Schon etwas länger her, bin beim durchsuchen der SUST Berichte drauf gestossen:
Glück im Unglück auf einem Sessellift im Walliser Visperterminen. Ein Sessel löste sich vom Tragseil und rutschte in den nächsten Sessel hinein. Eine Person wurde leicht verletzt, eine kam mit Schock davon.
Ein Vorbericht ist lediglich eine schlichte, rasch nach Eröffnung einer Untersuchung veröffentliche Kurzinfo zu einem Zwischenfall, im Wesentlichen eine minimale Schilderung des Ereignises (was, wo, wann, wieviele Personen,...), jedoch ohne nähere Ergebnisse. Der summarische Bericht, oder der abschliessende Bericht, folgt später.
(Als Zusatzinfo:
Für Frankreich: BEA-TT: https://www.bea-tt.developpement-durabl ... s-r11.html
Nur ganz wenige Seilbahnberichte, jedoch z.T. interessant, u.a. wurden die Befestigungen von Gondelbahnkabinenverglasungen untersucht (m.E. sind die EN Anforderungen bzgl. Festgkeit gegen Herausdrücken der Kabinenwänden (auch Pendelbahnen) zu niedrig, auch Türbereiche und Zuhaltungen sollten verstärkt werden, dies ganz besonder für urbane Anwendungen).
Für DE ist es länderspezifisch, man findet kaum was, null und nichts über die Zugspitze Zwischenfällle. Für AT findet man kaum was, hat jemand anders im Forum bereits erläutert.)
Gemäss SUST Gefahr im Verzug, daher vorgängig einen Zwischenbericht:
Wie es nun aussieht, war dabei viel Glück im Spiel. Denn die Schweizerische Sicherheits-Untersuchungsstelle (Sust) eröffnete eine Untersuchung und publizierte nun einen Zwischenbericht. Und zwar aus Gründen der Dringlichkeit und zur Unfallverhütung.
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Nun wurde die Klemme des Sessels untersucht. Dabei wurden Beschädigungen an den Tellerfedern festgestellt. Eine Feder war an zwei Stellen gebrochen. Ein Bruchstück konnte nach dem Unfall gar nicht mehr aufgefunden werden. Eine weitere Tellerfeder wies einen durchgehenden Riss auf, mehrere weitere Stücke eine «signifikante Korrosion».
Nach Walliser Seilbahn-Drama
Jetzt müssen 88 Anlagen in der ganzen Schweiz kontrolliert werden
Ein Sessel eines Lifts löste sich im Walliser Visperterminen Anfang Januar vom Tragseil und rutschte in den nächsten Sessel hinein. Eine Person wurde leicht verletzt, eine kam mit Schock davon. Nun müssen 88 Seilbahnen geprüft werden.
88 Seilbahnen müssen ihre Sessel unter die Lupe nehmen
Wegen der Kollision zweier Sessel in Visperterminen VS müssen zahlreiche Betreiber ihre Anlagen überprüfen. Dem Hersteller sind keine ähnlichen Fälle bekannt.
Nahaufnahmeausschnitt einer fehlerhaften Tellerfedersäule, insgesamt sollten 20 identische 80x41x4.00 [mm] Tellerfedern in Werkstoff 1.8159 (51CrV4), phosphatiert, rein wechselsinnig (sog. in Serie) geschichtet sein.
Die Tellerfedern selbst sind gängige handelsübliche Typen und Grössen, wobei diese Grösse nicht formal normiert ist (im Ggs. zu 80.00x41.00x2.25 sowie 80.00x41.00x3.00 und 80.00x41.00x5.00 [mm]), was jedoch keine Bedeutung hat, da verschiedene Hersteller die besprochene Zwischengrösse anbieten.
Unbekannt ist, ob gedrehte oder feingestanzte Ausführungen im Einsatz sind. Technisch vorzuziehen wären gedrehte Ausführungen, wobei diese bei den besprochenen Abmessungen teils von Herstellervorzugsprogrammen in den letzten Jahren gestrichen wurden.
Bei kritischen Anwendungen kann die Wahl der Ausführung die Lebensdauer beeinflussen, die Abmessungen sowie Federkonstanten sind jedoch ausführungsunabhängig (hier gedreht oder feingestanzt gemeint).
Die handelsübliche phosphatierte Ausführung ist bei fachgerechter Schmierung mit hochwertigem MoS2 Fett im alpinen Bereich bzgl. Prüfintervalle ausreichend korrosionsbeständig, die Qualität des Schmiermittels spielt allerdings eine Rolle, da minderwertige Produkte z.B. verharzen oder schneller weggespült werden können, habe dabei so eigene Erfahrungen gesammelt.
