The Saga Begins
Mit der vormittäglichen Abfahrt in Klagenfurt starteten wir unseren Roadtrip Richtung Oberkärnten. Auch wenn sich im Laufe der Reise noch einige Zwischenstopps mehr ergeben hätten – man denke an Kärnten-Card-Partner wie Gerlitzen, Goldeck oder Bad Kleinkirchheim – wir hielten uns an unsere festgelegten Ziele im Mölltal; schließlich könnte es zeitlich doch etwas knapp werden, wenn man gleich mehrere für Seilbahnfans interessante Orte an einem Tag abklappern und dabei weder auf Wandergenuss noch kulinarische Pausen verzichten möchte. Außerdem: Selbst als Klagenfurter, für den ein Ausflug zum Mölltaler Gletscher für gewöhnlich keine Weltreise darstellt, „gönnt“ man sich die eineinhalb Stunden dauernde Autofahrt nach Innerfragant nicht jeden Tag – dafür stattet man dem Hausberg der Villacher, dem Spittaler Sportberg oder der Pisten-Thermen-Kombi in den Nockbergen schon öfter einen Besuch ab.
Station 1: Ankogelbahn I & II
Erster Halt: die Hochgebirgsbahnen Ankogel, genauer gesagt: der Parkplatz vor der Talstation der ersten Sektion der Gruppenpendelbahn, Ortschaft Stappitz, nördlich von Mallnitz in einem Seitental der Möll (Seebachtal) gelegen. Gleich vor dem Einstieg in die Kabinen ergab sich ein kurzer Plausch mit einem der freundlichen Seilbahnmitarbeiter, den wir bereits bei unserem letzten Ski-Trip im Winter zuvor kennenlernen konnten und der sich auch sofort an uns erinnerte. Es folgte ein ungezwungener Austausch über das Sommerangebot diverser Kärntner Skigebiete und Ferienregionen sowie ein paar Worte zur Zukunft am Ankogel, die aktuell ja doch positiver aussieht, als es im Winter 2023/24 medial postuliert wurde. Nicht nur aus seilbahntechnischer Sicht freut mich die Fortführung des Liftbetriebs, auch in Hinblick auf die Arbeitsplätze und den Mehrwert für eine Tourismusregion ist ein Weiterbestehen (+ mögliche Investitionen?) wünschenswert.
Kurzer Spoiler für Zwischendurch: Obwohl es das Mallnitzer Skigebiet Häulseralm seit geraumer Zeit schon nicht mehr gibt, wird es an diesem Tag eine der ehemaligen Liftanlagen vor meine Kameralinse schaffen – Locals und Lift-Experten wissen sicher schon Bescheid, die anderen dürfen in freudiger Erwartung diesem Reisebericht folgen.
Widmen wir uns nun den aus seilbahnhistorischer Sicht höchst bedeutenden Aufstiegshilfen der Region: Zwischen 1963 und 1966 nahm die Kärntner Bergbahnen AG die Erschließung der südwestlich gelegenen Hänge unterhalb des 3252m hohen Ankogels inmitten der Hohen Tauern in Angriff. 1964 errichtete der Stahlkonzern VOEST eine Pendelbahn in zwei Sektionen, deren untere Teilstrecke vom Mallnitzer Seebachtal auf 1281m Seehöhe bis zum 1941m hoch gelegenen Hochalmblick führt. Die Talstation südlich des Stappitzer Sees beherbergt dabei die Abspannvorrichtung für Trag- und Zugseil, angetrieben wird Letzteres in der Mittelstation. 28 Personen + 1 fanden in jeder der zwei Kabinen Platz, die die rund 660m Höhenunterschied und 1780m schräge Länge bei einer maximalen Fahrgeschwindigkeit von 7m/s in ca. 300 Sekunden überwunden hatten. Daraus ergab sich eine Förderleistung von 313 Pers/h.
Von dort aus ging es mit einer 48 Personen fassenden Kabine weiter zum 2630m hoch gelegenen Elschsattel, knapp über dem bekannten Hannoverhaus. Bei einer Fahrgeschwindigkeit von 7m/s dauerte eine Fahrt auf der 2390m langen Strecke rund 7 Minuten.
1993 wurden beide Sektion von der Firma Waagner-Biro zu einer Gruppenpendelbahn umgebaut, wobei die obere Sektion drei Kabinen und die untere zwei pro Fahrspur erhielt. Die drei Fahrbetriebsmittel der 2. Sektion stammen wie die der unteren aus dem Hause Swoboda, fassen jeweils 27 Personen und werden von einem 680-PS-starken Elektromotor bewegt.
