Quelle: Die WeltGipfelglück: Drei in einem Rutsch
Der österreichische Wintersportort Sölden ist berühmt für seine Schneesicherheit und die "Big 3", drei imposante Dreitausender. Skifahrer können die Gipfel an einem Tag befahren und spektakuläre Aussichten auf noch nicht abgetaute Gletscher genießen.
Talstation Sölden, Punkt neun Uhr: Die Sonne strahlt, der Schnee glitzert, Eiskristalle funkeln, und der Himmel hat jenes Tiefblau, das es nur in den Bergen gibt. Die "Big 3" warten, drei Dreitausender, die an einem Tag bezwungen werden wollen. Beim Start kribbelt es im Bauch. In zehn Minuten schweben wir mit der Giggijochbahn auf knapp 2300 Meter. Das Giggijoch ist eines der Zentren der mehr als 140 Pistenkilometer umfassenden Söldener Skiwelt. Der Vierersessellift zieht uns weitere 390 Höhenmeter nach oben in die Ötztaler Berge.
An der Rotkoglhütte können wir die anstehende Tagesroute schon grob mit den Augen abfahren und den ersten grandiosen Ausblick auf den Rettenbachgletscher genießen, wo am 13. April "Hannibal" nachgespielt wird, die Geschichte des karthagischen Feldherrn, der im Jahr 218 vor Christus die Alpen mit Elefanten überquerte.
Die letzten Meter zum Gipfel zu Fuß
Wir haben uns vorgenommen, die "Big 3" in fünf Stunden zu bewältigen. Die mit einem unförmigen grünen X ausgeschilderte Tour wird ausschließlich mit Gondeln und Liften sowie per Ski oder Snowboard gefahren und ist einmalig in Österreich. Nur die letzten Meter zu den Gipfeln und Aussichtspunkten werden zu Fuß bewältigt. Mehrere Lifte reichen in Sölden über die magische 3000-Meter-Marke, aber die Höhepunkte sind die drei Dreitausender und ihre spektakulären Aussichtsplattformen: die Schwarze Schneid mit 3370, der Tiefenbachkogl mit 3309 und der Gaislachkogl mit 3058 Metern. Von den märchenhaften Gipfeln schwingt man zumeist auf blauen und roten, also leichten und mittelschweren Pisten in tief eingeschnittene Täler. So wie jetzt: Wir ignorieren die hausgemachten Kuchen der Rotkoglhütte und genießen die ersten Kilometer Abfahrt im Pulverschnee in vollen Zügen.
Die Abschnitte der Tour sind in alphabetischer Reihenfolge hintereinander geordnet, sodass man immer Treffpunkte mit der Familie oder mit Freunden vereinbaren kann. Die "Talstation" des Rettenbachgletschers auf 2672 Metern trägt den Buchstaben E. Im dortigen "Icegloo Village" kann man sogar übernachten; neun Iglus werden Jahr für Jahr neu aufgebaut. Schlafsack, Abendessen und Frühstück sowie ein Besuch in Österreichs höchstgelegener Sauna sind im Preis von 99 Euro pro Person und Nacht inbegriffen. Sechs Iglus sind für jeweils vier Personen und drei weitere als Suiten gebaut. Für 299 Euro pro Paar gibt es Schlafsack und Champagner noch dazu.
Naturplattform mit 360-Grad-Panorama
Station E ist zugleich der Ausgangspunkt für den ersten Dreier: Auf der Schwarzen Schneid, die mit ihrer Doppelspitze den Rettenbachgletscher abschließt, wurde in 3370 Metern eine Naturplattform mit 360-Grad-Panorama rund um einen schwarzen Obelisken errichtet. Er symbolisiert ein Kraftfeld. In Sölden schafft man bewusst Stationen zum Innehalten und Verschnaufen, zum Schauen und Genießen. Die Ötztaler Alpen sollen mit allen Sinnen erfahren werden. Ein außergewöhnliches Angebot, das aber von vielen Skifahrern ausgeschlagen wird. Sie haben nichts anderes im Sinn, als schnell nach oben gebracht zu werden, um gleich wieder ins Tal zu schwingen - womit sie das Schönste verpassen.
Die Luft ist dünn und trocken, spätestens beim Rundblick von der Schwarzen Schneid bleibt einem die Spucke dann ganz weg. Bei klarer Sicht können Gipfel in hundert Kilometer Entfernung bestaunt werden, bis zu den Dolomiten im Süden und bis zur Zugspitze im Norden, dem höchsten deutschen Berg, der mit 2963 Metern nur an der 3000er-Grenze kratzt.
