Morgens um 5.00 Uhr sollte es in Tübingen losgehen (also Aufstehen um 4.00 Uhr), natürlich wurde es 5.30 Uhr. Eigentlich ging die Fahrt über Ulm - Füssen - Fernpass - Inntal - Zillertal - alter Gerlosstraße - Neukirchen bis auf Blockabfertigungen am Lermooser Tunnel ganz gut – dauerte aber eben trotzdem bis ungefähr 12.00 Uhr, bis wir in Neukirchen am Großvenediger (also Salzburger Seite desselben) ankamen, genauer gesagt am Parkplatz auf zirka 1050 Metern – vor uns lagen noch stramme 1500 Meter Aufstieg bis zur Hütte. Angegeben waren 5 Stunden – wir benötigten 6,5. Zuerst geht es auf einer Forststraße mäßig ansteigend weiter ins Tal, nach einiger Zeit bildet sie Serpentinen bis hinauf auf ca. 1500 Meter. Nun folgt ein in grandioser hochapiner Landschaft gelegenes Hochtal – das allerdings nicht enden will, man bewegt sich zwischen 1500 Metern und 1700 Metern Höhe auf vielen Kilometern und hat nicht das Gefühl, voran zu kommen. Danach folgen wieder Serpentinen bis auf ca. 1950 Meter zur Talstation der Materialseilbahn der Hütte. Auf rund 1750 Metern liegt übrigens eine Bergwachthütte, an welcher vor 150 Jahren der Gletscher (Obersulzbachkees) endete. Heute ist er in fünf Teilgletscher zerfallen, die in Höhen von 2300 Metern (Gletscher vom Großen Geiger) bis 2600 Metern (Gletscher vom Venediger) enden. Gerade in den letzten Jahrzehnten ist der Rückgang extrem gewesen: Noch 1990 trafen sich alle Arme und bildeten bis ca. 2100 Meter einen stark zerrissenen Gletscherbruch, die „türkische Zeltstadt“. Heute gibt es auf 2300 Metern einen See von über 40 Metern Tiefe, welcher vor 10 Jahren entstand.
Die Gehzeiten bis zur Materialseilbahn treffen zu, wir haben sie auch unterschritten, ab da sind übrigens praktisch unlaufbar! Statt der angegebenen 1,5 Stunden von dort bis zur Hütte benötigten wir - trotz recht strammen Schritts - vier. Selbst ohne Schnee ist diese Zeit für den Normalbergsteiger nicht mal annähernd drin. Ab der Materialseilbahn gibt es drei Wege: Den sogenannten Sommerweg, den Winterweg und einen Klettersteig. Eine Wirtin im Tal empfahl uns den Klettersteig. Dieser sei durch Südlage schneefrei und daher dem noch nicht ganz schneefreien Sommerweg vorzuziehen. Der Winterweg, der dazu noch deutlich länger ist, kam für uns nicht infrage, da extrem lawinen- und steinschlaggefährdet.
Also der Klettersteig! (Von diesem Abschnitt habe ich leider keine Bilder) Wir hatten keine Klettersteigausrüstung dabei, aber wir haben alle schon genügend Bergerfahrung, um einen Klettersteig bis C auch ungesichert gehen zu können (an alle Anfänger: BLOß NICHT!), also einfach mal probieren! Im Notfall hätte man ja immer noch das Seil und könnte auch damit sichern. Nun ging es also durchs Tal bis zum Gletschersee und dann zum Einstieg. Die ersten hundert Höhenmeter steil an Sprossen nach oben, technisch aber völlig problemlos. Der Fels etwas rutschig, also Obacht angesagt, aber es ging gut. Ab Mitte des Klettersteigs wurden es zunehmend heikel, da das Drahtseil nicht befestigt war (damit im Winter die Lawinen nicht die das Seil aus der Verankerung reißen können), aber technisch war es kein allzu großes Wagnis. Etwa 100 Höhenmeter unterhalb der Hütte wurde es dann doch etwas heikel: Ein sehr steiles Schneefeld, das an einem Abgrund endete, versperrte den Weg. Nun also volle Konzentration, denn zurück war keine Option mehr: Mindestens 1,5 Stunden bis zur Materialseilbahn zurück und dann hätte man ja immer noch bis zur Hütte über den Sommerweg gemusst – es war ja schon 17.30 Uhr und ein Gewitter nahte. Das Schneefeld konnte dann auch ganz gut überschritten werden (an alle mitlesenden Anfänger: Wir haben alle drei Bergerfahrung von mehr als 10 Jahren, haben alle schon anspruchsvolle Hochtouren gemacht – für uns war dieses Schneefeld eine kalkulierbare Herausforderung, aber eben auch eine Herausforderung. Bitte keinesfalls nachmachen! Lieber den Klettersteig wieder runter und nass werden (keinesfalls bei Gewitter am Klettersteig bleiben => man hängt an einem Blitzableiter), lieber pitschnass als ernsthaft verletzt!*) und kurz darauf wurde das Gelände flacher. Man versank zwar ständig bis zur Hüfte im Schnee, aber es war kein Absturzgelände mehr (bis auf ein kurzer Stück, wo allerdings der Fels sehr griffig war und man wäre auch 20 Meter tiefer im Schnee „weich“ gelandet => hab ich am Tag darauf fotografiert). Dann war die Hütte auch schon erreicht.
