Quelle: FAZAlpen: Kommt der Schnee, kommt der Gast
Von Georg Weindl
Schneekanonen und Sonnenschein: In Grindelwald ist die Skisaison eröffnet
15. Dezember 2007 Es ist jedes Jahr dieselbe Prozedur: Das Warten auf den Schnee beschäftigt die Tourismusverantwortlichen und Sportartikelhändler ebenso wie Millionen von Wintersportlern und vereint sie in der Sehnsucht nach weißen Gebirgslandschaften. Dass die Sehnsucht in dieser Saison besonders groß ist, hat mit dem vergangenen schneearmen Winter zu tun, von dem die einen behaupten, er sei eine Konsequenz des Klimawandels, während die anderen von einem Ausnahmewinter sprechen, wie er immer wieder einmal vorkommen kann. Darüber wurde in den Sommermonaten heftig diskutiert, ohne eine eindeutige Antwort zu finden. Außer Zweifel aber steht, dass in der neuen Wintersaison Schneesicherheit das alles beherrschende Zauberwort ist. Es überragt sogar die flotten Sprüche von Pistenspaß und Après-Ski-Gaudi, von Wellness-Zauber und Bergromantik, wie man sie von früheren Werbekampagnen kennt. Da kann die Schneebar noch so hip, der DJ noch so ausgeflippt sein, da helfen keine tibetischen Klangschalen und raffinierten Wellness-Arrangements für Verliebte, und da trösten auch keine opulenten Büfetts und Gourmetmenüs, wenn draußen die Wiesen grün und die Lifte außer Dienst sind. Denn der Winter ohne Schnee ist kein Winter.
Der Absatz an Schneekanonen dürfte in diesem Jahr so gut wie selten gewesen sein. Denn aufgerüstet wurde fast überall. Allein die österreichische Seilbahnwirtschaft investierte 127 Millionen Euro in Beschneiungsanlagen, was man angesichts des Umsatzrückgangs von sieben Prozent im vergangenen Winter gut verstehen kann; interessant ist dabei, dass in Österreichs Skigebieten nicht etwa die Logisgäste ausgeblieben sind, sondern die Tagesausflügler. Beschneit wird inzwischen das ganze Land vom Gletschergebiet bis zum kleinen Skidorf im Voralpenland, die Zahl der Pisten mit Schneekanonen liegt bei knapp 60 Prozent - eine imponierende Zahl und doch nichts im Vergleich zu Südtirol, das traditionell Pioniergeist in Sachen Pistenbeschneiung beweist. Der Skiverbund Dolomiti Superski mit seinen zwölf Skigebieten und 1200 Pistenkilometern wirbt mit 90 Prozent beschneibaren Abfahrten. Eines ähnlichen Werts können sich in Österreich nur wenige Gebiete rühmen, etwa Saalbach-Hinterglemm mit seinen 450 Schneemaschinen. Und im französischen Gebiet Portes du Soleil wurde für 2,4 Millionen Euro die größte Kunstschneeanlage Frankreichs installiert, die nun zwölf Hektar Piste beschneien soll.
Keine Trendwende in Bayern
Von solchen Zahlen können die Verantwortlichen in den deutschen Skigebieten nur träumen. Viele müssen ganz ohne Beschneiung auskommen, einige hatten im vergangenen Winter keinen einzigen Skitag. Orte wie das Sudelfeld, das es anstelle der üblichen 160 Betriebstage nur auf 60 brachte und damit das schlechteste Saisonergebnis seit 35 Jahren verzeichnete, hatten sogar noch Glück. Im Vergleich zur Infrastruktur der Nachbarländer haben die meisten Orte in den Bayerischen Alpen den Anschluss längst verpasst. Aus der Not umwerben sie mit ihren oft uralten Liften aus den fünfziger Jahren den preisbewussten Gast, der eine eher anachronistische Form der Gemütlichkeit sucht. Doch es gibt auch Orte, die überaus innovativ sind, zum Beispiel der Spitzingsee, wo man mit tatkräftiger Unterstützung des Bier- und Hotelmagnaten Stefan Schörghuber kräftig investiert und in diesem Winter abermals zusätzliche Beschneiungsanlagen installiert hat. Auch ein neues Pistenleitsystem und ein ausgebauter Snowpark unterstreichen die Ambition des Gebiets. Um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wintersportorte zu erhöhen, ist derzeit einmal mehr im Gespräch, die steuerlichen Nachteile der deutschen Seilbahnen gegenüber der Konkurrenz zu beseitigen. Doch noch ist vieles Gerede. Für diesen Winter darf man also in den bayerischen Bergen noch keine Trendwende erwarten.
