Alpines Wettrüsten
Die Wirtschaft boomt, renommierte Schweizer Ferienorte investieren wieder im grossen Stil. Die einen errichten neben dem Matterhorn ein gleichnamiges Museum, die andern planen einen spektakulären Turm. Das Wettrüsten in den Alpen zeugt vom unerbittlichen Werben um Touristen aller Schichten und aus aller Welt, wie die Beispiele von Zermatt und Davos zeigen. Von Andreas Schmid
Das Matterhorn ragt aus einer Blumenwiese, ein anderes Mal aus einem Sandstrand, es erscheint in prächtigstem Farbenlicht, bevor es explodiert und in sich zerfällt. Die animierte Installation im neuen Matterhorn-Museum in Zermatt spielt mit schön-schrecklichen Szenarien. 6,5 Millionen Franken hat das Museum gekostet, ein Klacks zu den 170 Millionen Franken Investitionen, die in Zermatt auf diesen Winter hin getätigt wurden. Grösstenteils von den Bergbahnen, die 163 Millionen in ihre Infrastruktur gesteckt haben.
Der Zermatter Tourismusdirektor Roland Imboden operiert aus einer komfortablen Situation heraus. Das Matterhorn steht in Zermatt, seit bei der Alpenfaltung afrikanisches Gestein über Europa geschoben wurde. 90 Millionen Jahre bevor der ägyptische Samih Sawiri in Andermatt sein Tourismusprojekt lancierte, erhielt das Wallis bereits afrikanische Unterstützung. «Das Matterhorn ist nicht zu übertrumpfen», sagt Imboden.
Ebenfalls ohne eigenes Zutun wird Zermatt in einem Jahr mit der Eröffnung des Neat-Lötschbergtunnels zudem näher an Zürich rücken, die Bahnreise zwischen den Orten verkürzt sich um eine Stunde. Davon verspricht sich Imboden einen bedeutenden Zuwachs an Schweizer Gästen, die mit jährlich 760 000 Logiernächten oder 42 Prozent aller Übernachtungen schon heute die grösste Klientel sind.
Zermatts Offensive hat längst begonnen. Am Bahnhof Zürich, einst die Werbe-Hochburg der Bündner Feriendomizile, hat der Walliser Ort die Konkurrenz im Kampf um den nationalen Markt in den Hintergrund gedrängt.
Agilität und Aktivität waren bisher nicht Zermatts Stärken. Die Entwicklung sei lange verschlafen worden, sagt Hansruedi Müller, Professor am Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus an der Universität Bern. «Die Verantwortlichen glaubten, das Matterhorn allein garantiere einen florierenden Tourismus», sagt Müller.
Sushi neben Fondue
Inzwischen beteiligt sich Zermatt am alpinen Wettrüsten. In erster Linie mit dem spektakulären Projekt, das Kleine Matterhorn durch einen Glas- und Stahlbau des Künstlers Heinz Julen auf 4000 Meter Meereshöhe aufzustocken.
Der Bündner Tourismusort Davos will dem mit einem 105 Meter hohen Turm der Stararchitekten Herzog und de Meuron auf der Schatzalp entgegenhalten. Damit ist es in der Alpenstadt mit ihren 25 000 Gästebetten aber nicht getan. Drei weitere Hotels im Luxussegment sollen in den nächsten Jahren entstehen. Trotzdem ist der Bedarf kaum abzudecken, vor allem während des Weltwirtschaftsforums im Januar. «Da könnten wir 6000 Leute in Fünfsternhotels unterbringen», sagt Tourismusdirektor Armin Egger.
Davos investiert jedoch nicht für diesen Anlass. Denn Tagestouristen über den Jahreswechsel und am Spengler-Cup und wenige Wochen später die globale Wirtschafts- und Politelite genügen nicht. Der Ort brauche eine konstante Auslastung und dafür weitere Kundengruppen, sagt Egger.
