Flims: Volksabfahrt mit Nervenkitzel

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snowflat
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Flims: Volksabfahrt mit Nervenkitzel

Beitrag von snowflat »

Skirennen Flims: Volksabfahrt mit Nervenkitzel

Von Tim Tolsdorff

Es ist noch früh am Morgen, doch schon warten die ersten Skifahrer an der Talstation ungeduldig darauf, dass es endlich bergan geht. Die meisten Wintersportler entsprechen dem Standardbild des modernen Skiläufers und halten kurze, taillierte Carving-Ski in ihren Händen. An diesem Morgen aber fällt eine große Zahl Wintersportler aus dem Rahmen: Ihre Skier messen allesamt deutlich mehr als zwei Meter und sind nur unmerklich tailliert. So wirken sie eher wie Soldaten eines antiken Heeres, die ihre überlangen Lanzen zur Abwehr der feindlichen Kavallerie aufgerichtet haben. Den martialischen Eindruck verstärken noch ihre Rüstungen aus glänzenden Kunststoffhelmen und ergonomisch geformten Rückenprotektoren aus Hartplastik. Diese Vorsichtsmaßnahmen sollen sie vor den Tücken eines Gegner schützen, der quälende zwölf Kilometer lang ist, mal steil und spiegelglatt, mal flach und sulzig. Sein Name: "der Weiße Schuss".

Der Schuss ist eine alpine Volksabfahrt, an der jeder Skifahrer teilnehmen kann, ob alt oder jung, ob Mann oder Frau. Das Spektakel in der Graubündner "Alpenarena" von Flims und Laax zieht jedes Jahr bis zu fünfhundert Hobbyrennläufer an und gehört zum erlauchten Kreis der "Super-4". So bezeichnen die Organisatoren der vier großen Volksabfahrten in der Schweiz ihre Rennserie. Die anderen Wettbewerbe, die gleichfalls Hunderte von Skifahrern anziehen, heißen "Allalin-Abfahrt", "Hexe" und "Inferno-Rennen" und finden in Saas-Fee, Belalp und Mürren statt. Die Strecken sind - falls sie nicht wegen Wetterkapriolen oder Schneemangel verkürzt werden müssen - allesamt mindestens neun Kilometer lang und überwinden dabei Höhenunterschiede von mehr als tausendsiebenhundert Metern. Wer alle vier Rennen in einer Saison im Ziel beendet, erhält Einlass in den "Club der Fünfzigtausend-Meter-Abfahrt".

Windschlüpfrig und nervös
Der Start des Weißen Schuss liegt üblicherweise auf 2810 Meter Höhe an der Bergstation La Siala im Flimser Teil der "Alpenarena". Weit geht hier oben der Blick über das zwei Kilometer tiefer gelegene Rheintal und die Julischen Alpen. Dichtgedrängt stehen die Rennläufer auf dem kleinen Plateau in der Sonne und warten auf ihren Einsatz. Die meisten Teilnehmer stecken in hautengen Rennanzügen, die besondere Windschlüpfrigkeit garantieren. Bei einigen Rennläufern lassen sie die athletische Muskulatur erkennen, bei weniger austrainierten decken sie dagegen jeden körperlichen Makel gnadenlos auf. Je näher die eigene Nummer der Startschranke rückt, desto deutlicher ist jedem Einzelnen die Nervosität anzumerken.

Die Regeln des Rennens sind einfach: Einmal auf der Strecke gilt es, so schnell zu Tal zu kommen, wie es Körper und Geist zulassen, und dabei darauf zu achten, sich selbst und andere Läufer nicht zu verletzen. Zusätzlich müssen Tore durchfahren werden, die vor dem Rennen in die Hänge gesteckt wurden. Gestartet wird alle fünfzehn Sekunden. So hat jeder Teilnehmer die Chance, sich auf das eigene Rennen zu konzentrieren. Zu den Gründungszeiten der Volksabfahrten waren Massenstarts üblich. Nachdem die stetig steigenden Teilnehmerzahlen das nicht mehr zugelassen hatten, wurden die Läufer bis vor wenigen Jahren in Gruppen zu viert oder fünft gleichzeitig auf die Strecke gewinkt. Dabei konnte es ziemlich ruppig zugehen. Auch bei den Gruppenstarts erwies sich letztlich die Verletzungsgefahr als zu groß, sodass man die heutige Startregelung einführte.

