Wo Flutlichttürme den Pistentag verlängern

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snowflat
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Wo Flutlichttürme den Pistentag verlängern

Beitrag von snowflat »

Schweden: Im Februar ist Åre Austragungsort der Ski-Weltmeisterschaften
Wo Flutlichttürme den Pistentag verlängern


Skandinaviens größtes Wintersportzentrum breitet sich auf dem 1420 Meter hohen Åreskutan aus. Und die Saison hat schon Anfang November begonnen.

Von Stefan Schomann

Richtige Weltcup-Abfahrten? Schwarze Pisten? Und das in Schweden? Aber ja doch! Wenn am 3. Februar 2007 in Åre (sprich: Ohre) die alpine Ski-WM beginnt, wollen die Schweden aller Welt beweisen, dass man bei ihnen Ski laufen kann. Und zwar nicht nur geradeaus, sondern auch bergab.

Skandinaviens größtes Wintersportzentrum liegt neunzig Kilometer westlich von Östersund. Nach jeder Landung am dortigen Flughafen macht sich ein Konvoi von Sammeltaxis nach Åre auf. Wie Buckelwale durch einen Planktonschwarm steuern die Mini-Vans durchs nächtliche Schneetreiben. Großkalibrige Flocken wehen im Scheinwerferlicht heran. Nach der Hälfte der Strecke beginnt der Horizont zu glimmen. Ein phosphoreszierender Widerschein breitet sich aus. Geht nur der Mond auf? Werden wir Zeugen eines Nordlichts? Oder statten uns Außerirdische einen Besuch ab?

Der Chauffeur will wissen, dass damals, als sich das Phänomen zum ersten Mal zeigte, tatsächlich die NASA in Stockholm angerufen habe: "Freunde - was treibt ihr dort oben?" Die Antwort lautete: "Wintersport". Auf fünf Flutlichtpisten nämlich. So erfuhr Amerika von der Existenz Åres. Wahrhaftig, dieser Ort hat Ausstrahlung.

Am nächsten Morgen - eine etwas dehnbare Zeitangabe, denn im Januar geht die Sonne um halb zehn auf - stapfen wir als erstes hinaus auf den Åresjön, den metertief gefrorenen See. In weitem Bogen schmiegt sich das Dorf an seine Ufer, und gleich dahinter ragt der Åreskutan in den Himmel. Jawohl, er ragt, auch wenn er mit 1420 Metern selbst in den deutschen Alpen nur als Vorberg eingestuft werden würde. Doch erstens erhebt er sich stolze tausend Meter über das Dorf, und zweitens steht er frei in der Landschaft. Ein melancholischer Solitär, ein Massiv im Nirgendwo. Das zeigt sich noch deutlicher, als wir uns vom Lift zum "Sadeln" schleppen lassen. Auf halber Höhe gelegen, bietet dieser Sattel einen prächtigen Rundblick. Man sieht nichts und zugleich alles. Nichts, weil sich kein einziger anderer nennenswerter Berg zeigt, wo wir doch von den Alpen eine gestaffelte Phalanx gewöhnt sind. Alles, weil einem dafür die Welt zu Füßen liegt, hier Fjäll geheißen und unendlich weit und still. Ein welliges, von den Gletschern der Eiszeit rund geschmirgeltes Hochland, bewaldet und mit unzähligen Seen durchsetzt. Kreuz und quer ziehen sich Lifte, Seilbahnen und Pisten über die Flanken des Berges. Ein Riese in Ketten, wie Moby Dick, in ein Gewirr aus Harpunenleinen verstrickt, und dennoch stärker als alle menschliche Gewalt.

Bei der ersten, blau eingestuften Abfahrt rutschen wir ihm buchstäblich den Buckel runter. In geruhsamer Gleitfahrt geht es erst den Kamm hinab, dann hinein in den Wald. Rentierspuren kreuzen, Schneehühner flattern auf. Wald, noch mehr Wald, es nimmt überhaupt kein Ende. Die Schneise folgt einem gefrorenen Bachlauf und führt schließlich über mehrere kleine Hänge hinab nach Björnen. Dieses Kinder- und Familienrevier allein wartet mit einem guten Dutzend Pisten auf; insgesamt zählt die Dreifaltigkeit von Duved, Åre und Björnen deren hundert. Sie werden von vierzig Liftanlagen erschlossen, von zwanzig Raupenfahrzeugen in Schuss gehalten und pro Saison von 350 000 Gästen besucht.

