Knacknuss sind die Finanzen
Bergbahnen-inclusive-Angebot der Lenzerheide wäre im Oberengadin kaum umzusetzen
Wie kommen mehr Gäste auf die Aussichtsberge? Auch im Obreengadin hat man sich schon über Destinationsmodelle Gedanken gemacht.
Auf den ersten Blick scheint das Kooperationsmodell zwischen der Hotellerie und den Bergbahnen in der Lenzerheide einleuchtend und recht einfach. 80 Prozent aller Hotels in der Gegend haben sich bereiterklärt, ab der kommenden Wintersaison pro Bett ein übertragbares Bergbahnen-Jahresabo zum Preis von 1900 Franken zu kaufen. Der Hotelier kann dann selber entscheiden, wie er dieses Geld vom Gast wieder reinholen will. Er kann ihm beispielsweise die Jahreskarte als Teil eines Pauschalangebotes oder als Tages- und Wochenkarte mit oder ohne Rabatt verkaufen. Wie an einer Medienorientierung am Montag in der Lenzerheide bekannt gegeben wurde, sollen die 1900 Franken im Winter verdient werden, so dass der Hotelier seinen Gast im Sommer gratis auf die Berge schicken kann. Die unter dem Namen Lenzerheide Bergbahnen AG fusionierten Bahnen können dank dem Deal bereits anfangs der Saison mit festen Einnahmen von 2,2 Mio. Franken rechnen.
Inclusive-Diskussionen im Oberengadin gescheitert
Im Oberengadin sind vor einiger Zeit ähnliche Modelle, allerdings nur für den Sommer, diskutiert worden. Nach eineinhalb Jahren und viel produziertem Papier, wurde das Projekt Engadin-inclusive aber ad acta gelegt. Gemäss Dieter Bogner, Geschäftsführer der Bergbahnen ENGADIN/St. Moritz (BEST), sind die Verhandlungen zwischen Tourismus, Hotellerie und Bergbahnen daran gescheitert, dass kein für alle gerechtes Finanzierungsmodell gefunden werden konnte. «Wären die Logiernächte die Basis gewesen, hätten wir pro Logiernacht fünf Franken haben müssen, das war der Hotellerie zu teuer.»
«Die Finanzen waren die Knacknuss», bestätigt Silvia Degiacomi, Präsidentin des St. Moritzer Hoteliervereins. Die Diskussionen dürften sich aber nicht auf den Betrag pro Logiernacht beschränken. Entscheidend sei der Betrag, den man als Ganzes aufwenden müsse und das sei enorm viel Geld. All-inclusive sei ein Super-Angebot, die konkrete Umsetzung aber nicht so einfach. «Letztendlich läuft es nämlich immer wieder auf die Frage hinaus, wer das Ganze bezahlen soll.»
Man habe die verschiedensten Finanzierungsmodelle diskutiert, von der Logiernacht über eine Pauschale bis hin zu den Kurtaxen, sagt Bogner, der das Heidner Projekt im Grundsatz gut findet. Er ist aber skeptisch, ob dieses Modell im Oberengadin so einfach übernommen werden könnte. Dafür sei die Ausgangslage in den beiden Destinationen zu verschieden. Er verweist diesbezüglich auf die wenigen Gästebetten in der Lenzerheide und den deutlich höheren Anteil am Tagestourismus. Und gerade die Tagestouristen seien wohl ausschlaggebend dafür, dass die Rechnung der Bergbahnen aufgehe.
Mehr Frequenzen, aber auch mehr Einnahmen?
Im Modell selber sieht er aus finanzieller Sicht einen Schwachpunkt. «Die Bahnen haben zwar einen garantierten Umsatz und werden bei zusätzlichen Logiernächten auch mehr Frequenzen haben. Sie werden aber nicht mehr Einnahmen erzielen.»
Das sieht Susanne Jörger, Kommunikationsverantwortliche bei der Lenzerheide Bergbahnen AG anders. «Wir gehen von einem Mehrertrag aus.» Die Hoteliers seien gefordert, neue Gäste zu gewinnen, weil sie ihre Karte amortisieren müssten. Und da werde der Fokus ganz klar auf die Skifahrer gerichtet. Von mehr Gästen im Skigebiet würden die Bergbahnen auch indirekt profitieren, beispielsweise über stärkere Umsätze bei den Gastrobetrieben. Klar könnten sich die Bergbahnen fragen, ob man alleine noch mehr Eträge generieren würde. Letztlich sei es ein Abwägen der Vor- und Nachteile gewesen. Jetzt seien beide Seiten überzeugt vom Erfolg dieser «exemplarischen Zusammenarbeit.»
Thema nicht vom Tisch
Für Dieter Bogner ist das Thema all inclusive nicht vom Tisch, im Gegenteil. «Wir sind gerne bereit eine Offerte zu machen, wir sind aber nicht bereit auf Einnahmen zu verzichten», sagt er. Konkret müssten die Oberengadiner Bergbahnen zumindest mit dem gleichen Sommer-Umsatz rechnen können, wie er heute erzielt wird. Er hofft, dass vom Angebot Bergbahnen inclusive ein gewisser Druck auf die Leistungsträger ausgeht. Dieses Package besteht seit 1996 und hat bei immer mehr teilnehmenden Hotels mehr Gäste auf den Berg gebracht. Heute zahlen 17 Hotels in der Region pro Sommer-Logiernacht einen Beitrag von fünf Franken und können dafür ihren Hotel-Gästen Gratis-Tickets anbieten. Seit diesem Sommer kann gegen einen Mehrbetrag auch der ÖV offeriert werden.
Den Schritt vom Kleinen zum Grossen vollziehen möchte auch Silvia Degiacomi. In St. Moritz gibt es nämlich zusätzlich noch das St. Moritz inclusive, ein Angebot der lokalen Bergbahnen und Hotellerie. Wenn es gelinge, diese Angebote zusammenzuführen und auf die Destination auszuweiten, könnte das evenutell der Weg sein, der zu einem Engadin inclusive führe. Auf jeden Fall soll das Thema an der nächsten GV des Hoteliervereins wieder auf den Tisch kommen, sagt Degiacomi.
Vom «inclusive-Gedanke» ist auch Stefan Sieber, Geschäftsführer bei Celerina Tourismus überzeugt. Er sieht in der vorgesehenen Destinationsbildung und einer allfälligen Fusion der Oberengadiner Berbahnen eine Chance, das Thema neu zu lancieren. Dann nämlich seien die Entscheidungswege viel kürzer und es sei nicht mehr nötig, dass jedes Arbeitsgruppenmitglied die Vorschläge zuerst wieder in seinen Gremien diskutieren lassen müsse.
Quelle: Engadiner Post Autor: Reto Stifel
Ort: 7500 St. Moritz
Datum: 14.08.2006
Rubrik: Tourismus
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