Quelle: SpiegelOnlineSCHNEESCHUH-WANDERN IM MONTAFON
Auf Löffeln zum Gipfel
Schneeschuhe statt Tourenski, Iglu statt Berghütte: Ein Wochenende in der Natur hat Silvia Schmid im Montafon erlebt. Schritt für Schritt eroberte sie sich die Schönheiten der Winterwelt oberhalb von Schruns in Österreich.
Was für eine Idee, mitten im Winter nicht auf Skitour zu gehen! Es brauchte etwas Überzeugungsarbeit, um statt mit Tourenski mit Schneeschuhen ins Montafon zu fahren. Hüttenübernachtung – auch falsch! Wir spielen Eskimo. Gegenüber glänzen die grandiosen Skiabfahrten des Rätikon verlockend. Doch wir bleiben hart.
An diesem Wochenende wollen wir oberhalb von Schruns am Bartholomäberg Schritt für Schritt die Winterwelt erkunden, ohne Sklave der Abfahrt zu sein. "Oberstes Gebot: nicht ans Skifahrern denken. Bei dem Bruchharsch wird euch das ja auch nicht schwer fallen", rät Markus, als er uns hilft, die Schneeschuhe richtig an unseren Bergschuhen zu befestigen. "Bei einer Skitour hast du immer die Abfahrt im Hinterkopf. Das ist bei den meisten wohl auch bei der Wahl des Ziels der bestimmende Gedanke."
Kurz und knapp: "Skitour ist Sport, Schneeschuhgehen Naturgenuss." Da zählen allein die Eindrücke unterwegs: tief verschneite Tannen, ein Bächlein unterm Eis, die Spuren eines Fuchses im Schnee, ein breiter, sonniger Bergrücken mit einem betörenden Panorama. Das alles können wir in den nächsten beiden Tagen entdecken. Tage, in denen weder Tempo noch lockende Tiefschneehänge eine Rolle spielen, verspricht Markus und weiht uns noch am Freitagnachmittag in die Geheimnisse des ruhigen Wiegeschritts ein. Unsere Eingehtour führt von Silbertal auf weitgehend ausgetretenen Wegen hinauf zum Kristberg mit der schönen Knappenkapelle St. Agatha. Eine ideale kleine Runde, um sich an das neue Gehgefühl zu gewöhnen.
Mit einem tief verschneiten Winterwald und flockig leichtem Pulverschnee werden wir am kommenden Tag nicht verwöhnt. Ein fast zwei Zentimeter dicker Harschdeckel überzieht den Schnee, der letzte Woche gefallen ist. Mit den Schneeschuhen an den Füßen wandern wir trotz schwerer Rucksäcke. ohne einzubrechen, gemütlich über weite Wiesen, durch geheimnisvolle Waldstücke und über romantisch mit Raureif verzierte Lichtungen.
Als wir den breiten Rücken erreichen, der vom Wannaköpfle sanft geneigt herunterzieht, verschlägt uns die Aussicht fast den Atem. Die markante Gipfelkette des Rätikon mit Sulz- und Drusenfluh und den Drei Türmen steht majestätisch vor uns, flankiert vom kühnen Horn der Zimba, etwas weiter entfernt der Zackengrat der Silvretta. Während wir die Aussicht genießen, kommen zwei Skitourengeher vom Gipfel. "Ihr habt heute wirklich das bessere Material", meinen sie lachend, bevor sie weiter abfahren. Langsam beginne ich, meine "Löffel" unter den Füßen richtig zu mögen.
Wir steigen noch ein Stück bergan, dann verlassen wir die Spur Richtung Gipfel und suchen uns einen einsamen, flachen Aussichtsbalkon mit ausreichend Schneereserven. Nun beginnt der abenteuerliche Teil unseres Natur-Pur-Wochenendes: Der Bau eines Iglus. Ob das bei diesen Schneeverhältnissen überhaupt möglich ist? "Alle in einer Reihe aufstellen – der Äußere und der Mittlere halten das Seil fest, der Äußere geht einen Kreis", kommandiert Markus, der seit 15 Jahren Iglus baut.
Iglu mit Kirchturm
Schon ist der Grundriss unseres eisigen Eigenheims in den Schnee gezeichnet, "die Baustelle ist eröffnet." Peter ist für das "Schneeziegelwerk" zuständig, Markus steht im Inneren, als Mauerer und Baukünstler, wir anderen schwitzen als Träger in der warmen Wintersonne. Reihe um Reihe schichten wir die erstaunlich festen Ziegel übereinander, Markus "verkittet" sie und dichtet Hohlräume ab. Ein Schluck aus der Flasche, weiter geht’s. "Die Eskimos würden sich totlachen", meint Heiko, als er das immer spitzer werdende Bauwerk betrachtet. Ein Iglu mit Kirchturm? Aus der dicken Schneemauer, ragt nur noch der Kopf von Markus, die kritische Phase beginnt: die letzten entscheidenden Ziegel.