Obwohl die Anlagen offiziell den Namen "Ankogelbahn I & II" tragen, reichen sie nicht direkt auf den Gipfel des 3252m hohen Ankogels. Dieser ist aber im Sommer von der Bergstation aus für Wanderer relativ gut erreichbar. Im Winter erstreckt sich entlang der Hänge unterhalb der Pendelbahnen ein kleines Skigebiet – im Abschnitt unter der Ankogelbahn II dient beispielsweise ein kultiger Wito-Schlepplift den Wintersportlern als zusätzliche Beschäftigungsanlage.
Bei der Fahrt mit der Pendelbahn trafen wir zwei außerordentlich freundliche, ältere Damen in Wanderkleidung, die unser Gespräch über den weiteren Tagesablauf und die noch anzusteuernden Ziele mitbekamen. Siehe da, sie waren ebenfalls im Besitz einer Kärnten Card und merkten sich unser Vorhaben, mehrere, nahe beieinanderliegende Kärnten-Card-Hotspots hintereinander zu besuchen, für ihren nächsten Ausflug. Da sich zwei junge Wanderer aus Klagenfurt bzw. Klagenfurt Land nicht jeden Tag nach Mallnitz verirren und diese sich in der Gondel auch noch interessiert über Seilbahntechnik und Pistenvarianten unterhielten, wuchs die Neugier unserer neuen Bekanntschaften. Wir erläuterten unseren beruflichen Hintergrund sowie unser Interesse für dieses Thema und ich erzählte kurz von meinem Projekt einer Seilbahn-Enzyklopädie, welche die Geschichte aller jemals in Kärnten erbauten Seilbahn- und Skiliftanlagen abdecken sollte. Mit Begeisterung berichtete eine der Damen von einem Bekannten, der gerade im Oberkärntner Raum viele Connections und noch mehr alte Bilder aus den örtlichen Skigebieten hätte. Was für ein Zufall! Wie sich später herausstellte, war der angesprochene Herr leider bereits verstorben, aber die sofort angebotene Unterstützung der Dame freute mich sehr – wie heißt es so schön: Beim Reden kommen die Leut‘ zam.
Station 2: Mölltaler Gletscher
Für Fritzi und mich ging es erstmal weiter ins nächste Seitental, wo sich eine schmale Straße zum Parkplatz der Gletscherbahnen in Innerfragant schlängelte. Mit dem „Gletscher-Express“ fungiert die mit fast 5 km längste Standseilbahn der Welt als Zubringer zu Kärntens einzigem Gletscherskigebiet, welches Mitte der 1980er-Jahre erstmals mit seilgezogenen Aufstiegshilfen erschlossen wurde. Eine heute noch bestehende 6er-Kabinenbahn des niederösterreichischen Seilbahnherstellers Girak sowie einige Schlepplifte beförderten damals die Wintersportler bis knapp unter den Schareckgipfel auf über 3100m Seehöhe. Aufgrund der mangelnden Lawinensicherheit der Zufahrtsstraße zur Gondelbahn, deren Talstation auf rund 2200 m über dem Meeresspiegel liegt, entschied man sich Anfang der 90er-Jahre zum Bau der erwähnten Standseilbahn.
Nach einer Bauzeit von 23 Monaten wurde sie schließlich im September 1997 fertiggestellt. Mit einer schrägen Länge von 4826m hält sie nicht nur den Rekord für die längste Standseil-, sondern auch den für die längste Stollenbahn der Welt. Konstruiert wurde die beeindruckende Anlage übrigens von Waagner-Biro, die elektronische Ausrüstung stammt von ELIN und SSD (Salzburger Seilbahntechnik).
Die zwei Wagen der Standseilbahn fassen jeweils 220 Personen (30 pro Kabine) und werden von vier Elektromotoren mit je 325 kW gezogen. Je zwei Motoren wurden zu einer Antriebseinheit zusammengefasst, was eine Leistung von rund 900 PS pro Antriebssatz ergibt. Als Notantrieb steht ein Mercedes-Dieselmotor mit 300 PS bereit. Das Zugseil stammt aus dem Hause Teufelberger.
