Südtirol: Wenn der Vater mit dem Sohne Ski fahren geht

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snowflat
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Südtirol: Wenn der Vater mit dem Sohne Ski fahren geht

Beitrag von snowflat »

Winter in Südtirol
Wenn der Vater mit dem Sohne Ski fahren geht


"Komm, hol' das Lasso raus", denn "Zehn nackte Frisösen" gibt es auch hier im Tauferer Ahrntal. Après-Ski-Hits kennen keine Grenzen. Doch keine Angst: Die kleine Südtiroler Gemeinde ist dabei bodenständig und gemütlich geblieben. Ein Vorteil für Familien – oder auch nur für Vater und Sohn.

Dieses Mal also mit Moritz. Alleine. Nur wir zwei, Vater und Sohn. Wie es wohl werden wird? Die Gedanken kreisen, Skifahren ist mir nämlich fast heilig. Was waren das früher alles für Skireisen... Endlos lange Bus-Billigfahrten in geniale Gebiete in Frankreich und der Schweiz, für deutlich unter 1000 Mark die Woche mit allem drum und dran. Nach Les Contamines, Portes du Soleil, Verbier oder Champéry. Skifahren bis die Bretter brachen, feiern bis der Morgen graute. Oder auch die legendären Touren mit unseren Hamburger Freunden in namhafte Skiorte Österreichs – unter 150 Pistenkilometern im Angebot ging da gar nichts.

Als sich dann bei dem einen oder anderen Nachwuchs einstellte, organisierten "die Jungs" (wir reden hier von Mitt- bis Enddreißigern) reine Männerwochenenden mit Billigflug, Mietwagen und dreieinhalb Skitagen. Viel Spaß auch ohne Frauen, doch, wirklich...
Jetzt also mit Moritz. Der kleine Knirps ist noch keine vier Jahre alt, aber nach seinen allerersten Rumrutschversuchen im vergangenen Winter schon sehr begeisterungsfähig für Papis Lieblingssport. Ein Glück. Ich warf also meine Tagträumereien von frischen Tiefschneehängen und ausufernden Après-Ski-Gelagen über den Haufen und erinnerte mich an den Tipp einer Münchner Freundin: "Tauferer Ahrntal, sehr familienfreundlich". Die Anreise war schnell geklärt, alleine mit dem Nachwuchs im Auto können 850 Kilometer von Haus zu Haus, also von Berlin nach Südtirol, ganz schön lang werden, wenn dann noch das Wetter Kapriolen schlägt, wäre ich richtig erholungsreif. Ein Flug nach München erschien mir da weitaus bequemer, dann noch drei Mietwagenstunden – und wir waren da.

Eine Burg – und kleine Ritter sind begeistert
Wie auf dem Prospekttitelfoto taucht plötzlich eine Burg über dem proper aufgeräumten Ort Sand in Taufers (italienisch: Campo Tures) auf. Moritz ist hellauf begeistert. "Viel zu viele Ritterburgen!", platzt es aus ihm heraus – bereits im Inntal und entlang der Brennerautobahn hatte ich ihn auf die zahlreichen wehrhaften Hinterlassenschaften aufmerksam gemacht. Ich muss nicht weiter erwähnen, dass jetzt gerade (wie auch an allen folgenden sieben Tagen) die "Ritter Rost und das Gespenst"-CD aus den Autolautsprechern plärrt und mein Sohn selbstverständlich als Ritter verkleidet zum diesjährigen Kinderfasching erschien (Eltern gleichaltriger Kinder mögen mir an dieser Stelle kopfnickend nachfühlen).
Das nur nebenbei. Aber schon in den ersten Minuten unserer Ankunft in Sand in Taufers wusste ich, hier liegt eine positive Aura über dem Tal. Natürlich war Moritz aufgeregt und freute sich auf eine Woche mit Papa, ohne wirklich zu ahnen wie lange eine Woche wohl so sein mag. Was er zu dem Zeitpunkt noch gar nicht ahnte, war, dass er wie zu Hause auch in den Kindergarten gehen würde. In den Skikindergarten. Kinderbetreuung von 9-16 Uhr mit zwei Stunden Skiunterricht, versprach der Katalog. Mit Mittagessen.
Doch Moritz' Vater ist ja kein Rabe, sondern Egoist: Etwas wollte er ja von seinem Sohn auch in diesen Tagen haben. Miterleben, wie das eigene Fleisch und Blut mit Sturzhelm, Skibrille, Overall, Oversize-Handschuhen und Schnallenstiefeln bis zur Unkenntlichkeit verkleidet sich auf die halsbrecherische Abfahrt machen würde, die etwa 18,5 Meter lang war und ein Gefälle von vielleicht fünf Grad aufwies. Es ist erstaunlich, zu welchen Begeisterungsstürmen Erfolgserlebnisse wie diese verleiten. Ich war ein bisschen Stolz. Und voller Hoffnung (toll, wenn er jetzt schon so fährt, vielleicht ...).

