Kleine und mittlere Skigebiete stärker unter Druck

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Jay
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Kleine und mittlere Skigebiete stärker unter Druck

Beitrag von Jay »

Die RZ Oberwallis berichtet:
Kleine und mittlere Skigebiete geraten stärker unter Druck
Zwischen Höhenrausch und Talfahrt

Oberwallis / Der schneearme Winter hat den Druck auf die kleinen und mittleren Skigebiete verstärkt – und die Diskussionen um deren Berechtigung verschärft. Über Schwierig- und Möglichkeiten kleiner Skigebiete.

Von Armin Bregy

Zeitungsmeldungen der letzten Tage und Wochen zeigen: Kleine und mittlere Skigebiete geraten zunehmend unter Druck. Den Sportbahnen Ernergalen AG fehlen rund 200 000 Franken, um die Anlagen auch in der Saison 2007/08 zu betreiben. Auch das Skigebiet Hungerberg kämpft um sein Überleben: Die Finanzierung der benötigten technischen Anpassungen könnte zum Stolperstein für das schöne Gommer Skigebiet werden. Die beiden neuen Sesselbahnen von Bürchen auf die Moosalp können wegen Geldmangels nicht planmässig realisiert werden. In Münster sind die Einnahmen um 60 Prozent tiefer ausgefallen als im letzten Jahr. Eine laut Professor Christian Laesser noch immer aktuelle Studie der Universität St. Gallen aus dem Jahr 2005 hält fest, dass rund ein Drittel der Schweizer Bergbahnen ums Überleben kämpft.

Weitere Schliessungen möglich
Sind in der Region Oberwallis also noch weitere Skigebiete von einer Schliessung bedroht? Seilbahnexperte Dr. Peter Furger: „Das ist ganz klar nicht auszuschliessen – könnte aber meiner Meinung nach sicher abgedämpft oder sogar umgangen werden. Voraussetzung ist aber, dass wir neue innovative Lösungsansätze – und solche existieren – und insbesondere in den Regionen zu einer besseren Kooperation finden.“ Auch der Walliser Tourismusdirektor Urs Zenhäusern spricht Klartext: „Die kleinen Gebiete müssen Visionen entwickeln. Sich von Saison zu Saison zu retten ist keine Vision.“ Visionen sind also gefragt – und diese sollen nicht nur den kleinen Skigebieten zu Gute kommen. Die Bedeutung eben dieser Gebiete reicht nämlich weit in das Reich der grossen Skiarenen hinein, wie Furger bedenkt: „In der Tat haben die kleinen und mittleren Skigebiete auch eine wichtige Funktion inne, sie sind sogenannte „Breeder“, d.h. Brutkästen, die den Nachschub für die grossen Skigebiete sicherstellen sollten.“ Die ersten Stehversuche auf den Skis macht man halt immer noch im Gebiet vor der Haustüre – und nicht in den grossen Skiarenen. Studien warnen zudem: Wer bis 14 nicht für den Wintersport gewonnen werden konnte, betreibt ihn auch später kaum. Hunderte Freizeitangebote locken zudem die Jungen von den Pisten weg. Flugtickets zu Spottpreisen machen ferne Badeorte zu direkten Konkurrenten der Skigebiete. Folge: Der Skitourismus bangt um seinen Nachwuchs. Die seit Jahren konstant 2,7 Millionen Schweizer Skifahrer werden immer älter. Altersdurchschnitt derzeit: 38 Jahre!

„Überlaufbecken“
Der renommierte Tourismusexperte Thomas Bieger von der Universität St. Gallen sieht indes noch eine weitere Funktion, welche kleine Stationen inne haben: „Kleinere Gebiete, nicht zuletzt in entfernten Regionen, haben die Funktion von „Überlaufbecken“. Bei hoher Nachfrage können Kunden in kleinere und ruhigere Gebiete ausweichen, was die Aufenthaltsqualität erhöht.“ Für Tourismusdirektor Urs Zenhäusern ist klar, dass die kleinen Skigebiete eine wichtige Rolle für den Erfolg der grossen Stationen spielen, „da nur durch einen weitreichenden Breitensport die Bedeutung des Wintersports erhalten werden kann.“

