Quelle: Hamburger AbendblattGeorgien: Wintersportler entdecken die kaukasischen Pisten
Abgesetzt in der weißen Einsamkeit
Kein Parkplatz, kein Skiverleih - noch hat man die Bergwelt fast für sich allein. Doch schon bald soll hier ein großer Skizirkus entstehen.
Von Christoph Schrahe
Den Willen zum Gipfelsieg ins Gesicht geschrieben, die Füße in Skistiefeln und einen großen Rucksack auf den Schultern. So marschiert die Dame an den anderen vorbei. Im Basislager unterhalb des legendären Kasbek, an dessen eisüberzogener Wand der griechischen Sage zufolge einst Prometheus für seinen Frevel, den Menschen Feuer gebracht zu haben, büßen musste, ein alltäglicher Auftritt. Im Terminal 2 des Münchner Flughafens, wo Geschäftsleute darauf warten, das Flugzeug nach Tiflis zu besteigen, wirkt die Montur eher bizarr. Auch auf jene, die wissen, was die georgischen Berge Skifahrern zu bieten haben - aber von denen gibt es nicht viele.
Saba Kiknadze will das ändern. Der frühere Manager des georgischen Bergsteigerteams ist Staatssekretär für Tourismus. Seine Aufgabe: Georgien fit für den internationalen Tourismus zu machen. Zu sowjetischen Zeiten war die Provinz für viele Russen das Reiseziel ihrer Träume. An der Schwarzmeerküste reihten sich über 100 Badeorte auf, der mondäne Kurort Borjomi im Kleinen Kaukasus wurde wegen seines Heilwassers und des wunderschönen, gleichnamigen Nationalparks gerühmt, im benachbarten Wintersportort Bakuriani trainierten sowjetische Olympioniken, Bergsteigern bot der Kaukasus ei- nen gigantischen Abenteuerspielplatz. Und Gudauri an der georgischen Heerstraße lockte kurz hinter der russischen Grenze mit den längsten Skipisten des Kaukasus.
Beste Ausgangsbedingungen für Saba, seiner Heimat ein Stück vom weltweiten Reiseverkehrskuchen abzuschneiden - wären da nicht die Jahre zwischen 1989 und 2003 gewesen. Nach der Erklärung der Unabhängigkeit von Moskau versank das Land in einem Bürgerkrieg um den Status der Teilrepublik Abchasien. Die Abchasen vertrieben Zehntausende Georgier, die bis heute in den ehemaligen Hotels und Ferienheimen entlang der Schwarzmeerküste untergebracht sind. Zudem ruinierte der Krieg die Infrastruktur, die Wirtschaft kam fast vollständig zum Erliegen. Die UN-Hilfsmittel für die Flüchtlinge steckte das korrupte Regime um Präsident Eduard Schewardnadse größtenteils in die eigene Tasche.
Dann kam die Rosenrevolution. Statt die Staatsämter an Familienangehörige zu verteilen, setzte der neue Präsident Michail Saakaschwili auf Experten. Saba Kiknadze war zu diesem Zeitpunkt Chef des größten georgischen Reiseveranstalters. "Wir brauchen Devisen. Unser Reichtum sind die Zeugnisse unserer jahrtausendealten Kultur und die Vielfalt der wundervollen Landschaften." Damit diese zugänglich und erlebbar werden, möchte Kiknadze, ein passionierter Skifahrer, Swanetien und die Täler des Kasbek für den Skisport erschließen.
Josef Zenhäusern, der beim Internationalen Skiverband FIS für die Verbreitung des Brettlsports in die entlegensten Gebirge des Globus zuständig ist, dämpft Sabas Hoffnungen. Vor der Erschließung neuer Gebiete müssten erst einmal die bestehenden Areale auf einen zeitgemäßen Stand gebracht werden. "Es gibt im gesamten Land keine einzige Tourist Information, keinen beschilderten Wanderweg, in den Skiorten wird wild gebaut, ohne daran zu denken, dass die Gäste ja auch irgendwo parken müssen, da gibt es keine Atmosphäre, und statt in den Restaurants die gute georgische Küche auf den Tisch zu bringen, gibt es meist internationale Gerichte, weil man meint, damit einen höheren Standard zu erreichen."
Trotzdem ist auch in Zenhäuserns Augen Potenzial vorhanden und so verwundert es nicht, dass internationale Skitouristen den kaukasischen Schnee zu entdecken beginnen: Einerseits die im Land arbeitenden Ausländer sowie Gäste aus den Nachbarländern, welche die Lifte in Gudauri oder Bakuriani frequentieren. Andererseits versprengte Skibergsteiger aus ganz Europa und Heliskifahrer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Organisator des Heliskibetriebs ist der Schweizer Berg- und Skiführer Roland Beeler. "Ich kam 1990 das erste Mal nach Gudauri. Beeler erkannte sofort, welches Potenzial Gudauri bot, übernahm und professionalisierte den Betrieb, der heute nach Schweizer Sicherheitsstandards und nur mit bestens ausgebildeten Guides läuft. Als Pluspunkte für Gudauri gegenüber den klassischen kanadischen Revieren sieht Beeler die kürzere Anreise mit nur zwei Stunden Zeitdifferenz, die Möglichkeit, bei Schlechtwetter direkt vor dem Hotel in den Sessellift zu steigen, im Liftgebiet Tiefschneeabfahrten zu unternehmen und das Mittagessen im Hotel einzunehmen. "Das Hotel steht mitten im Revier, der Helikopter startet direkt daneben."
