Klimawandel und Skitourismus

Medienberichte rund um den Wintersport: Aktuelle TV-Tipps, Presseartikel, Unfallmeldungen und Diskussionen zu Nachrichten aus der Alpinwelt.
Antworten
benjamin
Vogelsberg (520m)
Beiträge: 780
Registriert: 28.09.2005 - 22:07
Skitage 25/26: 0
Ski: nein
Snowboard: nein
Hat sich bedankt: 1 Mal
Danksagung erhalten: 75 Mal

Klimawandel und Skitourismus

Beitrag von benjamin »

Quelle: Berner Zeitung 11.01.07:

Das Schöne am Klimawandel ist, dass er uns lange Zeit lässt, uns anzupassen»

Der Klimawandel bringt selbst die Wintersportorte im Oberland ins Schwitzen. Aber: «Die Perspektiven bleiben intakt, wenn man bereit ist, sich auf Veränderungen einzustellen», sagt Tourismusprofessor Hansruedi Müller.

Studien prognostizieren den Skigebieten keine rosigen Aussichten. Hansruedi Müller, teilen Sie die Schreckensszenarien der Klimaforscher?

Hansruedi Müller: Als Mitglied der beratenden Kommission des Bundesrates zu Klimafragen (OcCC) bin ich sehr oft konfrontiert mit allen Aspekten der Klimaforschung. Die Klimaforscher sind eigentlich bekannt durch ihre Zurückhaltung und zeichnen Klimaszenarien, die weit in die Zukunft reichen und damit nicht einfach zu interpretieren sind. Schreckensszenarien entstehen erst durch die Verkürzung, Vereinfachung und Dramatisierung dieser komplexen Entwicklungen. Ich gehöre aber auch zu jenen, die differenziert warnen und die Klimaveränderung als eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit darstellen.


Die grössten Sorgen müssen sich die Skigebiete im Berner Oberland, in der Innerschweiz oder im Waadtland machen. Laut den Forschern sollten sie eigentlich sofort alle Anlagen abreissen und nichts mehr investieren?

Sie spielen die kürzlich veröffentlichte OECD-Studie an. Aber Vorsicht! Da wird zu viel hineininterpretiert! Die Forscher haben nichts anderes gemacht, als gefragt, was mit den unterschiedlichsten Skiregionen passiert, wenn die durchschnittliche Temperatur in den Wintermonaten um ein, zwei, drei oder gar um vier Grad Celsius steigt. Zum Teil haben die Medien nur über jene Folgen berichtet, die bei einer Erwärmung von vier Grad zu erwarten wären. Das wäre bei einem mittleren Klimaverlauf aber wohl erst gegen Ende dieses Jahrhunderts der Fall. Und das übersteigt den Prognosehorizont von uns Touristikern.


Laut OECD-Studie stehen die Schweizer Skigebiete im internationalen Vergleich noch gut da. Die Gebiete z.B. in Österreich liegen alle viel tiefer. Optimistisch betrachtet, kann man ja sagen, wenn man in Österreich nicht mehr Ski fahren kann, kommen die Gäste halt in die Schweiz


Ja, in der Tendenz stimmt diese Einschätzung sogar. Doch Vorsicht vor Fatalismus! Die Klimaänderung wird noch ganz andere Folgen zeigen: Gletscherrückzug, Veränderung des Permafrosts oder Wetterkapriolen mit Starkniederschlägen, Murgängen, Überschwemmungen oder orkanartigen Windböen.


Was gibt es für sportliche, touristische Alternativen zum Skisport? Gibt es gar Patentrezepte?

Das Schöne am Klimawandel ist ja, dass er uns trotz Turbulenzen insgesamt lange Zeit lässt, uns anzupassen. Sowohl Gäste wie auch Touristiker werden aus den Veränderungen lernen und sich entsprechend verhalten. Der Skisport als Massengeschäft wird noch lange überleben, jedoch konzentriert auf die attraktivsten Gebiete. Patentrezepte sind gefährlich, doch bieten Zukunftsthemen wie alpine Wellness, Bildung oder Kultur viele Diversifikationsmöglichkeiten.


Die Schweizer Seilbahnen erwirtschafteten im Winter 2004/05 einen Umsatz von 725 Mio. Franken. Im Sommer waren es 157 Millionen, also weniger als 20 Prozent. Die Wintersaison sorgt heute immer noch für 80 Prozent des Umsatzes. Auch da wird man immer winterlastig bleiben?

Mit solchen Zahlen wäre ich vorsichtig. Sie könnten z.B. für die Seilbahnwirtschaft im Wallis stimmen, dürfen aber nicht generalisiert werden. Beispielsweise erwirtschaften die Titlis-, die Jungfrau- oder die Schilthornbahnen im Sommer weit mehr als im Winter. Diese Beispiele zeigen, wie man die allzu starke Winterlastigkeit abfedern könnte.


Die Bergbahnen sind der Motor des Tourismus. Die grossen sind in Topform – die kleinen kämpfen ums Überleben. Müssten nicht gerade die grossen Bahnen ein Interesse an kleinen Stationen haben?

