Quelle: stol.it„Die Alpen verschwinden“
Verlassene Bergdörfer, boomende Talböden und dazwischen einige Tourismusstationen „alla Heidiland“. Das prognostiziert Prof. Dr. Werner Bätzing für die Zukunft der Alpen. In seinem Buch „Die Alpen“ schildert der Professor für Kulturgeographie an der Uni Erlangen die Entwicklung des alpinen Lebens- und Wirtschaftsstandorts. Allein in Italien hat er im Jahr 2006 für sein Buch vier Preise eingeheimst. Südtirol Online hat mit dem Geologieprofessor über die Zukunft der Alpen gesprochen.
Südtirol Online: Die zentrale These in ihrem Buch lautet: „Die Alpen verschwinden“. Was bedeutet das?
Werner Bätzing: Die Alpen sind verkehrsmäßig immer besser erschlossen. Die großen Metropolen, die um die Alpen herum liegen, dringen immer tiefer in den alpinen Raum vor. Die alpinen Gemeinden wachsen immer stärker mit den Großstädten zusammen, sie werden abhängiger. Dadurch zieht es die Menschen in die vorliegenden Großstädte wie München, Wien, Zürich, Bern, Graz, Mailand, Nizza oder Lyon.
Wenn man diese Entwicklung in die Zukunft weiterspinnt, kann man sagen, dass die Alpen immer stärker in die außeralpinen Städte eingebunden werden und so zunehmend verloren gehen. Große Teile des Alpenraumes werden zu Vorstädten. Dadurch verlieren die Alpenregionen ihre Eigenständigkeit.
STOL: Kann diese Tendenz auch in Südtirol beobachtet werden?
Bätzing: Der Raum Südtirol hat sich bisher am stärksten von dieser Entwicklung entzogen, weil die Alpen in Südtirol am breitesten sind und somit etwas Distanz herrscht. Im Süden gibt es keine unmittelbare Metropole. Mailand ist zu weit entfernt.
STOL: Welche Gefahren stecken hinter der Abwanderung aus den Alpen?
Bätzing: Die große Gefahr ist, dass die Alpen in die verschiedenen Einflussgebiete der Großstädte zerfallen und die Alpengebiete dann mehr mit der jeweiligen Großstadt zu tun haben, als mit dem benachbarten Alpengebiet. Zwischen den Einflussgebieten dieser Großstädte entwickelt sich der Alpenraum zurück. Es wird in naher Zukunft „alpine Brache“ herrschen. Ein Niemandsland, in dem dann höchstens noch einige isolierte Tourismusstationen liegen, die eine Scheinidentität „alla Heidiland“ aufbauen, die mit dem eigentlichen Lebens- und Wirtschaftsraum der Alpen aber nur mehr wenig zu tun haben. Die Leute zieht es in die günstig und schnell erreichbare Talböden. In den Talzwischenräumen geht der Lebensraum Alpen verloren.
STOL: Warum sehen Sie der Entwicklung „Kulturlandschaft wird zu Wildnis“ so ängstlich entgegen? Wird der Natur dadurch nicht das zurückgegeben, was ihr genommen wurde?
Bätzing: Nein. Seit der Erfindung von Ackerbau und Viehwirtschaft lebt der Mensch nicht mehr in einer Naturlandschaft, sondern in einer Kulturlandschaft. Der Mensch kann in einer Naturlandschaft gar nicht mehr überleben, er braucht die Äcker, Wiesen, Felder und Wälder, um leben zu können. Das gilt für die Industriegesellschaft genauso. Diese menschlich veränderte Kulturlandschaft ist extrem artenreich und vielfältig, sie bedeutet Heimat. Das ist gerade in der globalisierten Welt extrem wichtig. Die Region soll ein Gegengewicht zu dieser anonymen globalisierten Welt sein; sie muss durch einmalige spezifische Landschaften geprägt sein. Kulturlandschaften sagen viel aus über den Umgang des Menschen mit der Natur. Kulturlandschaften sind Geschichte.
STOL: Welche Folgen wird die zunehmende Verstädterung in den Alpen haben?
Bätzing: Wenn man das statistisch fasst, leben heute schon drei Viertel aller alpinen Bewohner in Städten oder angrenzenden Gemeinden, die in das Einzugsgebiet der Stadt oder Tallagen fallen. Südtirol ist ein klassisches Beispiel für die Dominanz der Tallagen. 93 Prozent der Südtiroler Wertschöpfung findet auf den Talböden statt. Das sind die Gebiete, die heute boomen und in Zukunft verstädtern werden. Der restliche Teil der Alpen zieht sich zurück und gerät in Vergessenheit. Er wird eine bloße Freizeitregion.
STOL: Inwieweit kann man in Südtirol von einer Verlotterung der Kulturlandschaft sprechen?
