Die Dolomiten haben offensichtlich eine besondere Anziehungskraft. Auf Forenmitglieder, wo gefühlt aktuell jeder 2. Bericht aus den Dolomiten kommt. Auf meine Familie, die Skiurlaub in St. Kassian schon macht, seit es einen Einersessel auf den Piz Sorega gibt. Und auch auf mich. Wie kommt man bitte auf die bescheuerte Idee, in die Dolomiten zu fahren, eine Unterkunft zu nehmen und den sündteuren Skipass zu bezahlen, wenn man "direkt nebenan" in Innsbruck wohnt und eine Saisonkarte hat?!
Weil es eben die Dolomiten sind.
Mein Onkel mit Familie war auch dieses Jahr im Skiurlaub in St. Kassian. Da wollte ich wieder ein paar Tage vorbei schauen und das ganze dann auch noch etwas ausschmücken. Für den ersten Tag hatte ich mir da ein Skigebiet vorgenommen, was schön auf dem Weg liegt und ich schon lange mal besuchen wollte: Der erste "Vorposten" von Dolomiti Superski, das Skigebiet Gitschberg-Jochtal am Eingang des Pustertals. Danach sollte es am Abend nach St. Kassian gehen, um 2 Tage im Sellaronda-Gebiet zu verbringen. Für den letzten Tag hatte ich mich dann mit einem Freund aus Montan an der Alpe Cermis verabredet.
Insgesamt ergibt sich also ein Streifzug quer durch das Dolomiti-Gebiet:
Urlaub 2023 in rot, alte Tracks seit 2013 in blau (immer alles von St. Kassian aus!), Skitour violett. HD-Version hier
1. Akt: Gitschberg-Jochtal - DO 09.03.2023
Die Anreise hat mir mal wieder den Glauben an Fahrplanplaner gekostet. Grundsätzlich kommt man ja mindestens stündlich mit Regionalzügen über den Brenner, innerhalb Südtirols gibt es sogar meistens einen Halbstudentakt. Ich könnte also um 6:19 oder 6:49 in Innsbruck starten, Ankunft wäre in Mühlbach 7:59 bzw. 8:29. Weil es am Abend vorher noch einiges zu erledigen gab, wär ich gerne noch eine Stunde später gefahren, also um 7:49, aber die nächste Verbindung geht erst um 8:49! erst geht es halbstündlich, dann 2 Stunden nix, dann sogar wieder 2 Züge im Halbstundenabstand. Was plant denn so was?
Dann war ich eben zum Aufstehen gezwungen, ist ja auch nicht verkehrt.
Und so komme ich pünktlich um 8:29, eine Minute vor Liftstart im Skigebiet oben, im etwas verschlafenen Dorf Mühlbach an. Dann bin ich wenigstens gleich in der Früh am Lift... Wenn es da nicht noch ein weiteres Detail im Fahrplan gäbe:
Von Mühlbach nach Meransen kommt man mit einer ÖV-Pendelbahn, die auch im Skipass enthalten ist. Die fährt natürlich auch schon am frühen Morgen, damit die Leute aus Meransen zur Arbeit kommen. Aber dann wenn die Skifahrer potentiell rauf fahren wollen...
Macht der Bähnler erstmal Frühstückspause! von 8:00 bis 9:10 Uhr. An einer ÖV-Seilbahn mit Skigebiet. Muss man das verstehen?!
Bei solchem Spaß mit Fahrplänen muss man die Zeit immer sinnvoll nutzen - eben z.B. beim Frühstück mit Cappucino und Mohnstrudel. Das hat sich voll gelohnt und so kann ich gut gestärkt dann eben um 10 nach 9 nach Meransen hinauf starten. Jetzt brauch in nur noch einen Skipass...
An der Seilbahn-Talstation ist aber niemand. Man kann in die 12er PB frei einsteigen und soll an der Bergstation zahlen.
Mit nur einem weiteren Skifahrer in der kleinen Kabine geht es über Betonstützen hinauf. Es ist - vielleicht wegen fehlender Kapazität - offensichtlich nicht so gedacht, dass die Bahn als Zubringer ins Skigebiet genutzt wird. Aber Alternativen gibt es irgendwie auch nicht? Es gäbe noch einen Bus nach Vals, der braucht aber so lang dass man auch wieder nicht früher am Lift ist.
An der Bergstation konnte mir dann auch niemand einen Skipass verkaufen. Was ist das denn für ein Quatsch hier? Es gab aber dennoch eine "Tiroler Lösung" - wenn ich versprach, mit der Seilbahn wieder runter zu fahren, würde der Liftler meinen Skipass dann später für Berg- und Talfahrt einbuchen. Denn eines kann man sich im Dolomiti-Verbund gleich mal merken: Jeder Pieps zählt.
