Nach dem Verwerfen der Variante Iselle–Simplon über den Chaltwasserpass entschied ich mich schlussendlich für die ca. 30 Kilometer lange Tour von Iselle nach Rosswald. Diese Tour versprach längere Kilometerfresser-Passagen, mir unbekannte Täler und Hochebenen, knackige Aufstiege und mit der Bortellicke auch einen Hauch Abenteuer.
Zeitlich sollte mir ein Fenster von fast 10 Stunden (Ankunft in Iselle um 09:05 Uhr – letzte Gondel ab Rosswald um 19:00 Uhr) zur Verfügung stehen. Als Richtwert setzte ich mir 15 Uhr für die Überschreitung der Bortellicke. Dies würde mir vier Stunden für den Abstieg nach Rosswald und zusätzlich eine gewisse Zeitreserve bieten. Die Frage war nur, ob ich den ersten langen Abschnitt in Italien genügend schnell bewältigen würde ...
Übersicht Gesamtstrecke mit Importmöglichkeit:
Da der Streckenverlauf auf der italienischen Seite nicht so genau vermessen wurde, sind jeweils ca. 400 Höhenmeter abzuziehen.
In Thun nahm ich entspannt den Zug um 07:54 Uhr und erreichte Iselle um 09:05 Uhr. Im Zug studierte ich nochmals das analoge, ausgedruckte Kartenmaterial. Parallel dazu hatte ich mir in der Swisstopo-App das Kartenmaterial für den Offline-Modus auf mein Smartphone geladen.
Aufgrund des Streckenunterbruchs Iselle–Domodossola (Milano) herrscht auch diesen Sommer ungewohnt emsiges Treiben. Alle Zugpassagiere müssen hier auf die Busse nach Domodossola beziehungsweise Milano oder auf die lokalen Verbindungen umsteigen.
Teil 1: Iselle - Trasquera - Ponte Campo:
Dieser Abschnitt beginnt mit dem 2,5 Kilometer langen und rund 500 Höhenmeter umfassenden Aufstieg von Iselle (610 m ü. M.) nach Trasquera (1100 m ü. M.).
Die Abzweigung von der Hauptstrasse befindet sich genau beim Südportal des Simplontunnels.
Der Aufstieg führt auf einem gut ausgebauten Pfad durch einen wunderschönen Wald und an einer Wasserdruckleitung entlang.
Nach einer Viertelstunde habe ich einen ersten Blick auf das Gelände von Iselle-Trasquera (Stazione). Noch ist der Himmel praktisch wolkenlos.
Ziemlich genau um 10 Uhr durchquere ich das Dorf Trasquera und habe für einige Minuten freie, baumlose Sicht auf die umliegenden Berge.
Ab hier folgt eine 7,5 Kilometer lange Passage mit nur 200 Höhenmetern. Auf diesem Abschnitt kann durch zügiges Wandern einiges an Zeit gewonnen werden.
Der Weg führt um den Monte Teggiolo in nordwestlicher Richtung in das Seitental von San Domenico. Hier bietet sich nochmals ein schöner Blick auf Varzo.
Unter dem Weg liegt eine Wasserleitung – der Weg ist daher ohne grosse Gefällsbrüche trassiert. Der Weg an sich ist bereits einen Ausflug wert und kann als gute Alternative zum Bus empfohlen werden. Auf dem ganzen Abschnitt habe ich keine einzige Person angetroffen.
Um 11:25 Uhr passiere ich das gegenüberliegende San Domenico. Die «neue» Zubringerbahn von BMF dreht ihre Runden. Die alte Bahn scheint parallel dazu, auf der rechten Seite, noch zu stehen.
Wenig später, um 11:40 Uhr, erreiche ich Ponte Campo auf der Alp Nembo. Somit habe ich nicht so viel Zeit wie erhofft gutgemacht und werde die Hochebene der Alpe Veglia erst deutlich nach 12 Uhr erreichen.
Teil 2: Ponte Campo - Alpe Veglia - Bortellicke:
Dieser Abschnitt startet auf 1300 Metern in Ponte Campo und überwindet auf dem Weg zur Alpe Veglia über 400 Höhenmeter. Die Hochebene erstreckt sich über rund 1,5 Kilometer, bevor es nochmals knackige 1000 Höhenmeter bis zur italienisch-schweizerischen Grenze auf der Bortellicke hinaufgeht.
Nach einer ersten Abkürzung folgt der Wanderweg der Alpstrasse. Diese wurde bis 2020 mithilfe von EU-Fördergeldern aufwendig mit Natursteinen saniert.
Blick zurück in Richtung Süden und San Domenico.
Im Aufstieg, kurz vor der Schlucht, gibt es diesen Trinkwasserbrunnen. Eine willkommene Gelegenheit, die knappen Getränkevorräte aufzufüllen.
Von der Schlucht aus sehe ich zum ersten Mal das Bortelhorn in der Mitte und die Bortellicke auf der linken Seite.
