Quelle: stern.deGrödnertal: Freeride unter der Hand des Riesen
Nur zehn Minuten von den Hot-Spots entfernt, genießt man die Natur im Freeride-Camp
Im größten Skizirkus der Welt, "Dolomiti Superski", warten unendliche Abfahrten. Nur ein paar Schritte weiter kann man durch traumhafte Bergkulisssen streifen und sich von der Sehnsucht der Grödner nach dem höchsten Gipfeln anstecken lassen.
Mit jedem Schritt knirschen sich die Ski weiter in die weiße Decke der unberührten Schneefläche. Wie feines Glas singt der Schnee. Ringsum herrscht Stille, dabei sind es keine zehn Minuten her, nachdem es von der Marmolda hinab ging, raus aus dem Strom der Menge, weg von der präparierten Piste, die die legendäre "Sella Ronda" umquert. Zwar gab es zum Jahreswechsel im Grödnertal und den Dolomiten wenig Tiefschnee, dennoch waren die Pisten - anders als in vielen niedrigeren Lagern - bestens präpariert und überall befahrbar, ohne dass man auf Heu und Steine stieß. Aber Karl, der Freeride-Guide, fand trotzdem genügend Tiefschnee für eine Tour. Kein lockeres Pulver, meist sind die Oberflächen vom Wind verharscht, manchmal bricht man ein. Anstelle des metertiefen Pulvers tun es auch zwanzig Zentimeter weiche, weiße Wonne. Für den Anfänger bietet die bescheidenere Pracht durchaus Vorteile. Bei falscher Gewichtsbelastung verschwindet das Bein nicht bis zur Hüfte in der Tiefe.
Magische Minderheiten, zauberhafte Bergwelt
Der Drang zum Extrem
Der Grödner Sohn Luis Trenker war ein schon ein fescher Kerl, Guide Karl Unterkircher steht ihm nicht nach. Der perfekte Bergfex der James Blunt Generation. Ein Traummann von einem Bergführer, weitab vom Pistenräumer-Klischee. Sanft und geduldig. Und doch so Abenteuer erprobt. Die Welt des Extrembergsteigers und K2-Bezwingers wirft ein exotisches Licht auch auf einen eher bescheidenen Ausflug. Während wir in strahlender Sonne über die Hochalmen gleiten, spricht der Karl wie selbstverständlich von den Graten am Everest. Mit der gleichen Beiläufigkeit hilft er dem Havarierten auf die Beine und den Hilflosen in die Ski.
Zwischendurch blinzelt er in die Sonne und erzählt, von den Tausenden von Gipfel, die dort im fernen Asien warten, die noch nie jemand bestiegen hat. Von Nomaden und Mönchen in alten Klostern. Unterkircher gehört zur seltenen Spezies der "K2 ohne O2"-Bezwinger. Mit Trägern und Sauerstoff kann sich heute jeder Durchschnittsjogger auf den Himalaja hieven lassen. "Offiziell ist ausgebucht, aber wenn das Geld stimmt, bringen sie dich spätestens in drei Monaten hoch", ermuntert er die Interessenten. Sein eigenes Geld sammelt er lieber für Expeditionen in die unberührten Teile des unendlichen Himalajas. Zwischendurch führt er seine Gäste durch die Bergwelt der Dolomiten und die Touristen lassen sich allzu willig vom Gefühl der großen Expedition anstecken.