Schneesicherheit kostet viel Geld. Eine einzige Kanone, von denen in großen Skigebieten bis zu 500 im Einsatz sind, schlägt mit 35000 Euro zu Buche. Hinzu kommen die Betriebskosten. Die Preise für Skipässe steigen deshalb in dieser Saison teilweise recht spürbar, in manchen Gebieten um bis zu vier Prozent. Das wiederum wäre nun eine Chance für kleinere, preisgünstige Gebiete, beim kostenbewussten Gast zu punkten. Doch der, so hat es den Anschein, legt mehr Wert auf gute Pisten als auf Schnäppchen im Schnee. "Wir spüren vor allem bei Reiseveranstaltern einen deutlichen Trend bei den Buchungen zu höher gelegenen Zielen", sagt Wilma Himmelfreundpointner vom Tourismusverband in St.Anton am Arlberg.
Skilehrer zu gewinnen
Ein billiges Vergnügen ist der Skisport ohnehin nicht, weshalb man zunehmend versucht, den Kunden mit zusätzlichen Anreizen bei Laune zu halten - zum Beispiel mit einem Abfallprodukt der mittlerweile fast überall voll elektronischen und computergesteuerten Skipasssysteme. Mobile Informationsangebote fürs Handy sind bei den Topgebieten inzwischen fast Standard. Wetter- und Liftinfos oder Veranstaltungstipps kann man sich aktuell senden lassen. Eine andere Form der Kundenbindung sind die individuellen Skistatistiken. Bei Dolomiti Superski kann man sich über das Internetportal des Liftverbunds anhand der Skipassnummer ausdrucken lassen, welche Lifte, wie viele Kilometer und Höhenmeter man absolviert hat. Auch im Skigebiet Schlick im Stubaital gibt es die Möglichkeit, noch am Abend desselben Tages mit der Key Card seine persönlichen Leistungsdaten abzurufen.
Trotz dieser Anreize hält der Exodus auf den Pisten an. Nicht wenige Skifahrer sind in den vergangenen Jahren zu anderen Sportarten gewechselt, suchen das authentische Naturerlebnis und entscheiden sich für Skitouren oder das Langlaufen statt des klassischen alpinen Skifahrens. Vielleicht hat das die Schweizer dazu veranlasst, die Skilehrer des Landes in den Mittelpunkt ihrer diesjährigen Kampagne zu stellen. Ihr Dachverband feiert dieses Jahr sein fünfundsiebzigjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass können potentielle Gäste in einem Wettbewerb den schönsten Skilehrer küren und als Hauptpreis einen Urlaub samt privatem Skilehrer gewinnen. Erstaunlicherweise ist bei den Schweizern nichts über einen Wettbewerb der schönsten Skilehrerin zu finden, was die Zielgruppe und damit das Marketingpotential dieser Aktion deutlich erweitern würde.
