Am vernagelten Berg
In Garmisch-Partenkirchen haben Urlauber die Zugspitze im Blick. Und Wintersport im Sinn
Hans Eckart Rübesamen
Der Mann zwängt seine füllige Figur auf die schmale Bank uns gegenüber. Die Gondel hat nur Platz für zwei Personen, und so kommt man schnell ins Gespräch. „Früher san mir immer mit unsere Madln hier gefahrn, da hat uns keiner stören können.“ Und langsam sei die Bahn damals schon gewesen. „Wir haben nix dagegen g’habt, umso mehr hat man machen können“, sagt der Mann augenzwinkernd. Vermutlich hält die Kleinkabinenbahn vom Olympiastadion in Partenkirchen zum 1300 Meter hohen Eckbauern den Altersrekord unter Deutschlands Bergbahnen. An manchen Wintertagen schweben gerade mal 100 oder noch weniger Personen von der Talstation neben dem Olympiastadion zum Eckbauern hinauf.
Von der Bergstation zum Wirtshaus, einem früheren Bergbauernhof, sind es nur drei Minuten. Die Gastronomie ist bescheiden, aber der Blick grandios: Im Süden und Westen das klotzige Felsmassiv des Wettersteingebirges, im Winter eine Welt für sich, weil größtenteils unzugänglich, und nebenan die Zugspitze (2962 Meter), das Höchste, was die deutschen Alpen zu bieten haben. Vom kleinen Pavillon auf einem Hügel über dem Wirtshaus sieht man im Norden, hinter den niedriger werdenden Bergen, das Oberland mit seinen Seen. Und am Horizont, unter einer leichten Dunstwolke, die Landeshauptstadt München. Im weiten Talkessel zu unseren Füßen breitet sich das vor den Winterspielen 1936 zwangsvereinigte Garmisch-Partenkirchen aus, das sich „Olympiaort“ und „Deutschlands Wintersport-Metropole“ nennt. Ob es das wirklich darf, darüber gehen die Meinungen auseinander. Hier oben jedenfalls spürt man nichts von Metropolenbetrieb. Es ist kirchenstill, kein Lärm, kein Rummel, keine Hektik, nicht einmal eine Bar für die Skifahrer gibt es.
Nächster Tag, auf der Zugspitze ganz oben: ein strahlender Wintermorgen, knirschende Kälte und ein stahlblauer Himmel über allen Gipfeln. Mit seiner hochtechnisierten Überbauung könnte das Gipfelplateau ein in großer Höhe gestrandeter Flugzeugträger sein. Nur das gute alte „Münchner Haus“, eine Alpenvereinshütte mit Wetterstation, erinnert noch daran, dass wir uns im Hochgebirge befinden. Deutschlands höchster Berg ist auch deshalb etwas Besonderes, weil vier Bergbahnen ihn von allen Seiten für jedermann zugänglich machen: Vom Eibsee schwebt die Seilbahn hinauf, von Ehrwald jenseits der Grenze die Tiroler Zugspitzbahn. Wir ziehen die nostalgische Zahnradbahn vor, obwohl sie am Platt endet und man da noch in die Gletscherbahn zum Gipfel umsteigen muss. Die Zugspitze dürfte der am meisten durchbohrte, vernagelte und verdrahtete, anders gesagt, der malträtierteste Berg im Alpenraum sein.
Die Ski haben wir auf dem „Platt“ gelassen, einem von Lifts und Pisten überzogenen, mit einem Funpark (Tables, Slides, Jumps und Halfpipe) bestückten ehemaligen Gletscher, auf dem man richtig gut wedeln und carven kann. Hier tummeln sich Skifahrer und Snowboarder, hier trainieren Rennläufer und komplette Nationalmannschaften. Denn das Platt gilt immer noch als schneesicher vom November bis in den Mai. Bei der „Bayerischen Zugspitzbahn und Bergbahn AG“, die auf dem Berg alles und im Tal viel zu sagen hat, weiß man freilich auch, dass Schnee allein nicht selig macht. Deshalb können Interessenten auf dem Gipfel einen Biergarten, ein Panorama-Bistro, Kunstausstellungen besuchen, im Internet chatten, auf dem Platt das Gletscher-Restaurant „Sonn-Alpin“, eine Schirmbar und eine kleinen Bergkirche.
