Innsbruck: Von der Uni in die Halfpipe

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snowflat
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Innsbruck: Von der Uni in die Halfpipe

Beitrag von snowflat »

FREERIDER-PARADIES INNSBRUCK: HipHop in der Halfpipe

Von Tim Tolsdorff

Kicker, Rails und Halfpipes - im Geländepark von Innsbruck können sich Freerider und Snowboarder austoben. Zu HipHop-Beats und Gitarrenriffs stürzen sich die Brettkünstler durch die Rinnen und Abhänge des Nordparks. Das Beste: Der alpine Abenteuerspielplatz liegt gleich hinter der Uni.

Es ist acht Uhr morgens, die Statistik- Vorlesung an der Universität Innsbruck gut gefüllt. Konzentriert lauscht Philipp Baumgaertel den Ausführungen des Dozenten. Der 23-jährige Student kommt aus Deutschland und studiert Betriebswirtschaft in der Hauptstadt Tirols. Während im Flachland die Studenten zu dieser Zeit oft noch in den Federn liegen, sitzen Philipp und viele seiner Kommilitonen im Ski- oder Snowboarddress im Hörsaal und pauken den zähen Stoff in sich hinein. Die Belohnung für die Mühe wartet gleich nach dem Ende der Vorlesung: Der Berg ruft. Genauer gesagt der Hausberg Innsbrucks, die Seegrube. Dort befindet sich Innsbrucks alpiner Abenteuerspielplatz, der Nordpark.

Kaum endet der Dozent, springen die Studenten auf, greifen sich ihre zuvor im Gang deponierten Boards und Ski und machen sich auf den Weg zur Talstation der Bergbahn, die nur wenige hundert Meter von der Universität entfernt im Zentrum der Stadt liegt. "Es ist einfach genial, in so kurzer Zeit aus der Stadt auf den Berg zu kommen", sagt Philipp, nachdem er die Kabine der Bahn bestiegen hat. "Nur an Tagen mit Neuschnee ist die zentrale Lage ein Problem. Dann kann es beim Kampf um die ersten Plätze sogar zu Handgreiflichkeiten kommen", ergänzt sein Mitbewohner Max.

An diesem Tag bleibt alles ruhig. Der letzte Schneefall liegt schon etwas zurück, weshalb viele Freerider im Tal bleiben. In der Bergbahn sind die Einheimischen in der Minderzahl. Kein Wunder, denn so wie Philipp und sein Mitbewohner suchen sich Ski- und Snowboard-Freaks aus aller Welt Innsbruck als Ort zum Arbeiten oder Studieren aus. In den Cafés und Clubs der Stadt und auf den zahlreichen Partys feiern die Österreicher dann mit Kommilitonen und Gleichgesinnten aus Deutschland, Norwegen oder Island. Auch in der Gondel auf die Seegrube werden Schneelage oder Wettersituation auf Englisch, Deutsch und im Tiroler Dialekt zugleich diskutiert.

HipHop-Beats samt grandiosem Panorama
15 Minuten später und rund 1400 Metern höher erreicht die Seilbahn die Station Seegrube. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel, die Hänge der Nordkette sind in makelloses Weiß gehüllt. Hier oben bietet sich ein grandioses Panorama: Am Horizont erhebt sich die vergletscherte Hauptkette der Tiroler Alpen in die dünne Luft oberhalb von 3000 Metern, davor windet sich die Brenner-Autobahn Richtung Italien. Im Talgrund mäandert der Inn grünlich schimmernd durch die Alpenmetropole.

Die akustische Begleitung dieser visuellen Offenbarung besteht aber nicht aus der standesgemäßen majestätischen Stille, sondern aus HipHop-Beats und Gitarrenriffs. Die Quelle der Musik liegt im riesigen Geländepark, der sich oberhalb der Station Seegrube erstreckt. Diese Spielwiese für Snowboarder und die "New School" der Skifahrer besteht aus Kickern, Rails, einer 120 Meter langen Halfpipe und wird zu Beginn jeder Saison aus Tonnen von Schnee neu gebaut.

Der Leistungsstand der Fahrer im Park ist heterogen: Mehr oder weniger ambitionierte Hobbysportler wagen ihre ersten Sprünge, während gesponserte Vertragsfahrer hier oben an den neuesten Tricks feilen und die Grenzen der noch relativ jungen Sportart neu stecken. Die Atmosphäre ist entspannt und freundschaftlich, die stärkeren Rider geizen nicht mit dem ein oder anderen Techniktipp. "Das ist schon eine coole Szene hier oben", meint Phillip, "die Verbindung von Sport und chilliger Atmosphäre direkt über der Stadt macht einfach Spaß." Dann verabschiedet er sich in den Geländepark und ist kurze Zeit später in der Halfpipe zu sichten.

