Quelle: FAZTödliche Vorurteile über Lawinen
Die Lawinenforschung hat unter den Mühen und Schmerzen so manchen Paradigmenwechsels unbestreitbar Fortschritte gemacht. Doch noch immer beherrschen Vorurteile hinsichtlich der Gefahr von Lawinen die Szene und kosten Jahr für Jahr Menschenleben. Diese Vorurteile sind deshalb so schwer zu bekämpfen, weil sie den gesunden Menschenverstand zu ihrem Fürsprecher haben. Eine kurze Liste, der gängigsten Fehleinschätzungen:
1.) Lawinen lösen sich hoch oben von selbst und verschütten uns, weil wir uns unglücklicherweise in der Schußlinie aufhalten
Es kommt sehr selten vor, daß ein Mensch, der sich frei im Gelände bewegt, von einer Spontanlawine (ohne menschliche Einwirkung infolge natürlicher Prozesse) erfaßt wird.
Sie lösen sich vor allem bei akuter Gefahr, der sich weitgehend ausweichen läßt, wenn man den Lawinenbericht abfragt und an diesen wenigen Tagen des Winters zu Hause oder in der sicheren Unterkunft bleibt.
In den meisten Fällen „ereignen” sich Lawinenunfälle jedoch nicht spontan, sondern sie werden vom Menschen provoziert. Skifahrer lösen ihr Schneebrett fast immer selbst aus durch örtliche Überlastung der schwachen und zerbrechlichen Schneedecke.
2.) Bei großer Kälte gibt es keine Lawinen
Ein Irrtum, der vor allem von der einheimischen Bevölkerung geteilt wird. Der irrige Glaube stammt wahrscheinlich aus einer Zeit, als man Skitouren - wenn überhaupt - nur bei Sulzschnee unternahm. Bei durchfeuchteter Schneedecke ist die Faustregel richtig: „warm = gefährlich, kalt = sicher”. Die Übertragung auf eine trockene, hochwinterliche Schneedecke aber ist falsch.
Trockene Schneebretter (die häufigste Form der Skifahrerlawine) können bei tiefsten Temperaturen ausgelöst werden.
Zudem konserviert Kälte eine bestehende Gefahr über längere Zeit, weil die Spannungen in der Schneedecke nicht abgebaut werden können. In solchen Fällen wirkt eine langsame und maßvolle Erwärmung positiv und entspannend auf die Schneedecke.
3.) Bei dünner Schneedecke ist es nicht gefährlich
Diesem Irrtum dürfte die Verwechselung von Neuschnee und Altschnee zugrunde liegen. Neuschnee wirkt praktisch immer gefahrenverschärfend. Ein Großschneefall stabilisiert sich jedoch verhältnismäßig rasch infolge des hohen Eigengewichts. Eine mächtige Altschneedecke ist in der Regel besser verfestigt als eine dünne. Dünne Schneedecken werden zudem bei Strahlungswetter (schön und kalt) rasch in Schwimmschnee umgewandelt und bilden dann ein schwaches Fundament für die nachfolgenden Schneefälle.
In Schneearmen und kalten Wintern werden deshalb von Skifahrern wesentlich mehr Lawinen ausgelöst als in schneereichen und milden.
Nicht alle dünnen Schneedecken sind gefährlich, aber geringe Mächtigkeit sagt vordergründig nichts aus über ihre Stabilität.
4.) Wald schützt vor Lawinen; unterhalb der Waldgrenze ist es nicht gefährlich
Die Bannwälder oder Schutzwälder schützen wohl Siedlungen vor Großlawinen, aber nicht Skifahrer vor Schneebrettern. Wald vermittelt dem Skifahrer ein ähnlich trügerisches Sicherheitsgefühl.
Die Schutzwirkung des Waldes besteht zur Hauptsache darin, daß bei jedem Schneefall ein großer Teil des Niederschlags auf den Baumkronen hängen bleibt und bei Erwärmung nach und nach zu Boden fällt. Auf diese Weise entsteht eine völlig andere Schneedecke als im offenen Gelände. Lawinenanbrüche sind deshalb selten und erreichen kaum größere Ausmaße. Diese Ausmaße sind jedoch für den Skifahrer schon zu groß.
Die Schutzwirkung funktioniert nur im dichten Fichtenwald, der sich zum Skifahren überhaupt nicht eignet.
Sobald der Baumbestand aufgelockert und gelichtet ist - und sich aus diesem Grunde zum Skifahren eignet -, schützt er nicht mehr genügend. Büsche und Sträucher sind lawinenbildende Faktoren, weil sie das Entstehen von Schwimmschneebildung fördern (Hohlräume).
