Triftbahn am 29.09.2024

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Kabinenzug
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Triftbahn am 29.09.2024

Beitrag von Kabinenzug »

Triftbahn am 29.09.2024

Die Eiszeit. Sie prägte über mehrere Jahrzehntausende die Landschaft und formte als teil nebst der Plattentektonik die Bergwelt. Reste dieser Eizeit finden sich unter heute schwitzenden Eisansammlungen: Die Gletscher.

Mit dem Aufschwung der Industrialisierung anfangs des 20'ten Jahrhunderts ergab sich bald auch die Möglichkeit, aus Strömenden Wasser Strom zu erzeugen.

Der Grimsel-Stausee ist von beginn weg ein Prestiegewerk schlechthin. Viel Arbeiterkraft erbrachten in kräftezehrenden Werk ab 1925 eines der Meisterstücke des Wasserkraftwerkbaus in der Schweiz, welche einen wesentlichen Anteil dazu brachte, später die Glühbirne im Dorf und Stadt zum wichtigsten Hilfsmittel zu machen. Mit den Jahren entstanden aufgrund des Strombedarfes immer mehr konkretere Pläne um auch die Schöpfung der Wasserkraft auf andere gebiete auszudehnen.

Das Triftwasser, stammend aus dem Triftgletscher und damit den Triftsee, wurde als weitere Anzapfpunkt für die Stromerzeugung festgelegt. Das dort gesammelte Wasser vom Triftsee respektive dem Kraftwerk Fuhren sollte dann zum Kraftwerk Hopflauenen oder bei Bedarf nach Rotlaui weitergeleitet werden. Um Mensch, Material und Maschine zum Stausee zu bringen, erhielt die Maschinenfabrik Habegger aus Thun den Auftrag für eine Werkbahn von Nessental bis zur Sunnigen Trift. Die Bahn wurde im Jahre 1952 dem Dienst übergeben.

Die Pendelbahn war ursprünglich ausschliesslich für den Werkverkehr vorgesehen. Immer wieder wurde sie im grösseren Rahmen umgerüstet. Mit der Öffnung vieler Seilbahnen der Grimselregion in den frühen 2000'er-Jahren wurde auch diese Bahn dem Publikumsverkehr zugänglich gemacht. Dabei wurde die Bahn vor der Vergabe der kantonalen Konzession 2005 ein weiteres Mal umfassend instand gestellt. Mit einer schiefen Länge von 2332 Metern, einer Höhendifferenz von 335 Meter und einer Fahrgeschwindigkeit von 5 m/s im Endausbau, vormachte sie mi ihren Kabinen für je 8 Personen in der Stunde 40 Personen zu transportieren.

Die eher flachere Höhendifferenz täuscht, denn die Bahn führt nach Stütze 3 teils fast 200 Meter über die Schlucht welche das Triftwasser eingeschnitten hat, samt deren umgebenden Felsriegeln. Aufgrund der eingeschränkten Platzverhältnisse in der schattigen Trift konnte die Bergstation nicht im flachen Gelände enden. Stattdessen wurde sie samt dem Barackenbau untenan an den Fuss des Doggelstein gezimmert, was der Infrastruktur die zusätzliche kühne Note verleiht.

Aufgrund der Vermarktung des Triftsee, -gletscher und -brücke sowie der Bahn erfreute sich diese die Aufstiegshilfe so grosser Beliebtheit, dass schon früh ein Platzkartensystem eingeführt werden musste. Heute kann man entsprechend mit Leichtigkeit die Reservation online tätigen, das sah zur Anfangszeit sicher anders aus. Man muss die Platzkarte 15 Minuten vorher mit der Reservation einlösen, ansonsten wandert sie in den Pool.

Nun, seit dem 30. September 2024 ist die Bahn offiziell geschlossen. Denn in den nächsten Monaten wird sie von Steurer komplett neu gebaut. Einzig die Stationsbauten werden zu einem gewissen Grad beibehalten, der Rest dem Schmelzofen zugeführt und somit neu aufgebaut. Dabei werden auch die filigranen und sich fügenden Stützwerke aus dem Landschaftsbild verschwinden und der heutigen Zeit entsprechend durch Rundrohrstützen ersetzt, wobei sich deren Zahl um eine geringer wird als der Vorgängerbahn.

