22.11.2025 Generous, Dieselgewitter mit Aussicht auf Pulverschnee
Wer einen extrem steilen Kurzbügler sucht mit Dieselantrieb, kann den Bericht wieder schliessen. Leider gibts so etwas am Monte Generoso nicht. Auf der Alpe Mendrisio stand zwar einmal ein kurzer Stemag Skilift, doch dieser ist längst Geschichte. Heute führt kein Skilift mehr über diese Hänge, und wer hinauf will, nimmt das Auto, die Bahn oder die eigenen Füsse.
Meine Anfahrt beginnt unten in Mendrisio. Die schmale Bergstrasse windet sich in engen Kurven mehr als 1000 Höhenmeter hinauf bis zur Alpe Mendrisio. Je höher ich komme, desto mehr Schnee liegt am Strassenrand, zuerst eine dünne Schicht, dann richtig winterlich, bis sich schliesslich eine geschlossene Schneedecke zeigt. In den oberen Waldabschnitten dämpft der Schnee jedes Geräusch. Nur das gleichmässige Brummen des Motors begleitet die Fahrt. Kurz vor Bellavista geht die Nacht langsam in den Morgen über. Die ersten Lichtstreifen fallen durch den verschneiten Buchenwald, der Wald wirkt still und völlig unberührt. Kein Mensch ist unterwegs, kein Geräusch, kein Wind. Als die Sonne aufgeht, öffnet sich zwischen den Stämmen der Blick auf den Monte Rosa. Das Morgengrau weicht und die Gipfellinie zeichnet sich klar gegen den Himmel ab.
Bellavista ist im Winter oft menschenleer, und so wirkt die Szenerie fast wie eine gefrorene Zeitkapsel. Hier beginnt der Abschnitt, der seit mehr als hundert Jahren vom Klang der Zahnradbahn geprägt wird. Die Ferrovia Monte Generoso wurde im 19. Jahrhundert gebaut und steht seit jeher im Spannungsfeld zwischen touristischem Betrieb, technischer Weiterentwicklung und wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Bahn stand mehrfach kurz vor dem Aus und ging mehrmals Konkurs, bis sie 1942 von der Migros beziehungsweise von Gottlieb Duttweiler übernommen wurde. Diese Übernahme war der Wendepunkt. Unter Migros konnte sich die Bahn konsolidieren und modernisieren.
Der Wandel der Traktion ist ein Beispiel dafür. Aus dem ursprünglichen Dampfbetrieb wurde ein dieselbetriebener Betrieb. Die Bahn entwickelte und baute dabei eigene Fahrzeuge. Die Werkstatt Capolago war technisch zu erstaunlichen Leistungen fähig. Dort entstanden Triebwagen, Diesellokomotiven und umgebaute Bahnfahrzeuge, was zeigt, wie tief das technische Know how im Betrieb verankert war.
1982 erfolgte die Elektrifizierung. Seit diesem Jahr verfügt die Bahn auch über eine eigene Schneeschleuder, die Xrot hm. Ihr Ursprung liegt in einem Kommunalfahrzeug von Viktor Meili, das 1982 in Schübelbach gekauft wurde. Da dieses Fahrzeug die Anforderungen der Zahnradbahn nicht erfüllte, wurde es in der Werkstatt Capolago umfassend umgebaut. Diese Werkstatt hatte bereits nachweislich komplette Triebwagen, Dieselloks und verschiedene Bahnfahrzeuge gebaut oder überholt, und genau dieses Wissen floss in den Umbau ein.
Das Chassis des Meili Fahrzeugs wurde verlängert, um zusätzliche Räder für den Zahnstangenbetrieb aufnehmen zu können. Die Mechaniker bauten die Zahnräder für das Abt System ein und konstruierten den vollständigen hydraulischen Antrieb dafür. Die absenkbaren Schienenradsätze wurden so ausgeführt, dass sie hydraulisch auf die Schiene gedrückt werden können. Ausserdem erhielt das Fahrzeug eine hydraulische Scheibenbremse für den Bahneinsatz. Das Fahrerhaus wurde verlängert und bietet heute Platz für fünf Personen. Der ursprüngliche Perkins Motor mit Schaltgetriebe wurde entfernt und durch einen VM Motori Dieselmotor mit hydrostatischer Kraftübertragung ersetzt. Die Quelle beschreibt die Umbaukosten als weit über 500000 Franken, was die Tiefe der Arbeiten zeigt.