Schlepplifte sind hier absolute Fehlanzeige
Auf keinen Fall wollte ich Moritz demselben Kindergartenrhythmus wie daheim aussetzen. Ich holte ihn also vor oder nach dem Mittagessen ab, auf das nachmittägliche Spielen im kindgerechten "Mini Ski Club" und den wirklich sehr netten Betreuerinnen verzichtete ich gänzlich. Denn, wenn Moritz eines wollte, war es "Skifaahn". Mit drei Ausrufezeichen – wahrscheinlich dachte Moritz, ich würde unter meinem Helm nichts hören. Also rein in die Gondel und rauf auf den Berg. Dass Achter-Gondeln aufgrund ihres ebenerdigen Einstiegs und der Sitzmöglichkeit sehr familienfreundlich sind, hat die Liftbetreiber am Speikboden bewogen, auch einen Sessellift zu einer ebensolchen Kabinenbahn umzurüsten.
Wer jemals mit einem kleinen Menschen unter acht Jahren Schlepplift gefahren ist, weiß, warum ich innerlich jubelte, als ich weder im Skigebiet "Speikboden" noch im Pendant "Klausberg" einen einzigen Schlepper im Pistenplan ausmachen konnte. Kein T-Anker in den Kniekehlen, Yesss!
So verbrachten wir die Mittagszeit also auf blauen Pisten. An den steileren Stücken fuhr der Kleine zwischen den Beinen des Größeren, die Stöcke dienten uns beiden als waagerechte Haltemöglichkeit. Es ist kein Wunder (auch wenn es der zu Hause gebliebenen Ehefrau am Handy durchaus so vorkam), dass "unser Kleiner" schon bald alleine fahren – und, noch viel wichtiger: bremsen – konnte. Ein stückweit beruhigt organisierte ich das Nachmittagsprogramm für die folgenden Tage, Skiurlaub mit Kind ist ja nicht "Jugend trainiert für Olympia".

Von der Touristen-Information, die selbstverständlich Trillionen gute Urlaubsideen und Vorschläge parat hat, erhielt ich den Tipp, mal zur Busegge-Alm im nahen Weißenbach (Rio Bianco) hochzulaufen, dort vielleicht einzukehren und mit einem Rodel wieder zu Tale zu schlittern. 20 Minuten Gehzeit waren veranschlagt. Und da sich solche Zeiten auch immer auf Rentner beziehen, brauchten die beiden Berliner Skifahrer auch kaum länger.
Der Charme des Tauferer Ahrntals liegt neben seiner relativen Unbekanntheit (seit Mitte der 70er-Jahre sind die Skigebiete erschlossen) auch an der geografischen Gnade, eine Sackgasse zu sein. Für den Autoverkehr zumindest. In der Ferienregion Tauferer Ahrntal liegen mit "Speikboden" und "Klausberg" (für beide gibt es übrigens keine italienischen Ausdrücke) die nördlichsten Wintersportorte Südtirols. Weit genug entfernt von sich dahinwälzenden Autoströmen. Und wer auf einen Skiort mit Klang aus ist, bleibt sowieso am Kronplatz im vorgelagerten Pustertal hängen.