Am Sonntag dem 29.09.2024, am gleichzeitig letzten offiziellen Betriebstag, ergab sich aufgrund der Wetteransagen daher eine gute Gelegenheit die Bahn abzulichten. Eine kurze Besichtigung der Antriebstechnik am Betriebsschluss nach 17:00 sollte dies Abrunden.

Die Story fängt schon beim Postauto in Grimseltor an, wo eine Familie aus einem anderem Kontinent stammend ein Ticket lösen wollte. Der Ticketkauf per Barzahlung ist seit Fahrplanwechsel 2024 Geschichte. Entsprechend musste ein wenig zwischen Postautofahrer und der Familie improvisiert werden und das Ticket konnte gelöst werden. Die vier Personen stiegen in Nessental Dorf aus.
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08:10 an der Talstation. Meine Platzkarte hatte ich für 09:12 eingelöst, da ich eine einigermassen freie Kabine wollte (letzten Endes aber nur 2 waren), und noch ein wenig die Umgebung abklappern wollte für diverse Fotoperspektiven. Aufgrund der fast klirrenden Kälte an diesem Morgen hielt man sich letzten Endes mehrheitlich bei der Talstation auf.

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Meine Reservation zeigte ich eine halbe Stunde vorher bei der Bergstation. Ich wurde gefragt ob ich den Platz der jetzigen Fahrt schon beanspruchen wollte, da vier Personen fehlen. Das konnte ich fast nicht abschlagen.

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Wir waren schon zu Acht in der Kabine als die Familie von vorhin ebenfalls an der Talstation eintraf. "You are too late"...

Ich fragte netterweise aufgrund der beschlagten Scheibe, ob die Mitfahrenden nichts dagegen haben wenn ich das Frontfenster öffne. Alle akzeptierten es auch humorvoll als Akklimatisierung und somit stand einer uneingeschränkten Sicht aus dem Innern nichts mehr im Wege.

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Bis zur Stütze 1 verläuft das Trasse relativ friedlich. Man erkennt aber schon anhand des Stützenpaares am Erggelihubel, dass sich dies bald ändert.

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Mit der Passieren der ersten Stützen wird der Bodenabstand im darauffolgenden Seilfeld wesentlich grösser und die Umgebung formt sich von der idyllischen Tal- zur rauen bewaldeten Felslandschaft. Östlich der kommenden Stützen ist der tiefe Einschnitt des Gewässers herausgebildet.

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Mit passieren der Stütze 2 und 3 nimmt die Umgebung unwirtliche Züge an. Mehr als 100 Meter Tiefer unten plätschert das Triftwasser. Die weitere Ostseite wird zur steilen Gras- und Waldfläche und die Westseite ergibt durch schroffe, teils bewaldete Felswände (mit entsprechend ausgesetzten Wanderweg vom Tal) zusammen mit umgebenden, mehr als 2000 Meter über Meer hohen angezuckerten Gebirgkette, in der Summe das Sinnbild einer nicht zimperlichen Berglandschaft.

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Kurz danach ist die Streckenmitte erreicht.

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Das letzte "Stützenpaar" mit Nummer 4 und 5 bildet ein Spannfeld über den "Beese Graben", zu deutsch "Bösen Graben". Durch diesen führt ebenfalls ein Wanderweg vom Tal aus.

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Danach geht es im Spannfeld fast geradlinig und mit geringerem Bodenabstand zur der eindrucksvollen Bergstation, welche Zug- und Tragseilabspannung beinhaltet.

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Noch ist das Abenteuer der Bahn an und für sich aber nicht zu ende. Der Abstieg von der Bergstation ist nur in den ersten Metern eine gitterne Metalltreppe mit Geländer. Mit dem Regen der Vortage und der kalten Luft in der Nacht hat sich eine Frostschicht über den eng gewindeten Holztreppen gebildet. Diese machen mehrere Meter Höhendifferenz zwischen Bergstation und Wanderweg aus. Musste daher z.T. trotz entsprechend profilierten Schuhwerk auf allen viernen krabbeln.

