Text: F.A.Z., 14.02.2008, Nr. 38 / Seite R1Schreckgespenst Skiunfall
Von Jakob Strobel y Serra
Die sicherste Methode der sportiven Selbstverstümmelung ist das alpine Skifahren. Die Pisten sind übersät mit Krüppeln, die Krankenhäuser in den Bergen vollgestopft mit Versehrten, und wer mit heilen Knochen aus dem Urlaub im Schnee heimkommt, sollte schleunigst Sankt Bernhard von Aosta, dem Schutzheiligen der Skifahrer, ein Kerzlein in der Kirche anzünden. Diesen Eindruck gewinnt jeder, der mit schlotternden Knien vor dem Fernsehapparat sitzt und die Schreckensberichte über die Gefahren des alpinen Wintersports selbst in den semiseriösen Magazinen öffentlich-rechtlicher Sender verfolgt.
Reflexartig zeigen sie jedes Jahr im Januar und Februar Beiträge mit Hubschraubern, die spektakulär den Schnee aufwirbeln, mit kreidebleichen Unfallärzten, die von den schlimmsten Schicksalen berichten, mit Menschen in Krankenhausbetten, denen es gar nicht gutgeht - und eine Stimme mit Tremolo sagt dann immer aus dem Off: Die Zahl der Skiunfälle ist in diesem Winter wieder einmal dramatisch gestiegen!
Das ist sensationalistischer Quatsch. Die Zahlen sprechen eine vollkommen andere Sprache: Noch nie ist das Skifahren so sicher gewesen wie heute, noch nie haben sich dabei weniger Menschen verletzt. Weder der Kunstschnee noch der Siegeszug der Carving-Ski haben - anders, als immer wieder behauptet wird - die Lage verschlimmert. Ganz im Gegenteil sind vor allem die taillierten Skier ein Segen, weil sie Knochen, Sehnen und Muskeln auch der ungeübten Freizeitskifahrer enorm entlasten. Technische Fehler und Überbeanspruchungen führen jetzt viel seltener zu Brüchen, Rissen oder Zerrungen.
Zweierlei Quoten
Die wohl umfangreichste Datenbasis wertet seit vielen Jahren die Stiftung Sicherheit im Skisport aus, die dem Deutschen Skiverband angegliedert ist, Pistenunfälle in Deutschland und Österreich untersucht und dabei auf einen Zensus von 320.000 Skifahrern zurückgreifen kann. Seit der Saison 1979/1980 ist demnach die Zahl der verletzten Skifahrer kontinuierlich um 47 Prozent zurückgegangen. Gerade einmal zwei von tausend alpinen Wintersportlern verunglücken heute so schwer, dass sie stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen. Reduziert hat sich die Zahl aller Arten von Unfällen, auch Kollisionen - eine latente Lebensgefahr, glaubt man dem Fernsehen - kommen heute viel seltener vor als vor dreißig Jahren; die Quote pro tausend Skifahrer sank von 1,9 in der Saison 1979/1980 auf 1,2 im Winter 2005/2006. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung, die seit 1999 alle Skiunfälle Schweizer Bürger registriert - von einem erhöhten Risiko weiß sie nichts.
Die Quoten verletzter Skifahrer sind das eine. Die Einschaltquoten konkurrierender Fernsehsender das andere. Beides hat nichts miteinander zu tun. Viel Spaß im Schnee.
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Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS