und:Uno: Klimawandel beschleunigt sich dramatisch
Die Temperaturen auf der Erde werden bis zum Jahr 2100 wahrscheinlich mehr als doppelt so schnell steigen wie im vergangenen Jahrhundert. Dies geht aus einem Uno-Bericht hervor, der in Paris vorgestellt wurde.
Die Studie prognostiziert eine durchschnittliche Erwärmung zwischen 1,8 und 4 Grad in diesem Jahrhundert - in den vergangenen hundert Jahren waren die Temperaturen um 0,8 Grad gestiegen. Der Meeresspiegel steigt laut dem Bericht des Uno-Klimaausschusses bis 2100 zwischen 18 und 59 Zentimetern an.
Weiter heisst es in der Studie der weltweit führenden Klimaforscher, der Mensch trage die Verantwortung für die globale Erwärmung. Die Veränderungen in der Atmosphäre und den Weltmeeren sowie der Verlust von Packeis seien ohne äussere Einwirkung nicht zu erklären. Es sei «sehr wahrscheinlich», dass diese Entwicklung nicht allein auf natürliche Ursachen zurückzuführen sei.
Die mehr als 500 Autoren äusserten sich damit schärfer als noch 2001. Damals erklärten sie lediglich, es sei wahrscheinlich, dass der Mensch die Verantwortung für die Erderwärmung trage. (cpm/ap)
Mit klaren Signalen gegen Klimaskeptiker
Die USA und Ölkonzerne versuchten jahrelang, den Uno-Wissenschaftsrat für den Klimawandel IPCC in Frage zu stellen.
Von Martin Läubli
Fünfzehn Seiten Umfang, sechs Grafiken und Tabellen. Nicht mehr. Der vierte Bericht des Uno-Klimawissenschaftsrates IPCC an die politischen Entscheidungsträger fasst den 800 Seiten starken Zustandsreport der Arbeitsgruppe I zusammen. Hunderte ausgewählte Wissenschaftler sammelten, beurteilten und interpretierten die neusten Forschungsergebnisse zur Klimaerwärmung der letzten sechs Jahre. Die erste von drei Zusammenfassungen des vierten IPCC-Berichts wird morgen Freitag in Paris offiziell vorgestellt. Kurz und prägnant soll sie sein - und doch auf alle Unsicherheiten hinweisen, die beim Messen und Modellieren der globalen Klimaerwärmung auftreten. Transparenz ist oberstes Gebot des IPCC.
Seit Montag prüfen die federführenden Klimaforscher und Regierungsdelegierten Satz für Satz - und segnen den «Bericht an die politischen Entscheidungsträger» erst ab, wenn jedes Wort auf die Waagschale gelegt wurde. Da kann, so der Berner Klimaforscher Thomas Stocker, schon ein Nachmittag vergehen, bis die Botschaft, ob und wie der Mensch das Klima beeinflusst, ausgewogen genug formuliert ist. Stocker weiss, wovon er spricht. Er war bereits bei den Beratungen zum dritten Zustandsbericht vor sechs Jahren dabei.
Noch nie hat ein IPCC-Report bereits im Vorfeld der Veröffentlichung ein solch grosses Interesse der weltweiten Medien ausgelöst. Schon ist die Hauptbotschaft durchgesickert, die bereits im Entwurf des Berichts Ende letzten Jahres feststand: Die vom Menschen verursachten Treibhausgase sind mit mindestens 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit hauptverantwortlich für die Klimaerwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts.
Die physikalischen Grundlagen zum Klimawandel, die morgen der IPCC präsentiert, sind der Konsens von Hunderten von Wissenschaftlern und Regierungen der Uno-Staaten. Ist bei dieser Beteiligung überhaupt eine Einigung ohne politische Beeinflussung möglich? «Wir hatten stets die Kontrolle, was passiert», sagt Andreas Fischlin. Der Forscher am ETH-Institut für Integrative Biologie ist ein altgedienter Autor der zweiten IPCC-Arbeitsgruppe, die sich unter anderem mit den Folgen des Klimawandels beschäftig. Der Bericht erscheint Anfang April.
4000 Kommentare beantwortet
«Die Politik beeinflusst den IPCC nicht, das ist eine unabhängige Arbeit», ist sich José Romero von der Abteilung Internationales beim Bundesamt für Umwelt sicher. Über 3000 von Experten geprüfte Arbeiten haben beispielsweise die Forscher der zweiten IPCC-Arbeitsgruppe berücksichtigt. Gegen 4000 Kommentare zu den zwei ersten Reportentwürfen hatten die Wissenschaftler zu beantworten.