Beeler sorgte auch dafür, dass das Hotelrestaurant georgische Spezialitäten wie Khachapuri (mit Käse gefülltes Brot) oder Chinkali (Teigtaschen mit Hackfleisch) serviert. Das weitläufige Terrain ist aber Beelers Hauptkapital: Mehr als 200, am Kasbek bis zu 4000 Meter hoch gelegene Landepunkte und ein Vielfaches an Abfahrtsvarianten zählt das rund 8000 Quadratkilometer umfassende Areal von Gudauri Heliskiing, in dem maximal 36 Gäste gleichzeitig unterwegs sind.
Wer die absolute Einsamkeit sucht, fährt von Gudauri auf dem schlaglochgespickten Saumweg über den Kreuzpass hinab nach Kasbegi am Fuß der gigantischen Fels- und Eispyramide des 5033 Meter hohen Kasbek, spannt die Felle unter die Laufflächen und spurt zunächst auf Waldwegen, dann über endlos weite Schneefelder gipfelwärts. Von der Seilbahn, die einst von Kasbegi hier hinaufführte, zeugen nur noch verrostete Masten.
Georgiens einzige Berghütte ist nach einem achtstündigen, kräftezehrenden Aufstieg über fast 2000 Höhenmeter erreicht. Die ehemalige Station des sowjetischen Wetterdienstes ist in einem erbärmlichen Zustand. Bergführer Gia Apakidze hat immerhin zwei der Räume notdürftig hergerichtet. Es gibt einen Schlafraum mit zwei rostigen Betten und eine Küche mit Gaskocher, Holzofen und Lebensmitteldepot. Überraschenderweise ist um den Tisch eine fröhliche Südtiroler Seilschaft versammelt. Mittendrin sitzt Dagmar, die Gipfelaspirantin vom Münchner Flughafen. Für die Neuankömmlinge steht am nächsten Morgen zur Akklimatisation der 4258 Meter hohe Ortsveri auf dem Programm.
Der Ortsveri erweist sich an diesem Tag jedoch als zu harter Brocken. Am messerscharfen Gipfelgrat heult ein orkanartiger Sturm über das Blankeis. Zu gefährlich, beschließt Gia. Auf 4100 Metern heißt es umkehren. Da die Wettervorhersage für den folgenden Tag eine weitere Verschlechterung verheißt, rät Gia, gleich bis ins Tal abzufahren. Es folgen 2400 Höhenmeter Abfahrt durch absolute Einsamkeit.
Mit der Einsamkeit ist es in Gudauri und Bakuriani an den Wochenenden inzwischen vorbei. Die positive wirtschaftliche Entwicklung sorgte für einen verstärkten Zustrom an Wintersportlern. Rund 5000 von ihnen sind an einem guten Tag auf georgischen Pisten unterwegs. Während Gudauris Sesselbahnen zwar schon 19 Jahre auf dem Buckel haben, gleichen Liftfahrten in Bakuriani Zeitreisen in die seilbahntechnische Steinzeit, und Römerstraßen waren vermutlich Superhighways, verglichen mit den schlammigen Boulevards Bakurianis.
Einer der ganz schlimmen Sorte führt nach Süden aus dem Ort hinaus. Kaum zu glauben, dass dieser Maultierpfad zur Keimzelle der schneesportlichen Zukunft Georgiens führen soll. Aber bei dem, was da im Talschluss unterhalb eines 2800 Meter hohen Gipfels des Kleinen Kaukasus plötzlich aus dem Nichts auftaucht, handelt es sich um keine Fata Morgana: Es ist eine brandneue Achtergondelbahn modernster Bauart. Rundherum ist nichts: kein Parkplatz, kein Skiverleih, kein Restaurant, nicht einmal Kassen. Die Benutzung der Bahn ist kostenlos. Dafür leistet sich Besitzer Bidzina Ivanishwili etwa fünfmal so viel Personal wie an einer solchen Anlage in den Alpen üblich ist. Ivanishwili will in den nächsten Jahren einen riesigen Skizirkus in diesem Nichts aufziehen. So ganz verwegen ist Saba Kiknadzes Traum von devisenbringenden Wintersportzentren ja vielleicht doch nicht. Den bitterarmen Bewohnern der entlegenen Bergtäler wäre es zu wünschen.
Georgien: Skizirkus soll Einsamkeit beenden
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Georgien: Skizirkus soll Einsamkeit beenden
Sehr interessanter Artikel über die Geschichte Georgiens und die Zukunftspläne. Derzeit ist die Benützung der neuen 8 EUB, die es dort schon hat, kostenlos. Dafür fehlt es an allen anderen infrastrukturellen Einrichtungen:
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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