„Speed-Tage“ gegen alle Tücken
Am Weißen Schuss nehmen ehemalige Rennläufer und Hobbyskifahrer teil, Skilehrer und ihre Schüler, Einheimische und Touristen. Sie alle eint die Lust an der Geschwindigkeit und am Ausreizen der eigenen Grenzen. Wer vorn mitfahren will, muss vor allem die vielen Geländewechsel fehlerfrei bewältigen. Deshalb tragen sich regelmäßig Cracks aus der Region in die Siegerliste ein. Sie kennen am besten die kritischen Passagen, etwa den Übergang vom Starthang in die Traverse zum sogenannten Kanonenrohr. Mit hohem Tempo müssen die Teilnehmer die Einfahrt in einen schmalen Ziehweg treffen. Wer hier nicht sauber fährt, muss abbremsen - oder das Risiko eingehen, am Ziehweg vorbei in einen unpräparierten Steilhang "einzufliegen", wie es im Rennfahrerjargon heißt.

Auf vielen Streckenabschnitten der Abfahrt kommt es freilich darauf an, flache Gleitpassagen in einer ebenso aerodynamischen wie kraftraubenden Hockposition zu bewältigen. Dafür sind konditionsstarke Oberschenkel nötig. Zwischen den Flachstücken befinden sich immer wieder Steilhänge und technisch anspruchsvolle Passagen. Ohne vorherige Besichtigung der Streckenführung können diese Teilstücke zu bösen Überraschungen führen. Nicht einzusehende Tore hinter Geländekuppen oder Sprünge über Kanten zählen zu den Schmankerln, mit denen die Teilnehmer konfrontiert werden. Wer diese Kursbesonderheiten vor dem Rennen nicht gründlich gelesen hat, läuft Gefahr, zu stürzen oder viel Zeit zu verlieren. Schließlich gilt es, die in den Steilstücken aufgenommene Geschwindigkeit in die anschließenden Flachstücke mitzunehmen. Besonders ehrgeizige Hobbyskiläufer können sich in den Wochen vor dem Rennen von ehemaligen Weltklasseabfahrern bei "Speed-Tagen" mit allen Tücken des Geländes vertraut machen lassen.

Perfekte Hocke bei brennenden Muskeln
Die letzte Etappe ist eine drei Kilometer lange, flache Pistenautobahn. Für die malerische Umgebung, etwa den dichten Nadelwald und den dramatisch darüber aufragenden Flimserstein, hat nach neun gefahrenen Kilometern keiner der Rennläufer mehr Augen. Wer im Klassement vorne landen will, muss auch jetzt noch eine perfekte Hocke fahren, trotz brennender Muskeln und des Gefühls einer platzenden Lunge. Auch das Material entscheidet über Erfolg oder Scheitern. Jetzt zeigt sich, wer bei der Wachslotterie ein goldenes Händchen hatte. Denn bei warmer Witterung zerschmilzt der Schnee hier unten auf tausendreihundert Höhenmeter zu einem sulzigen, bremsenden Brei. Ist es dagegen kalt, geht es mitunter über blankes Eis Richtung Ziellinie.

In jedem Fall gilt der Grundsatz "Länge läuft", weshalb viele Starter mit den überlangen und extrem harten Abfahrtsski antreten. Sie sind im Handel nur schwer erhältlich und lassen sich gerade in den technisch anspruchsvollen Passagen nur mit großem Körperaufwand manövrieren. Auch deswegen sind Stürze beim Weißen Schuss nichts Ungewöhnliches, oft bedingt durch Überschätzung der eigenen Fähigkeiten oder zu große Risikobereitschaft. Manchmal muss das Rennen minutenlang unterbrochen werden, damit der Helikopter Verletzte von der Strecke bergen kann.