Crashkurs in Sicherheit
Klettern, Bergtouren und das Freeride Camp. "Nur als Skilehrer am Hang arbeite ich nicht. Das ist mir zu dumm", verkündet er undiplomatisch. Schon früher habe seine Leidenschaft nicht der Piste gegolten. "Hab' es auch nicht gekonnt. Beim Training war ich immer der Letzte. Gefreut hab ich mich nur auf dem Heimweg durch den Wald." Seine Augen blitzen. Heute geht es weniger rasant durchs Dickicht, am Hang fand sich links und rechts immer genügend Platz. Aber wenn der Karl in Limbo-Haltung gestürzte Bäume passiert, muss der Tourist passen. Das Freeride-Camp ist mehr als eine lustige Idee. "Den Jungen ist es auf der Piste zu langweilig, die gehen immer mehr ins Gelände." Im Camp kann man wenigstens lernen, welche Gefahren lauern und wie man sich schützt. Mit dem Lawinenbericht und dem Piper etwa. Vor allem lernt man das Skigebiet "Dolomiti Superski" - eine Schnee-Sause der Superlative - mit anderen Augen zu sehen. Als die Gruppe wieder eine Straße erreicht, ist vom Trubel des Ausgangsortes Wolkensteins wenig zu spüren, das alte Dorf liegt in touristischer Schattenlage. Hier ist die Zeit stehen geblieben.
^^ Traumwelt der Dolomiten
Trubel unter der Hand des Riesen
Dabei zählt das Grödnertal mit seinen drei Hauptorten St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein zu den bekanntesten Skiorten der Alpen. Beginnend an dem Ort Clausen, zieht es sich 25 Kilometer lang ostwärts in Richtung Dolomiten und endet am Sellastock. Dieser und der Langkofel, der schlafende Riese, der seine Hand mit fünf Zinnen emporreckt, überragen das Tal noch oberhalb der weißen Alpengipfel mit majestätischer Grandezza. Die Dolomiten geben dem Tal etwas, was kein anderes Tal der Welt in dieser Form für sich beanspruchen kann: ein atemberaubendes und absolut einzigartiges Panorama. Sie sind Korallenstöcke, die von einer Zeit erzählen, als die Menschen noch an Riesen, Feen und Frauen, die sich in Murmeltiere verwandeln können, glaubten. Heute geben sie dem Tal und seinem Skigebiet Anmut und eine einmalige Farbprägung. Neben dem weißem Schnee, grünen Bäumen und graubraunem Granit ragen sie in einem changierenden Ockergrau vor meist strahlend blauem Himmel absolut senkrecht in die Lüfte. Schöne Pisten gibt es an vielen Orten, wenn sich auch kaum ein Gebiet mit den Strecken im Grödnertal oder gar dem Skizirkus von "Dolomiti Superski" messen kann. Aber wo sonst kann man unter majestätischen, glühenden Felsbändern unbeschwert über die Pisten gleiten?
Gemessen am Gebotenen können die Preise für das Skigebiet nur "fair" genannt werden. Selbst an den stärksten Tagen der Saison gibt es nur im Ort - erträgliche - Wartezeiten. Wer nicht zu den Supersportlern zählt, kann den Ski-Pass auf das etwas günstigere Grödnertal begrenzen. Mit 180 Pistenkilometer sollte es für die meisten Gästen mehr als ausreichen. Leider ist dann die Sellarunde nicht möglich, für dieses Highlight benötigt man natürlich den größeren Pass von Dolomiti Superski.
Familiäre Gastlichkeit
Wehmütig stimmt der Gedanke, dass die meisten Reisenden, die in den Hauptsaisons um Weinachten und vor Ostern einen der begehrten Logenplätze in den zahlreichen Hotels und Pensionen ergattert haben, die archaische Landschaft nur am Rande zu genießen wissen. Und von den unendlichen Sagen der gekränkten Wasserfrauen noch nie gehört haben, ebenso wenig von der unbezwingbaren Bogenschützin und der unglücklichen Liebe ihres Schildträgers. Die Bauernhäuser wirken, als seien die Ureinwohner vom Glück des Dolomitenpanoramas gesegnet, als zählen sie ihre Trachten, so meint es jedenfalls der Weltgereiste Maler Franz von Defregger: "Zu den interessantesten, schönsten und farbenprächtigsten Trachten weit und breit". Die Hotels bieten durchweg charmante und gemütliche Gastlichkeit mit Kaminfeuer und Holzbalkonen. Fast alle befinden sich in Familienbesitz, so dass sich der Gast durch die persönliche Ansprache von Vater, Mutter und erwachsenen Kindern aufgenommen fühlt. Drei Sterne in Gröden sind jeden Stern einzeln wert. Das Essen kommt aus der Küche der Alpenregionen und verwöhnt mit selbst gemachten Schlutzkrapfen und anderen Teiggerichten. Weine aus Südtirol sind Pflicht auf jeder Speisekarte und passen ausgezeichnet zu den rustikalen Vor- und Hauptspeisen.