"Woff", unser Maurerwerk gibt jenen dumpfen Laut von sich, der jedem Skitourengeher kalte Schauer über den Rücken jagt. War alles umsonst? Markus im Inneren bleibt ruhig. "Der Schnee setzt sich, das ist ganz normal." Um 15.55 Uhr schließt der letzte Ziegel das Loch im Dach.
"Richtfest!" Markus krabbelt aus dem quasi ins "Untergeschoss" gebuddelten Eingang heraus. "Schön habt ihr das gemacht!", sagt er. Mit Tannenzapfen, Ästchen und Flechten modelliert er noch ein kautziges Gesicht über den Eingang, "Home" steht deutlich lesbar daneben. "Damit ihr wisst, wo ihr hingehört." Unsere Schneeziegelei wird mit Isomatten umfunktioniert zu einer bequemen Sonnenbank, doch wir dürfen uns nur kurz von der "Sklavenarbeit" erholen.
"Auf geht’s, es gibt noch viel zu tun", motiviert uns Markus. Wir schnallen unsere Schneeschuhe wieder an und stapfen auf der Suche nach trockenem Holz für unser abendliches Lagerfeuer weit durch den Wald. Unaufhaltsam nähert sich die Sonne der Zackenreihe der Gipfel, bis sie dicht neben der Zimba versinkt und den Himmel kurzfristig vergoldet. Schlagartig wird es kalt, die Welt scheint eingefroren. Zwei Stunden über der Zivilisation herrscht eine atemberaubende Stille, die einen Moment lang keiner zu stören wagt.
Das Mauerwerk hält
Als unser Lagerfeuer langsam verglüht, treibt uns der Hunger ins Iglu. Über dem Gaskocher beginnt der Käse im Topf langsam zu schmelzen und verwandelt sich in ein äußerst schmackhaftes Fondue, in Plastiktassen wird Weißwein dazu serviert. Inzwischen fühlen wir uns im eisigen Gemäuer ganz zu Hause. Bevor wir in unsere Schlafsäcke kriechen, verbarrikadiert Markus den schmalen Gang zur "Haustüre" mit Rucksäcken, "damit es schön warm bleibt". Müde und satt schlafe ich erstaunlich schnell ein.
"Plopp, plopp, plopp." Es ist stockdunkel, als ich aufwache. So muss sich eine Ölsardine fühlen. Dicht gedrängt liegen wir in Reih und Glied. Es ist warm. So warm, dass Schmelzwasser auf meinen Schlafsack tropft. "Plopp, plopp, plopp – woff." Wieder dieses furchterregende Geräusch. Was, wenn das ganze Ding jetzt über uns einstürzt? Könnten wir uns überhaupt selbst retten? Schließlich schlafe ich doch wieder ein.
Als uns Markus zum Sonnenaufgang weckt, steht unser Iglu noch immer. Langsam schafft es die Sonne die Silvrettaberge zu überwinden. Auf dem Gaskocher zieht der Tee, das restliche Brot vertilgen wir zum Frühstück. "Steig hinauf und schau, ob du es kaputt bekommst", sagt Markus gelassen, als ich ihm von meinen nächtlichen Befürchtungen erzähle. Vorsichtig steige ich dem Iglu aufs Dach. Nichts passiert. Auch hüpfen hilft nichts. Zur Verstärkung kommen Heiko, Peter und Markus zu mir.
Nichts. Unser Mauerwerk hält. Meine nächste Nacht im Iglu ist gesichert. Wir deponieren die Rucksäcke, schließlich wartet noch der Gipfel des Wannaköpfle. Ohne Gepäck geht’s besser, schon nach einer knappen halben Stunde stehen wir oben – und haben noch lange nicht genug. Vor uns liegt der bislang unberührte Grat zum Itonskopf. Auf der flachen "Schneid" zwischen Klostertal und Montafon genießen wir Sonnenschein, Wiegeschritt und Panorama, ohne auch nur ein einziges Mal sehnsüchtig ans Skifahren zu denken.
Montafon: Auf Löffeln zum Gipfel
- snowflat
- Moderator
- Beiträge: 16035
- Registriert: 12.10.2005 - 22:27
- Skitage 25/26: 3
- Ski: ja
- Snowboard: nein
- Hat sich bedankt: 249 Mal
- Danksagung erhalten: 3473 Mal
- Kontaktdaten:
Montafon: Auf Löffeln zum Gipfel
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!