Die Marketingleute der alpinen Tourismusdestinationen üben den Spagat - zwischen Ballermann-Party und Gala- Abend, zwischen Fondue und Sushi. Sie buhlen um die Gutbetuchten, wollen aber auch die Preisbewussten; den Ruhe Suchenden wird Erholung versprochen, den Partygängern Spektakel geboten. Das geht nicht immer auf. Davos musste wegen unzumutbaren Nachtlärms die abgeschaffte Polizeistunde wieder einführen, Zermatt geht mit 300-fränkigen Bussen und Wachpersonal gegen Ruhestörer vor. Die Ferienorte bemühen sich um die Älteren und die Jungen, um Schweizer und Ausländer. Den Verantwortlichen bleibt keine andere Wahl, als allen Gästen etwas anzubieten. «Eine enge Fokussierung und eine klare Positionierung sind in Tourismusdestinationen nicht möglich», sagt Experte Müller. Wählerisch sind Zermatt und Davos hingegen, wenn mit Tiefstpreisen um Gäste gefeilscht wird, wie neuerdings um die Chinesen (siehe Text unten).
Das Geld sitzt lockerer
Der wirtschaftliche Aufschwung hat im Schweizer Tourismus einen Investitionsboom ausgelöst. Die Banken bieten wieder vermehrt Hand, und der tiefe Wechselkurs des Schweizer Frankens begünstigt das Geschäft mit ausländischen Gästen.
Zudem hat die über Jahre gescholtene Tourismusindustrie ihre Position im Branchenindex verbessert. Dies werde allerdings die langjährige Misere unrentabler Ferienorte nicht beheben, sagt Thomas Bieger, Professor am Institut für Tourismus und öffentliche Dienstleistungen an der Universität St. Gallen. Dafür profitierten klassische Tagesausflugs-Destinationen in der Nähe von Städten.
Daneben liegen neue Beherbergungsformen im Trend. Feriensiedlungen mit einem umfassenden Unterhaltungs- und Gastronomieangebot etwa oder günstige Erlebnishotels sind hoch im Kurs. Derartige Projekte mit Hunderten von Gästebetten sind am Walensee, im Urserental und im bündnerischen Oberhalbstein geplant. Ein Hotel mit über 250 Betten in Savognin ist bereits seit letztem Winter in Betrieb.
Der Bauboom in den Tourismusorten könnte sich dereinst allerdings als Bumerang erweisen, vor allem bei den Ferienwohnungen. Um eine drohende Verbauung von Abfahrten ins Tal, ursprünglichen Dorfteilen und letzten Grünflächen zu verhindern, werden etwa in Zermatt von den bisher trägen Behörden Massnahmen gefordert. Zur Diskussion stehen Rückzonungen oder gar Baustopps - angesichts des lukrativen Immobiliengeschäfts allerdings ohne Aussicht auf eine Umsetzung.
Vom Aufschwung profitieren in erster Linie die populären Standorte. Tourismus-Professor Müller beurteilt den Plan, Regionen zu grossen Tourismusdestinationen zusammenzufassen - Graubünden nimmt einen weiteren Anlauf dazu -, differenziert: «Wenn Destinationen wie im Berner Oberland primär aus der Dynamik des Marktes entstehen, können sie erfolgreich sein.» Von der Politik diktierte künstliche Einheiten bewährten sich jedoch kaum. Regionen mit wenig Potenzial wie etwa das untere Prättigau oder Brigels in der Surselva darbten auch als Teil einer grossen Destination.
Im Matterhorn-Museum in Zermatt sind zwischen nachgebildeten Gesteinsschichten eingemauerte Skispitzen sichtbar. Für die Gestalter ein Sinnbild, dass das Dorf über die Jahre vom Tourismus zugeschüttet wurde. Ein Schicksal, das andere Ferienorte gerne mit Zermatt teilen würden.
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Jay
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Ein Bericht aus der NZZ: