Georg Anthamatten, Präsident der Walliser Bergbahnen
„Walliser Bergbahnen müssen pro Jahr 100 Millionen investieren“
Saas Grund / Er präsidiert die Walliser Bergbahnen und steht bei den Bergbahnen Hohsaas AG als Verwaltungsratspräsident und operativer Leiter in der Verantwortung. Im RZ-Interview spricht Georg Anthamatten über Hitze, Permafrost und Finanzierungssorgen.
Von German Escher
Armin Bregy
Der Sommer ist heiss. Treiben die hohen Temperaturen auch die Gäste und somit die Umsätze der Bergbahnen in die Höhe?
Das stimmt. Wir hatten bei den Bergbahnen Hohsaas im Juli ein Umsatzplus von 17 Prozent und im Sommer insgesamt bisher rund 15 Prozent. Die hohen Temperaturen sind nicht der alleinige Grund. Es braucht auch ein entsprechendes Angebot. So haben wir Höhenwanderwege, einen Klettersteig, Alpinismus, Kinderspielplatz und Monstertrottis. Für einen erfolgreichen Geschäftsgang braucht es viele Komponenten.
Machen Ihre Kollegen bei anderen Bergbahnen die gleichen Erfahrungen?
Die Bergbahnen haben allgemein eine gute Sommersaison. Vor allem die Bahnunternehmen im Berner Oberland verzeichnen noch höhere Umsatzsteigerungen als die Walliser Seilbahnen. Ein Grund ist sicher die bessere Erreichbarkeit und die Nähe zu den grossen Zentren.
Die Hitze bereitet ja nicht nur Freude. Was bedeutet die Permafrost-Problematik für die Walliser Bergbahnen?
Der Permafrost führt zu einem Mehraufwand bei den Bergbahnen. Bei Neubauten im Bereich des Permafrosts werden aufwändigere Untersuchungen notwendig sein. Notfalls müssen die Bahnen mehr Geld in die Absicherung bestehender Bauten investieren. Noch lassen sich diese Ausgaben für die Branche nicht quantifizieren. Dies ist grundsätzlich auch die Aufgabe jedes einzelnen Bahnunternehmens.
Gibts einen Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen den Bergbahnen?
Bisher gibts kein offizielles Gremium innerhalb des Verbandes, das sich mit der Permafrost-Problematik auseinander setzt. Aber man kennt sich innerhalb der Branche. Und wenn Fragen auftauchen, weiss man, bei welchem Kollegen man sich allenfalls erkundigen kann. In solchen Fällen sehen sich die einzelnen Bergbahnen nicht als Konkurrenten. Im Gegenteil: Wir versuchen einander weiter zu helfen. Das zeigt auch das Beispiel der Gletscherfolien. Hier klappt der informelle Informationsaustausch sehr gut.
Werden die Oberwalliser Bergbahnen nun vermehrt Eisflächen mit Gletscherfolien abdecken?
Wenn sich mit Gletscherfolien das Abschmelzen reduzieren lässt, ist dies eine sinnvolle Massnahme. Die ersten Erfahrungen – beispielsweise in Andermatt oder Saas Fee – sind durchaus positiv. Ich stehe Gletscherfolien positiv gegenüber. Der Einsatz muss jedoch von Fall zu Fall von jeder Bergbahn selber beurteilt werden.
Ein weiteres Problem sind die teilweise veralteten Bahnen. Wieviel muss die Branche in den nächsten Jahren investieren?
Jene Bahnen, die in der Hochkonjunktur der 70er und 80er Jahre gebaut wurden, kommen jetzt in die Erneuerungsphase. Die Walliser Bergbahnen müssen pro Jahr ca. 100 Millionen investieren. Allerdings hat die Bergbahnbranche die Erneuerung der Anlagen in den letzten Jahren vernachlässigt. Entsprechend gross ist jetzt der Nachholbedarf.
Wie schwierig ist die Fremdfinanzierung?
Die Vorgaben sind heute härter. Aufgrund von Basel II sind die Kriterien für eine Kreditvergabe strenger. Trotzdem müssen wir die Erneuerung unserer Bahnanlagen vorantreiben. Ansonsten verlieren wir im Vergleich zu unseren Mitbewerbern in Frankreich, Italien und Österreich weiter an Terrain.
Können sich die Bergbahnen, abgesehen von jenen in den Top-Stationen, diese Investitionen überhaupt leisten?
Es ist zu einfach, nur die Banken zu kritisieren. Das Kerngeschäft der Banken ist es, Geld auszuleihen, aber auch wieder zurück zu bekommen. Deshalb verstehe ich die strengeren Kriterien der Banken. Die Rechnung ist einfach: Wenn eine Bergbahn wie die unsere in den letzten Jahren Bruttoinvestitionen von rund 40 Millionen Franken getätigt hat, benö-tigt man einen Cash-flow von 1,6 bis 1,8 Millionen Franken. Heute stellt sich noch eine andere Frage: Gehören die Bergbahnen nicht teilweise zur Basisinfrastruktur eines Kurortes, an deren Finanzierung sich alle Nutzniesser beteiligen sollten? Es wird kaum möglich sein, alle Bahnen auf eine rentable Basis zu stellen. Eine gewisse Strukturbereinigung scheint mir unumgänglich. Aber die Schliessung von Bergbahnen hat direkten Einfluss auf die Vermieter und die übrige Wirtschaft im Dorf. Dessen muss man sich bewusst sein.
Zugleich nimmt die Zahl der Wintersportler ab...
Das stimmt. Deshalb prüfen wir bei den Bergbahnen Hohsaas, ob kleineren Betrieben – beispielsweise in der Deutschschweiz – geholfen werden kann. Die Schliessung der Skilifte im Voralpengebiet führt zu einem weiteren Rückgang der Skifahrer und Snowboarder. Es muss im Interesse der Bergbahnen in den Wintersportgebieten sein, diese Entwicklung zu bremsen. Studien zeigen: Wer bis zu seinem 12. Lebensjahr nie Skifahren oder Boarden gelernt hat, wird mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht mehr damit beginnen.
Gibt es konkrete Ideen einer Partnerschaft mit einem kleinen Skigebiet?
Der Seilbahnenverband hat in verschiedenen Städten Schneerampen aufgebaut, damit Kinder erste Erfahrungen sammeln können. Die Bergbahnen Hohsaas AG versucht im kleinen Rahmen einen Beitrag zu leisten, indem wir beispielsweise den Abonnementsbezügern von kleineren Skigebieten Ermässigungen gewähren.
Müssten die Bergbahnen ausserkantonale Skilager stärker unterstützen?
Die Bergbahnen Hohsaas unterstützen zwar keine Skilager, aber wir laden Kinder bis sechs Jahre während zwei Wochen ein, indem wir Skilehrer, Mittagessen und Ausrüstung zur Verfügung stellen. Die Zeiten, als überall das Lied „Alles fährt Ski“ gesungen wurde, gehören leider der Vergangenheit an...
Sie haben in Saas Grund auch in der Finanzierung neue Wege beschritten und über einen Club neue Geldquellen erschlossen. Wird dieses Modell Schule machen?
Die Idee ist aus der Not heraus entstanden. Nachdem wir vor Jahren bereits 20 Millionen in den Neubau der 1. Sektion und die Beschneiung investiert hatten, mussten wir die 2. Sektion der Gondelbahn ersetzen. Zunächst dachten alle, eine Finanzierung sei unmöglich und die Fusion wohl der einzig gangbare Weg. Aber in der Notsituation lassen sich keine guten Bedingungen aushandeln. Diese Erkenntnis führte zu einer Aufbruchstimmung und dem Willen, neue Wege zu gehen. Wir benötigten damals zwei Millionen zusätzliche Eigenmittel. Eine Erhöhung des Aktienkapitals kam für uns nicht in Frage, weil in absehbarer Zeit aufgrund der uns zur Verfügung gestellten Investitionshilfegelder (IHG) keine Dividenden zu erwarten sind.
Und wie kamen Sie auf die Club-Idee?
Bei einem Urlaub in Österreich hat mir ein Hotelier erzählt, er habe seine Wellnessanlage über die Gründung eines Clubs finanziert. Weil wir sehr viele Stammkunden haben, liess sich diese Idee gut auf unsere Bergbahn übertragen. Wir bezahlen jedem Mitglied pro Jahr 100 Franken und gewähren fünf Prozent Rabatt. Heute zählt unser Club über 800 Mitglieder, die je eine Eintrittsgebühr von 2000 Franken bezahlt haben. So sind 1,6 Millionen Franken zusammen gekommen. Es ist zum einen zwar etwas teures Geld, aber die 800 Mitglieder identifizieren sich mit dem Ort und sind unsere besten Botschafter. Die Reaktion der Clubmitglieder ist grossartig. Viele von ihnen haben uns bereits gesagt, dass sie auf die 2000 Franken, welche in zehn Jahren zur Rückzahlung fällig werden, verzichten werden.
Gäbe es noch andere Wege?
Als Alternative zur Fusion sehe ich eine engere Kooperation zwischen den Bergbahnen, um beim Einkauf, Strom, Ausbildung, Marketing etc. professioneller zusammen zu arbeiten und gleichzeitig Kosten zu sparen. Wir werden im Bergbahnenverband eine entsprechende Untersuchung in Auftrag geben. Aber letztlich muss jede Bergbahn für sich den richtigen Weg finden. Man muss sich auch der Nachteile einer Fusion bewusst sein: Die Identifikation im Ort lässt nach, die Gefahr der Fremdbestimmung wächst. Eine Bahn, die nur auf Rendite erpicht ist, wird nicht die Bedürfnisse eines Kurortes abdecken können.
Bergbahnen sind das Rückgrat unserer wichtigsten Wirtschaftsbranche – des Tourismus. Muss der Staat stärker helfen?
Da habe ich meine Zweifel. Zwar versucht der Staat die Zusage von zinslosen Investitionshilfegeldern (IHG) an gewisse Auflagen zu knüpfen. Die Umsetzung scheint relativ schwierig. Die Kriterien werden meines Wissens bisher kaum angewandt. Grundsätzlich bin ich klar der Meinung, dass jede Anlage nach Möglichkeit weiter betrieben werden soll. Jeder Skilift, der geschlossen wird, schwächt unseren Wintertourismus. Deshalb muss der Staat Kooperationen fördern. Viel mehr kann der Staat nicht machen. Die Bahnunternehmen müssen selber versuchen, eine gewisse kritische Umsatzgrösse zu erreichen. Das trifft auch auf eine mittlere Bergbahn, wie wir eine sind, zu. Wir konnten unseren Umsatz in den letzten vier Jahren um rund 20 Prozent auf fünf Millionen Franken steigern. Aber auch wir müssen weiter wachsen, um ein professionelleres Management etc. aufbauen zu können.
Aber wie können die Bergbahnen Hohsaas noch weiter wachsen?
Wir streben vertikale Integrationen an. Wir benötigen zum Überleben einen Umsatz von acht bis zehn Millionen Franken. Deshalb prüfen wir, in unserer Dienstleistungskette vor- und nachgelagerte Betriebe zu integrieren. Wir prüfen zur Zeit den Bau eigener Ferienwohnungen und Hotelbetten. Es wird oft über die Problematik der Zweitwohnungen und der kalten Betten geklagt. Man muss etwas dagegen tun. Deshalb wollen wir ein Dienstleistungszentrum aufziehen, das im Auftrag der Eigentümer die Vermietung von Ferienwohnungen übernimmt. Unser Service reicht von der Vermarktung, über den Empfang und die Betreuung des Gastes bis zur Reinigung der Wohnung und Abrechnung.
Sie sind seit kurzem Präsident der Walliser Bergbahnen-Vereinigung. Wie beurteilen Sie das neue Tourismusgesetz?
Die Ansätze sind richtig. Die Destinationsbildung wird gefördert, alle Nutzniesser des Tourismus müssen sich an den Vermarktungskosten beteiligen und das Inkasso wird klar geregelt. Die bisher publizierten Zahlen sind jedoch ungenau. Wenn Hoteliers weniger bezahlen als bisher, ist es schwierig, beispielsweise einen Metzger in Visp von einer kantonalen Tourismustaxe zu überzeugen. Zudem wollen die Tourismusregionen wissen, wie viel aus dem kantonalen Topf zurück fliesst. Ob sich der Aufwand für die zur Diskussion stehenden Mehreinnahmen wirklich lohnt, ist zu bezweifeln. Eigentlich müsste es in einem Tourismuskanton möglich sein, die benötigten 30 bis 40 Millionen Franken zur Vermarktung der Marke Wallis über das ordentliche Budget zu finanzieren. Wahrscheinlich haben wir auf politischer Ebene zu wenig Interessensvertreter für den Tourismus. Im Verhältnis zur Landwirtschaft wird der Tourismus im Kantonsbudget heute stiefmütterlich behandelt. Fazit: Das Tourismusgesetz wird es in der jetzigen Form schwer haben. Selbst wenn es im Grossen Rat noch verabschiedet würde, ist mit einem Referendum zu rechnen. Bisher hat sich die Mehrheit der Walliser Betriebe nicht an den Tourismusförderungskosten beteiligt. Dieses Trittbrettfahrer-Prinzip wird wohl weiter bestehen.
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Jay
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Aus der RZ Oberwallis