Jetzt hatte ich aber halt immernoch keinen Skipass. Und der nächste Lift ist nicht etwa die Kabinenbahn am Ortsende, die Meranser nehmen das mit "Seilbahnen als ÖV" nämlich schon ernst:
Das ist einer von zwei Schleppliften in Meransen, die einerseits als Übungslift aber andererseits auch als "Dorfshuttle" fungieren. Mit ihnen und einiger Skiweg-Schneebänder kommt man auf Ski im Dorf fast überall hin, und eben auch zur Seilbahn. Der Liftler im Tal verkaufte dann zum Glück tatsächlich einen Tagesskipass, allerdings nur gegen Bargeld. Zum Glück hatte ich nicht geplant, hier einen Dolomiti-Skipass zu kaufen, das wäre dann wahrscheinlich auch wieder nicht gegangen.
Besonders winterlich schaut es hier ja nicht aus, dann also endlich mit den EUB Bergbahn und Nesselwiese richtung Gitschberg.
Nach einer Fahrt zum Skiexpress runter war klar, so richtig gut wird das heute skitechnisch nicht. Noch waren die Pisten zwar echt gut, aber es hatte keine Abstrahlung nachts, dazu wars echt warm, ein Sumpf auf der Piste also schon in der Früh. Und jetzt auch noch Nebel am Weg zum Gitschberg-Gipfel, obwohl die Sonne an deren Talstation schon fast durchgeblinzelt hat. Dazu war das Gebiet auch noch gar nicht so leer - während in Tiroler Kleinskigebieten schon die spätsaisonliche Leere eingezogen war, gab es hier offensichtlich einen Haufen Schulskikurse, die das Skigebiet unsicher machten.
Auf der Webcam sah ich aber, dass es wohl im Jochtal schon sonnig war. Also wechselte ich recht bald die Seite
Vom Bäcker hatte ich auch noch diese geniale Pizza als Proviant mitgenommen. So was ist man von den besch***enen Bäckern in Innsbruck nicht gewöhnt
Den SL Tasa wollte ich auch noch mitnehmen, hatte aber gar nicht erwartet dass er so lang ist
Dann in der Jochtal EUB - hinten am Gitschberg hängt immernoch die Wolke
Das Skigebiet besteht aus einem großen Kessel mit der 6KSB Hinterberg auf dem sonnenbeschienenen Hang und der 4SB Steinermandl im Hintergrund. Erstere erschließt einige nicht besonders steile Varianten, die 4SB einen schwarzen Hang und eine blaue Außenrumpiste über den Grat. Und einen großen, nordseitigen Freeride-Hang!
Die Schwarze fand ich durch die Kürze nicht so spannend, interessanter war da der Hang daneben.
Teilweise ein bisschen bruchharschig, aber meist doch noch ganz gut fahrbar
Pistenmäßig war diese hier das Highlight für mich: ein etwas versteckter Abzweig von der Verbindungspiste Hinterberg-Bergstation, damit sehr leer und dazu unmodelliert mit Sprungkanten - genau solche Pisten sind immer die unerwarteten positiven Überraschungen in einem Skigebiet
Dann ging es auf die Talabfahrten, davon gibt es zwei schwarze und eine rote Variante. Nach dem steileren Teil im Nordhang münden alle zuerst in einen flachen Teil mit elendigem Bremsschnee und dann die schon ordentlich ausgefahrene und etwas zwanghaft in den Hang modellierte Piste bis zur Talstation.
Die westliche schwarze Piste war super, jetzt wär doch ein Lift toll um von hier wieder direkt zur Bergstation zu kommen... anscheinend gab es den auch mal.
Die nächste Schwarze, die ab der Bergstation startet, war trotz Beschneiung geschlossen, aber trotzdem sehr gut fahrbar. Exposition ist einfach entscheidend wenn man im April Ski fährt. Wer das nicht beachtet, verliert wohl schnell den Spaß am Skifahren - so ging es wohl zwei Schulskikurs-Teilnehmern, die mit der Jochtal-Gondel talwärts fuhren und unten gar nicht aussteigen wollten. Dem Liftler passte das gar nicht, als sie auch nach Aufforderung nicht ausstiegen, stellte er sogar den Lift ab. Denn die beiden mussten natürlich durch das Drehkreuz, um wieder rauf zu fahren! JEDER Pieps zählt. Solch kriminelles Verhalten konnte ich sogar mehrfach an dem Tag beobachten, sogar unbemerkt vom Liftpersonal. Die Motivation war wohl hoch...
