Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

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stephezapo
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Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von stephezapo »

Hallo zusammen!

Ich habe mich letztens gefragt, wie man bei 3S-Bahnen die zwei Tragseilpaare so spannt, dass pro Spur die beiden Seile - im Querschnitt gesehen - an jedem Punkt der Strecke gleich hoch liegen.
Die Frage bezieht sich auf die Errichtung als auch die Revision.
Geht man einfach davon aus, dass sich die Seile in gleicher Weise ausdehnen? Oder gibt es Wartungsgehänge mit Messeinrichtungen, die eine links/rechts-Schräglage erkennen und man anhand deren Output eine Seite nachspannt/entspannt?
Zu starke Differenzen dürfte es ja sowieso nicht geben, ansonsten verdrehen sich ja die Seilreiter.

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Ram-Brand
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von Ram-Brand »

Die Seilreiter sind nur auf einer Seite fest. Also an einem Seil. Am anderen Seil sind sie "schwimmend“.
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ATV
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von ATV »

Wie bei jeder anderen Pendelbahn mit Doppeltragseil auch.
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-> meine Fotos könnt ihr weiterhin auf meiner Webseite --> www.stahlseil.ch ansehen.
Lagorce
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von Lagorce »

Nicht unbedingt, bei Zahlreichen Doppeltragseilpendelbahnen sind die Seilreiter links und rechts identisch geklemmt und ohne Längsausgleichsvorrichtung, da dies eine bessere Stabiliserung der Tragseile erlaubt. Ein gleitender Ausgleich ist stets möglich, da die aufbringbare Klemmkraft sich in Grenzen hält.

Sehr gängig sind symmetrisch aufgebaute Klemmplattenaufhängungen, dort sind 8 Klemmplatten vorhanden, bei denen die kreisförmige Rille identisch ist.
Siehe Beispiel einer PB125+1, 20'000 kg Wanderlast, Tragseildurchmesser 62 mm, Tragseilspurweite 700 mm, vermutlich mit 103.19 % die steilste PB dieser Grösse oder darüber weltweit:

Bild von einem Rollsecure, Klemmplatten sind mit denjenigen der Seilreitern identisch:

Bild


Detail des Klemmsystems, hier von einem kompletten Reserveseilreiter:

Bild


Habe keine 3S Seilreiternahaufnamhen, poste onehin kein neues Bildmaterial mehr, da ich nicht sicher bin, ob man es bei Bedarf selbst löschen kann. Sehr schwere Seilreiter können 2 Zugseiltragrollen aufweisen, die schwersten Seilreiter die kenne waren so um die 470 kg, übliche sind jedoch wesentlich leichter.

Die Seilreiter werden onehin regelmässig kontrolliert und periodisch etwas verschoben.
Aufgrund der (meist kapazitiven) Zugseilüberwachung sind die Zugseiltragrollen sowie die Zugseileinweiser elektrisch von den permanent geerdeten Tragseilen elektrisch isoliert, im Detail gibt es verschiedene Ausführungen bzgl. Anordnung der Isolierteile. Die Zugseileinweiser der Seilreiter (=Zwischenaufhängungen) und deren der Stützen garantieren, dass nach der Durchfahrt des Laufwerks das vorübergehend angehobene Zugseil wieder sauber in die Seilrille des Gummieinlagerings der Tragseillaufrolle zurückkehrt, eine Berührung der Seilrollenbordscheibe kann nicht überwacht werden, da dies zu unnötigen Störungen führen würde.

Bei der Montage und der Verschiebung von Tragseilen kann man Seilspannkräfte messen (Dynamometer, Lastmessbolzen, etc.) oder die Tragseilneigung tal- sowie bergseitig des Tragprofils (oft aus Bronze, L-P hat auch was mit Kunststoffauflage) messen (diese Neigungen werden onehin zur Kontrolle gemessen).
Zudem kann man körperschalllaufzeitbasierte Mesungen durchführen. Tragbare Messgeräte, die V-förmig das Seil leicht verformen sind denkbar, nur kenn ich die eher für kleinere Seildurchmesser. Prinzipiel sind die zwar für alle Seildurchmesser und Seilzugkräfte machbar, nur wird die Vorrichtung dann irgendwann zu gross.