Dass zu dünne Tellerfedern (vermutlich 80x41x3 [mm] (?)) zu verfrühtem Versagen führen können, ist einleuchtend.
Ob Zwischendicken vorhanden sind, müsste man nachmessen, es werden standardmässig jedoch nur metrische 80x41 [mm] Tellerfedern mit Dicke 2.25, 3.00, 4.00 und 5.00 [mm] hergestellt, zwischen 3.00 und 4.00 Nenndicke ist keine Zwischendicke vorgesehen und eine solche würde Ausgangsmaterial in Sonderdicke für Spezialaufträge voraussetzen, oder Dickenabweichungen, die höchstwahrscheinlich durch die QS erkannt worden wären, insbes. da Tellerfedern losweise ohne dickenmindernde Nachbearbeitung hergestellt werden.
Zu dünne Tellerfedern werden aufgrund zu geringer Federkonstante übermässig eingedrückt, was zu erhöhter Setzung führen kann und ebenso die Lebensdauer verringert (Materialbruch), einfach ausgedrückt werden 3 [mm] (anstelle 4 [mm]) dicke Tellerfedern zu stark belastet. Aufgrund der zu geringen Bauhöhe der 3 [mm] dicken Tellerfedern ist bei gleicher Einspannlänge der Tellerfedersäule (korrekt wären 20 Stück 80x41x4 [mm] Tellerfeder, rein wechselsinnig geschichtet) die erreichte Vorspannkraft entsprechend reduziert, der Bauhöhenunterschied beträgt 0.90 [mm] (Nennbauhöhe (Nennhöhe der unbelasteten Tellerfeder) bei 80x41x4 [mm]: 6.20 [mm]; bei 80x41x3 [mm]: 5.30 [mm]).
Durch die unzureichende Vorspannung erreicht die erforderliche Schliesskraft der Klemme u.U. nicht mehr die Werte, die erforderlich sind um die EN Vorgaben zu erfüllen (bei minimal zulässigem Förderseildurchmesser). Die Schliesskraft wird nicht direkt als Wert vorgeschrieben, da sie von konstruktiven Einzelheiten der Klemme abhängig ist. Vorgeschrieben sind jedoch jeweils die maximale Flächenpressung der beweglichen sowie der festen Backen, Einzelheiten sind den EN des CEN TC/242 zu entnehmen.
Nebst der reduzierten Klemmkraft führt die unzureichende minimale Vorspannung der Tellerfedersäule zu einer reduzierten Lebensdauer der Tellerfedern, da um die rechnerisch zu belegende Zyklenzahl erreichen zu könnren, die axiale Vorspannung jeder einzelnen Tellerfeder weder den Mininalwert unterschreiten noch den Maximalwert überschreiten darf (durch die rein serielle Anordnung sind sämtliche Tellerfedern in erster Annäherung derselben axialen Kraft ausgesetzt, in der Praxis ist die Lebenserwartung der einzelnen Tellerfedern jedoch nicht homogen auf die gesamte Länge der Tellerfedersäule verteilt).
Bei der besprochenen Garaventa AK 2.1 bistabilen kuppelbaren Klemme wird die höchste Kompressionslast auf die Tellerfedersäule momentan beim durchfahren des Totpunkts des Kniehebelsystems erreicht. In geöffnter Stellung ist theoretisch die Vorspannung bis auf Toleranzen und Alterung der Tellerdedern konstant während in geschlossener Stellung die Vorspannung vom effektivem Förderseildurchmesser und Abnutzung der Backen abhängig ist.
Obwohl der SUST Zwischenbericht vom 2024-02-01 (https://www.sust.admin.ch/inhalte/BS/20 ... n_ZB_D.pdf) nichts Näheres über die effektiven Dicken der zu dünnen Tellerfedern erläutert, ist meine Vermutung zuerst mal, dass ganz einfach EN-normenkonforme jedoch anwendungsfallspezifisch nicht zulässige (3 [mm] Dicke) Tellerfedern irrtümlicherweise irgendwo mit den korrekten (4 [mm] Dicke) Tellerfedern vermischt wurden.
Sofern 80x41x3 mit 80x41x4 [mm] Tellerfedern vermischt wurden, sollte der Dickenunterschied m.E. bei sorgfältiger Montage auffallen.
Dies nicht zu bemerken würde ich dennoch nicht als gröbere Fahrlässigkeit einstufen, ist ebenfalls ein Frage der Praxiserfahrung und zudem können nicht näher bekannte Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen.
Bei diversen nicht von der SUST untersuchten Klemmen sind unzulässige (zumindest zu dünne) Tellerfedern vorhanden, deren Anzahl und Anordnung in der jeweiligen Tellerfedersäule scheinen zufallsbedingt. Fehler bei der Gesamtzahl sowie Schichtungsanordnung der Tellerfedern sind nicht bekannt.
Allgemein sind überraschend hohe Koaxialitätsfeher festzustellen. Der Aussendurchmesser des Führungsteils sollte im Bereich von etwa 40.0 bis max. 40.4 [mm] (Oberfläche vorzugsweise Einsatzgehärtet) liegen.
Durchmesser- und Konzentrizitätstoleranzen: Aussendurchmessertoleranzfeld gem. ISO h11, Innendurchmessertoleranzfeld gem. ISO H11, Koaxialitätstoleranz Innendurchmesser 2x ISO IT 11, Koaxialitätstoleranz Aussendurchmesser 2x ISO IT 12.
Die kompressionsbedingte Minderung des Aussendurchmessers ist sehr gering, so dass etwaige unterschiedliche (und auch in solchem Ausmass unverwartete) Vorspannungen derartige Versätze wie im Foto verursachen ist nicht zu erwarten sind.
Werte sowie Berechnungsbeispiele für Geometrie und Kräfte kann ich später mal erstellen, dabei sind jedoch gewisse Annahmen treffen, da die SUST (noch) keine näheren Angaben veröffentlicht hat.
Zudem müsste man über gewisse geometrische Daten verfügen, mal sehen, ob die SUST dann im Endbericht Zeichnugen veröffentlicht.
M.E. sind wie erläutert die zu dünnen Tellerfedern sowohl mengenmässig wie anordnungsmässig zufällig verteilt, also wie wenn jemand die Klemmen montiert und Tellerfedern zufallsmässig aus einem Gebinde mit gemischten Tellerfedern nimmt.
Der prozentuale Anteil falscher Tellerfedern ist unbekannt jedoch von Klemme zu Klemmen variabel. Sinvoll wäre es, sämtliche Klemmen schnell visuell kontrollieren, die zu dünnen Tellerfedern sind auch im eingebauten ungereinigten Zustand visuell problemlos sofort zu erkennen.
Seite 6/10 PDF SUST Vorbericht (Link weiter oben) ist zu entnehmen:
"Die untersuchten Tellerfedern waren in der Wanddicke nicht identisch. Es wurden Abweichungen in den Wanddicken verschiedener Tellerfedern des gleichen Typs von bis zu 1 mm gemessen."
Wanddicke = Dicke der Tellerfeder (nicht zu verwechseln mit der Bauhöhe, die Gesamthöhe im unbelasteten Zustand) = "Materialstärke", in [mm].
Dabei ist unklar, ob lediglich 3.00 (+0.04/-0.12) [mm] dicke Tellerfedern gefunden wurden, oder doch Zwischendicken, die Ausserhalb des Toleranzbereiches für 3.00 [mm] Nenndicke sowie 4.00 (+0.05/-0.15) [mm] liegen. Falls nicht wie ich es vermute 80x41x3 [mm] irrtümlicherweise mit den 80x41x6 [mm] Tellerfedern irgendwo vermischt oder verwechselt wurden, wäre dies problematischer, da standardmässig wie erläutert keine Zwischendicken hergestellt werden.
Zollmässige Dicken habe ich nicht näher überprüft, da dann Aussen- sowie Innendurchmesser nicht metrisch wären und weder 30.00 noch 80.00 [mm] nahe an üblichen Zollmassen mit 1 auf 2 hoch n Fraktionsanteilen liegen.
Durch die rein wechselsinnige Schichtung der Tellerfedern können die Dicken der Tellerfedern nicht durch Reibungseffekte im Laufe der Zeit abnehmen. Demnach sind falsche Dicken (Blechstärken) auf den urpsrünglichen Einbauszustand zurückzuführen, nicht auf Abnützung.
Bzgl. Koaxialitätsfehler habe ich keine definitive Erklärung, da verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können.
Ein Verschleiss, der das Passungsspiel zwischen dem zylindrischen Führungsteil und der Bohrung der Tellerfeder derart erhöht, wäre eigentlich bei einsatzgehärterter Oberfläche und ausreichender Schmierung nicht zu erwarten und würde auch bei den periodischen Prüfungen auffallen.
