Lawinenexperte auf Tour: Schneebrett vorm Kopf

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snowflat
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Lawinenexperte auf Tour: Schneebrett vorm Kopf

Beitrag von snowflat »

Lawinenexperte auf Tour: Schneebrett vorm Kopf

Von Roland Weidemann

Die Frage musste kommen. Trotzdem macht sie Martin Engler ein bisschen verlegen. „Nein“, gesteht er, während wir die Bindungen unserer Tourenski schließen, „das Buch habe ich noch nicht gelesen.“ Dabei hat dieser Mann so ziemlich alle Werke in sich aufgesogen, die von Wasser in kristallinem Aggregatzustand handeln. Aber Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ spielt ja auch in Dänemark. Ein Land, in dem Lawinen allenfalls von Hausdächern, aber nie von irgendwelchen Bergen nach unten donnern. Martin Engler, der im Allgäu lebt, will sich dennoch das Buch mit Fräulein Smilla besorgen. Vielleicht schon bevor der nächste Kurs „Martins Gespür für den Schnee“ startet. Eigentlich aber auch egal. Engler weiß genug über Schnee.

Zum Beispiel, warum wir zu Beginn unserer Tour auf die 2092 Meter hohe Güntlespitze vor einem Trümmerfeld aus gefrorenen Schneebrocken stehen. Mühsam staksen wir mit den Brettern an den Füßen über den zwanzig Meter breiten Lawinenkegel, der sich wie ein Lavastrom ins Tal ergossen hat. „Das war mal lockerer Schwimmschnee“, erklärt Martin. „Wenn es in den reinregnet, wird das zu Mus. Das Zeug wird schwerer und schwerer und rutscht irgendwann nach unten. Ganz von allein.“

Pulverschnee von gestern
Lockerer Schwimmschnee - den will uns Engler, der Lawinenexperte aus Untermaiselstein bei Immenstadt, heute zeigen. Deshalb ist er mit uns nach Baad ans Ende des Kleinwalsertals gefahren. Mächtige Berge türmen sich hier auf. „Schwimmschnee ist umgewandelter alter Pulverschnee“, hat Martin im Auto erklärt. „Er bildet sich, wenn es über einen längeren Zeitraum sehr kalt und innerhalb der Schneedecke noch relativ warm ist.“ Es handelt sich um die Sorte von Schnee, die in der Sonne so herrlich glitzert - der Wintermärchenschnee. Die Sorte, die aber für Tourengeher und Variantenfahrer so heimtückisch sein kann. „Wenn es da draufschneit“, meint Martin. „scheppert es. Die großen Kristalle wirken wie eine Gleitschicht.“

Laut Lawinenlagebericht hat es in den Tagen zuvor bis auf 1800 Meter geregnet. Vor uns liegt also ein langer Marsch bis zum lockeren Schwimmschnee. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint, und Martin erzählt uns beim Aufstieg, wie er als Kind mit seinen Freunden „die ersten Experimente gemacht hat“. An einem Hang hinterm Haus. „Nur so zum Spaß“ lösten die Buben dort kleine Schneebretter aus. Später spielten sie „Lawinenopfer“ und übten unbewusst die richtige Verhaltensweise im Notfall. Die Burschen lernten, mit dem Schneestrom zu schwimmen, um nicht verschüttet zu werden. 35 Jahre später spricht Engler von „Jugendsünden“. Passiert ist nie etwas.

Zwischen Faszination und Trauer
Damals schon legte er den Grundstock für sein enormes Wissen. Zum Lawinenexperten, der Mitglied des Bundeslehrteams beim Deutschen Alpenverein ist und mit der „Snowcard“ ein handliches Instrument zur Risikoabwägung entwickelt hat, war es aber noch ein weiter Weg. Nach der Schule musste Engler zuerst einen ordentlichen Beruf erlernen: Heizungsinstallateur. Seit vielen Jahren lebt der Autodidakt von Lawinenkursen, Vorträgen und dem Verkauf seines Buchs. „Die weiße Gefahr“ zählt zu den Standardwerken der Lawinenforschung.

Im Buch wie am Berg versucht Martin Engler seine Begeisterung für Schnee weiterzugeben. Für Außenstehende ist es bisweilen ein seltsames Verhältnis, eines, das sich zwischen Faszination und Trauer bewegt. Martin hat unter Schneebrettern schon Freunde verloren. Trotzdem zieht es den 45-Jährigen immer wieder in die Seitentäler der Allgäuer Alpen, wo er sich dann in sicherer Entfernung auf seine Handschuhe setzt und wartet. Wartet, bis ein Schneebrett mit lautem Donner und achtzig Stundenkilometern talwärts rast. „Ein unglaubliches Naturschauspiel“, versichert Martin.