Alpines Überangebot
Einerseits sind also die kleinen Sta-tionen wichtig für den Erfolg der grossen Gebiete und haben somit Einfluss auf den Tourismus als Ganzes. Andererseits wissen kleinere Gebiete kaum, ob sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren noch am Leben sind. Bedeutung, Anspruch und Realität klaffen weit auseinander. Thomas Bieger ist denn auch überzeugt, dass einzelne Gebiete aus dem Markt austreten müssen: „Wir haben heute, gemessen an der Entwicklung der Skier Days, Frequenzen und der Transportkapazitäten ein Überangebot im alpinen Wintersport.“ Auch für Dr. Peter Furger müssen die kleinräumigen Strukturen im Oberwallis optimiert und den Entwicklungen angepasst werden. Eine verstärkte Zusammenarbeit und Kooperation unter den Stationen sei unumgänglich. Konkret äussert sich Dr. Peter Furger über die Skigebiete der Schattenberge: „Auch die Gebiete Unterbäch, Eischoll und Bürchen–Törbel werden über eine verstärkte Zusammenarbeit nachdenken müssen“, so Furger. In Unterbäch sind die Zahlen im Vergleich zum letzten Jahr leicht zurückgegangen. „Jedoch nicht markant“, so Verwaltungsratspräsident Peter Holinger. Holinger ist sich bewusst, dass es auch in den Schattenbergen ohne verstärkte Kooperation nicht geht: „Wir wollen die Zusammenarbeit mit Bürchen noch verstärken. Einzelne Gespräche haben bereits stattgefunden.“ Neben der verstärkten Zusammenarbeit werden auch Beschneiungsprojekte lanciert: „Wir werden im oberen Teil in Beschneiungsanlagen investieren. Das Projekt läuft gut, sowohl von der finanziellen wie auch von der administrativen Seite her“, so Holinger gegenüber der RZ. Auch in Visperterminen steht ein Investitionsprojekt für die Erweiterung und Professionalisierung der Beschneiungsanlage an. Verwaltungsratspräsident Dr. Berno Stoffel zeigt sich überzeugt: „Kleine und mittlere Skigebiete im Oberwallis haben Zukunft als Einsteigergebiete. Familien mit kleinerem Budget können es sich nicht leisten, in den grossen Destinationen ihre Skiferien zu verbringen.“ In Visperterminen erwartet man ein um etwa fünf Prozentpunkte besseres Ergebnis als in der letzten Saison.

Münster: Partner gesucht
Weniger erfreulich sind die Zahlen aus Bellwald. Obwohl man während der ganzen Saison passable und teilweise sogar sehr gute Pistenverhältnisse hatte, wird mit einem Umsatzrückgang von acht bis zehn Prozent gerechnet. „Hauptsächlich fehlen die Einnahmen der Tagesgäste aus der Region, die dieses Jahr auf Grund der frühlingshaften Verhältnisse im Tal weniger Skifahren gingen“, so Andreas Wyden von den Sportbahnen Bellwald Goms AG. Mit ähnlich hohen Einbussen rechnen die Verantwortlichen der Skilifte Gspon AG. Fast schon dramatisch kommen dahingegen die Zahlen aus Münster daher: Die Einnahmen sind um 60 Prozent tiefer als im letzten Jahr. Hanspeter Hutter der Skilift AG Feld: „Wir sehen uns als Kundenlieferanten für die grossen Skigebiete. Aus diesem Grund strebe ich auch eine Partnerschaft mit einer grossen Destination an. In Frage kommt dabei für uns das Aletschgebiet.“ Dr. Peter Furger ortet aber noch ein weiteres Problem der regionalen Tourismusanbieter: „Der Markt mit den Tagestouristen stagniert, unsere Strukturen sind jedoch mehrheitlich auf genau diesen Markt ausgelegt. Wir müssen unbedingt das Potential der Aufenthaltstouristen besser ausnützen.“ Dazu müsse die Wohnungsvermietung professionalisiert werden. „Dies wäre durch sogenannte Vermietservices möglich. Die Betten müssen besser belegt werden – das ist für die Skigebiete entscheidend.“

Spezialisierung notwendig
Die aufgeführten Fakten machen klar, dass es für die kleinen und mittleren Skigebiete im Oberwallis nicht leichter werden wird. Im durch schneearme Winter ausgelösten Wettrüsten der grossen Destinationen können die kleinen Stationen nicht mithalten. Der St. Galler Tourismusexperte Thomas Bieger über die Möglichkeiten: „Kleine und mittlere Skigebiete, die vor allem auf den Aufenthaltstourismus angewiesen sind, müssen sich spezialisieren. Freeride-Gebiete, Familiengebiete oder Hundegebiete wären Ideen. Ebenfalls müssen sie Beherbergungskapazitäten erhalten und sich den Zugang zu professionellen Verkaufskanälen sichern.“ Andreas Wyden von den Bellwald-Bahnen hofft zudem auf das neue Tourismusgesetz: „Ich gehe davon aus, dass das neue Tourismusgesetz neue Finanzierungsformen ermöglicht. So sollten Abgaben pro Ferien- oder Zweitwohnungen eingeführt werden. Diese Mittel müssten für den Aus- und Umbau und die Erneuerung der touristischen Anlagen eingesetzt werden können.“

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