Kanada: Per Motorhome durch die Rocky Mountains - und das im Dezember
Mit dem Wohnmobil zum Pulverschnee
Im Sommer fährt hier fast jeder sein Bett spazieren. Aber geht das auch im Winter? Auf Tour zu den schönsten Puder-Pisten.
Von Christoph Schrahe
Jack hat Zeit. In aller Ruhe erklärt er mir in der Abholstation des Wohnmobil-Vermieters Canadream die Funktionsweise sämtlicher Ausstattungsdetails meines Fahrzeugs. Am wichtigsten ist im Winter die Heizung für die Wassertanks - denn wer will schon mit Eiswürfeln duschen? Auch sonst ist alles Notwendige an Bord, vom Staufach für die Skier über Kühlschrank und Mikrowelle bis zum Spülmittel. Nur die Erläuterung der Klimaanlage spart sich Jack. Die Heizungen benötigen viel Strom, daher rät er mir, nur Stellplätze mit Stromversorgung anzusteuern.
Nach dem finalen Check aller Systeme bin ich "ready for take-off". Einen letzten Tipp hat Jack noch: "Wenn es geht, nicht rückwärts fahren." Wer noch nie ein 7,60 Meter langes Auto gelenkt hat, tue sich verdammt schwer, die Dimensionen richtig abzuschätzen. Also nur vorwärts! Kein schlechtes Motto. Das Ziel habe ich bereits nach wenigen Minuten Fahrt jenseits der Windschutzscheibe meines Ford vor Augen: die Rocky Mountains, die Felsenberge rund um den Nationalparkort Banff. Ich schalte auf Autopilot und genieße.
Zwei Stunden später geht es auf den perfekt präparierten, gut geneigten Pisten am Mount Norquay fast in den Gleitflug über. Cruising-Vergnügen der Extraklasse! Skier laufen hier wie von selbst. Der 3,5-Tonner dagegen musste auf der kurzen Strecke von Banff ins Skigebiet ziemlich kräftig getreten werden. Eine Bergwertung ist mit dem trotz seiner acht Zylinder etwas schwachbrüstigen Motor nicht zu gewinnen. Seine Stärken zeigt das Wohnmobil eher, wenn es Station macht. Statt nach dem Skifahren frierend und am geöffneten Kofferraum stehend die Skistiefel vom Fuß zu operieren, fläze ich mich auf die gut gepolsterte Sitzbank im "Esszimmer" und öffne die Schnallen, während in Griffweite bereits heißer, duftender Kaffee in eine große Tasse tropft.
Wer als Kind die eigene abgeschiedene Welt selbstgebauter Hütten, Baumhäuser und Höhlen schätzen gelernt hat, wird sich in einem Wohnmobil auf Anhieb wohl fühlen. Nicht zuletzt, weil das überschaubare Maß die Wege zwischen Küche, Bad, Essecke und Bett so schön kurz hält.
Eine echte Herausforderung wartet jedoch nach dem gemütlichen Abendessen auf einen: die Nachtruhe. Gegen das Brummen des Heizlüfters hilft nur Oropax. Doch leider habe ich keine Stöpsel zur Hand. Den Schalter auf "off" zu stellen, schafft zwar sofort Abhilfe, lässt normalerweise aber schon bald einen anderen Feind friedlichen Schlafes ins Bett kriechen: die kana- dische Kälte. Mich rettet jedoch mein warmer, winterbiwacktauglicher Schlafsack.
Am nächsten Morgen strecke ich vorsichtig nur einen Finger aus meinem mollig warmen Schalfsack - in Richtung Heizungsschalter. Die Temperatur steigt im Sportwagentempo von 0 auf 20 Grad. Nach einem ebenso schnellen Frühstück gehe ich die 18 leicht verschneiten Kilometer von Banff bis ins Skigebiet Sunshine Village umso langsamer an - das Wohnmobil ist nämlich nur mit Sommerreifen ausgestattet. Schneeketten sind seitens der Vermieter leider nicht erlaubt. Das hohe Gewicht des Fahrzeugs sorgt zum Glück für ausreichende Haftung am Boden. An der Talstation begegnen mir zwei Burschen aus Heidelberg, die ebenfalls per Wohnmobil auf Skisafari und der Suche nach dem besten Tiefschnee sind. Da ist Sunshine mit jährlich mehr als zehn Meter Schnee der leichtesten Sorte die beste Adresse in Alberta.
Das höchstgelegene Skigebiet Kanadas bringt den Mythos des Skifahrens in den Rocky Mountains auf den Punkt: ein variantenreiches Gebiet inmitten der endlosen Weiten unberührter Wildnis mit großartigem Pulverschnee und freundlicher, entspannter Atmosphäre. Kein Wunder, dass Sunshine bei Europäern eines der populärsten amerikanischen Skiziele ist. Das Skidorf Sunshine Village besteht aus ein paar Gebäuden, verstreut in einer schneereichen Mulde an der Waldgrenze, und ist umgeben von den großartigsten Bergspitzen des Banff-Nationalparks. Während die meisten Skigebiete Nordamerikas auf einer Bergflanke liegen, breitet sich das Gebiet von Sunshine kreisförmig um den kleinen Ort aus. So kann man immer der Sonne folgen, was an kalten Tagen eine echte Wohltat ist.
Am Ende des Skitages geben mir die Heidelberger noch den Tipp, in Alberta vollzutanken: "Das Benzin ist hier deutlich billiger als in British Columbia." Wie hilfreich diese Empfehlung war, merke ich beim ersten Tankstopp: Das Benzin läuft so lange, dass ich irgendwann nicht mehr die Nerven habe, abzuwarten, bis der Tank endlich voll ist. Ich lege mein Spar-Vorhaben zu den Akten. Ein halbvoller Tank ist ja ohnehin besser für das Leistungsgewicht, schließlich steht der Crowsnest-Pass bevor . . .
Der Pass markiert den Übergang in die Provinz British Columbia. Dort liegt das für seinen Pulverschnee ebenso wie für seine anspruchsvollen Steilhänge bekannte Fernie Alpine Resort. Nur wenige Skigebiete in Nordamerika bieten derart steile und scheinbar unbegrenzte Pisten in Kombination mit ausreichend Schnee. Dem Ruf dieses Berges folgen Skibegeisterte aus aller Welt, Fernie wird in einem Atemzug mit den Wallfahrtsorten der "Tiefschneejünger" - Alta und Snowbird - genannt. Fernies Skigebiet besteht aus fünf riesigen Talschüsseln unterhalb des scharfgezackten Kamms der Lizard Range. Zwar gibt es auch einige gewalzte Abschnitte, doch der Großteil des Geländes bleibt unberührt. Für Könner gibt es kaum etwas Besseres. Sicher findet man die allerbesten Hänge nicht auf dem Pistenplan, aber die Einheimischen geben ihre Geheimtipps gerne weiter. Doch Vorsicht: Lawinen sind allgegenwärtig und eine große Gefahr.
Ganz anders der Charakter von Big White, Kanadas zweitgrößtes Skigebiet und nächstes Etappenziel. Als einziger Gipfel weit und breit reckt der große, aber sanfte weiße Berg sein Haupt über die Baumgrenze. Vor allem für Familien ist das Angebot in Big Whites Skidorf geeignet.
Der Skipass gilt auch im benachbarten Silver Star. Das viertgrößte Skigebiet British Columbias wartet mit famosen Pisten, extrem steilen Waldabfahrten und einem Skidorf im Stil einer viktorianischen Minenstadt auf. Die meisten Besucher verlieben sich auf den ersten Blick in die hölzernen, kunterbunten Holzhäuser entlang der Hauptstraße, die einem Disney-Comic entsprungen zu sein scheinen.