Wir staunten nicht schlecht, als wir im Wagen der Standseilbahn zwei bekannte Gesichter erblickten: unsere zwei Bekanntschaften vom Ankogel hatten sich ebenfalls dazu entschieden, auch dem Mölltaler Gletscher einen Besuch abzustatten. Bei der Mittelstation angekommen, nahmen wir nicht direkt die nächste Kabine der EUB zum Vorgipfel, sondern widmeten uns erstmal den kuriosen Schleppliften im Nahbereich der Zwischenstation.
Besonders angetan hatte es uns der Leitner-Schlepplift „Mittelstation“, der mir zwar schon bekannt war, aber meinen Kollegen – immerhin durch kuriose de-Pretis-Konstruktionen einigermaßen abgehärtet – doch beinah zur Verzweiflung trieb. Talstation, Austiegsstütze, Bergstation – entweder wollte Leitner hier bewusst etwas in Kärnten noch nie Dagewesenes in die Landschaft klatschen oder jemand – etwa ein uns bekannter Seilbahnpionier aus Villach? – hat sich hier ordentlich in der Resterampe ausgetobt (im positiven Sinne – für Lifte mit Eigencharakter bin ich immer zu haben!).
Wo wir gerade von de Pretis gesprochen haben... jener mutmaßliche Villacher Konstrukteur hat sich zumindest anderweitig am Gletscher verewigt – der zweite Schlepplift neben der Talstation der EUB, der „Stübelelift“, trägt Herstellerschilder von de Pretis, obwohl die Bauweise im ersten Moment nicht unbedingt auf ihn schließen lassen würde.
Fun Fact: Die Schweißarbeiten an den Stützen der Girak-Kabinenumlaufbahn hat ebenfalls die Firma de Pretis durchgeführt.
Mit dieser Anlage ging es nun weiter Richtung Gipfel – bis auf das Schareck in über 3100m kamen wir an diesem Tag jedoch nicht, da der Gipfelsessellift nur bis 14 Uhr in Betrieb war und wir uns den mehrstündigen Fußmarsch zugunsten einer Fahrt mit dem nächsten Ziel auf unserer Reise eintauschen wollten.
Nun galt es, eine Seilbahn in unmittelbarer Nähe des Panoramahotels bzw. -Restaurants genauer zu begutachten: Die Rede ist natürlich von der DSB Klühspies mit ihren seltenen, geschwungenen Sesseln aus der Produktion von Felix Wopfner.
Hier lösen wir nun auch das eingangs gestellte Rätsel um den Verbleib einer Anlage aus dem ehemaligen Mallnitzer Skigebiet Häusleralm – schließlich wurde die DSB Klühspies ursprünglich dort im Jahr 1988 von de Pretis als Zubringer und Ersatz für den Vorgänger-ESL aufgebaut, wobei sie bei der Stillegung des Skigebiets im Jahr 2000 auf den Mölltaler Gletscher übersiedelt und hier als Ersatz für einen Kurvenschlepplift auf abgewandelter Trasse wieder aufgestellt wurde.
Doch selbst hier wird sie nicht mehr ewig ihre Runden drehen: Seit geraumer Zeit ist ein Neubau in Form einer kapazitätsstarken kuppelbaren Sesselbahn in Gespräch, im aktuellen Winter ist die kultige Doppelsesselbahn allerdings nach wie vor in Betrieb.
Bei so einer anstrengenden Tätigkeit wie das Knipsen von Seilbahnen sehnt sich der Körper irgendwann natürlich mal nach einer Erholung – zur Stärkung suchten wir das beinahe leere Panoramarestaurant Eissee auf und ließen uns frisch zubereitete Leckereien schmecken – gemundet hat es auf jeden Fall, aber man merkt auch, dass man für den grandiosen Panorama-Ausblick ein paar Euronen mitbezahlt
Da nun der Betriebsschluss näher rückt und wir immer noch ein paar offene Punkte auf unserer To-Do- (besser: To-See-)Liste haben, machten wir uns schön langsam auf zur Rückkehr ins Tal. Mit einem flackernden Blick auf die Uhr und der leisen Vorahnung, dass es sich eventuell doch „oaschknopp“ nicht mehr ausgehen könnte, unsere Kärnten-Card an diesem Tag noch einmal zu benutzen, steuerten wir die Kreuzeckbahn in Kolbnitz an.
