sich aber irgendwie von selbst. Schließlich sind wir oben und können die grandiose Aussicht genießen - hinten die Nagelfluhkette und der Grünten. Links Großer Daumen, mittig der Hochvogel, rechts die Zugspitze. Das Panorama hier oben ist überwältigend - von den Allgäuer über die Lechtaler und den Alpenhauptkamm bis in die Schweiz hinein geht der Blick. Einfach eindrucksvoll und wunderschön. Berg Heil! Mit 2651 Metern ist das Hohe Licht der zweithöchste Berg der Allgäuer Alpen. Ich genieße es sehr, zum ersten Mal hier oben zu stehen - damals haben wir den Gipfel ausgelassen. Durch die Flanke des Hohen Lichts geht es wieder hinunter. Jetzt geht es auf den Heilbronner Weg, hoch zur kleinen Steinscharte. Durch das Heilbronner Törl muss ich die Bauchmuskulatur etwas einziehen...
Heute geht es zunächst den gestrigen Abstieg durch das Bockkar wieder hoch. Blick zurück ins Bockkar, hinten die Schafalpenköpfe. Das letzte Stück geht es wieder seilversichert durch die Felsen. Nach rund 1,5 Stunden sind wir wieder oben in der Bockkarscharte und der Blick Richtung Lechtal und Hauptkamm öffnet sich. Der weitere Heilbronner Weg bis zur Kemptner Hütte ist im Wesentlichen ab hier nur noch ein "normaler" Wanderweg. Zunächst geht es über die verbliebenen Reste des letzten Allgäuer Gletschers, des Schwarzmilzferners. Ein Blick zurück ins Jahr 1986, fast genau von der gleichen Stelle aus. Nur noch ein kläglicher Rest... Über dem Schwarzmilzferner wacht die Hochfrottspitze. Noch sind wir in der Steinwüste und unterqueren die Hochfrottspitze (2649 m) und die Mädelegabel (2645 m). Aber schon kurz darauf verlassen wir die hochalpine Region und es geht wieder hinunter in die Vegetationszone. Blick zurück zur Mädelegabel, rechts daneben die Trettachspitze (2595 m). Vor uns sehen wir schon den Kratzer, unter dem wir gleich hindurchgehen. Einer der letzten Rückblicke, von rechts: Trettachspitze, Mädelegabel, Hochfrottspitze, links daneben spitzt in der Bildmitte der Bockkarkopf hervor und nochmal links davon das Hohe Licht. Unter dem Kratzer machen wir eine gemütliche Mittagsrast. Tashi nutzt diese, wie so oft auf der Tour, für eine kleine Vorführung seines Kletterkönnens...
Früh am Morgen ist noch ganz schön frisch... Wir schauen zunächst den E 5-Gruppen beim Abmarsch zu und machen uns dann auf den schattigen letzten Abstieg unserer Tour. Der letzte Blick zurück zur Kemptner Hütte, über die der Kratzer wacht. Und dann geht es hinunter in den Sperrbachtobel. Rückblick zum Muttlerkopf. Und schon sind wir im unteren Bereich des Tobels angekommen. Hier mündet der Sperrbach in die Trettach und für uns geht es an das letzte Stück des Abstiegs. Nach etwa 2,5 Stunden erreichen wir dann das Ende der diesjährigen Tour... ... die Spielmannsau auf 1071 m, wo wir im dortigen Berggasthof noch einen Frühschoppen zum Tourausklang einlegen, bevor wir mit dem Linienbus nach Oberstdorf zurückfahren und die Heimreise antreten. Schee wars wieder! Nach der Tour ist vor der Tour... Vorgestern ist der neue Katalog der Alpinschule eingetroffen und die Planungen für 2023 können beginnen. Mal sehen, wo es hingeht - Alpenüberquerung Oberstdorf-Vinschgau oder Kriegsklettersteige in den Dolomiten stehen ziemlich weit oben auf der Liste... Und wenn euch der Bericht gefallen hat, freue ich mich über ein Danke und/oder einen Kommentar.
Die Touren der letzten Jahre:
Meraner Höhenweg rund um die Texelgruppe 01.-07.08.2021
Dolomitenhöhenweg Nr. 1 26.07.-01.08.2020
Von der Zugspitze nach Meran 28.07.-03.08.2019
Walserweg von Oberstdorf nach Chur 22.-27.07.2018
Von den Geislerspitzen zum Rosengarten 23.-29.07.2017
Von Mittenwald nach Brixen 17.-23.07.2016
Vom Königssee zu den Drei Zinnen 26.07.-01.08.2015
Höhepunkte der Dolomiten 27.07.-01.08.2014
E5 Oberstdorf-Meran 22.-28.07.2013