© Gernot Kramper
In Gröden lag auch Schnee, als in vielen anderen Gebieten überhaupt nichts auf der Piste ging
Die Minderheit in der Minderheit
Die Menschen mit ihrer sanften und hellen Haut und den dunkelbraunen Haaren finden sich in das Tal ein, das als Märchental bezeichnet wird. Märchen durchweben nicht nur die Berge des Tales, aus einer versunkenen Zeit stammt auch die Sprache der Einheimischen, das rätoromanische Ladinisch. Entstanden während der römischen Besatzungszeit durch die Vermischung aus keltischer und römischen Kultur, verbreitete sich das Ladinische schon im 1. Jahrhundert n. Chr. Dem Fremden muten die Laute an wie eine Mischung aus Französisch, Spanisch, Italienisch und dem herben Portugiesisch und zeigen eindrücklich die Alpen als kulturellen Mittelpunkt Europas. Eine gelebte Sprache, die nicht etwa nur am Heimatabend konserviert wird, denn untereinander sprechen die Einheimischen stets ihre Sprache.
Vor einhundert Jahren war Gröden noch ein abgeschiedenes Alpental. Heute teilen sich Skiläufer aus der ganzen Welt hier die Gondelsitze der Skigebiete. Damals aber, als die Bauern noch dem schneereichen Wintern in ihre warmen Stuben entfliehen mussten, fingen sie an, ihren Kindern Holzspielzeug zu schnitzen. Diese Holzschnitzkunst ist, neben den üblichen Tourismusberufen wie Skilehrer und Gastronom, heute eine der Erwerbsquellen des Grödnertales. Überall stehen die mannshohen Figuren und zeigen Historisches, wie Familien aus dem vorvorigen Jahrhundert, oder Lustiges, wie den lebensgroßen Herrn Trenker, der verschmitzt unter seinem Hute heraus grüßt.
Schnitzwerk als Exportschlager
In den Geschäften entlang der Hauptstrasse werden die kostbaren Werke angeboten und ihre plastisch durchgearbeitete Qualität ist einzigartig. Um sich einen mittelgroßen St. Georg samt Drachen und Pferd ins Wohnzimmereck stellen zu können, muss man naturgemäß echtes Geld bezahlen, dafür überdauert der Heilige auch mehrere Moden. Und überhaupt, vergleicht man ihn mit den Preisen der Fashionkleidung in den eleganten Boutiquen im Grödnertal, so kommt er einem schon wieder erschwinglich vor. Zum Shoppen sollte nach Gröden kommen, wer nicht auf den Cent zu schauen braucht, denn die neu erstandene Skikleidung samt Nerzpuschel auf der kessen Pudelmütze ist ein teures Vergnügen. Lässt man sich davon allerdings nicht abschrecken, so bietet sich vor oder nach dem Apres-Ski eine Vielzahl von Möglichkeiten, seine Garderobe sportlich "aufzupimpen", denn hier ist Italien!
Gastlichkeit statt Non-Stop-Party
Bleibt einem noch der amüsante Anblick glücklicher Russinnen, die tagtäglich Edel-Tüten in die Hotellobbis schleppen. Aus Moskauer Sicht sind die Preise im Skiort nämlich keineswegs hoch, im Vergleich zu daheim lassen sich hier nur Schnäppchen machen. Gröden mit seiner unaufdringlichen Gastlichkeit weiß jede Art von Protz und Partylärm zu verhindern. Hier herrscht ein angenehm familiärer Umgangston und auch die Apres- Ski Keller werden von wohlerzogenen erwachsenen Töchtern und Söhnen frequentiert und diese bevorzugen eher Abende gepflegt manierlichen Übermutes.