Eine verzwickte Kombination aus drei Liften und zwei Abfahrten bringt uns schließlich wieder auf den Sattel. Über nun schon steilere, rot markierte Pisten kurven wir zurück zum großen Skizirkus am Haupthang, dem Åreodrom gewissermaßen. Vor der letzten Schussfahrt sammeln wir unsere Kräfte im "Café Hyddan", einer charmanten Waffel- und Wärmestube am Rande der Piste. Fürs frische Rentiergulasch aber bleibt keine Zeit, denn um drei Uhr schon verschwindet die Sonne drüben in Norwegen, stellen die Lifte ihren Betrieb wieder ein.

reilich nur für ein paar Stunden. Dann werden ein oder zwei Hauptpisten blendend hell erleuchtet und die Lifte wieder angeworfen. Obwohl erneut dicke Flocken fallen, schießen die Schneekanonen, diese Geysire des Wintersports, aus allen Rohren. Der ganze Berg rappelt, dröhnt und gleißt schier infernalisch. Die offizielle Erklärung lautet, dass erst eine Mischung aus künstlichem und natürlichem Schnee den perfekten Belag bilde. Tatsächlich ist er glatt und geschmeidig wie Satin. Doch natürlich lässt sich so auch die Schneegarantie von 140 Tagen einhalten und die Saison strecken. Dieses Jahr begann sie bereits Anfang November, mit reichlich echtem Schnee.

Als Fremdenverkehrsort besitzt Åre eine lange Tradition. Schon im Mittelalter diente es als Station auf dem Pilgerweg nach Trondheim, zum Grab des heiligen Olaf. Die Dorfkirche mit ihrem pummeligen Glockenturm zeugt noch von dieser Ära. Wie einst die Pilgerzüge, so nimmt seit 1882 auch die Eisenbahn ihren Weg durchs Hochtal. Sie brachte "Luftgäste" und "Blumenfreunde" nach Åre, feine Leute mit Geld und wunderlichen Grillen. Zunächst vor allem im Sommer, seit Eröffnung der Bergbahn im Jahre 1910 auch im Winter. Bis heute karrt dieses unverwüstliche Fossil Skiläufer und Snowboarder hoch zum Berghof Fjällgarden. Er stammt ebenso noch aus der Belle Époque wie die Hotels "Diplomat" und "Åregarden". Damals träumte Åre davon, das schwedische Davos zu werden, mit dem Åreskutan als Zauberberg. Der Erste Weltkrieg riss die Hoteliers auch hier aus allen Träumen, und seither hat der Ort mehrere Zyklen zwischen Boom und Bankrott absolviert.

Derzeit zieht die Konjunktur wieder an. Neue Lifte und Pisten wurden eröffnet, chice Bars und Boutiquen säumen die Sträßchen. Zunehmend stellt sich auch internationale Klientel ein: Charterflüge katapultieren Engländer, Dänen und Finnen in den Schnee, auch immer mehr Balten und Russen kommen. Neben den klassischen Ski- und Langläufern tummeln sich auch scharenweise Spezialisten: Telemarker, Freerider, Eissurfer und ähnliche Mutanten. Hundeschlitten fegen über das Fjäll, Schneemobile scheuchen die Elche aus dem Tann, Gokarts und Allradfreaks machen den See unsicher. Dagegen muten die Ausritte auf Karl-Erik Duvdahls Islandpferden hemmungslos nostalgisch an. Eisbehangen und zottelig wie Yaks, ziehen sie durch unberührten Winterwald. Ein Muss ist schließlich der Abstecher zum Tännforsen, dem Niagara des Nordens, Schwedens größtem, jetzt märchenhaft überfrorenen Wasserfall.

Sichtbarster Ausdruck der neuen Zeit ist das vor zwei Jahren eröffnete Erlebnishotel "Holiday Club". Eine Stadt im Dorf, die auch eine Mehrzweckhalle, Konferenzsäle und einem ausgedehnten Wellness- und Saunapark umfasst. In der "Eissauna", einem begehbaren Tiefkühlfach, kann man sich bei minus 18 Grad buchstäblich auf Eis legen.

Nach derartigen Investitionen sieht Åre sich für die Ski-Weltmeisterschaften bestens gerüstet. 1954 wurden sie schon einmal hier ausgetragen. Damals trug man noch Pelz statt Fleece, und statt Schneekanonen rückte das Militär an und schleppte Fuhre um Fuhre in riesigen Körben aus dem Wald. Lokalmatador Olle Rolén, einst Trainer der Ski-Legende Ingemar Stenmark, war damals zwölf Jahre alt. Er erinnert sich noch lebhaft an das Großereignis. Halb Schweden strömte nach Åre - es gab kein Fernsehen, man musste sich die Rennen schon selbst vor Ort ansehen. Die Weltpresse gab ihre Berichte noch telefonisch in die Heimat durch. Neben den schwedischen Assen eroberten besonders die Libanesen die Herzen des Publikums. "Sie starteten jeweils als letzte und kamen auch als letzte an, anderthalb Minuten hinter den Siegern." Gegen die hätten auch wir vielleicht noch eine Chance gehabt.

erschienen am 25. November 2006
Quelle: Hamburger Abendblatt
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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