Schnee hat keine Balken
Von Barbara Schaefer
Was wirkt am besten gegen Rowdies auf der Skipiste? Die Liftbetreiber, erklärt Frank Huber von der bayerischen Zugspitzbahn, dürften zwar Skipässe einkassieren. Allerdings drohten manche Rabauken mit Prügeln, da sei das ein „sehr theoretisches Instrument“. Um über die Sicherheit im Schneesport zu diskutieren, hat jetzt der Deutsche Skilehrerverband zu einem Symposion geladen. Unter dem Motto „Less risk, more fun“ diskutierten in Grainau Liftbetreiber wie Frank Huber, Skilehrer, eine Anwältin - und ein Unfallchirurg.
Und dieser Chirurg, Oberarzt Christian Kruis von der Unfallklinik Murnau, räumte sogleich das hartnäckige Gerücht aus der Welt, daß seit dem Einzug der Carvingskier auf den Pisten mehr Unfälle passierten: Die Zahl schwerer Verletzungen, die stationär versorgt würden, sei nach Angaben von Sportversicherern sogar immer weiter zurückgegangen. Vor zwanzig Jahren lag man bei Skiunfällen durchschnittlich gut zwei Wochen im Krankenhaus, heute aber nur noch halb so lang. Was aber eher für den medizinischen Fortschritt spreche, erklärt Oberarzt Kruis: Ein Kreuzbandriß zähle kaum noch als ordentliche Verletzung und könne oft ambulant behandelt werden. Ein Drittel aller Blessuren sind Knieverletzungen, zehn Prozent Kopfverletzungen, gestiegen sind Schulter- und Oberarmverletzungen.
Abseits der Piste meist nur Totenbergung
Um sich sicher zu fühlen, tragen Schneesportler Schutz: Helme, Handgelenkschützer oder Platten, die den ganzen Rücken bedecken. Doch Skiunfälle, bei denen solche Platten etwas nützten, gebe es kaum, behauptet Christian Kruis. Anders sehe es bei den Snowboardern aus: Wer beim Sliding gegen ein Geländer knalle, werde froh über den Rückenschutz sein. Über ein Drittel der Snowboarder trägt Handgelenkprotektoren. Nur ist deren Material oft zu steif, bei einem Sturz sei zwar das Handgelenk geschützt, dafür könnten aber die Knochen am Unterarm brechen - so wie bei Unterschenkelbrüchen in hohen Skischuhen. Helme, so belegen verschiedene Statistiken, reduzieren die Verletzungsgefahr auf der Piste deutlich - zum Glück steigt daher die Zahl der Wintersportler mit Kopfschutz. Kruis fährt selbst mit Helm, gibt aber zu Bedenken, daß der schon bei einem Aufprall von über dreißig Stundenkilometern nicht mehr viel abfangen könne.
An einem schönen Tag mit Neuschnee sind auf der Zugspitze von 600 Gästen geschätzte 400 abseits der präparierten Piste unterwegs. Kommt es wegen des „Freeriding“ zu Lawinenabgängen, sind die Folgen fatal: Abseits der Piste heißt Rettung meist Totenbergung. Und die Überlebenschancen von Verschütteten sind schon nach einer Viertelstunde winzig klein. Ein Skitourengeher weiß um diese alpine Gefahr, er geht selten ohne Verschüttetensuchgerät, Schaufel und Sonde los, ist er doch eher Bergsportler als Skifahrer. Für Pistensportler, erklärt Christian Lechner, Präsident des Skilehrerverbandes, sei „der unverspurte Hang das absolut größte“. Gefahren übersehe man da gern. Deshalb präsentierten bei der Ski-Eröffnung auf der Zugspitze am vorigen Wochenende Hersteller ihre Verschüttetensuchgeräte dem Publikum.
Unfälle durch Überschätzung
Gesetze, Berge mit Lawinengefahr zu sperren, gibt es in Bayern nicht. „Die Verantwortung der Bergbahnen endet am Pistenrand“, sagt Helga Wagner, Juristin im Verband Deutscher Seilbahnen. Und mehr Regeln auf den Pisten wolle man nicht: „Man kann nicht vor jeder Gefahr geschützt oder auch nur gewarnt werden.“ Skifahrer müßten vielmehr selbst Risiken einschätzen lernen, denn viele Unfälle passierten durch Überschätzung.
Auf den Pisten gelten als Gewohnheitsrecht die zehn Regeln des Internationalen Skiverbands: die FIS-Regeln. Seit 2002 schließen sie ausdrücklich Snowboarder mit ein. Regel Nummer eins ist die wichtigste, sie lautet: „Jeder Skifahrer und Snowboarder muß sich so verhalten, daß er keinen anderen gefährdet oder schädigt.“ In einer nicht repräsentativen Umfrage auf österreichischen Skipisten behauptete von 4500 Befragten knapp die Hälfte, die FIS-Regeln gut zu kennen. Aufsagen mußten sie die allerdings nicht.
Sicherheit dank Freestyle
Bei jungen Wintersportlern ist Freestyle mindestens so populär wie das Fahren abseits der Piste: In „Fun Parks“ springen Skifahrer und Snowboarder auf Schanzen und über Geländer. Solche Parks werden meist von sehr guten Fahrern konzipiert - für Könner. Einsteiger dagegen sind überfordert. Manche Sprünge führen bis in vier Meter Höhe, die Geländer sind mitunter mehrere Meter hoch. Deshalb plant der Skilehrerverband nun „Easy Fun Parks“: leichte Übungsgelände mit kleineren Hindernissen. Kein Geländer soll höher als einen halben Meter, kein Schanzentisch länger als drei Meter sein.
In den „Easy Fun Parks“ sollen Lehrer den Jugendlichen das Schraddeln, also das „Gliden“ beibringen. Manche glauben sogar an mehr „Sicherheit durch Freestylen“, wie etwa der legendäre Fuzzy Garhammer, Freestyle-Weltmeister von 1973: Freestyle sei nicht reiner Irrsinn, es schule vielmehr Beweglichkeit, Balance, das ganze Können auf Ski. Und ganz so neu sei obendrein nicht, was die Jugendlichen auf der Piste veranstalten: „Steht da doch neulich so einer neben mir, die Mütze tief im Gesicht, und sagt, jetzt probiert er einen Lincoln.“ Fuzzy Garhammer habe seinen Ohren nicht getraut: Den seitlichen Salto sind sie schon vor 35 Jahren in Amerika gesprungen.
Weitere Informationen über „Less risk, more fun“ unter www.skilehrerverband.de.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite V3
FAZ: Schnee hat keine Balken
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FAZ: Schnee hat keine Balken
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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