Vorerst muss akzeptiert werden, dass ein Konzentrationsprozess im Seilbahnbereich notwendig ist. Es kann nicht sein, dass jede Seilbahn auch mit permanent ungenügender Rentabilität mit Hilfe öffentlicher Gelder überlebt. Es muss aber tatsächlich ein Interesse der Grossen sein, vor allem in der Nähe grosser Agglomerationen Skistationen zu haben, die den Einstieg in diesen so faszinierenden Sport erleichtern. Hier braucht es Kooperationen zwischen Grossen und Kleinen. Beispielsweise betreiben die Bergbahnen Lenk einen Übungslift auf dem Gurten, dem Hausberg von Bern. Da ist man auch zufrieden, wenn man ihn an 30 Tagen betreiben kann.


Gerade mittlere und kleine Bergbahnen werden stark von der öffentlichen Hand querfinanziert. Ist das in Zukunft noch richtig?

Als Ökonom muss ich mit einem klaren Nein antworten: Es war noch nie richtig und wird es immer weniger sein. Wir sprechen von Wettbewerbsverzerrungen und von Fehlallokation von Ressourcen. Zwar kann man Subventionen mit der Rückgratfunktion einer Seilbahn rechtfertigen, doch fehlen dann die Mittel für zukunftsfähigere Investitionen.


Fusionen zwischen Bergbahnen können erfolgreich sein. Macht es aber Sinn, auch Bahnen zu fusionieren, deren Skigebiete man gar nicht verbinden kann?

Im Prinzip ja, doch haben solche überregionale oder gar internationale Fusionen in der Seilbahnbranche keine Tradition. Ziel und Zweck wäre eine Diversifikation und damit eine Risikoverminderung. Doch in derartigen Dimensionen können höchstens zwei oder drei Bergbahnunternehmungen denken. Für alle anderen muss es heissen: Zusammenschluss – und zwar echte Fusionen und nicht nur Kooperationen – regionaler Skigebiete. So kann die Attraktivität gesteigert und das Angebot für Sommer und Winter optimiert werden. Es kann auch zu sogenannten Kompensationsstilllegungen kommen.

Der Tourismus ist nicht nur bei den Bergbahnen im Umbruch. Das grosse Modewort heisst Destinationsbildung. Ist das die richtige Strategie?

Ja, in jedem Fall. Doch bitte keine politischen Konstrukte! Die Destinationsbildung muss zwar von oben nach unten angeregt und über Anreize auch gefördert werden, doch muss sie von unten wachsen. Dabei dürfen natürliche Grenzen nicht übersehen werden.


Was raten Sie kleinen Stationen, die plötzlich mit ganz grossen im gleichen Topf sind?

Die Kleinen, die mit einem Grossen zusammengehen, sollen sich auf drei Kernaufgaben konzentrieren: auf die Angebotsgestaltung, auf die Gästeinformation und auf die Pflege des Tourismusbewusstseins vor Ort. Die Marktbearbeitung kann man den Profis des Grossen überlassen. Schwieriger wird es für die mittelgrossen Orte. Da rate ich, dass man in den nahen Märkten auch eine Vielmarkenstrategie prüft. Beispielsweise könnte sich die Lenk im Simmental durchaus Gstaad-Saanenland anschliessen – Zweisimmen hat es bereits gemacht –, doch müsste man im Markt Schweiz und vielleicht auch im süddeutschen Raum die Marke Lenk weiterhin pflegen. Grosse Unternehmungen haben schon immer viele Produkte mit unterschiedlichen Marken vertrieben. Oder wissen Sie, von wem Ovomaltine heute vertrieben wird? Also: In Zukunft braucht es professionell geführte Destinationsmanagement-Gesellschaften (DMG), die fähig sind, in unterschiedlichen Märkten verschiedene Produkte zu profilieren und zu vertreiben. In der Grossorganisation «Engadin Tourismus» wird zwar St.Moritz den Lead haben, doch werden Marken wie Pontresina, Sils oder Samedan bestimmt nicht verloren gehen.


Übertreibt man es mit dem Marketing nicht? Wäre es nicht gescheiter, dem Gast vor Ort mehr Qualität, beispielsweise Events, zu bieten?

Noch immer gilt im Tourismus der Grundsatz «Leistung kommt vor Werbung». Angebotsgestaltung, und dazu gehören heute auch mehr und mehr passende Events, ist noch immer das wichtigste Marketinginstrument. Die Qualität zu vernachlässigen ist der Anfang vom Ende! Und dennoch braucht man heute in diesem weltweiten Konkurrenzkampf um den Gast immer mehr Marketingmittel. Sie gebündelt und gezielt einzusetzen wird immer wichtiger.


Stichwort Qualität und Preis. Sind die Franzosen, Österreicher und Italiener wirklich besser und billiger als wir Schweizer?

Nein, bitte keine Minderwertigkeitskomplexe. Wenn bei uns die Qualität stimmt, ist unser Preis absolut gerechtfertigt. Die Franzosen sind bei vergleichbaren Angeboten eher teurer, die Österreicher werden gezwungen, sich immer mehr Schweizer Verhältnissen anzupassen, und die Italiener sind ebenfalls daran, ihre Preisvorteile aufzugeben. Doch die Qualität muss stimmen.