Guter Handyempfang auf dem Gipfel
Auf 146 Quadratkilometer Gletscher, die teils noch im Sommer befahrbar sind, und 321 Quadratkilometer Almen, Wälder und Berge kommt in der Gemeinde Sölden nur etwa ein Quadratkilometer bebautes Gebiet. Die Schwarze Schneid schenkt ihren Besuchern Erhabenheit. Doch nach den ersten Momenten der Ruhe kommt bei vielen Besuchern wieder Hektik auf: Handys werden gezückt, um Fotos wie "Ich auf 3000" zu versenden (der Mobilfunkempfang ist übrigens gut). Andere packen ihre Brotzeit aus. Auch wir gönnen uns ein paar Minuten Auszeit. Bis der Gedanke, die "Big 3" an einem Tag vielleicht doch nicht zu schaffen, uns weitertreibt. Die Markierung weist nun den Weg durch den 170 Meter langen Skitunnel, der auf 3223 Meter Höhe ins Gestein getrieben wurde, und wir gleiten auf Piste 38 Richtung Tiefenbachferner.
Von hier erreichen wir per Gondel den zweiten Dreier, den Tiefenbachkogl. Eine 15 Meter hohe Pyramide markiert die Bergstation. Schwindelfreie nehmen sofort den Weg zum spektakulären Felssteg, eine Stahlkonstruktion, die - auf 25 Meter Länge von zwei Stahlseilen gehalten - vorwitzig über dem steilen Abgrund schwebt.
Jede der drei Dreitausender-Plattformen ist ein Unikat und die Tiefenbachkogl-Version gewiss die aufregendste. Der Boden ist schneebedeckt, die brusthohen Seitenwände sind durchsichtig aus Acrylglas. Zwischen uns und dem Spaltenlabyrinth des ewigen Eises ist scheinbar nichts. Der Blick auf die Wildspitze, mit 3774 Metern Tirols höchster Berg, ist beeindruckend, das Gefühl, im freien Raum spazieren zu gehen, gigantisch.
Es folgen zwölf Kilometer Abfahrt
Nun folgen am Stück zwölf Kilometer Abfahrt mit 1690 Höhenmetern. Extrem breite Pisten sorgen für genügend Freiraum, und der ein oder andere Stopp lädt dazu ein, während einer kurzen Rast das Gesicht in die Sonne zu halten. Auch die Gletscherbruchkante will man natürlich in Ruhe und nicht im Vorbeifahren anschauen.
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Nach dieser Schussfahrt bleibt uns noch die einzige schwarze Piste der Tour - die Nummer 7. Sie ist durchweg steil, und hier zeigt sich, wer wirklich gut carven kann. Es sind die wenigsten. Viele Skifahrer vertrauen dagegen der alten Schwungtechnik und nutzen das Potenzial der modernen Bretter kaum aus. Wer es besser machen möchte, kann sich im Ötztal Racing Camp in Sölden von Fachleuten wie dem Olympiamedaillengewinner Günther Mader und dem Skiweltmeister Andre Arnold den letzten Schliff geben lassen.
Der letzte Dreier wird zum Einkehrschwung. Wie ein Ufo auf hohen, dünnen Stelzen steht die Panoramaplattform am Gaislachkogl unter dem Gipfelkreuz. Das Rondell ragt ins Freie, und wir bekommen sogar unser Essen auf der Plattform serviert. Wer mindestens zu viert ist und vorbestellt hat, darf auf der Ufo-Terrasse nicht nur die Höhensonne, sondern auch Räucherfleisch-Eintopf genießen, ehe die letzte lange Abfahrt wartet.
16 Uhr, wir sind wieder in der Talstation der Gaislachkoglbahn und zurück auf der Söldener Nullmarke, die rund 1350 Metern entspricht. Die Sonne ist inzwischen hinter den hohen Bergen verschwunden. Die "Big 3" sind geschafft. Fazit: Wir haben 9853 Höhenmeter bewältigt, waren 49,7 Kilometer auf Ski unterwegs, davon 35 Kilometer bergab. Wir haben etwa zwei Stunden pausiert und 15 Handy-Bilder gemacht von alpinen Dimensionen, wie man sie nur ganz selten sehen kann.
Jochen Müssig
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Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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