Auf der Hütte (die übrigens wegen Skitourengängern ab März geöffnet ist) war außer uns nur eine Gruppe, die einen Gletscherkurs machte. Von der Hütte (eher ein kleines Dorf von 6 Gebäuden und über 200 Übernachtungsplätzen) kann ich nur positives berichten. Schöne Übernachtungsmöglichkeiten, freundliches und stets um uns bemühtes Personal, gutes Essen - was willsch mehr?
Der Wetterbericht für den nächsten Tag hatte nichts Gutes verheißen und so hatten wir innerlich mit dem Venediger schon abgeschlossen und beschäftigten uns mit anderen lohnenden Touren. Keeskogel? Technisch einfach, im Juni aber sicherlich durch den Schnee eine interessante Hochtour. Wir entschlossen uns, uns erst am nächsten Morgen zu entscheiden, der Wecker wurde prophylaktisch auf 4.00 Uhr gestellt. Dummerweise hatte ich meiner Apotheke vertraut und auf ein Blasengel vertraut statt dem altbewährten Abtapen – nein, diesen Fehler werde ich nicht mehr machen, schon abends auf der Hütte bereiteten mir beide Füße massive Probleme, der Abstieg am nächsten Tag war ein weniger großes Vergnügen. Eine Erfindung, die die Menschheit dringend benötigt: Eindeutig bequeme steigeisenfeste Schuhe!
Morgens dann das üble Erwachen: Sicht von 10 Metern, Schneeregen, etwas Wind. Kurzum: Bäh! Auf den Keeskogel waren am Vortag ein paar hochgegangen – auf den Venediger seit Tagen nicht mehr. Spuren waren nirgends mehr zu sehen, bei Pulverschnee oben also selbst bei guter Sicht eine Tortur – ohne Sicht der Venediger nicht ohne unkalkulierbare Risiken machbar, den schlossen wir aus. Meine beiden Seilpartner wollten dennoch unbedingt einen Gipfel und gingen so in Richtung Keeskogel, ich sah keinen Sinn darin, da mir Bergsteigen bei null Sicht und hüfthohem Schnee wenig Spaß macht und gerade Bergaufgehen blasenbedingt gelinde gesagt etwas unangenehm war – so konnte ich mich noch etwas hinlegen und Schlaf nachholen.
Nach einiger Zeit kehrten meine beiden Partner dann auch wieder um (in deutlich längerer Zeit als der Anstieg zum Gipfel angegeben war, war nicht einmal die Hälfte geschafft worden – der Schnee war zu tief gewesen. So wurde eben rechtzeitig umgekehrt, bevor man sich in Gefahr begeben konnte – der Gipfelgrat war noch nicht erreicht gewesen und der Wind immer stärker geworden), mussten dann auf der Hütte feststellen, dass ein Steigeisen verloren wurde – so wurde derselbe Weg wieder über eine Stunde aufgestiegen, das Eisen aber zum Glück wiedergefunden. Ich beobachtete solange den Trainingskurs, dort wurde gerade die Toter-Mann-Sicherung geübt und danach über eine sehr steile Schneeflanke abgeseilt, was auch in allen Fällen gut gelang.
Gegen 12.00 wurde da Wetter dann besser, fünf Minuten lang konnte man den Venediger auch sehen. Naja, jetzt war es sowieso zu spät (laut Hüttenangesteller hätten wir bei nicht gelegter Spur eher 7-9 Stunden zum Gipfel als die angegebenen 4 gebraucht...), so stiegen wir die Weltalte Majestät im Rücken lassend wieder ab ins Tal, diesmal über den Sommerweg. Dieser ist oben zwar noch tief verschneit, aber recht flach, sodass man gut abgleiten konnte – ein Heidenspaß! Weiter unten wurde es dann heikler, einige steilere Schneefelder mussten überschritten werden, aber deutlich einfacher als der Klettersteig war es auf jeden Fall und vor allem kürzer, die Materialseilbahn und damit die Forststraße war in zwei Stunden erreicht.
Meine Seilpartner gingen ab dort voraus, ich fiel meine Füße zu schonen versuchend aber nicht gelingend zurück, was für beide von Vorteil war: Ich sammelte zwei Socken, eine Iso-Matte und eine Bananentüte auf und übergab sie danach wieder. Am Ende ging mir der Abstieg doch ziemlich auf die Nerven! Die Rückreise unspektakulär, um 23.30 Uhr war man wieder in Tübingen. Nächstes Mal fahre ich jedenfalls nur die alte Gerlosstraße – 8 € Maut für die neue sehe ich nicht ein. Dass es ein nächstes Mal geben würde, dahingehend waren wir uns jedoch alle drei einig.
Fotos folgen (die meiner bis aufs Blut gelaufenen Blasen lass ich raus - sonst werd ich noch gesperrt
*Ich sage das als jemand, der in frühen Jahren selbst oft genug Fehler am Berg begangen hat, die unter Umständen sehr böse hätten ausgehen können und als jemand, der Risiken eingegangen ist, die das eigene Vermögen weit überstiegen!