Norwegen Familienfreundliche Wintersportorte mit Pulverschnee bis in den April
Weiße Wochen in der Wiege des Skilaufs
Wer mal einen Tag nicht auf Brettern stehen will, geht in der Bergwelt auf Elchsafari.
Von Christoph Schrahe
Da war einer!" Der plötzliche Ausruf von der Rückbank lässt mich meinen Saab vor Schreck fast in den Straßengraben lenken. "Ein Elch, da war ein Elch!" Endlich. Vollmundig hat man den Kindern so etwas angekündigt, und dann kurvt man wochenlang durch den skandinavischen Winter, passiert alle paar Meter großformatige Warnschilder mit den Umrissen der Tiere, sieht überall im Schnee die Spuren ganzer Regimenter von Paarhufern, bekommt aber nie eine leibhaftigen Elch zu Gesicht. Dann, auf der Heimreise, 30 Minuten vor dem Flughafen Oslo, lässt sich doch noch einer blicken und räumt den bei uns zwischenzeitlich aufgekeimten Verdacht aus, Norwegens Elche wären wie Schottlands Nessie vielleicht nur eine Erfindung der örtlichen Tourismuswerber.
Nichts ist es also mit der Theorie, die gleich noch Norwegens hohes Preisniveau erklären könnte: All diese Elchspuren künstlich herzustellen, das würde natürlich schon kosten. Norwegens Teuer-Image mag auf Familien zunächst abschreckend wirken. Wirklich hochpreisig sind jedoch vor allem jene Dinge, die bei einem Schneeurlaub mit Kind und Kegel kaum auf der Ausgabenliste stehen: alkoholische Getränke, Essen in Restaurants und Zimmer in gehobenen Hotels. Recht preiswert sind hingegen für Familien so wichtige Angebote wie Hütten mit direktem Pistenanschluss, die den morgendlichen Aufbruch für die Eltern so unschätzbar entstressen. Wem es nicht zu wenig Komfort bedeutet, in der eigenen Hütte zu kochen, speist zudem preislich in derselben Liga wie daheim. Auch Kinderbetreuung, Skischule und Ausrüstungsverleih sind vielerorts günstig.
In Hemsedal zahlt man für einen Tag professionelle Betreuung von Kindern ab einem Alter von drei Monaten im Trollia Kindergarten 200 Kronen (ca. 25 Euro), für die ganze Woche 600 Kronen. Beim Skiverleih gibt es die Helme gratis und am Lift fahren Kinder bis 6 Jahre umsonst. Das vorbildlich kreativ gestaltete Kinderskigebiet liegt störungsfrei unterhalb der übrigen Pisten und bietet umfangreiche Animation. Der Abenteuerwald Trollskogen lockt mit sprechenden Trollen, Feuerstelle und Tieren; täglich geht es auf Schatzsuche, einmal die Woche sogar per Schneemobil. Hier können Kinder spielerisch das Skifahren erlernen, rodeln oder sich anderen Vergnügen im Schnee hingeben. Das Angebot kommt gut an: Allwinterlich betreuen die bewundernswert stressresistenten Kindergärtnerinnen im Trollia 50 000 Kinder. Für Hemsedals Marketingchef Odd Holde hängt der Erfolg unmittelbar mit dem sportlichen Profil seiner Gäste zusammen: "Allein 20 Prozent unserer Gäste sind Telemarkskifahrer, dazu kommen viele begeisterte Freerider. Junge Eltern mit solchen Leidenschaften wollen nicht warten, bis der Nachwuchs drei Jahre alt ist, bevor sie wieder gemeinsam Ski fahren können."
Hemsedal ist nicht von ungefähr Ziel sportlich orientierter norwegischer Ski- und Snowboardfans. Die Gebirgslandschaft rund um Hemsedal gilt als alpinstes Revier des Landes und wird von der komfortabelsten Liftflotte Norwegens erschlossen. Die fast 20 Anlagen bedienen 42 Pisten und zahlreiche Hänge im freien Gelände an den Bergen Totten, Hammaren und Rægjin. Die obere, baumfreie Hälfte des 1497 Meter hohen Totten bietet aussichtsreiche Hänge ohne größere Schwierigkeiten. Auch die am benachbarten Hammaren und am gegenüberliegenden Rægjin sind weit und offen und ermöglichen es immer wieder, in unverspurte Tiefschneehänge einzutauchen. Pulverschnee kann man noch im April erwarten, wenn die Tage bereits länger sind als in den Alpen. Direkt über der Talstation durchziehen steile, verbuckelte Schneisen die Nordhänge des Totten, Freerider finden extreme Linien durch die schütteren Birkenstände. Nach Westen hin wird das Gelände sanfter. Dort ist auch der riesige Funpark mit Boarder Cross, Megajumps und zwei Half Pipes. Teens kriegt man hier eigentlich nur mit dem Verweis auf die Djuice Snowboard Lounge wieder weg, die direkt an der Talstation Playstation und andere in dieser Altersgruppe angesagte Vergnügungen bietet.