Heute steht die Xrot hm als technisches Einzelstück im Einsatz. Sie verbindet den Ursprung eines Kommunalfahrzeugs mit der technischen Tradition der Bahn. Auf dem Monte Generoso ist sie ein unverzichtbares Gerät für den Winterbetrieb und gleichzeitig ein sichtbares Beispiel für die Ingenieurkunst, die in Capolago über Jahrzehnte gepflegt wurde
Wenn man an einem winterlichen Morgen oben in Bellavista steht, die Stille hört und die ersten Sonnenstrahlen den Monte Rosa beleuchten, wirkt die Geschichte der Bahn fast greifbar. Vieles hat sich verändert, aber der Charakter des Monte Generoso und die Bahn, die ihn erschliesst, sind bis heute erhalten geblieben.
Kurz nachdem die ersten Sonnenstrahlen den Wald oberhalb von Bellavista erreichen, taucht die Schneeschleuder aus dem verschneiten Buchengürtel auf. Der kräftige Dieselton kündigt sie an, bevor sie sichtbar wird. Dann kommt sie zwischen den Stämmen hervor, schraubt sich Zahn für Zahn nach oben und wirft den feinen Pulverschnee in einem hohen Bogen seitlich aus. Die Ausfahrt aus dem Wald erfolgt in einem weiten Bogen, bei dem sich schlagartig der Blick über die Poebene öffnet. Das Licht des Morgens liegt tief, die Ebene ist von einem dünnen Dunst überzogen, und die Schleuder zieht ihre Spur bis zur Station Bellavista, die in der Kälte des frühen Vormittags noch völlig ruhig da
liegt.
Von Bellavista führt die Trasse über die Waldgrenze hinaus. Oberhalb der letzten Buchen beginnt der offene Abschnitt über den Pianocone Grat. Der Wind hat hier den Schnee verfrachtet, die Oberfläche wechselt zwischen hartem Triebschnee, abgeschliffenen Bereichen und kleinen Schneeverwehungen. Die Xrot hm arbeitet sich gleichmässig über den Grat, der freie Blick reicht jetzt weit in den Süden und nach Osten. Je höher das Fahrzeug kommt, desto stärker öffnet sich der Horizont über die Hänge des Monte Generoso.
Auf dieser letzten Rampe zur Bergstation Vetta wird die Landschaft weit und karg, und nur noch niedrige Vegetation ragt aus dem Schnee. Die Trasse führt im leichten Bogen auf die Endstation zu, wo das markante Fiore di Pietra von Mario Botta über dem Grat steht. Das Gebäude mit seinen klaren geometrischen Formen und den steinernen Fassaden liegt leicht erhöht über der Gleisanlage. Auch hier ist der Schnee vom Wind modelliert, und die Bahn räumt zuerst den Vorplatz und den Bereich um die Gleise, bevor der Betrieb oder ein allfälliger touristischer Zugang möglich wird.
Von der Bergstation aus öffnet sich der Blick über weite Teile der südlichen Alpen. Direkt unterhalb liegt der Lago di Lugano, dessen langgezogener Arm zwischen Monte San Giorgio und Monte Brè verläuft. Auf der gegenüberliegenden Seite spannt sich die Sicht vom Monte Rosa Massiv im Westen bis zur Berninagruppe im Osten. Auch der Seedamm von Melide ist deutlich erkennbar, eine der markantesten Linien im unteren Becken des Luganersees. Der eigentliche Gipfel des Generoso liegt noch etwa hundert Höhenmeter über der Station, ein breiter, grasiger Rücken, der im Winter von einer geschlossenen Schneedecke überzogen ist.
Während unten in Mendrisio noch der Morgenverkehr beginnt, herrscht hier oben völlige Stille. Die Kombination aus technischer Bergbahn, einer einzigartigen Schneeschleuder und der weiten Aussicht über die Alpen verleiht dem Monte Generoso seinen besonderen Charakter. Die Bahn hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, doch seit der Übernahme durch Migros und den technischen Erneuerungen ist sie zu einem verlässlichen Bestandteil der Region geworden. An Tagen wie diesem, mit Pulverschnee, Windverfrachtungen und klarer Sicht, zeigt sich eindrücklich, wie eng Technik, Landschaft und Tradition miteinander verbunden sind.
Je später der Tag wird, desto mehr Fussgänger tauchen auf dem Gipfelweg auf. Auch wenn das Restaurant im Fiore di Pietra geschlossen bleibt, zieht es viele nach oben. Die Sonne steht inzwischen höher und erwärmt den dunklen Asphalt unter der dünnen Schneeschicht. Dadurch beginnt der Schnee am Nachmittag rasch zurückzuweichen, zuerst an den Kanten, dann in ganzen Streifen, bis die Wegführung stellenweise wieder frei liegt.