Feinschmecker im Hochgebirge
Die schweizerische Schönheitskonkurrenz ist symptomatisch für das weit verbreitete Bemühen, den Gast mit sinnlichen Arrangements zu becircen. Skifahren als monothematische Freizeitveranstaltung ist passé, wobei nur die wenigsten Orte ihr Freizeitangebot so aufblähen wie Ischgl in Tirol, der Pionier des Winterspaßurlaubs. In diesem Jahr hat man zum Saisonauftakt fürs schon traditionelle Großkonzert im Schnee Rihana verpflichtet, den neuen Topstar der Popszene, der wie eine Mischung aus Janet Jackson und Verona Feldbusch-Pooth aussieht. Kurz darauf wird zum Playboy-Weekend samt Fotoshooting mit Bunnies und Playmates geladen, was vermutlich zu einem drastischen Männerüberschuss in den einschlägigen Lokalitäten führen wird. Man kann die Nächte auch ruhiger und romantischer verbringen, zum Beispiel im Iglu. Die frostigen Unterkünfte werden mittlerweile quer über die Alpen in vielen Orten gebaut und als Nachtquartier angeboten. Wem das nicht reicht, der kann sich zum Beispiel in Val d'Isère mit dem Motorschlitten zum Iglu fahren lassen, dort sein Fondue löffeln und dann - von Fackeln heimgeleuchtet - auf Skiern talwärts fahren. In Combloux wird man nächtens mit einem Pistenfahrzeug bergwärts transportiert und tafelt oben mit Blick auf den Montblanc, wenn es das Wetter zulässt.
Gut gegessen wird aber nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Österreich. Der erfreuliche Trend zu gehobener Gastkultur in den Bergen sorgt für attraktive Optionen zur trostlosen Systemgastronomie in vielen Skigebieten. Auf der Zugspitze wird in dieser Saison auf 2800 Meter Höhe das Restaurant "Gletschergarten" eröffnet. In dem Glasrondell isst man künftig mit Showküche und Panoramablick. In Ischgl öffnet das extravagante Restaurant "Salaas" mitten im Skigebiet seine Pforten. Und auf dem Stubaier Gletscher bittet Sarah Wiener im Januar in der "Goldenen Gams" zu Tisch. Dass immer mehr Winterurlauber auf Erbsensuppe und Schnitzel mit Pommes zugunsten gehobener Kulinarien und entsprechendem Ambiente verzichten und sich das auch gerne etwas kosten lassen, ist längst mehr als eine flüchtige Mode. Das Viersternehaus "Kristallhütte" im Zillertal oder das Design-Berghotel "Las Vegas Lodge" in Alta Badia unterstreichen das mit ihrem Erfolg - sie sind seit ihrer Eröffnung vor einigen Jahren fast immer ausgebucht.
Der reine Luxus
Gute Nachrichten für zahlungskräftige Kunden gibt es auch aus St.Moritz, wo das Hotel Carlton neu eröffnet worden ist. Den achtzehnmonatige Umbau zum ersten Luxussuitenhotel der Alpen hat man sich mehr als sechzig Millionen Franken kosten lassen. Und noch eine gute Neuigkeit kommt aus dem Engadin: In dem noblen Skiort offeriert man jetzt eine eigene Modekollektion namens "St. Moritz - pure Luxury", was für alpenländische Ziele neu, in nordamerikanischen Skiorten allerdings schon seit vielen Jahren Praxis ist. Das dürfte allerdings kaum der Grund dafür sein, dass in dieser Saison die Buchungen für Skireisen nach Nordamerika regelrecht boomen. Mit bis zu zwanzig Prozent Plus rechnet man beim Spezialveranstalter Stumböck Club und sieht neben dem günstigen Dollarkurs auch die schlechte Schneelage in den Alpen während der vergangenen Saison als Grund für die Nachfrage. In den Rocky Mountains gab es damals an etlichen Orten Rekordschneefälle. Was dort freilich an Schneehöhen vermeldet wird, dürfte den einen oder anderen mitteleuropäischen Skifahrer leicht verwirren. Die Nordamerikaner addieren gerne die Schneefälle der gesamten Saison und landen dann bei bizarren Werten von 700 bis 800 Zentimetern. Haushohe Schneewände findet man dort trotzdem nicht.
In den Alpen können dank der ergiebigen Schneefälle im November auch die nervöseren Zeitgenossen unter den Tourismusunternehmern und Sportartiklern jetzt etwas ruhiger schlafen. Vielleicht wird es ja doch ein normaler Winter - fast ein normaler Winter, denn mit dem Ostertermin am 23. März steht eine der kürzesten Saisonen seit Jahrzehnten bevor. Und dagegen helfen auch keine Schneekanonen.
Text: F.A.Z., 13.12.2007, Nr. 290 / Seite R2
Bildmaterial: REUTERS
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Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
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