Permanent installierte Tragseilspannkraftmessungen sind machbar jedoch selten (z.B. Vanoise Express), da sie eingentlich während dem Betrieb nicht viel bringen.
Die permanente Dehnung von vollverschlossenen Tragseilen ist gering und zudem ist die Streuung für gleichzeitig hergestellte Tragseilpaare unproblematisch.
Ggf. kann man auch eine einzelnes Tragseil eine Paars auswechslen... Oder ggf. alle 4 Tragseile nach relativ kurzer Zeit wegen gebäudeseitiger Fehlkonstruktion (Vanoise Express, dort wurden sogar die Stauchzonen einer Kabine dynamisch geprüft, obwohl unabsichtlich!!!! (Stationskollision während der Inbetriebnahme, kein Einzellfall bei PB in FR, letzte PB Kabine wurde dort während einem Bremstest verschrottet, zuvor fielen bei 2 anderen PB je eine Kabinen auf den Boden während Arbeiten).

In der Praxis werden Tragseilpaare beim Seilzug sowie bei Verschiebungen möglichst identisch abgespannt. Danach findet einen geringfügigen natürlichen Ausgleich statt und Laufwerke tolerieren onehin eine gewisse Schieflage der Tragseile, die Last wird dabei durch die Querpendelfähigkeit des Laufwerks gleichmässig auf beide Tragseile verteilt auch wenn das Tragseilepaar leicht anch innen oder aussen geneigt ist.

Die beiden Tragseile einer gleichen Spur werden durch dasselbe Spanngewicht gespannt sofern sie nicht fest abgespannt sind, wie dies tendenziell der Fall ist für neuere grössere Pendelbahnen, das es kostengünstiger ist.
Zugseile sind hingegen selten fest abgespannt, auch hier haben es die Franzosen bei der 4040 m langen Pic de Bure PB (die Vorgängerbahn stürzte ab, 20 Tote infolge ursprünglich vorhandenen un danach demontierter Fangbremse) anders als üblich ausgeführt. Tragseil entgleiste 2 Mal, beim zweiten Zwischenfall fiel es auf den Boden, zum Glück auf der Seite der Materialtransportspur (die Personen in der Kabine der anderen Spur wurden evakuiert). Danach blieb die Bahn längere Zeit ausser Betrieb. Berichte zu Zwischenfall findet man nirgends.

Die Laufwerke sind zudem so ausgeführt, dass sie sowohl vertikal wie horizontal dem Verlauf des Tragseilpaares folgen. Von oben betrachtet sind Laufwerke leicht S-kurvenfähig. Seitenwind sowie etwaige Richtungsänderungen der Trasse sowie Spurweitenänderungen bedingen, dass die Tragseile nicht immer strikte geradelinig zwischen Tal- und Bergstation verlaufen. Etwaige horizontale Tragseilrichtungsänderungen sind bei Pendelbahnstützen kaum von Auge wahrnehmbar. Bei zahlreichen Pendelbahnen ist die Spurweite leicht variabel, dann meist entweder stetig von Tal- bis Bergstation oder wird z.B. bis zu Beginn des längsten Spannfeldes leicht erhöht und danach wieder was reduziert.

AFAIK ist es nicht so problematisch, doppeltragseile aufzulegen. Wichtig ist eine regelmässige ausgeglichene Schmierung der Auflagen, dies erfolgt meist von Hand mittels Fettpresse, vereinzelt sind Zentralschmieranlagen vorhanden. Bei Schmiernippeln spürt man eher wenn was los ist, bei Zentralschmieranlagen muss man stets darauf achten, dass nichts verstopft ist und sich das Schmiermittel zudem ausreichend regelmässig verteilt (und nebenbei muss noch was im Vorratsbehälter sein, Füllstand kann elektrisch überwacht werden).

Hier noch eine zusätzliche seitliche Rückhaltung, an den Gleitspuren ist die Weg der Tragseilbewegung ersichtlich. Die Tragseilsättel sind mit geschlossener Fangbremse überfahrbar, dabei dürfen die Fangbremsenzangen nicht nach oben gedrückt werden.

Bild


Eine seltene Ansicht des angehobenen Bremswagens bei ca. 00:00:58 hier, oben rechts im Bild ist die Abdeckung der bergseitigen Querpendeldämpfungsvorrichtung ersichtlich, die Längspendeldämpfung befindet sich beim Tragrohr (nicht ersichtlich):
Youtube URL (not embedded):
https://www.youtube.com/watch?v=KkI3tG7E7u0

Bei 00:00:46 sieht man noch wie die Vorspannung der Bremsen eingestellt wird (Maulschlüsselweite 115 mm). Bei diesen beiden Pendelbahnen wirken die Bremsen (Betriebsbremse BB sowie Sicherheitsbremse SB) direkt auf jeweils getrennte Seilscheiben (Antriebsscheibe und Gegenscheibe).
Dies Grundmechanik der Bremszangen ist sehr alt, hat sich jedoch bis heute bei Neuanlagen bestens bewährt, lediglich wurden minimale Anpassungen für die Anbringung von zusätzlicher Überwachungssensorik getätigt.

Was OT geworden, vielleicht interessiert's doch jemand. :)
kaldini
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von kaldini »

Lagorce, vielen vielen Dank für diese ausführliche Erklärung! Und ich finde es nicht OT, denn der Threadersteller hatte nicht nur nach den Seilreitern gefragt, sondern generell, wie bei Doppeltragseilen sichergestellt wird, dass nicht eins "Durchhängt".
State buoni, se potete
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stephezapo
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von stephezapo »

Ich danke euch für die ausführlichen Antworten!

Eine Frage habe ich noch:
... die Last wird dabei durch die Querpendelfähigkeit des Laufwerks gleichmässig auf beide Tragseile verteilt ...
Laufwerke können querpendeln? Wie kann ich mir das mechanisch vorstellen? Gehängearm und Kabine müssten diesen Drehpunkt ja dann durch ihr Gewicht dauerhaft bis zum Anschlag ziehen?
Oder meintest du querpendeln des gesamten FBM?
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ATV
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von ATV »

Querpendel.jpg
Querpendel.jpg (110.6 KiB) 1886 mal betrachtet
Rot der Grundrahmen welche nur ins Längsrichtung pendel kann und an welchem das Zugseil befestigt ist. Grün der Bereich des Laufwerkes welches über den Drehzapfen auch in Querrichtung gedreht werden kann.
A der konische Schwarze Gummi dient als Dämpfung der Querpendelung
-> meine Fotos könnt ihr weiterhin auf meiner Webseite --> www.stahlseil.ch ansehen.
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Re: Tragseilspannung bei 3S-Bahnen

Beitrag von Lagorce »

@kaldini; @stephezapo
You're welcome.

Hier noch was zu den Seilreitern, danke an den Betreiber für die Erstellung eines solchen Videos, wohl was Exklusives, gehe nicht einmal davon aus, dass viele Forummitlgliedern je einen installierten Seilreiter berührt haben.

Annual cable rider revision | G-Link Wagrain | Snow Space Salzburg

Direktlink
https://www.youtube.com/watch?v=pl4s4XLbVvg

Seilreiter: Zwischenaufhängung, slack carrier, cavalier.

YouTube User-Kommentare unter dem Video sind z.T. blödsinnig. Die Unterhaltsarbeiten umfassen, wie im Video erläutert, eine ausführliche Kontrolle des gesamten Seilreiters.
Eine Rolle auswechseln ist umständlicher als bei einer Umlaufbahn-Rollenbatterie oder bei einem Stützen- oder Stationssattel. Zudem muss man stets darauf achten, dass kein Werkzeug herunterfällt, in der Praxis sind meist nicht alle Werkzeuge mit einer Halteleine versehen (ist auch nicht vorgeschrieben).