Weit unterhalb öffnet sich der Blick in das Valle di Muggio, das letzte Tal der Schweiz. Sein verzweigtes Relief wirkt aus der Höhe fast wie ein Modell. Dahinter beginnt die weite Fläche der Poebene, und am Horizont liegt die Millionenstadt Mailand, deren Dunstglocke als feiner Schleier sichtbar wird.
Hier oben herrscht Ruhe. Nur die Schneeschleuder durchbricht sie gelegentlich mit ihrem tiefen Dieselklang. Als der Nachmittag fortschreitet und das Licht weicher wird, beginnt die Xrot hm ihre Rückfahrt talwärts. Sie setzt zurück, fährt im Schritttempo über den Pianocone Grat und verschwindet schliesslich im Schatten der Bergflanke. Der Klang der Dieselmotoren verliert sich im Gelände, und die Stille kehrt zurück.
Der Monte Generoso liegt wieder ruhig da, die letzten Fussgänger machen sich an den Abstieg, und die Sonne senkt sich langsam über die Poebene
Der Skihang wo einst der Skilift stand kann man heute noch Schlitteln. das Fundament der Bergstation hat man vor 2 Jahren rausgerissen, es liegt nun als Poller auf dem Waldweg beim Parkplatz Richtung Peonia.
22.11.2025 Generous, Dieselgewitter mit Aussicht auf Pulverschnee
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Re: 22.11.2025 Generous, Dieselgewitter mit Aussicht auf Pulverschnee
Nun noch das Bewegtbild dazu:
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Re: 22.11.2025 Generous, Dieselgewitter mit Aussicht auf Pulverschnee
Wahnsinnsbericht! Vielen Dank dafür.
Ich kenne die Ecke natürlich nicht, aber die Bilder sprechen für sich.
Abfahrt kann man keine machen?
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Re: 22.11.2025 Generous, Dieselgewitter mit Aussicht auf Pulverschnee
Wo ein Berg ist, da ist selbstverständlich auch eine Abfahrt. Am Monte Generoso sogar eine ganz besondere. Die Bahn fährt im Winter, Ski kann man bequem im Güterwagen transportieren, und die Hänge hätten eigentlich, mit Ausnahme des felsig steilen Westhang, eine sehr angenehme Neigung. Sogar ein Skilift war einmal am Osthang geplant oder bereits im Bau, auf alten Karten taucht er tatsächlich auf.Arlbergfan hat geschrieben: 26.11.2025 - 22:26 Wahnsinnsbericht! Vielen Dank dafür.
Ich kenne die Ecke natürlich nicht, aber die Bilder sprechen für sich.
Abfahrt kann man keine machen?
Und dann wäre da noch der legendäre Stemag Skilift auf der Alpe Mendrisio, der einst stolze 25 Höhenmeter überwunden hat. Ein Kurzbügler der Superlative.
Nur beim Schnee hapert es. Wasser gibt es am Monte Generoso genug, aber nicht im Aggregatszustand fest, der für eine Abfahrt doch eher hilfreich wäre. In den letzten zehn Jahren hatte ich einmal das Vergnügen, genügend Schnee für eine halbe Abfahrt zu finden. Und auch das eher mit gutem Zureden.
Die Bahn steigt zudem von Süden her auf, durch einen schönen, aber durchgehend bewaldeten Hang. Der eignet sich perfekt zum Panoramawandern und fürs Schauen aus dem Zugfenster, aber skifahrerisch bewegt er sich im Bereich „Dauerquerfahrt“.
Es gibt aber tatsächlich eine Art Geheimtipp: die Abfahrt von Vetta über Nadigh nach Roncapiano. Wunderschön, wenn sie denn einmal weiss ist. Roncapiano hat sogar Postautoverbindung. Die Fahrplanzeiten sind allerdings so exotisch wie das Wetterglück am Monte Generoso: 07.05, 09.02, 17.05 und 19.01. Ideal, wenn man die Tour exakt ein einziges Mal am Tag machen möchte oder bereit ist, sehr spontan im Tal zu übernachten odr nach Scudelate zu laufen.
Kurz gesagt: Ja, Abfahrt möglich. In der Theorie. Mit einem guten Sinn für Humor, viel Schneeoptimismus und freundlichem Material und mit Wasser im Aggregatszustand fest.
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Re: 22.11.2025 Generous, Dieselgewitter mit Aussicht auf Pulverschnee
Skibetrieb Alpe di Mendrisio
Früher gabs noch bisschen mehr Schnee auch wenn nicht viel.
Heute sieht es meistens so aus im Winter
Hier noch die Karte von ufff 1965 rum oder so mit beiden Skiliften eingezeichnet:
(Fotos gemeinfrei)
Früher gabs noch bisschen mehr Schnee auch wenn nicht viel.
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