Wer dagegen realistisch mit den eigenen Fähigkeiten umgeht und den Zielraum unbeschadet erreicht, den erwartet dort neben Erfrischungen und einer Medaille das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben. Und auf der abendlichen Abschlussparty, auf der die besten Rennläufer bei Volksfeststimmung geehrt werden, können dann alle Teilnehmer ihre eigene Renngeschichte erzählen. Schon am nächsten Morgen sind die Pisten in der Alpenarena wieder fest in der Hand der Carving-Fraktion - bis zum nächsten Jahr, wenn sich abermals die Lanzenträger in die Liftschlange einreihen.

Volksrennen in den Schweizer Bergen
„Inferno-Rennen“: Das Rennen in Mürren macht seinem Namen alle Ehre. Es ist nicht nur die schwierigste und längste Abfahrt der Super-4, sondern auch die traditionsreichste. Am 20. Januar 2007 findet bereits die 64. Auflage statt, Ausrichter ist der Ski-Club Mürren. Vom Startpunkt, dem Drehrestaurant auf dem Gipfel des Schilthorns, stürzte sich schon James Bond „Im Auftrag Ihrer Majestät“ den Berg hinunter. Besondere Schwierigkeiten: Extreme Länge, Zwischenanstiege. Frühzeitige Anmeldung nötig. Reguläre Distanz: 15,8 Kilometer. Start: Schilthorn, 2970 Meter. Ziel: Lauterbrunnen, 796 Meter. Informationen und Anmeldung: www.inferno-muerren.ch.

„Belalp Hexe“: Einer Sage zufolge ermordete eine Hexe im Aletschgebiet ihren Ehemann, weil er ihr und ihrem Liebhaber im Weg war. Zu Ehren des Opfers veranstaltet der Ski-Club Belalp am 27. Januar 2007 zum mittlerweile 24. Mal die Hexen-Abfahrt. Besondere Schwierigkeiten: Viele Hexen auf der Strecke, wegen des Termins und der Höhenlage oft klirrende Kälte. Reguläre Distanz: 10 Kilometer. Start: Hohstock, 3100 Meter. Ziel: Blatten, 1300 Meter. Informationen und Anmeldung: www.belalphexe.ch.

„Der Weiße Schuss“: Zum 26. Mal veranstalten die Ski-Clubs aus den drei Graubündner Orten Flims, Laax und Falera den Weißen Schuss. Das Rennen findet am 10. März 2007 statt. Besondere Schwierigkeiten: Extrem lange Gleitpassagen und unberechenbare Schneeverhältnisse auf Grund des späten Termins. Reguläre Distanz: 12 Kilometer. Start: La Siala, 2810 Meter. Ziel: Flims-Dorf, 1090 Meter. Informationen und Anmeldung: www.weisser-schuss.ch.

„Allalin-Abfahrt“: Bei der 25. Auflage der Allalin-Abfahrt am 14. April 2007 stellt vor allem die Höhenluft ein Problem für die Teilnehmer dar. Zahlreiche Viertausender und gewaltige Gletscher bieten eine grandiose Kulisse für das Rennen in Saas Fee. Besondere Schwierigkeiten: Höhenlage, wechselnde Schneeverhältnisse. Reguläre Distanz: 9 Kilometer. Start: Mittelallalin, 3600 Meter. Ziel: Saas-Fee, 1800 Meter. Informationen und Anmeldung: www.saas-fee.ch.
Quelle: F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite R2
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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Baldwin
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Beitrag von Baldwin »

Hm, und wie funktioniert das, wenn alle Talabfahrten nach Flims geschlossen sind....?
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Beitrag von Seebrünzler »

Dann wird die Strecke gekürzt.
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Beitrag von Estiby »

Mal gucken was ich von dem ganzen mitbekomme. 10. März ist mein letzter Skitag dort. Ich frage mich nur, welche Pisten dann alles geschlossen sind:
Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Strecke der Volksabfahrt nur teilweise abgesperrt ist.
Hoffentlich ist die Verbidnung Cassons-Rest Skigebiet irgendwie möglich.
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