Zu geringer Führungsdurchmesser wäre ein Konstruktionsfehler (in der Praxis wären ca. 0.6 bis 1.0 [mm] Luft bezogen auf Innendurchmesser der Tellerfeder üblich) und geometrische Fehler ausserhalb der Toleranzen wären für Tellerfedern erstaunlich, zudem diese vermutlich von einem führenden deutschen Hersteller stammen, dessen QS sehr zuverlässig ist und dessen CH Vertetung seit meiner Kindheit diesselbe ist (inkl. Namensänderung). Formal betrachtet wurde der Hersteller jedoch nirgends aufgeführt.
Inwiefern der Koaxialitätsfehler ebenfalls einen negativen Einfluss auf die Lebensdauer der Tellefedern hat, müsste man mittels FEA abklären, da die veränderte Spannungsverteilung keine Lebensdauerberechung mit den üblichen Methoden erlaubt.
Interessant wäre, den Zustand (inkl. Härte) und die Geometrie der Anschlussteile zu überprüfen, dazu müsste man eine ausreichend repräsentative Anzahl Klemmen zerlegen.
Ob die Schwerspannstifte für die axiale Sicherung der Kniegelenkbolzen in vorgeschriebener korrosionsgeschützter Ausführung im Einsatz sind, kann nur nach Reinigung überprüft werden. Ausbau zur Kontrolle entspricht einem Ersatz, da diese Sicherungselemente hier nur für einmaligen Einsatz zulässig sind.
Abschliessnd bin ich nach wie vor der Meinung, dass man sämtliche Klemmen dieser Sesselbhan zerlegen sollte und bei sämtlichen Garaventa Klemmen sowie auch ggf. anderen Subsystemen, die 80x40 [mm] Tellerfedern egal welcher Dicke beinhalten, soweit möglich visuell zu kontrollieren, bei kritischen Anwendungen unverzüglich.
Ebenfalls zu kontrollieren wären sämtliche Lagerbestände von 80x40 [mm] Tellerfedern, sowohl beim Hersteller, Importeur, Garaventa sowie sämtlichen betroffenen Seilbahnbetreibern und ggf. spezialisierten Dienstleistungsanbietern.
Zur Klemmkraftprüfung hat sich die SUST noch nicht geäussert, mal abwarten, ob diesbezüglich Daten verfügbar gemacht werden, da eine unzureichende Vorspannkraft irgendwann zu einer Auslösung der Klemmkraftprüfung führt, sofern diese richtig funktioniert (insbes. gem. Anweisungen periodisch kalibriert).
Die Prüfprotokolle der auf der Anlage erfolgten Klemmenprüfungen sind ebenfalls zu untersuchen.
Allgemeiner betrachtet wäre es sinnvoll, sicherheitskritische Komponenten, die (noch) nicht ab Herstellerwerk über Seriennummern versehen sind, zwecks formaler Rückverfolgbarkeit betriebsintern unverwischbar (z.B. Lasergravur) zu kennzeichnen, dabei sofern Fläche ausreichend ist sowohl menschlich lesbar wie auch mit z.B. Datamatrix markieren und dabei Verwechslungsmöglichkeiten wie z.B. 0/O oder I/l vermeiden.
Bevor man gross in KI- und VR-Lösungen, die in flotten 3D-YouTube-Animationen präsentiert werden investiert, würde ich zuerst mal einfache Massnahmen treffen und sicherstellen, dass sicherheitsbewusst zuverlässig gearbeitet wird.
Dies ist in allererster Linie eine Frage der gesamten Betriebskultur und kann nicht einfach mit teuren Schulungen und Zertifizierungen, die man schön umrahmt im Entrée des Verwaltungsgebäudes ausstellt herangezaubert werden.
Auch hier ist der Faktor Mensch entscheidend.
Dateianhänge
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Für mich stellt sich die Frage, woher stammen die zu kleinen Tellergedern? Wurden diese vom Hersteller selber geliefert oder stammen diese von einem Drittanbieter?
Wenn 88 Bahnen zu prüfen sind, dürfte das Problem (auch) beim Hersteller zu suchen sein. Wie kommt es, daß einzelne Federn ausgetauscht werden müssen? Mindere Qualität oder Materialfehler von Anfang an? Punktuell mangelnde Fettung mit Rostansatz etc.)? Was sind Gründe, daß einzelne Feder versagen? Wieviele von den zu dünnen Federn braucht es in einem Paket, damit die Klemmkraft unter die Toleranz absinken kann? Im Bild sieht es aus, als ob gleich zwei dünner und leicht kleiner sind.
... es kann sein, dass ich nicht alle eMail-Benachrichtigungen erhalte, die bei abonnierten Threads oder PN-Eingängen ausgelöst werden sollten; direkt an mich adressierte eMails müßten aber ankommen ...