„Angst nein, Respekt ja.“
Bis auf den Föhnsturm ist hier im Kleinwalsertal heute alles ruhig. Martin lässt uns Hangneigungen schätzen, spricht über die Wirkung von Wind und die physikalischen Gesetze der Umwandlung von Schneekristallen. Das alles klingt zuerst einmal nicht richtig bedrohlich. Er erklärt uns auch, wo man den besten Schnee für eine Abfahrt findet. „Vieles wird in den Medien übertrieben. Ich will den Leuten nicht den Spaß am Sport in dieser grandiosen Kulisse nehmen“, betont der Lawinenforscher bei unserer ersten Rast. „Angst nein, Respekt ja.“ Martin zeigt mit dem Finger auf eine Kuppe, wo er im vergangenen Winter bei einem Lawinenkurs mit einer Gruppe ein Schneebrett ausgelöst hat - absichtlich, ohne Gefahr für sich und die anderen, einfach mal so zu Anschauungszwecken. „Die Power, die dahinter steckt, hat alle schwer beeindruckt.“ Heute, enttäuscht uns der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer, lassen die Verhältnisse eine solche Demonstration nicht zu. Zu fest ist die Schneedecke.

Wir gehen weiter. Der Wind jagt locker Kristalle über die harte Schneeoberfläche. Martin Engler muss das sofort filmen. Wenig später schnallen wir unsere Ski ab, holen die Lawinenschaufeln aus dem Rucksack. Wir graben. Engler zählt die verschiedenen Schneeschichten auf, liest aus dem Profil, zieht an der obersten Scholle und demonstriert, dass die Verbindung gut ist. Er musste fest ziehen, bis sich ein Brocken löste. Bei einer anderen Konstellation kann ein einziger Schwung eines Skifahrers den ganzen Berg in Bewegung setzen.

Widerstehen Sie!
„Es hat sich ein richtiges Wettrennen entwickelt - ein makaberes“, findet Martin. Jeder will als Erster einen makellosen Hang befahren. Die Zahl der Variantenfahrer, auch Freerider genannt, ist enorm gestiegen. Die Zeit, die dem Pulverschnee gegeben wird, um sich zu setzen, hat damit direkt proportional abgenommen.

Engler ist selbst Skifahrer und weiß, wie schwer es manchmal fällt, vor der Einfahrt in einen unbefahrenen Hang nein zu sagen. Er mahnt uns, immer den Risiko-Check im Hinterkopf zu behalten. Wie steil ist das Gelände, hat der Wind Schnee reingetragen, konnte sich der Schnee dank der Sonneneinstrahlung verfestigen, und wie stark befahren war der Hang vor den Neuschneefällen? All diese Faktoren gelte es zu beachten. Engler spricht von Risikomanagement. „Manche Hänge sind bei Warnstufe vier der fünfstufigen Skala zu befahren. Andere sind schon bei Stufe zwei zu riskant.“

Zeit für den Rückzug
Je höher wir kommen, desto heftiger wird der Sturm. Von Westen ziehen zudem Wolken auf. Wir sind knapp 150 Höhenmeter unterhalb der Güntlespitze, als sich Martin vor uns plötzlich bückt. Schwimmschnee. Er hält eine Handvoll davon in die Sonne. Die groben Kristalle funkeln. Auch wir greifen in den Schnee. Und wir begreifen jetzt, was Engler drei Stunden vorher mit der Gleitschicht gemeint hat: Der Schnee fühlt sich wie Gries an.

Im nächsten Augenblick reißt mich eine Böe um. Es wird Zeit für den Rückzug. Wir verzichten auf die Güntlespitze, ziehen die Steigfelle von unseren Tourenski und schwingen ins Tal ab. Zuerst auf ruppigem Untergrund mit niedrigem Spaßfaktor. Doch dann führt uns Martin in einen sonnigen Südhang. Herrlicher Firn, ein Traum und eine Rarität zu dieser Jahreszeit. Martin Engler lächelt. Da war es wieder: sein untrügliches Gespür für den Schnee.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite V2
Bildmaterial: dpa
Quelle: FAZ
Kanada - 29.01.2017 bis 10.02.2017
Du kannst Dir Glück nicht kaufen. Aber Du kannst skifahren gehen und das ist ziemlich dasselbe!

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