Habe selbst in nicht-seilbahnbezogenen Bereichen in absturzgefährdeten Bereichen Arbeiten ausgeführt, da muss man zwischen Theorie der Bürosischerheitsfanatiker ohne Praxiserfahrung und den Realitäten vorort unterscheiden!

Die Teile sind in Wirklichkeit viel grösser und massiver als es Fotos und Videos erscheinen lassen, bereits bei einer 10-MGD oder 6/8-CLD sind Rollenbatterien recht massiv.
Sich von einem Wartungsfahrzeug auf das Stützenpodest zu begeben ist zwar nicht schwierig, nur sollte man doch einigermassen schwindelfrei und fit sein und was Glück haben, dass an der richtigen Stelle angehalten wird, bei nur +/- 50 cm Versatz zur Wunschhaltestelle kann der Überstieg unnötig erschwert werden, insbes. an steilen Stellen; wenn dan ganze noch vereist ist, wird es besonders sympathisch. :)
Je nach Ausführung der Rollenbatterie und Stütze verfängt sich dann was vom am Gstälti herunterhängendem Gedöns... Und wenn man was irgendwas im Fahrkorb vergessen hat, nochmals den ganzen Zirkus.

Wie im Video wird oft eine Hilfsvorrichtung die die Wartung der Seilreiter erleichtert vorübergehend montiert. Bei der Durchfahrt der Seilreiter ist das Zugseil nicht seitlich verschoben, da das Seil bereits von der Seilreiterrolle abgehoben ist, sieht es aufgrund des Kamerawinkels so aus, als würde es nicht mittig verlaufen.

Die PSA-Karabiner im Video sind unüblich gross, bei 65 mm Tragseildurchmsser reicht die Öffnungsweite der üblichen PSA-Karabiner nicht mehr aus, könnte im Video die alte Auführung der Petzl MGO 110 (110 mm Öffnung) sein (oder was ähnliches, weiss nicht, od dies ein Original-Petzl-Produkt ist), habe selbst jedoch nur die aktuelle schwarze MGO 110 Ausführung eingesetzt, übrigens sehr klobig und ziemlich schwer, setzt man nur ein wo wirklich erforderlich.

Bei Arbeiten auf Stützen muss man stets besonders auf die Sicherheit achten (Unfallgefahr sowohl bzgl. Personal wie Anlage).

Beim Betriebsfunk ist es äusserst wichtig, dass stets absolut eindeutig kommunziert wird. Wird im selben Gebiet z.B. gleichzeitig and mehreren Sesselbahnen gearbeitet ist unbedingt zu verhindern, dass die falsche Bahn in Bewegung gesetzt wird. In den Betriebsvorschriften ist die formale Betriebsfunk-Phraseologie festzulegen, ist jedoch nicht überall der Fall.

Bin selbst eher Sicherheitspragmatiker als -fanatiker. Würde man alle Sicherheitsvorschriften 1000 % strikte einhalten, könnte man gar nichts mehr in der EU herstellen und transportieren.

Hier so ein Beispiel (YouTube URL):
https://www.youtube.com/watch?v=aDfKWMqGozM

Und übrigens sollte man den Mast nicht vollständig nach hinten neigen, da dabei die Gabelenden dann zu hoch liegen, habe mir jedoch heute nicht nochmals das ganze Video angeschaut. Die Callouts und das Zeigen mit dem Finger... Gewisse Vorschriften schreiben ein Hupen vor jeder Rückwärtsfahrt vor, also Hupkonzert in der Lagerhalle? Klar, dass Staplerfahren nicht ungefährlich ist, nur sollte man auch nicht unnnötig mit praxisfremden Vorschriften übertreiben.
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