Nach noch einer Runde 6KSB und 4SB nahm ich die rote Talabfahrts-Variante auch noch mit, ist aber klar die Langweiligste der drei Pisten. Und dann ging es auch wieder zurück in Richtung Gitschberg
Die Verbindungs-EUB Gaisjoch hat gut Bodenabstand, coole Bahn!
Und zurück am Gitschberg, mittlerweile zum Glück nicht mehr im Nebel - so sieht man auch die sehr gute und breite Gipfelpiste. Mittlerweile haben wohl auch die Schulskikurse aufgegeben und es ist jetzt angenehm leer.
Der Ski-Express ist neu, und da ist es wirklich schade, dass ich den Vorgänger-SL Sergerwiese verpasst habe. Ein Schlepplift mit ausschließlich einer schwarzen Piste ist schon immer ein besonderes Highlight. Dafür wurde jetzt noch eine rote Piste neu gebaut, die auch definitiv etwas taugt - oder wurde sie reaktiviert, im Luftbild vor dem Neubau sieht es etwas nach einer schmalen, alten, verspielten Waldpiste aus?
Ein weiterer sehr cooler Schlepplift steht noch, war aber leider außer Betrieb: Der SL Mitterwiese mit Kurve und ohne Beschneiung.
Vom Gipfel hat man eine super Rundumsicht sowohl richtung Pustertal und Dolomiten
als auch zum Alpenhauptkamm (auch ohne Beschneiung)
Zum Glück reichte der Schnee aber noch für eine Fahrt entlang der Mitterwiese vom Ski-Express aus - ein Genuss!
Der Lift erschließt ein eigenes ruhiges Tal mit super Skigelände. Wenn der mal läuft, wäre das ein Grund für einen Wiederholungsbesuch.
Leider wirkt die Station sehr verlassen und Teller sind ja auch keine montiert. Ich habe das ungute Gefühl, dass der bei mehr Schnee auch nicht laufen würde. Aber schön, dieses Tal noch in der Form durchfahren zu können, bevor das Projekt EUB auf den Klein-Gitsch verwirklicht und damit auch dieser Bereich massentauglich gemacht wird.
Langsam bin ich mit allen Pisten durch und die Pisten sind es auch, der Schnee war eben wirklich nicht gut an dem Tag. So verabschiedete ich mich schonmal vom Skigebiet mit einem Blick vom Gitschberg-Gebiet zum Jochtal hinüber, um schon eine Stunde früher nach St. Kassian zu starten.
aufgrund der ultra bremsigen flachen Talabfahrt verpasste ich aber die fahrplanmäßig passende Pendelbahn.
Nochmal ins Skigebiet hoch lohnt sich nicht. Dann mache ich eben doch noch die Dorfrunde, der SL Pobist am westlichen Dorfende fehlte mir ja noch. Leider wurde auch hier 2021 der klassische Dorflift durch einen Neubau ersetzt.
da läuft ein Schlepplift auf der Wiese - ja, wirklich zum Skifahren! Am Skiweg zurück zum Brunnerlift schaut es wieder mal sehr winterlich aus.
Eine letzte Abfahrt noch am Brunnerlift, der mal mit einem Bügelschlepper gedoppelt war - wird wohl nicht mehr gebraucht.
Der Bähnler erkennt mich sofort wieder, zieht meinen Skipass am Sensor für die Berg- und Talfahrt vorbei und lässt mich ins Tal schweben
Ein schönes Bähnchen ist das.
Fazit zum Skigebiet: Ganz nett, und schön dass ich es endlich besucht habe. Es gibt schöne Pisten, aber auch nichts so Besonderes - wobei der Eindruck vom ungünstigen Wetter und Schneematsch wahrscheinlich auch getrübt wurde. Sergerwiese und Mitterwiese wären ein ziemliches Highlight gewesen, aber die habe ich wohl verpasst. Einen Wiederholungsbesuch werde ich wahrscheinlich nicht so schnell machen.
Und dann geht es mit dem Bus hinauf ins Gadertal, und das ist eben doch eine andere Welt. Die Sprache der Mitreisenden wechselt auf Ladinisch und die Berge wechseln auf orange. Erst blinzeln sie nur aus der Ferne, und dann...
BOOM fährt man einfach unter dem Heiligkreuzkofel im feinsten Sonnenuntergangslicht durch. Und plötzlich weiß ich wieder warum ich hier bin.
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