Quelle: FAZBrennerpass: Giovanni Volfgango würde sich sehr wundern
Von Georg Weindl
12. November 2007
Es ist ein gefälliger Sonntag im Herbst, so wie man ihn als Wanderer gerne in den Bergen verbringt, vielleicht für den letzten Gipfelsturm des Jahres. Auf der Passhöhe des Brenners jedoch denken die Urlauber an ganz andere Erfolgserlebnisse. Sie streifen mit Schnäppchenkennerblick durch die engen Gassen des kleinen, gleichnamigen Ortes. „Guck mal, das Hütle da vorne, das muss ich haben“, ruft eine gesetzte Frau über die Straße zu ihrem Mann und verschwindet flink in einem Souvenirladen. Sonntag ist am Brenner Einkaufstag, so ist es schon immer gewesen, zumindest seit auf diesem wichtigsten Alpenpass urlaubsreife Menschen unterwegs sind. Hier finden sie Marktstände mit billiger Freizeitmode, Gürtel und Taschen, die irgendwo in Fernost kostengünstig produziert werden. Es gibt Weinläden, vor denen dickbauchige Flaschen mit Kalterer See und Valpolicella stehen, deren Inhalt in keinem Gourmetführer Gnade fände. Dazwischen breiten sich Imbissbuden mit Fastfood und Pizza aus. Gleich gegenüber vom „Weinhof zum Willy“ stehen Leute für Hamburger und Meraner Würstel an. Schnell muss es gehen am Brenner, einfach und billig muss es sein.
Geisterort und Shoppingmeile
Am Rande der dicht zugeparkten Einkaufsstraßen stehen die verwaisten Häuser, in denen früher Zöllner und Carabinieri wohnten. Damals, als der Brenner noch Grenzstation war, gab es hier viel zu tun. Reisende und Waren wurden kontrolliert, und natürlich wurde Geld gewechselt. Doch auch die Wechselstuben sind leer oder zu Souvenirläden umfunktioniert. Was den Ort heute ausmacht, ist die eigentümliche Mischung aus Geisterort und Shoppingmeile, ein Ort ohne erkennbares Zentrum, mit einer modernen Kirche in der Mitte gleich neben dem sehr kühlen Rathaus, ganz am Rand die alte Kirche mit dem kleinen Friedhof. Viele Einheimische sind abgewandert. Die anderen hoffen auf bessere Zeiten - und sie scheinen nun vor der Tür zu stehen. Denn mitten im Ort hat sich ein mächtiger Bau breitgemacht, der von der Nordseite wie ein gestrandetes Schiff aussieht. Viel Glas und Glitzer künden an, dass hier eine neue, bessere Welt entstehen soll: Ende November öffnet das „Designer Outlet Brennero“, eine funkelnde Einkaufswelt mit fünfzig Läden auf zehntausend Quadratmetern, mit Erlebnisgastronomie, wie das heute heißt, und mit einem riesigen Parkhaus für 1.200 Autos und Busse. Dieses ist dringend notwendig, denn Parkplätze gibt es heute schon viel zu wenige. Und schließlich soll das Outlet-Center viel mehr Menschen anlocken als bisher.
Hinter dem Einkaufszentrum steht eine Gruppe von Nordtiroler und Südtiroler Geschäftsleuten, die 25 Millionen Euro investiert haben, 350 neue Arbeitsplätze versprechen und mit einer halben Million Besucher pro Jahr kalkulieren. Das hören die Menschen hier genauso gern wie die Kommunalpolitiker, etwa Christian Egartner, der Bürgermeister der Ortschaft Brenner, der als Bauunternehmer an dem Outlet-Center beteiligt ist. Vertraut wird - wie bei solchen Projekten üblich - auf gehobene Markenware zu günstigen Preisen. Viel Italienisches ist dabei, denn das liebt die Kundschaft. Die Einheimischen diskutieren kaum über den Sinn des Großprojekts, über optische Belange, über das harmonische Einfügen des Bauwerks in das Dorf. Es könne ja nur schöner werden, sagt ein Mann, und jeder, der ein paar Schritte durch den Ort gelaufen ist, muss ihm da recht geben. Auch bei den Händlern überwiegt der Optimismus. Natürlich wird sich der Besucherstrom auf das Outlet-Center konzentrieren. Doch einige einheimische Geschäftsleute werden sich dort niederlassen, und die anderen vertrauen wohl darauf, dass mehr Menschen mehr Umsatz für alle bringen werden.
Dichterfürst im Abseits
Das Zentrum ist nur der erste große Schritt zur Wiederbelebung des alten Grenzortes. So soll bis 2009 der Bahnhof saniert sein. Das lange graue Gebäude gleich gegenüber dem Outlet-Center symbolisiert mit seinem ramponierten Zustand den Niedergang des Ortes. Nach der Renovierung soll die lieblose Durchgangsstation zur Sehenswürdigkeit avancieren. Anstelle der tristen Läden und Marktstände werden auch hier feine Boutiquen im Mittelpunkt stehen. Es wird sich also alles noch stärker als bisher ums Einkaufen drehen. Dass man mit dem Brenner auch Kultur und Geschichte verbinden kann, ist schon lange Nebensache. So wie die Bustouristen aus dem Bayerischen, die auf der Suche nach Speck und Rotwein ausströmen, hat hier kaum jemand einen Blick übrig für den alten Grenzstein neben dem ehemaligen Zöllnerhaus oder für die Gedenktafel zu Ehren der Durchreise von Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1786, der im Italienischen Giovanni Volfgango heißt. Vielleicht werden sich ein paar Radtouristen des Dichterfürsten erinnern, wenn im nächsten Jahr der Radweg zwischen Brenner und Bozen vollendet sein wird.
Das Schicksal des Brenners als kommerziellen Durchlauferhitzers scheint besiegelt. Hier bleibt man stehen, um einzukaufen. Es ist kein Platz für Sentimentalitäten, auch wenn es so schön angefangen hat, damals in den frühen Jahren des Italien-Tourismus: die ersten Sonnenstrahlen des Südens, der erste Cappuccino in der Raststätte gleich nach Sterzing. Der schmeckt jetzt auch daheim.
Informationen im Internet unter www.dob-brennero.com.
Text: F.A.Z., 08.11.2007, Nr. 260 / Seite R2
Brennerpaß: 25 Mio. €-Investition in Einkaufszentrum
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Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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