5.) Ski- und Tierspuren garantieren für Lawinensicherheit
Auch diese plausible scheinende Meinung hält genauerer Prüfung nicht stand. Ein gefährlicher Hang wird nämlich nicht unbedingt vom ersten Skifahrer ausgelöst. „Kamikaze”-Einsätze zur Prüfung der Schneedecke sind deshalb wenig sinnvoll.
Häufig ist gar nicht bekannt, bei welchen Verhältnissen eine Spur gelegt wurde. Gerade bei Frühjahrsschnee (Sulz) können Hänge am Vormittag nach nächtlicher Auskühlung sicher begangen werden (solange die Oberfläche den Skifahrer trägt, ohne daß er einbricht), die Stunden später aber lebensgefährlich sind. Auch kurz nach trockenen Neuschneefällen ohne Windeinwirkung können hie und da Steilhänge im lockeren Pulverschnee sicher befahren werden, die kurze Zeit später infolge Setzung des Neuschnees Schneebrettgefährlich sind. Setzung ohne gleichzeitige Bindung mit der Unterlage wirkt gefahrenverschärfend.
Einzelne Spuren in einem Hang garantieren also keinesfalls für Lawinensicherheit!
Anders sieht die Situation natürlich aus, wenn ein Hang mit zahlreichen Spuren kreuz und quer durchzogen ist und man kaum noch unberührte Flächen für die eigenen Schwünge findet. In diesem Fall darf auf Anbruchsicherheit geschlossen werden. Noch weniger aussagekräftig als Skispuren sind Gemsspuren.
6.) Unebenheiten am Boden verankern die Schneedecke
Dies gilt höchstens für Schneefälle auf aperem (schneefreien) Boden, zum Beispiel bei Einschneien im Frühwinter. Bodenrauhigkeiten, Unebenheiten und Widerlager wie Felsblöcke, Wegeinschnitte, kleine Stufen und so weiter können nur Bodenlawinen hemmen. Die typische Skifahrerlawine ist aber die Oberlawine, bei der eine Schneeschicht auf einer darunterliegenden älteren Schicht abgleitet. Diese älteren Schichten haben bei den ersten Schneefällen die Unebenheiten ausgeglichen. Es entstehen nach und nach immer größere zusammenhängende Gleitflächen, auf denen Schneebretter völlig ungehemmt abrutschen können. Sogar aus der Schneedecke herausragende Felsblöcke hemmen das Abgleiten nicht, im Gegenteil, sie schwächen die Schneedecke (Hohlräume mit Schwimmschnee).
7.) In diesem kleinen Hang kann nicht viel passieren
Volumen und Gewicht der Schneemassen werden von den meisten Skifahrern arg unterschätzt, zudem können auch kleine Schneebretter lebensgefährlich sein. Ein Mini-Schneebrett mit den Ausmaßen 20 x 20 x 0,35m wiegt je nach Schneeart 20 bis 40 Tonnen! Für eine lebensgefährliche Verschüttung genügt ein Bruchteil dieser Schneemasse.
8.) Nach zwei bis drei Tagen hat sich der Neuschnee gesetzt und die Schneedecke ist tragfähig
Die Schneedecke hat sich in dieser kurzen Zeitspanne vielleicht nur oberflächlich so weit stabilisiert, daß keine Spontanlawinen mehr abgehen. Die Setzung des Schnees bewirkt primär die Bindung zwischen den Kristallen. Der Neuschnee wird gebunden und kann erst jetzt (im Gegensatz zum lockeren Schnee) Schneebretter bilden. Die für die Stabilität der Schneedecke maßgebende Bindung zwischen Schichten (Basisfestigkeit) dauert in der Regel wesentlich länger als die Bindung zwischen Kristallen innerhalb derselben Schicht.
Es ist deshalb ohne weiteres möglich, daß sich der Neuschnee wohl gut gesetzt, aber noch nicht genügend mit der Altschneedecke verbunden hat. Dies gibt dem Skifahrer ein trügerisches Sicherheitsgefühl: Der Schnee trägt scheinbar, man sinkt mit den Skiern nur noch wenig ein.
Eine solche Schneedecke erträgt in der Ebene und im mäßig steilen Gelände große Belastungen, aber im Steilhang (ab 30° Neigung) kann es zum Abgleiten des Schneebretts kommen.
Setzung des Neuschnees ohne gleichzeitige Verbindung mit dem Altschnee ist lawinenbildend!
Vor allem bei eingeschneiten Oberflächenreifen kann es unter Umständen wochenlang dauern, bis eine tragfähige Verbindung zwischen Neuschnee und Altschnee entstanden ist.