Fachleute der Regierungen begutachteten den zweiten und machten letztlich abschliessende Kommentare zum Schluss-entwurf. «Der Bericht reflektiert den Wissensstand von heute», sagt Fischlin. «Die Richtlinie im IPCC heisst: Die Wissenschaft hat das letzte Wort.» Trotzdem: Der ETH-Forscher, der seit Jahren die Wissenschaft in der Schweizer Delegation an den Uno-Klimakonferenzen vertritt, gibt zu, dass Regierungen immer wieder versuchten, die Interpretation der Ergebnisse nach ihren Interessen zu lenken. «Es gibt ab und zu beteiligte Wissenschaftler, die offensichtlich eine politische Agenda im Hinterkopf haben», sagt Fischlin. Das Schlussresultat sei aber dadurch niemals verfärbt worden.
Wer den IPCC in Frage stellen wollte, versuchte es auf subtilem Weg. Das letzte Beispiel geht auf das Jahr 2005 zurück. Das Komitee für Energie und Handel des amerikanischen Repräsentantenhauses stellte die Seriosität und Unabhängigkeit des IPCC in Frage. Anlass waren neue Studien über die natürliche Klimavariabilität, die in den letzten Jahrhunderten grösser waren als bisher angenommen. Das Komitee zweifelte damit die im letzten IPCC-Report abgebildete Temperaturkurve und damit den Einfluss des Menschen auf das Klima an.
Die Forscher der neuen Studien hatten allerdings nie die Absicht, den Faktor Mensch in Frage zu stellen. Sie zeigten im Gegenteil den Fortschritt neuer Modelle auf, deren Ergebnisse innerhalb des Unsicherheitsintervalls waren, die in der Zusammenfassung des IPCC-Reports 2001 auch aufgeführt waren. Ein Fehler war: Die Temperaturkurve kursierte an Vorträgen oft ohne die Fehlerbereiche. Der IPCC hat nun reagiert: Der neuste Bericht wird keine Grafiken ohne Unsicherheitsmarken mehr zeigen.
Vor der zweiten Uno-Konferenz 1996 lobbyierte der amerikanische Anwalt Donald Pearlman intensiv gegen die Erkenntnisse des Uno-Klimawissenschaftsrates. Dafür erhielt Pearlman persönlich, so das Gerücht in gut informierten diplomatischen Kreisen, zwölf Millionen Dollar Honorar; die Mitarbeiter seines Anwaltsbüros wurden mit weiteren zwanzig Millionen entschädigt. Einer der wichtigen Geldgeber: die «Global Climate Coalition», der damals die amerikanische Erdölindustrie angehörte. Der gleiche Mann war vermutlich auch mitverantwortlich, dass vor vier Jahren der Vorsteher des IPCC, Robert Watson nicht mehr gewählt wurde. Der Umweltforscher hatte auf Grund des dritten IPCC-Klimaberichtes engagiert vor einer fatalen Klimaerwärmung gewarnt.
IPCC-Vorsteher abgewählt
Für die amerikanische Regierung ging die offensive Haltung Watsons zu weit. Auch der Erdölkonzern Exxon Mobil drängte, den für sie unbequemen Zeitgenossen von seinem einflussreichen Posten zu stossen. Das IPCC-Panel, das aus Vertretern der Mitgliedsstaaten und Forschungsinstituten besteht, wählte Watson schliesslich überraschend ab. Für ihn kam der Inder Rajendra Pachauri, damals Direktor des Energieforschungsinstituts TERI in Delhi und Verwaltungsrat der Indian Oil Corporation. Heute berät der Ingenieur und Ökonom neben seinem IPCC-Vorsitz den indischen Premierminister in ökonomischen Fragen.
Wie stark ein IPCC-Präsident Einfluss auf die Arbeit der Wissenschafter nehmen kann, sei schwierig abzuschätzen, sagt Fischlin. Pachauri gilt im Gegensatz zu Robert Watson als blasse Figur, und sein Einfluss wird als gering eingeschätzt. Die aktuellen, bedeutend verbesserten Klimaprojektionen zeigen jedenfalls keine Trendwende. Im Gegenteil: Die Einschätzungen der ersten Berichte haben sich bestätigt (siehe unten) und teilweise verschärft. Die beobachtete Erwärmung liegt weit über der oberen Grenze, welche die Modellrechnungen des zweiten IPCC-Berichtes 1995 schätzten. «Im Allgemeinen ist es Tradition des IPCC, eher vorsichtig in den Aussagen zu sein», sagt Klimaforscher Thomas Stocker.
(Tages-Anzeiger)