Um 12:40 Uhr erreiche ich die Hochebene der Alpe Veglia. Die Schönheit der Landschaft fasziniert – hier komme ich gerne wieder einmal hin.
Das Oratorio di San Giacomo, erbaut im Jahr 1621.
Für die Überquerung benötige ich rund eine Viertelstunde und erreiche somit kurz vor 13 Uhr das Albergo Alpino https://albergoalpinomonte.wixsite.com/leone
Wenige Meter oberhalb des Albergos gibt es zum Glück nochmals Trinkwasser. So starte ich frisch aufgetankt um 13:05 Uhr zum grossen Aufstieg zur Bortellicke (Forca del Rebbio). Für die Strecke wird eine Zeit von drei Stunden angegeben. Da werde ich wohl bereits meine Zeitreserve beanspruchen müssen.
Hier trennen sich auch die Wege zu den unterschiedlichen Übergängen zwischen der Schweiz und Italien. Bei der Bocchetta d’Aurona (Chaltwasserpass) hat nochmals jemand vermerkt, dass der Weg nicht mehr wirklich passierbar sein soll. Gemäss anderen Quellen ist eine Überquerung möglich, es muss jedoch mit Steinschlag gerechnet werden.
Während des Aufstiegs bietet sich mir ein erster Blick auf den besagten Chaltwasserpass und den Monte Leone. Hinter dem Pass liegt auch die Monte-Leone-Hütte. Auch der Blick zurück auf die Alpe Veglia lohnt sich immer wieder.
Mittlerweile ist es 14:25 Uhr und die Bortellicke scheint immer noch fern. Ich habe eine erste kleinere Krise und entscheide mich, trotz des Zeitplans eine fünfminütige Pause mit einem Energieriegel einzulegen. Bei dieser Gelegenheit versuche ich auch, meinen aktuellen Standort per WhatsApp zu übermitteln. Das mobile Netz ist hier praktisch inexistent und auch das Abrufen der aktuellen Wetterdaten gelingt mir nicht. Nicht schlimm, der Himmel ist ja blau ...
Die Pause und die Stärkung haben sich ausbezahlt und nur 30 Minuten später stehe ich vor der Bortellicke. Nur wo der Weg genau verlaufen soll, erschliesst sich mir nicht. Im Netz hatte ich gelesen, dass der Weg aufgrund des Gletscherschwunds und der Felsabbrüche neu weiter oben auf der rechten Seite – von Italien aus gesehen – verlaufen soll.
Ich folge den weiss-roten Markierungen und erste Zweifel kommen mir. Der Berg sieht aus, als würde er jeden Moment zerbröseln. Kein optimales Gelände, um allein und ohne Empfang unterwegs zu sein. Andererseits spielt dies bei einem Felssturz vermutlich auch keine Rolle mehr.
Um das Risiko zu minimieren, wurde der «Weg» entlang der äussersten rechten Kante angelegt. Um die ersten Eisenbügel zu erreichen, muss man sich ordentlich hochziehen. Hier wäre die Verwendung eines Klettersteigsets vielleicht – zumindest moralisch – eine Hilfe gewesen. Die Carbonstöcke ohne Teleskopmechanismus erweisen sich nun als hinderlich und streifen immer wieder den Felsen. Ich hadere in den kommenden Minuten mit dem Variantenentscheid. Bekanntlich bin ich nicht besonders schwindelfrei – andererseits bringt einen das Überwinden von Hindernissen immer wieder weiter.
Die zwei Zuschauer bestätigen mir, dass ich mich ausserhalb meines natürlichen Habitats und meiner Komfortzone bewege.
Hier scheint sich der alte Weg vom neuen zu trennen. Zumindest wurde die rot-weisse Markierung gestrichen und es wurden neue rote Pfeile aufgemalt.
Auf dem kurzen Zwischenboden begrüsst mich ein weiterer Einheimischer. Sorry für die Störung ...
Und nochmals folgt eine gesicherte Steilpassage. Hier entscheide ich mich erneut dafür, die zwei Stöcke zu verwenden. Auf allen vieren fühle ich mich sicherer.
Um 15:25 Uhr ist es geschafft. Ich erreiche die Bortellicke auf 2760 Metern über Meer und somit auch wieder heimischen Boden. Ich habe zudem etwas Zeit gutgemacht und bin wieder optimistischer, dass ich bis 19 Uhr in Rosswald sein werde.
Ich geniesse kurz den Ausblick in Richtung Süden nach Domodossola und ins Wallis. Motivierend ist dabei die Tatsache, dass mein Ziel Rosswald in der Ferne bereits zu erkennen ist.
Mit dem Erreichen der Grenze habe ich auch wieder Mobilfunkempfang – danke, Swisscom – und kann die Wetteranimation studieren. Der Himmel hat sich in den letzten Minuten rasant verdunkelt und erstes Donnergrollen ist bereits zu hören.
Teil 3: Bortellicke - Bortelhütte - Rosswald:
Dieser Abschnitt ist geprägt durch einen ersten Abstieg von über 600 Höhenmetern zur Bortelhütte und einen längeren, recht gleichmässigen Abstieg nach Rosswald.
Der Wegweiser zeigt eine Zeit von 1:10 Stunden bis zu den Bortelhütten. Da ich bergab eher langsam bin, werde ich diese Zeit als Referenz nehmen. Der Abstieg beginnt um 15:30 Uhr, somit bleiben mir noch dreieinhalb Stunden bis zur letzten Gondel.
Der erste Teil des Abstiegs liegt mir gar nicht. Bis zur alten Militärunterkunft existiert kein eigentlicher Weg und man folgt den Markierungen durch den hohen Blockschutt.
Es donnert immer näher und die Niederschlagsanimation zeigt aufkommenden Starkregen um 16:25 Uhr. Da ich es vor dem Eintreffen des Regens nicht mehr bis zur Bortelhütte schaffe und nicht durchnässt werden will, beschliesse ich, mir ein «Notbiwak» zu bauen. Unter einem Felsen und mit einigen Felsplatten versuche ich, einen geschützten Platz zu errichten. Ich quetsche mich in die Spalte und warte ...
... und auch 20 Minuten später fällt bis auf ein paar Tropfen kein Niederschlag. Ein Blick auf die Wetter-App bestätigt es: Das Gewitter hat mich knapp verpasst und ist südlich des Alpenkamms durchgezogen.
Positiv: Ich wurde vom Gewitter verschont und blieb trocken – negativ: Ich habe wieder wertvolle Zeit «verloren».
Und so mache ich mich wieder auf den Weg und sehe bald die Bortelhütten. Ich erwarte nicht, dass hier etwas geöffnet ist, denn ich habe immer noch keinen einzigen Menschen angetroffen.
Die Sonne scheint wieder und versprüht Zuversicht. Ein Blick zurück bestätigt: Ich bin auf der wettertechnisch «richtigen» Seite der Alpen.
Um 17:00 Uhr erreiche ich die Bortelhütte(n) https://www.bortel-huette.info/. Zuerst zögere ich, ob ich mir hier einen Halt erlauben soll. Einerseits verbleiben mir noch knapp zwei Stunden Zeitbudget, andererseits lädt die bewartete Hüttenterrasse zu einem kurzen Stopp ein. Ich frage den Hüttenwart, ob ich kurz etwas «Fast Food» haben könnte. Der Hüttenwart meint nur, dass vermutlich allein mein Entscheidungsprozess die meiste Zeit in Anspruch nehmen würde. Ich setze mich und bestelle ein Stück Aprikosenkuchen und hausgemachten Eistee.
Und tatsächlich: Das Bestellte steht eine Minute später vor mir und ich kann Energie nachtanken, kurz über die Verhältnisse vor Ort plaudern und bezahlen. Dabei erfahre ich auch noch, dass die Besucher hauptsächlich über den Höhenweg vom Simplonpass herkommen.
Danke, Waldemar!
Nach rund 12 Minuten mache ich mich gestärkt auf die letzten Kilometer. Der kurze Zwischenaufstieg bringt mich wieder auf Touren und ist für mich wesentlich angenehmer als der Abstieg.
Der Wegweiser zeigt um 17:35 Uhr eine Wanderzeit von 1:40 Stunden nach Rosswald an. Es wird knapp, ist aber möglich. Klar ist, dass ich dabei die Variante «nur für Schwindelfreie» wählen muss
So schlimm ist der Weg jedoch nicht. Er führt mich am Hang entlang einer Wasserleitung in Richtung Ziel. Bei exponierten Passagen steht zudem ein Halteseil zur Verfügung. Da habe ich mich heute bereits wesentlich mehr überwinden müssen.
Um 18:15 Uhr erreiche ich die «Staffel». Als Wanderzeit werden 45 Minuten angegeben und somit sollte das Ziel «easy» erreichbar sein.
Ich beschliesse, die Fahrstrasse zu nehmen und quasi auszurollen. Natürlich wäre die Variante entlang der Suone «Bärgwasser» schöner, aber dann müsste ich in Rosswald weiter absteigen.
Kurz vor Rosswald folgt ein letzter Blick zurück zum Bortelhorn auf der linken Seite und zur Bortellicke. Ebenfalls ist die Aufschüttung des Bortelsee-Staudamms erkennbar.
Nach dem Erreichen von Rosswald kaufe ich mir noch das Ticket für die Gondelfahrt von Rosswald nach Ried bei Brig. Das ist für mich eine Premiere. Ich bin zwar seit den 70er-Jahren – ja, das war im letzten Jahrtausend – immer wieder in der Aletscharena gewesen, doch nach Rosswald hatte ich es irgendwie nie geschafft.
Um 18:45 Uhr besteige ich zufrieden die Gondel. Mission accomplished!
Pünktlich um 19 Uhr wird die Bahn im Konvoibetrieb gestartet. Jetzt spüre ich doch meine Beine und freue mich auf eine Dusche. Mission accomplished!