9.) Schneebretter sind hart und tönen beim Begehen hohl
Quelle dieses Irrtums dürfte die unzutreffende Bezeichnung Schnee”brett” sein. Unter einem Brett stellt man sich schließlich zu Recht etwas Hartes vor. Die meisten Skifahrer-Schneebretter sind aber nicht hart, sondern weich. Weiche Schneebretter sind „gespannte Fallen” mit besonders weichem Abzug, das heißt, zu ihrer Auslösung sind viel geringere Zusatzbelastungen nötig als bei einem harten Schneebrett. In sehr weichen Schneebrettern kann man mit Skiern bis zu den Knien einsinken. In diesem Fall ist die verhängnisvolle Verwechslung mit dem harmlosen lockeren Pulverschnee naheliegend. Es ist dringend nötig, daß der Skifahrer zwischen lockerem und gebundenem Pulverschnee unterscheiden kann. Mit dem Schaufeltest können wir die beiden Schneearten auseinanderhalten. Gebunden ist der Schnee dann, wenn ein ausgestochener Schneeblock auf der Schaufel bei leichtem Schütteln nicht zerfällt. Wumm-Geräusche beim Betreten der Schneedecke lassen auf gebundenen Schnee schließen und Triebschnee ist ebenfalls gebunden.
10.) Wumm-Geräusche sind günstige Setzungsgeräusche
Genausogut könnte man behaupten, mit dem ersten Donnerschlag sei das Gewitter vorüber. Wumm-Geräusche („Wumm…” mit gleichzeitiger ruckartiger Kurzsetzung der Schneedecke) und Risse beim Betreten der Schneedecke sind die zuverlässigsten Anzeichen für eine schwache Schneedecke und infolgedessen Alarmzeichen.
Wumm-Geräusche sollten uns durch Mark und Bein dringen. Deutlicher kann uns die Natur nicht mehr warnen!
11.) In diesem Steilhang habe ich noch nie eine Lawine beobachtet, also ist er lawinensicher
Es gibt grundsätzlich keine absolut lawinensicheren Steilhänge. Alle Hänge - ohne Ausnahme - müssen ab 30° Neigung (steilste Hangpartie maßgebend) als potentielle Lawinenhänge betrachtet werden, das heißt, bei bestimmten Wetter- und Schneeverhältnissen können hier von Skifahrern Schneebretter ausgelöst werden. Entscheidend sind die jeweiligen Verhältnisse. Nach außergewöhnlichen Wetterlagen und Schneeverhältnissen sind auch außergewöhnliche Lawinen zu erwarten.
12.) Lawinen sind nur bei Schlechtwetter zu erwarten - heute ist es schön, also sicher
Daß mit dem Aufhören der Schneefälle auch die Lawinengefahr vorbei sei, ist ein Irrglaube, dem jeden Winter zahlreiche Skifahrer zum Opfer fallen. Natürlich bilden sich Lawinen häufig während des Schneefalls und tatsächlich lösen sich die meisten Katastrophen- und Schadenlawinen während des intensiven Niederschlags. Übrig bleiben die „gespannten Fallen”, die zur Auslösung einer Zusatzspannung bedürfen, beispielsweise eines Skifahrers. Als besonders gefahrenträchtig gilt der erste schöne Tag nach einer Niederschlagsperiode. An diesem Tag ist größte Zurückhaltung geboten.
Als weitere Hauptursache der Lawinengefahr (neben Neuschnee mit Wind) gilt plötzliche und massive Erwärmung (Tauwetter, Regen, Föhn), die die Festigkeit des Schnees drastisch reduzieren kann. Ist der erste schöne Tag gar noch verbunden mit einem markanten Temperaturanstieg, müssen wir uns auf einen Höhepunkt der Lawinenaktivität gefaßt machen.
13.) Das Einrammen des Skistocks gibt Aufschluß über die Tragfähigkeit der Schneedecke
Dieser Lebensgefährliche Irrtum ist leider immer noch weit verbreitet und auch in modernen Lehrbüchern zu finden. Mit dem Einrammen des Skistocks erhalten wir ein stark vereinfachtes Rammprofil, das uns grobe Angaben liefert über die Härte der einzelnen Schichten. Leider hat die Härte der einzelnen Schichten gar nichts zu tun mit der entscheidenden Verbindung zwischen den Schichten (Basisfestigkeit).
14.) Am hartnäckigsten hält sich der Irrtum der Nivologie, aus einem Schneeprofil ließe sich die Stabilität der Schneedecke abschätzen.
Tödliche Vorurteile über Lawinen
- snowflat
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Schade, dass es noch viele gibt, die an diese Vorurteile glauben und somit sich und andere leichtfertig in Gefahr bringen:
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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- snowflat
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