Bätzing: In Südtirol kann man die Kulturlandschaft vergleichsweise noch gut erkennen. Doch auch dort gibt es eine schleichende Entwicklung zur Monokultur, welche die Vielfalt zerstört. Wenn die Geschichte eines Menschen verloren geht, geht etwas sehr Relevantes verloren und man ist der Globalisierung unmittelbar ausgesetzt. Regionen müssen aufgewertet werden, damit sie Lebens- und Wirtschaftsraum bleiben.
STOL: Was bedeuten die lokalen Initiativen zum Erhalt und zur Pflege der Kulturlandschaft?
Bätzing: Ich halte das für sehr wichtig. Besonders Südtirol hat in diesem Bereich sicher eine Vorreiterrolle. Ich hoffe, dass dieses Umdenken auch in der Europäischen Union stattfindet. Sie muss von der Förderung der Quantität auf die Förderung der Qualität übergehen.
STOL: Wie werden die Alpen in 50 Jahren aussehen?
Bätzing: Die Alpen werden entlang der großen Täler verstädtert sein. Die Städteachse Meran, Bozen, Trient, Verona wird beispielsweise durchgehend besiedelt sein. Analog sehe ich die Entwicklung im Norden des Brennerpasses. Der eigentliche Alpenraum wird dunkel werden, verwalden und verwildern, wenn sich nichts Wesentliches ändert.
STOL: Was ist Ihr Rezept für eine bessere Zukunft der Alpen?
Bätzing: Die Alpen müssen abseits der Städte, auf dem Land, als Lebens- und Wirtschaftsraum aufgewertet werden. Die lokalen Ressourcen müssen besser genutzt, im Bereich Landwirtschaft und Handwerk muss auf Qualität gesetzt werden. Es braucht einen nachhaltigen Tourismus und einen Mix aus alpiner Nutzung, aber auch eine Nutzung, die mit Europa und der Welt verflochten ist. Dafür ist es wichtig, dass der Alpenraum geschlossen auftritt.
STOL: Gibt es heute schon Beispiele?
Bätzing: Mit der Alpenkonvention wird ein Rahmen für eine Zusammenarbeit geschaffen. Damit kann der Alpenraum gemeinsam handeln und sich nicht gegenseitig ausspielen wie z.B. beim Transitverkehr. Österreich und die Schweiz gingen unterschiedliche Wege, und werden heute gegeneinander ausgespielt. Dasselbe bei den Schneekanonen. Italien fördert sie und die Schweiz unterdrückt sie mit rigiden Auflagen. Die inneralpine Konkurrenz muss abgebaut werden, um gegenüber Europa gemeinsam aufzutreten.
STOL: Wie können die Regionen der Alpen in Zukunft besser arbeiten?
Bätzing: Meine Vision ist, dass die Alpen als europäische Makroregion auftreten, im Rahmen eines „Europa der Regionen“. Es gibt bereits erste Ansätze, Europa nach Makroregionen zu gliedern. Alleine werden die Alpenregionen in Zukunft ihre Probleme nicht mehr lösen können.
STOL: Sie schreiben in Ihrem Buch von einer alpinen Identität, einer Alpengemeinschaft. Verstehen Sie darunter „Lederhosen und Jodler?“
Bätzing: Das ist ein sehr langes Thema. Es gibt im Grund keine gesamtalpine Identität. Wir können aber aufgrund der ähnlichen Lebensweise sekundäre alpine Gemeinschaften feststellen: bestimmte Sagen, Arbeitsgeräte und Nutzungsformen der Landwirtschaft. Neu ist, dass die Alpenländer seit etwa Anfang der 80er Jahren angefangen haben, Probleme gemeinsam anzugehen. Transitgruppen aus den verschiedensten Alpenregionen merken, dass sie alle mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben. Dasselbe gilt bei Problemen mit Zweitwohnungen, oder dem Rückgang der Landwirtschaft. Diese Probleme erfordern ein gemeinsames Vorgehen. Das ist für mich eine sekundäre alpine Identität.
STOL: Wie sehen Sie die Zukunft des Tourismus in den Alpen?
Bätzing: Acht Prozent der alpinen Gemeinden leben heute vom Tourismus. In diesen Gemeinden leben sechs Prozent der alpinen Bevölkerung, also bei Weitem keine Mehrheit. Der Tourismus spielt bereits heute keine zentrale Rolle mehr in der Wirtschaft der Alpen, in Zukunft wird er noch mehr abnehmen, während der weltweite Gesamttourismus wächst. Der Alpentourismus hat Anteile verloren und für die Zukunft prognostiziere ich, dass der Alpenraum im besten Fall seine Übernachtungszahlen halten kann. Ein Wachstum wäre vollkommen irreal.
Interview: Martina Hofer
Ein Professor im Interview: "Die Alpen verschwinden&quo
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Ein Professor im Interview: "Die Alpen verschwinden&quo
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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