Der gemeinsame Geist zeigt sich auch nach außen, das Motto lautet "Sehen und gesehen werden". Die junge Wintersportgeneration definiert sich nicht nur durch ihre sportlichen Aktivitäten, sondern verbindet damit einen ganzen Lebensstil. Äußerlich sieht man das vor allem an der Kleidung. Jacken mit militärischen Tarnmustern werden mit atmungsaktiven Hosen im szenigen Baggy-Look kombiniert, die ihren Trägern oftmals auf den Hüften hängen. Accessoires wie Nietengürtel und iPods beweisen, dass die Protagonisten auch am Berg nicht auf modische Ikonen des urbanen Lebens verzichten wollen.

Alles begann zur Winteruniversiade 2005
Der Geländepark ist dafür verantwortlich, dass die Seegrube unter dem Label Nordpark zu einem der Szenetreffs für die wintersportliche Avantgarde mutiert ist. Diese Entwicklung des einstmals beschaulichen Skigebiets begann vor knapp drei Jahren und war einem glücklichen Zufall geschuldet, der sich in Form der Winteruniversiade 2005 manifestierte. "Für die Freestyle-Wettbewerbe wurde ein Geländepark benötigt, der internationalen Ansprüchen genügt", sagt Thomas Schroll, Geschäftsführer der Nordpark Errichtungs- und Betriebs GmbH. Das neue Angebot sei schließlich auf eine solch überwältigende Resonanz getroffen, dass man den Park institutionalisiert habe.

Das zweite große Standbein des Nordparks ist die Attraktivität des Gebiets für Freerider und Tourengeher. Denn über der Seegrube hält das Gebirgsmassiv der Nordkette hochalpines Gelände für Tiefschneefreaks und Steilhangartisten bereit. "Wir entgehen weitgehend einer Konkurrenzsituation mit den großen Skigebieten der Umgebung, indem wir uns auf den Geländepark und die Freeride-Möglichkeiten an den Flanken der Nordkette konzentrieren", so Schroll.

Dieses Areal erschließt die Seilbahn von der Seegrube auf das 2256 Meter hoch gelegene Hafelekar. Bereits am Eingang zur Gondel warnt ein Schild die Schneesportler vor dem extremen Gefälle und den oftmals schwierigen Schneeverhältnissen in den markierten Tourenabfahrten durch das Hafelekar und die noch steilere Seilbahnrinne. "S’ischt schon sehr ausgefahren in den Rinnen, Obacht auf freiliegende Felsen", unterstreicht der Gondelführer die Warnungen auf dem Weg nach oben.

In der fast leeren Seilbahn bereiten sich derweil zwei Snowboarder auf ihren Ritt durch eine der vielen anderen Rinnen vor. Nur mühsam sind ihnen einige Worte zu entlocken, Verschwiegenheit ist auf der Suche nach wenig befahrenen Routen Pflicht. "Wir schätzen am Nordpark vor allem die tollen Abfahrten so nah an der Stadt", meint schließlich Stoni. Der 30-jährige Wiener und sein Freund sind jedoch weniger an der Szene als am Wintersport interessiert. "Das Nightlife und die Partys in Innsbruck sind uns nicht so wichtig", ergänzt er an der Bergstation, und schon bald darauf sind die beiden in einer Traverse zu einer der weniger befahrenen Nebenrouten verschwunden.

Zurück in den Hörsaal
Die Seilbahnrinne und das Hafelekar erweisen sich in den nächsten Stunden als die angekündigte Herausforderung. Im Einstieg weisen die Routen mehr als 70 Prozent Gefälle auf. Der Körper schüttet Adrenalin aus, das Herz klopft schneller. Jetzt bloß keinen Fehler machen, schnelles Umspringen ist hier gefragt. Der Schnee ist hart und griffig, trotzdem befördert man im steilen Gelände mit jedem Schwung Ladungen von gefrorenen Schneeklumpen talwärts. Im Auslauf der Rinnen kann man schließlich die breiten Freeride-Ski laufen lassen, die Kurvenlage und der Radius der taillierten Kanten lassen die Turns auch im verspurten Tiefschnee spielerisch gelingen. Nach einigen Durchgängen sind die Beine jedoch ausgelaugt, die Entscheidung für einen Milchkaffee in der malerischen Innsbrucker Altstadt fällt deshalb leicht.

Leider reicht die Schneelage früh in der Saison noch nicht für die Talabfahrt bis zum Innsbrucker Stadtteil Hungerburg aus. Deshalb geht es wieder mit Gondel und Standseilbahn abwärts. Auch Phillipp und Max haben nach einigen Stunden im Geländepark genug, glücklich und erschöpft verlassen sie den alpinen Abenteuerspielplatz und treten die Fahrt ins Tal an. Der Heimweg wird sich für die beiden jedoch noch etwas verzögern. "Für uns geht es jetzt zurück zur Uni", sagen sie, "um 18 Uhr haben wir schließlich noch eine Vorlesung."
Quelle: SpiegelOnline
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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