Bekanntester Wintersportort Norwegens ist seit den Olympischen Winterspielen von 1994 das kleine Städtchen Lillehammer. Es liegt an einem Hang ober-halb des Mjæsa-Sees und trägt als einzige Stadt der Welt einen Skiläufer im Wappen. Trotz der Spiele hat sich Lillehammer seinen ländlichen Charme bewahrt. Entlang der autofreien Einkaufsmeile Storgata verfügt es über schi-cke Geschäfte und Cafés. Die umliegenden Skigebiete Hafjell, Kvitfjell und Skeikampen bieten Sk- und Langlaufen in den Spuren von Olympiasiegern, trockenkalte, stabile Winter und skandinavischen Charme. Skibusse und -züge fahren von Lillehammer direkt in die Skigebiete. Größtes Areal ist Hafjell, 15 Kilometer nördlich der Stadt bei der Ortschaft Øyer gelegen. Der Kern der bäuerlichen Siedlung im Gudbrandsdal ist wegen vieler neuer Hotels, Apartmenthäuser und Hüttensiedlungen kaum mehr zu erkennen, einen neuen gibt's noch nicht. Dafür bieten die Hüttendörfer, die sich bis in die Gipfellagen erstrecken, bequemen Pistenzugang. Besonders schick ist die Siedlung Gaiastova kurz unterhalb des rund 1000 Meter hohen Gipfelplateaus. In Hafjell wurden 1994 die Slalom- und Riesenslalom-Wettbewerbe ausgetragen. Nach den Spielen versank das Gebiet zunächst im Dornröschenschlaf, erst in den letzten Jahren wurde wieder kräftig investiert, das Pistennetz deutlich erweitert und ein gigantischer Funpark in den Schnee gesetzt. Zum Winter 2007/08 wächst Hafjell um eine Achtergondelbahn und vier weitere Pistenkilometer. Norwegens Skilegende Lasse Kjus betreibt auf einer der neuen Abfahrten ein Race-Center für Teenager. Meist geht es auf Hafjells waldgesäumten Schneebahnen gemütlich zu, was besonders Anfänger freut. Nur im unteren Abschnitt, wo abends Skilauf unter Flutlicht möglich ist, wird es steiler. Für einen Hüttenstopp am Berg bietet sich die Olympiatunet an. Bei schönem Wetter wird auf der Terrasse der Grill angeschmissen.
Die Liftanlagen in Kvitfjell, 35 weitere Kilometer nördlich gelegen, wurden eigens für die Olympischen Spiele errichtet und nach und nach erweitert. Qualität ist das Motto des Skigebiets, die Pisten sind daher bestens präpariert. Im Abseits gibt es einige lohnende Varianten. Wer sich für die Talabfahrt entscheidet, sollte sicher auf dem Ski stehen, denn hier schwingt man auf der olympischen Herrenabfahrt. Kvitfjells Hotels, Übungslifte und der Skiverleih liegen auf 730 Meter Höhe. Vom Gudbrandsdal gelangt man auf einer 10 Kilometer langen Straße oder mit der kostenlosen Sesselbahn hinauf.
Das 39 Kilometer von Lillehammer entfernte Skeikampen ist vor allem bei dänischen und schwedischen Familien beliebt. Wie eine Woge aus Fels und Schnee ragt der markante Gipfel des Skeikampen aus den sanften, offenen Flächen des Fjells. Skeikampen verfügt über ein perfekt platzier-tes Kinderareal, Unterkünfte direkt an Pisten und Loipen sowie besonders schöne Hütten. An der mit ihrem roten Anstrich und den weißen Fensterrahmen so typisch norwegischen Nystua direkt oberhalb der Talstation führt kein Weg vorbei. Urgemütlich ist die winzige Skeistua, wo Wirtin Ingrid Wahlquist köstliche Rahmwaffeln mit saurer Sahne und Erdbeermarmelade serviert. Naturliebhaber starten von der Skeistua aus per Langlaufski zu Exkursionen ins Fjell. Skeikampens Loipen und Skiwanderwege summieren sich auf 600 Kilometer Länge. Auch Kinder sind hier wie selbstverständlich auf schmalen Latten unterwegs - und zwar sobald sie laufen können. Die ganz Kleinen gehen in schnittigen Schlitten im Schlepptau der Eltern auf Tour. Alternativ kann man die winterliche Bergwelt mit Schneeschuhen oder Hunde-schlitten erkunden. Und wer nicht auf das Glück vertrauen will, noch im allerletzten Moment seiner Norwegenreise einen Elch zu erblicken, sollte sich unbedingt zur Elchsafari anmelden.
Mit Flugzeug oder Fähre bequem zu den Skipisten im Norden
Anreise: Mit dem Flugzeug (Lufthansa oder Norwegian) ab Hamburg nach Oslo. Mit der Fähre z. B. von Kiel mit Color Line nach Oslo. Hemsedal: Von Oslo (220 km) via E16 bis Hænefoss, dort auf die R7 Richtung Gol und in Gol auf die R52 bis Hemsedal (ab Oslo ca. 3,5 Std.). Lillehammer: Von Oslo (180 km) bzw. dem Flughafen Gardermoen (145 km) via E6 bis Lillehammer und weiter bis Øyer/Hafjell bzw. Kvitfjell. Nach Skeikampen 4 km hinter Lillehammer Richtung Skei auf den Gausdalsvegen und via Segalstad und Svingvoll nach Skeikampen.
Skigebiete: Hemsedal, 19 Lifte, 37 km Pisten; Hafjell, 14 Lifte, 37 km Pisten; Kvitfjell, 7 Lifte, 20 km Pisten; Skeikampen, 10 Lifte, 21 km Pisten.
Informationen: Hemsedal Turistkontor, Tel. 0047/32 05/50 30, Fax /50 31,
info@hemsedal.com, Internet:
www.hemsedal.com; Lillehammer Turist AS, Tel. 0047/61 28/98 00, Fax /98 01, E-Mail:
info@lillehammerturist.no, Internet
www.lillehammerturist.no und
www.skilillehammer.no Destinasjon Skeikampen, Tel. 0047/61 24/74 60,
www.skeikampen.no
erschienen am 30. Dezember 2006