Station 3: Kreuzeckbahn
Faszinierend genug, dass in einer kleinen Gemeinde im Mölltal gleich beide Talseiten eine Touristenattraktion in Gestalt von Standseilbahnen boten – noch faszinierender, dass sich die gut erschlossene, aus drei Sektionen Standseilbahn sowie einer Schmalspurbahn bestehende Nordseite, die im vergangenen Jahrhundert sogar ein Hotel mit Hallenbad und ein kleines Skigebiet beherbergte, als wirtschaftlich nicht überlebensfähig entpuppen sollte.
Heute ist die nördlich gelegene Reißeck-Bahn und alles, was dazugehört, schon längst (Seilbahn-)Geschichte, während die Kreuzeckbahn auf der anderen Talseite nach wie vor in Betrieb ist – obwohl (oder gerade weil) sie abgesehen von einer kleinen Hütte und dem eher unbekannten Rosswiesen-Speicher keine nennenswerte Freizeitinfrastruktur rund um Tal- oder Bergstation bietet. Auch Gipfelerlebnisse sind mit der Kreuzeckbahn nicht machbar, schließlich endet sie für Außenstehende wahllos und nicht mal auf halber Höhe des Koppen bzw. des Kleinen Salzkogels, ihrerseits die nächstgelegenen Berggipfel. Man fährt die Standseilbahn also wegen der Standseilbahn, für uns Seilbahnnostalgiker eigentlich kein verkehrter Ansatz
Allerdings bewahrheitete sich unsere Befürchtung, als wir am Parkplatz vor der Talstation ankamen – die vorletzte Fahrt haben wir knapp verpasst; und mit einer möglichen letzten Fahrt würde es tatsächlich nur mehr ein einziges Mal nach oben gehen, denn der Abstieg müsste dann zu Fuß erfolgen, wie uns ein netter Mitarbeiter geduldig erklärte. Er gab uns auch gleich Wanderempfehlungen mit auf den Weg, die wir im Normalfall gerne beherzigt hätten, nur mit einem erneuten, inzwischen ernüchternden Blick auf die Uhr, der Aussicht auf einen Abstieg in fremdem Gelände ohne Ortskenntnisse und auf eine weitere, eineinhalb Stunden andauernde Autofahrt bis nach Hause ließen wir es für heute gut sein. Tja, auch knapp verpasst bleibt verpasst, dafür haben wir immerhin schon einen Punkt auf unserer Bucketlist für den Sommer 2025.
Als wir vom Parkplatz rollten, kam uns eine andere Idee: Bei der Hinfahrt am Vormittag, etwa auf der Höhe von Mühldorf, fielen uns zwei ältere STEMAG-Schlepplifte auf der anderen Talseite ins Auge. Wie wäre es mit einem kurzen Abstecher zu den beiden Oldtimern?
Station 4: SL Raunigwiese
Gesagt, getan – zuerst hielten wir beim Schlepplift „Raunigwiese“, der sogar mit einem der heutzutage extrem seltenen Liftomaten ausgerüstet ist. Eine Flutlichtanlage besitzt der kurze Hang zwar ebenfalls, vor Ort und bei einer oberflächlichen Google-Suche waren Hinweise auf einen aktiven Skibetrieb jedoch Mangelware. Laut skiresort.at ist der Lift im Winter noch in Betrieb, aber wie es aussieht, wären wir jetzt im März schon zu spät für einen Besuch. Gleiches gilt auch für den Skilift Mühldorf, seines Zeichens der zweite STEMAG-Schlepper auf unserer Liste und quasi „gleich um’s Eck“ auf der anderen Hangseite des SL Raunigwiese gelegen. Ob die beiden Lifte jemals zusammengehört haben oder warum zwei STEMAG-Schlepper so unmittelbar nebeneinander gebaut, aber anscheinend doch getrennt betrieben wurden, ist mir (Stand jetzt) unbekannt – weitere Nachforschungen sind aber im Gange…
Station 5: SL Mühldorf
Da dieser Hang abgezäunt war und im geöffneten Gasthof direkt unterhalb der Talstation genug Gäste die letzten Sonnenstrahlen des Tages genossen haben, ließen wir die Knipserei gut sein und drehten uns wieder in Richtung Auto um.
Somit ging ein ereignisreicher und spannender Tag mit vielen Eindrücken, dem Wiedersehen mit alten Bekannten und dem Knüpfen neuer Kontakte zu Ende. Ein großes Dankeschön für die Reisebegleitung an den „weltbesten Beifahrer“ geht selbstverständlich raus an meinen (nicht nur Forums-)Kollegen Fritzi, den ich alsbald hier verlinke.