Nachhaltigkeit ist auch im Tourismus immer wichtiger. Wie wichtig ist dem Feriengast in der Schweiz dieses Argument?

Im Prinzip unwichtig, denn er beurteilt ganz einfach die gebotene Qualität. Wenn auf Grund kurzfristigen Denkens beispielsweise die Umweltqualität vernachlässigt wird, dann quittiert er dies mit Unzufriedenheit oder mit dem Ausbleiben. Dabei spielt die visuelle Qualität, also das Dorfbild oder die Landschaft, eine zentrale Rolle. Der Gast ist bezüglich Nachhaltigkeit ohnehin etwas doppelzüngig: Er belastet beim Reisen die Umwelt und verbraucht viel Ressourcen, doch vor Ort wünscht er Ruhe und eine heile Welt. Er ist ein typischer Opportunist unserer Zeit. Dennoch: Eine nachhaltige touristische Entwicklung muss primär im Interesse der Einheimischen sein. Sie

sind es, die ihren Nachkommen eine intakte Lebensgrundlage übergeben möchten.


Macht der Schweizer Tourismus genug in diesem Bereich?

Nein. Es wird viel über die Nachhaltigkeit gesprochen, aber gehandelt wird nach wie vor recht kurzsichtig. Denken wir nochmals an den Klimawandel; so werden zwar Anpassungsmassnahmen diskutiert, doch nur selten und mit viel Widerwillen Massnahmen zur Verminderung des CO2-Ausstosses getroffen. Eine CO2-Abgabe oder die Besteuerung von Kerosin findet in touristischen Kreisen kaum Unterstützung und die Idee klimaneutraler Winterferien stammt auch nicht aus dem Berner Oberland.


Tourismus hat auch mit Mobilität zu tun. Der Freizeitverkehr macht heute in der Schweiz 60 Prozent des Verkehrs aus.

Der Freizeitverkehr ist zu einer wichtigen Herausforderung geworden. Dabei spielt der sogenannte Modalsplit, also der Anteil des öffentlichen Verkehrs, eine zentrale Rolle. In der Schweiz hat der öffentliche Verkehr glücklicherweise eine grosse Bedeutung bekommen. Das schweizerische Bahnnetz gehört zu den USPs – zu den Einzigartigkeiten – dieses Landes. Und mit dem Lötschberg-Basistunnel nimmt die Attraktivität noch zu. Zwar bleibt vor allem bezüglich des lokalen Verkehrsmanagements noch viel zu tun, doch zeigt der Trend in die richtige Richtung.


Das Wallis wird Mitte 2007 von Bern aus in einer Stunde erreichbar sein. Befürchten Sie Nachteile für das Berner Oberland?

Ja, das Wallis kann bestimmt vom Norden mehr profitieren als das Berner Oberland vom Süden.


Über Freizeit und Tourismus forschen mag interessant sein. Macht ein Tourismusforscher selber auch noch Ferien?

Bestimmt, ich geniesse sehr gerne fremde Kulturen. Allerdings tut man sich als Freizeit- und Tourismusforscher schwer, ganz abzuschalten.

Interview: Herold Bieler (Walliser Bote)

Benutzeravatar
piano
Feldberg (1493m)
Beiträge: 1663
Registriert: 10.02.2006 - 17:00
Skitage 25/26: 0
Ski: nein
Snowboard: ja
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 15 Mal
Kontaktdaten:

Re: Klimawandel und Skitourismus

Beitrag von piano »

Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag!
benjamin hat geschrieben:Stichwort Qualität und Preis. Sind die Franzosen, Österreicher und Italiener wirklich besser und billiger als wir Schweizer?

Nein, bitte keine Minderwertigkeitskomplexe. Wenn bei uns die Qualität stimmt, ist unser Preis absolut gerechtfertigt. Die Franzosen sind bei vergleichbaren Angeboten eher teurer, die Österreicher werden gezwungen, sich immer mehr Schweizer Verhältnissen anzupassen, und die Italiener sind ebenfalls daran, ihre Preisvorteile aufzugeben. Doch die Qualität muss stimmen.
Das verstehe ich nicht ganz. Warum werden die anderen Alpenländer gezwungen, sich an Schweizer Verhältnisse anzupassen?
Benutzeravatar
Pilatus
Disteghil Sar (7885m)
Beiträge: 7950
Registriert: 30.11.2005 - 19:16
Skitage 25/26: 0
Ski: ja
Snowboard: nein
Hat sich bedankt: 475 Mal
Danksagung erhalten: 693 Mal

Beitrag von Pilatus »

Die Österreicher Skigebiete sind im Durschnitt viel tiefer gelegen als die in der Schweiz. Da die wenigsten aufgeben wollen invstieren sie massiv in Beschneiung. Das das riesig ins Geld geht, haben wir ja in anderen Topics gesehen. In der Schweiz sind jedoch die meisten (grossen) Gebiete nicht davon betroffen.
Antworten

Zurück zu „Medienberichte“