Skigebiet: Informationen und Preise
Gröden und die kompletten Aufstiegsanlagen gehören zu "Dolomitisuperski", dem größten Skikarussell der Welt mit mehr als 450 Aufstiegsanlagen und über 1220 Kilometer Pisten. In Gröden gibt es 176 Kilometer Abfahrten und 98 Kilometer Langlaufloipen mit 84 Aufstiegsanlagen. Sportliche Skifahrer sollten sich im gesammten Gebiet austoben, müssen für einzelne Highlights aber Anfahrten mit Bus oder PKW in Kauf nehmen. "Normale Skifahrer" können sich mit dem günstigeren Skipass für Gröden arrangieren. ACHTUNG: Unbedingt die Preise vergleichen, je nach Saison und Familienarrangement können sich spürbare Unterschiede ergeben.
Preisrahmen Gröden und Seiser Alm:
1 Tag von 22 Euro bis 28 Euro 7 Tage von 178 Euro bis 223 Euro
Preisrahmen Dolomiti Superski:
1 Tag von 32 Euro bis 40 Euro 7 Tage von 171 Euro bis 240 Euro
Freeride unter der Hand des Riesen
- snowflat
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Freeride unter der Hand des Riesen
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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Freeride unter einem anderen Riesen:
Quelle: SternFreeride: Im Tiefschnee über alle Berge
© Klaus Fengler
Vier auf dem Weg nach oben. Ihr Ziel: der Dent du Géant. Auf 4000 Meter Höhe ist der Schnee noch völlig unberührt.
Von Johannes Schweikle
Ski fahren, wo noch kein anderer gefahren ist - das ist Freeride. Hier gehen wir auf eine Safari durch drei Länder: auf unberührten Pisten rund um den Montblanc.
Unser Paradies liegt heute in Vichères. Ein kleines Skigebiet in der Westschweiz mit drei Liften und einfachen Abfahrten. Ideal für Familien mit kleinen Kindern, die erste Pflugbögen üben. Doch über Nacht hat es einen halben Meter geschneit. Als Marcel Frank, unser Bergführer, die blaue Piste verlässt und die ersten Schwünge auf den unberührten Hang legt, stiebt eine weiße Wolke auf. Nur seine orangerote Mütze schaut noch oben raus. Wir toben hinterher. Der Schnee fühlt sich federleicht an, nach jedem Schwung landest du wie auf einem weichen Kissen. Die Daunen wirbeln hoch bis zum Bauch. Du musst nur den Rhythmus halten, dann tanzen die Ski wie von allein den Berg hinunter. Unten drehen wir uns um, schauen hoch und bewundern die Zopfmuster, die wir in den Pulverschnee gelegt haben. Marcel strahlt und sagt: "Man muss nicht bis nach Kanada." Für die Freerider fängt der Spaß dort an, wo die Piste aufhört. Früher nannte man das Fahren im freien Gelände Variantenskilauf. Das war ziemlich schwierig, nur sehr gute Skifahrer hatten ihr Vergnügen im Tiefschnee. Dann aber kamen die Snowboarder.
Im Tiefschnee über alle Berge
Sie machten nicht nur Englisch zur Umgangssprache in den Alpen, mit ihren breiten Brettern konnten auch mittelprächtige Sportler rhythmische Spuren durch den Tiefschnee ziehen. Weil die große Freiheit am Berg ansteckend wirkt, hat die Skiindustrie nachgezogen und breitere Bretter entwickelt. Mit ihnen lässt sich der Schnee in seinem naturbelassenen Zustand leichter beherrschen. Seither verlassen immer mehr Wintersportler die gewalzten Pisten und drängen mit Macht ins wilde Gelände. "In Verbier findest du inzwischen kaum noch unverspurte Hänge", sagt Marcel, "so viele pflügen dort mit den breiten Ski durch den Pulver."Das Eldorado der Freerider hat keinen festen Ort. Es liegt immer da, wo gerade der beste Schnee gefallen ist. Für diese Woche hat Bergführer Marcel die Westalpen ausgesucht. Unsere Freeride-Safari findet im magischen Dreieck zwischen Verbier, Courmayeur und Chamonix statt. Wir wohnen in einfachen Hotels im Tal, setzen uns am Morgen ins Auto und fahren in das Skigebiet, das laut Wetterbericht das größte Glück verheißt. Wir haben die Wahl zwischen drei Ländern: Schweiz, Frankreich, Italien.