Heute ist der Himmel bedeckt, die Wolken hängen tief in den grauen Wettersteinwänden; kurz, der ideale Tag, um das Gebiet zu erkunden. Dabei hilft uns die Buchwieser Mariele, eine weitläufige Verwandte der Mirl Buchner, einst eine berühmte Rennläuferin. Mariele ist in Garmisch aufgewachsen und kennt alle Pisten im Revier wie ihre Anoraktasche. Außerdem ist sie eine super Skifahrerin. Von der Bergstation des Osterfelderkopfes, unter der wolkenverhangenen, trotzdem noch imposanten Alpspitze starten wir: Mariele in eleganten Carvingbögen voraus, wir im Altherrenstil wedelnd, bald auch hechelnd hinterher. Dass junge Frauen so viel schneller sein können als unsereiner, daran haben wir uns längst gewöhnen müssen. Aber Mariele ruft lächelnd, es mache ihr nichts aus zu warten.
Die neue Kreuzeckbahn transportiert jetzt 1000 Personen in der Stunde (anstatt 200 wie ihre betagte Vorgängerin, die schon seit 1930 Dienst getan hat). Nicht nur die Technik ist modernisiert worden, auch das Image. Das großräumige Pistenrevier unter der Alpspitze heißt jetzt zeitgemäß flott: Classic-Gebiet. Damit ist anspruchsvolle Vielfalt gemeint, und der Name ist gut gewählt. Zwischen Hausberg und Osterfelderkopf dehnt sich ein weites Feld für Genießer aller Generationen und Schattierungen. Auch Spaziergänger schweben gern zum Kreuzeck hinauf, um die Bilderbuch-Promenade zur Hochalm entlang zu bummeln, während junge und sehr junge Snowboarder im „Hexenkessel“ mit spektakulären, manchmal sogar echt waghalsigen Sprüngen über die Bühne gehen.
Doch da halten wir uns nicht lange auf. Mariele zieht uns gleich auf die durch Olympia und Weltcup berühmte Kandahar-Piste, deren 3,7 Kilometer Länge bei 940 Metern Höhenunterschied von Renn-Assen in knapp zwei Minuten bewältigt werden. Die Kreuzeck-Standard ist noch beliebter, weil weniger steil und entsprechend kommod.
Mariele besteht darauf, dass wir erst beide Abfahrten „abarbeiten“, bevor wir Mittagspause machen. Wie lange sie unten hat warten müssen, verraten wir nicht. Das ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Dann endlich der Einkehrschwung in einem der Bergwirtshäuser. Was wir gegessen haben, behalten wir auch für uns. Denn um die Gastronomie im Revier ist es nicht gut bestellt. Man darf gar nicht daran denken, was die Konkurrenz drüben in Österreich und erst recht in der Schweiz mittlerweile bietet. Der Würstl-Knödel-Spaghetti-Mampf ist dann auch schnell vergessen.
Wenn Garmisch-Partenkirchen weiter in der internationalen Spitzenliga der Skiorte mitspielen will, muss eine Menge geschehen. Doch Umweltschützer warnen. „Wenn ihr die Natur verbaut, kriegt ihr immer weniger Gäste“, sagen sie den „Erschließern“. Und sie haben Recht. Die Fronten sind klar: Hier die Marktgemeinde mit ihren 30 000 Einwohnern, die existentiell auf den Tourismus angewiesen ist, und auch die Zugspitzbahn AG, größtenteils im Gemeinde-Eigentum, soll ihr Geld verdienen. Dort die Umweltschützer, die auf nachhaltige Entwicklung setzen und gegen Pistenverbreiterung auf Kosten des Waldes protestieren. „Bremser“ werden sie beschimpft. Ihre Perspektive richtet sich auf die Zukunft. Doch welcher Lokalpolitiker interessiert sich für den Zustand seiner Gemeinde in 50 Jahren? Er will in zwei Jahren wieder gewählt werden.
Doch Garmisch-Partenkirchen pflegt auch den „sanften“ Tourismus, bietet Alternativen. Wunderbare Spazierwege, etwa den aussichtsreichen Kramer-Plateau-Weg oder die dramatisch vereiste Partnachklamm. Als Langläufer haben wir die schönsten Loipen im „Zugspitzdorf“ Grainau gefunden, dann auch die prächtigen Reviere von Oberammergau und Krün/Wallgau ausprobiert.
Wer gern zuschaut, ohne selbst etwas zu riskieren, sollte sich den Termin 28. / 29. Januar merken, wenn die Weltcuprennen auf der Kandaharabfahrt stattfinden. Dann zeigt sich Garmisch-Partenkirchen als Wintersportmetropole.
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Jay
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