Während es in Fernie kostenlose Stellplätze in unmittelbarer Pistennähe gibt, die zumindest über Stromanschluss verfügen, sind in Big White und Silver Star die zehn Dollar pro Nacht ohne Strom. Den gibt es nur im jeweils 60 Kilometer entfernten Kelowna mit dem "Holiday Park RV" und dem "Condo Resort". Von Kelowna könnte man schon wieder heimwärts fliegen. Da Einwegmieten nach Kelowna aber nicht möglich sind, bleibt nur, die 600 Kilometer nach Calgary zurückzufahren. Die spektakuläre Strecke durch die Nationalparks Mt. Revelstoke, Glacier, Yoho und Banff sowie die Skigebiete Kicking Horse (bei Golden) und Lake Louise entschädigt aber.
Schwer zu sagen, was an Lake Louise mehr beeindruckt: die Ausdehnung des Skigebiets, die sagenhafte Vielfalt des Geländes oder die wirklich atemberaubende Landschaftskulisse der Seen, Gletscher und Felsgipfel. Schon nach wenigen Abfahrten zählt fast jeder Besucher Lake Louise zu seinen persönlichen Top Ten. Die Leser verschiedener Skimagazine kürten es zum landschaftlich schönsten Skigebiet Nordamerikas. Als Tom Watson, ein Landvermesser der Canadian Pacific Railway, 1882 als erster Weißer den Lake Louise und die umgebenden Berge erblickte, rief er aus: "Gott ist mein Zeuge: Bei all meinen Erkundungen habe ich niemals zuvor eine derart unvergleichliche Szenerie gesehen!" Kurz darauf errichtete die Eisenbahngesellschaft eines ihrer legendären Schlosshotels, das "Chateau Lake Louise". Die ersten Skifahrer fanden sich Ende des 19. Jahrhunderts ein. Die Schweizer Bergführer um Rudolf Aemmer begleiteten sie bei ihren Skiausflügen auf den Victoria-Gletscher. Das "Chateau Lake Louise" bot luxuriöse Unterkunft direkt am Seeufer mit Blick auf den nahe gelegenen Gletscher.
So ein Nobelschuppen ist natürlich nichts für Camper wie mich. Ich steuere den örtlichen Campingplatz an. Dass der im Winter geöffnet ist, soll mir nach so manchem steckdosenlosen Skigebiet Luxus genug sein.
erschienen am 2. Dezember 2006
Die Skigebiete entlang der Route
Banff@Norquay: 140 Kilometer von Calgary, 1738-2134 Meter, 5 Lifte, 28 Abfahrten über 22 Kilometer, Internet:
www.banffnorquay.com
Sunshine Village: 18 Kilometer von Banff, 1660-2690 Meter, 13 Lifte, 107 Abfahrten über 79 Kilometer, Internet:
www.skibanff.com
Lake Louise: 90 Kilometer von Kicking Horse, 201 Kilometer nach Calgary, 1646-2637 Meter, 10 Lifte, 113 Abfahrten über 77 Kilometer, Internet:
www.skilouise.com
Fernie Alpine Resort: 352 Kilometer von Banff, 1068-1925 Meter, 10 Lifte, 107 Abfahrten über 88 Kilometer, Internet:
www.skifernie.com
Big White: 540 Kilometer von Kimberley, 1508-2285 Meter, 14 Lifte, 145 Abfahrten über 101 Kilometer, Internet:
www.bigwhite.com
Silver Star: 120 Kilometer von Big White, 1130-1890 Meter, 9 Lifte, 120 Abfahrten über 91 Kilometer, Internet:
www.skisilverstar.com
Kicking Horse: 300 Kilometer von Silver Star, 1275-2421 Meter, 5 Lifte, 78 Abfahrten über 52 Kilometer, Internet:
www.kickinghorseresort.com
Informationen: Reiseveranstalter Canadream, Tel. 001/403/291 10 00, Internet:
www.canadream.com; Ski Canada, Tel. 001/866/275 47 65, Internet:
www.ski-canada.com
erschienen am 2. Dezember 2006