Die Lärchen sehen aus wie Kunstwerke aus japanischen Tuschzeichnungen
Dank der Tunnels am Großen Sankt Bernhard und durch den Montblanc stehen uns die schönsten Berge der Westalpen offen. Vor der ersten Tour macht uns Marcel mit der Sicherheitsausrüstung vertraut. Das Lawinensuchgerät wird um den Oberkörper geschnallt und unter der Skijacke getragen. Im Rucksack befinden sich die Lawinenschaufel und der Airbag. Dieser wird über einen Griff am Gurt ausgelöst und soll bewirken, dass man nicht unter die Lawine gerät, sondern oben auf der Schneemasse mitschwimmt. Neben der Piste üben wir, einen im Tiefschnee verbuddelten Lawinenpiepser zu orten. Wie ernst die Naturgewalten des Hochgebirges zu nehmen sind, zeigt sich zwei Tage später in Verbier. Wir stehen auf einem Gipfel, unter uns ein unberührter Hang mit mehr als 40 Grad Neigung, also richtig steil. Marcel befiehlt uns zu warten. Er rutscht vorsichtig ein paar Meter Richtung Kante - und löst mit seinen Skiern ein Schneebrett aus. Wir kehren um und nehmen die ungefährdete Route durch das Vallon d’Arby.
Claudia Sat aus Basel schaut mit flackernden Augen die steile Flanke hinunter. Sie ist Mitte 30, arbeitet als Shiatsu-Therapeutin und ist bislang nur auf der Piste Ski gefahren. Ein Freund hat sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in den Tiefschnee gelockt. Er sprach von einer Woche Skiurlaub, und erst als sie den Termin mit den Kollegen geregelt hatte, rückte er damit heraus, dass es sich um eine Freeride-Safari handelt. Claudia trägt Helm. Das Gute an den Stürzen im Tiefschnee ist, dass sie nicht wehtun. Man fällt weich, lästig wird es nur, wenn sich die Bindung öffnet und man in der weißen Unendlichkeit den Ski suchen muss. Je weiter wir uns von Pisten und Bergbahnen entfernen, desto intensiver wird das Erlebnis. Keiner drängelt, kein Anton aus Tirol nervt aus dem Lautsprecher, über dem Schnee liegt eine überwältigende Ruhe. Die Lärchen sehen aus wie Kunstwerke aus japanischen Tuschzeichnungen, jeder schwarze Ast ist mit einer weißen Linie nachgezogen. Am Grand Combin bläst der Wind Schneefahnen um den Gipfel. Der Berg gehört uns allein, und wenn Marcel eine Flanke für gefahrlos befunden hat, schwelgen wir in dem Gefühl, überall fahren zu können - in engen Couloirs oder zwischen den Bäumen, wo man nur wenig Platz zum Schwingen hat und mit den natürlichen Hindernissen spielen muss.