An den Straßenecken stehen Milchkannen
Ist schon der Hauptort Sand in Taufers mit seinen etwa 2000 Einwohnern übersichtlich, ähnelt Weißenbach nach einmaligem Durchfahren der eigenen Westentasche. Von der mitten im Schnee auf einer Anhöhe liegenden Busegge-Alm hat man einen guten Blick auf das "Bergdörfl", das ein spitzer Kirchturm markiert, an den Straßenecken stehen Milchkannen, die darauf warten, vom Milch-Transporter abgepumpt zu werden.
In der urigen kleinen Busegge-Alm also herrscht Hochbetrieb, wenn man das bei vier Tischen in der Stube an einem Mittwochnachmittag mal so sagen kann. Einheimische finden ihre Zerstreuung beim Kartenspiel- Der Kaiserschmarrn mit Preiselbeeren ist eine Wonne, der heiße Kakao schmeckt irgendwie kuhmilchiger, leckerer als sonst. Und als die Wirtin auch noch ein klitzekleines Hasenbaby den Kindern zum Streicheln bringt, Moritz es gar selbst am Schlafittchen halten darf, weiß der Vater: Das Glück eines Skiurlaubs steht nicht immer nur auf zwei Brettern.
Im Skiunterricht ist der Junior nun eine Gruppe weiter. Jetzt fährt er mit den "Großen", auch Sally, der schwarzhaarige Schwarm von Moritz aus unserem Hotel, ist in dieser Gruppe. Die Vater-Sohn-Woche wird nun vollends zum Selbstläufer. Routine hat durchaus auch Vorteile, die man zumeist unterschätzt: Ritter Rost, der Drachen Koks und das Fräulein Bö drehen alltäglich morgens und abends ihre Runden auf der Kindermusical-CD, um 9.30 Uhr etwa liefert der Alte den Jungen am Kinderclub ab, mittags fahren wir gemeinsam blaue und bald schon auch rote Pisten - in der Jausenstation liest man mir nun schon an den Lippen ab, dass ich einen heißen Kakao mit Sahne und einen Cappuccino möchte. Und das schönste am Spätnachmittag im Hotelschwimmbad ist der blubbernde Whirlpool und Papi-Untertauchen (ja, und natürlich Sally). Wo nimmt der Junge bloß diese Energie her?

Kurze Wege, keine Staus
Abgesehen davon, dass ich, wenn ich alleine Ski fahre, reichlich Abfahrten in kurzer Zeit mache, also durchaus auf meine Kosten komme, und Speikboden und Klausberg mit ihren insgesamt 14 Liften, 20 Pisten und 45 Pistenkilometern angenehm überschaubar sind, will ich auch ein wenig von der Region sehen. Die Wege sind kurz, Staus gibt es nicht, Zeit wird keine vergeudet.
Das eigentliche Ahrntal (Valle Aurina) beginnt erst auf dem Wege zwischen den beiden Skigebieten, der nicht länger als 10-15 Minuten dauert. Schon bald hinter dem 1054 Meter hoch gelegenen Steinhaus (Cadipietra), dem Einstiegsort für "Klausberg", wird das Tal zunehmend schmaler und schattiger, stetig geht es leicht bergauf. Die Straße nach Prettau (1476 Meter, Predoi) und – am Talende – Kasern (1595 Meter, Casere) ist auch eine kleine Reise in die Vergangenheit. Après-Ski-Schirmbars oder Hullygully-Discos sind hier absolute Fehlanzeige. Die wenigen Hotels und Gasthöfe spiegeln den Charme einer fast vergessenen Winterzeit. Hierher kommen nur noch Langläufer, Tourengeher, Schneeschuhwanderer Spaziergänger.
Einziges Zeugnis der Jetzt-Zeit ist das sehenswerte Naturpark-Haus Rieserferner-Ahrn. Viel Sichtbeton, Stahl und Glas sind für diese moderne Infostelle, an der die letzten einsamen Loipen Richtung Talschluss starten, verbaut worden. Interessant sind die Schautafeln und Exponate, die davon Zeugnis ablegen, dass das leben hier oben nicht immer einfach war. "Wir haben acht Monate Winter und vier Monate ist es kalt", lautet ein Spruch aus der Region, der dem Besucher automatisch Respekt abverlangt.
Eine hübsche Idee ist die riesige Glaswand am Raumende: Hier steht auf einer Holzempore ein gemütliches Sofa, das zum Blick nach draußen einlädt. Ein Panoramafoto nennt die Gipfel am Ende des Tales, dort wo es nur noch alte Schmugglerpfade gibt. Vielleicht kann ich Moritz ja eines Tages die sommerliche Seite der Bergwelt schmackhaft machen. Also, wenn es da Schmuggler gibt ...
Quelle: WeltOnline
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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