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Nach entsprechender Akklimatisierung wollte ich zuerst zur Stütze 4 auf der Ostseite. Habe aber nicht gerade unmittelbar den aufstieg zur Bogenmauer im Graben gefunden und blies die Sache zuerst ab, da der Weg mir zuerst einen gesperrten Eindruck vermittelte.

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So ging ich zuerst zum Stausee hinunter und machte mir einen kleinen Eindruck über das Stauwerk.

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Allzu lange hatte ich mich aber nicht aufgehalten wegen der Schwellwassergefahr und ging daher andere Perspektiven sammeln.

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Es ging über die Brücke in der Schattigen Trift zur anderen Talseite. Ich platzierte mich auf einem erhöhten Felsbrocken neben dem Fluss. So konnte man per Telezoom ein leichten Seitenblick in das Trasse einfangen.

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Danach ging es weiter zum Wanderweg auf der Westseite um zumindest das obere Streckendrittel einzufangen.

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Ich sah zwei Wanderer auf der Ostseite, die den Bogen beim kleineren Graben gemacht hatten und mit Leichtigkeit dieoberen Felsen hinunterwanderten. Da war also ein Weg, den ich nicht beachtet hatte.

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Viel weiter ging ich auf der Westseite nicht, da der Wanderweg durch die schroffe Umgebung recht eng wurde, um sinnvoll Fotos zu machen. So kehrte ich zur Bergstation zurück und versuchte nochmals die Ostseite.

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Die vorher übersehende mit Steinen gebildete Treppe welche über um einen grösseren Steinblock führt, war viel besser zu begehen. So konnte ich zur Stütze 5 aufsteigen.

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Ich hatte mir überlegt den Bösen Graben zu überqueren. Mir war es zudem aufgrund der absehbaren Steilheit und der festgestellten Wassermenge zu mühsam und daher beliess ich es bei der Stütze 5 und verweilte dort ein wenig in Wechselwirkung mit Normalen Objektiv und Telezoom.

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Mit diesem Programm war ich bereits bis 13:45 beschäftigt. daher war es Zeit langsam zur Bergstation zu gehen. Denn meine Platzkarte für die Talfahrt war auf 15:00 eingelöst.

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Hier sichtbar noch das Schema des Stauwerkes:

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In der Bergstation gab es ein Durcheinander an Platzkarten und für die aktuelle Kabine waren schon wieder weniger Personen vorhanden als angemeldet. Daher konnte ich die Talfahrt vorzeitig antreten und die Mitarbeiterin tauschte die Platzkarte um.

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Im Tal angekommen war es kurz vor 15:00 und mein Termin war ca. 2 Stunden später eingeplant. So filmte ich zuerst den Antrieb von der Gatterabsperung hintendran aus für die Sound- und drehende Räder-Puristen.

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Nächstes Ziel: Fotografie des unteren Streckenteiles.

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Nebenbei begab ich mich zur kleineren Brücke über die Triftschlucht.

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Zurück an der Talstation machte ich noch Aufnahmen von den letzten offiziellen Fahrten.

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Nachdem man noch ausnahmsweise verspätete Wanderer von der Bergstation abgeholt hatte und für die Werkfahrten die Kabinen gesäubert hatte, konnte ich mich in das Innere begeben.

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Im Antriebsraum. Quasie der Antrieb einer Sesselbahn auf eine Pendelbahn adaptiert.

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Der Antrieb könnte daher mindestens Einmal komplett umgekrempelt worden sein. Das Kissiling-Getriebe sagt BJ 1979.

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Ich habe den Verdacht, das Garaventa mal etwas grösseres gemacht hat. Zumindest das gelbe Antriebstad mit den nach aussen verengenden Streben bei den Speichen und die ineinandergreifende Kupplung sind typisch für den Hersteller.

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Ebenfalls neuer ist die Bremshydraulik, der hydrostatische Hilfsantrieb auf separaten schnellaufenden Getriebe und der thyristorgespiesene Gleichstrommotor von ABB. Das Tragseil wird ebenfalls im Antriebsraum "Verankert".

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Ich hatte mich im Busverplan verschaut und hätte eine geschlagene 3/4 Stunde warten müssen. Netterweise nahm mich die Mitarbeiterin mit bis Grimseltor. Nach einem Imbiss in Meiringen ging es mit dem Zug wieder zurück nach Luzern.
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