Gletscherspalten, filigrane Schneebrücken und türkisblaues Gletschereis
Um einen unverspurten Hang zu erreichen, schnallen wir die Steigfelle unter die Ski. Beim Freeriden sind die Aufstiege kurz, ganz anders als beim Skitourengehen, der bevorzugten Wintersportart von Toni Murer. Der Ingenieur kommt aus der Zentralschweiz, ist Ende fünfzig und so durchtrainiert, dass ihm fünf Stunden Aufstieg wenig ausmachen. Jetzt hat sich Toni zum ersten Mal auf eine Freeride-Safari eingelassen, und als Marcel wieder einen Hang mit hüfthohem Pulver gefunden hat, schwärmt er: "Da musst du schon hundert Touren gehen, bis du einmal so guten Schnee findest." Um an sein ersehntes Ziel zu kommen, nutzt der Freerider alle Hilfsmittel von Zivilisation und Technik. Durch den Tunnel am Großen Sankt Bernhard gelangen wir problemlos von der Schweiz nach Italien, vom Aosta-Tal geht es ein paar Tage später in der endlos langen Röhre durch den Montblanc nach Frankreich. Und in Chamonix katapultiert uns die Seilbahn von 1035 Meter Meereshöhe auf die 3842 Meter hohe Aiguille du Midi. Hier müssen wir einen Klettergurt anlegen, der Führer nimmt uns ans Seil, und mit wackligen Knien rutschen wir über einen schmalen Grat. Zum Glück ist ein Tau als eine Art Geländer gespannt, links geht es senkrecht in den Abgrund. Diese Mutprobe ist der Einstieg in die Abfahrt durch das Vallée Blanche. Sie führt 20 Kilometer über verschiedene Gletscher und bringt uns hautnah in Kontakt mit der betörenden Schönheit des Hochgebirges.
Vor uns leuchten die unwirklich spitzen Felsnadeln der Aiguille du Dru in tiefem Rotbraun. Die Zacke hinter uns, über der legendären Cosmique-Hütte, hat die Farbe von hellem Sand. Jenseits des Tals von Chamonix sehen die Berge der Aiguilles Rouges entgegen ihrem Namen grau aus, und über allem strahlt die weiße Haube des 4807 Meter hohen Montblanc. Wir staunen über filigrane Schneebrücken, die jähe Gletscherspalten überspannen, und am Mer de Glace türmen sich über uns haushohe Wogen aus türkisblauem Gletschereis. Im Spaltengelände müssen wir genau in der Spur des Führers fahren, keiner darf ihn überholen. Der Wind hat den Schnee zu bizarren Formen gepresst. Die Franzosen nennen das Crête-de-coq, und auf diesem harten Hahnenkamm sind die Ski nur mühsam zu beherrschen. Dann kommt ein steiler Hang mit griffigem Pulver, in den jeder seine Schwünge nach Belieben setzen kann. Am Petit Capucin geht eine Lawine nieder, aus sicherer Entfernung lässt sich das als dramatische Inszenierung betrachten: Von den Felswänden hallt dumpfes Grollen wider, über eine Klippe ergießt sich die weiße Masse wie ein Wasserfall.
Klischees der Freerider-Szene
In der Requin-Hütte machen wir Rast. Damit Licht durchs Fenster in die niedrige Stube fällt, musste der Wirt einen Tunnel durch eine zwei Meter dicke Schneewand graben. Die Nordwand der Grandes Jorasses ragt senkrecht in den tiefblauen Winterhimmel, Schneekristalle blitzen silbern in der Sonne. Nach einer Abfahrt über mehr als 2000 Höhenmeter steigen wir in die alte Schmalspurbahn, die gemächlich nach Chamonix zuckelt. Die Kneipe "Chambre Neuf" liegt gleich gegenüber dem Bahnhof. Am späten Nachmittag treffen dort junge Menschen ein, die sich beim Bier die größte Mühe geben, alle Freerider-Klischees in Szene zu setzen: Strickmützen auf verschwitztem Haar, leuchtende Zähne in tiefbraunen Gesichtern, eine blonde Schwedin mit Gipsarm säbelt an ihrer Frikadelle, eine Boygroup macht Livemusik, man tippt SMS und handelt Geheimtipps wie den Versorgungslift für Almbauern, den nur Insider kennen. Kein Skigebiet in der Nähe! Beste Chancen auf unverspurte Hänge! Nach einer Woche sind bei Claudia aus Basel alle Vorbehalte gegen die Freerider geschmolzen. "Früher habe ich sie für Spinner gehalten, nun bin ich selber einer."
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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